Konzert statt Kakophonie?

Strategische Autonomie: Ein EU-Sicherheitsrat fĂŒr die EU-GroßmĂ€chte

SpĂ€testens mit Verabschiedung einer neuen Globalstrategie im Juni 2016 hat sich die EuropĂ€ische Union auf die Fahnen geschrieben, so bald wie möglich eine „Strategische Autonomie“ zu erlangen.[2] Darunter wird die FĂ€higkeit verstanden, in den wichtigsten außen- und militĂ€rpolitischen Bereichen eigenstĂ€ndig ohne AbhĂ€ngigkeiten von den USA (oder gar von Russland oder China) handlungsfĂ€hig zu sein.[3] Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass eine solche autonome HandlungsfĂ€higkeit im militĂ€rischen Bereich drei Ebenen umfasst:

Operative Autonomie bedeutet, ĂŒber alle PlanungskapazitĂ€ten sowie die entsprechenden Truppen und das Material zu verfĂŒgen, um selbststĂ€ndig Kriege fĂŒhren (und gewinnen) zu können; industrielle Autonomie soll in die Lage versetzen, MilitĂ€rinterventionen mit Waffen aus „heimischer“ Produktion durchfĂŒhren zu können; und politische Autonomie beinhaltet, auf oberster Ebene die „notwendigen“ Entscheidungsstrukturen fĂŒr schnelle und reibungslose Beschlussfassungen zu etablieren.[4]

Vor diesem Hintergrund wurden in den letzten Jahren eine Reihe von Initiativen angeschoben, mit denen existierende „Defizite“ auf den diversen Ebenen behoben werden sollen. So zielt die „EuropĂ€ische Interventionsinitiative“ (E2I) ebenso wie die Aufstellung eines EU-Hauptquartiers (MPCC) auf eine „verbesserte“ operative HandlungsfĂ€higkeit. Insbesondere mit der „StĂ€ndigen Strukturierten Zusammenarbeit“ (PESCO) sowie dem „EuropĂ€ischen Verteidigungsfonds“ (EVF) will man dagegen primĂ€r die industrielle Autonomie durch den Aufbau eines europĂ€ischen RĂŒstungskomplexes „verbessern“.[5] Und was die politische Dimension anbelangt, so spielt in jĂŒngster Zeit vor allem die Forderung nach einem „EuropĂ€ischen Sicherheitsrat“ (ESR) eine zunehmend wichtigere Rolle.

Antreiber sind hierbei einmal mehr Deutschland und Frankreich, die sich davon versprechen, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können: Einmal soll der Sicherheitsrat die FĂ€higkeit der EuropĂ€ischen Union „verbessern“, ihr gesamtes globalpolitisches Gewicht zugunsten „ihrer“ (in Wahrheit der deutsch-französischen) Interessen in die Waagschale werfen zu können. Auf der anderen Seite ist es aber allenfalls nur ein Teil der Wahrheit, wenn ein Papier der „Konrad-Adenauer-Stiftung“ (KAS) behauptet, beim EU-Sicherheitsrat gehe es vor allem darum sicherzustellen, dass die EU-Außen- und MilitĂ€rpolitik kĂŒnftig nicht mehr als „Kakophonie“, sondern als „Konzert“ wahrgenommen werde.[6] Denn mindestens ebenso wichtig ist es dem selbsternannten deutsch-französischen FĂŒhrungsduo, dass sich die Union immer weiter vom Gleichheitsprinzip unter den Staaten entfernt und dadurch sichergestellt ist, dass sie es sind, die kĂŒnftig die erste Geige im europĂ€ischen Konzert fideln.

1. EU-Sicherheitsrat: Machtpolitischer „Charme“

In einem Grundsatzpapier zur „Strategischen Autonomie“, an dessen Erstellung nicht weniger als 29 MitarbeiterInnen der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) beteiligt waren, wird deren Notwendigkeit machtpolitisch folgendermaßen begrĂŒndet: „Ein hoher Grad an strategischer Autonomie befĂ€higt dazu, Regelwerke in der internationalen Politik aufrechtzuerhalten, weiterzuentwickeln oder zu schaffen und sich nicht unwillentlich fremden Regelwerken unterwerfen zu mĂŒssen. Das Gegenteil strategischer Autonomie wĂ€re ein Status als EmpfĂ€nger von Regeln und strategischen Entscheidungen, die Dritte – die USA, China oder Russland – mit unmittelbarer Wirkung fĂŒr Europa treffen.“[7]

FĂŒr den politischen Bereich erfordere dies, effektiv, schnell und möglichst reibungslos Entscheidungen herbeifĂŒhren zu können, um die europĂ€ischen Interessen auf globaler Ebene durchzusetzen. Dies sei besonders deshalb aktuell dringender denn je, da dem Aufstieg von LĂ€ndern wie China nur kollektiv etwas entgegengesetzt werden könne, sonst wĂŒrden den EU-Staaten ĂŒber kurz oder lang die machtpolitischen Felle davonschwimmen. In diesem Sinn wurde etwa Ende April im „Berlin Policy Journal“ (und kurz darauf vom selben Autor auch gleich noch in der renommierten „Internationalen Politik“) argumentiert und ein EU-Sicherheitsrat gleich noch obendrauf als optimale Lösung angeboten: „In einer neuen strategischen Umgebung, in der rohe Machtpolitik in zunehmendem Maße dominiert, muss Europa selbst mĂ€chtiger werden, um die internationale Ordnung entlang seiner Prinzipien und Interessen mitgestalten zu können. Aber die existierenden Institutionen und Plattformen sind dem nicht gewachsen. [
] Aus diesem Grund macht es Sinn ĂŒber eine neue Institution nachzudenken, die bereits von Macron und Merkel in Aussicht gestellt wurde: einen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat.“[8]

Das grĂ¶ĂŸte Problem sei, dass sich die EU in der Praxis derzeit noch als eine „langsam mahlende Konsensmaschinerie“ erweise, beklagen in diesem Zusammenhang die Regierungsberater der „Stiftung Wissenschaft und Politik“.[9] TatsĂ€chlich mĂŒssen (bislang noch) nahezu sĂ€mtliche Entscheidungen im Außen- und MilitĂ€rbereich der EuropĂ€ischen Union einstimmig getroffen werden, was den kleinen und mittleren EU-Staaten weitreichende Einflussmöglichkeiten einrĂ€umt, ihnen unliebsame Entscheidungen blockieren zu können. In einem anderen SWP-Papier wird deshalb genau dies als grĂ¶ĂŸtes Problem identifiziert: „Der Weg zur Entschei­dungsfindung in der EU [ist] zu lang. GrĂ¶ĂŸter Hemmschuh ist hier das Gebot der Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten.“[10]

Nachdem Deutschland und Frankreich spĂ€testens seit der Unterzeichnung des Aachener-Vertrages im Januar 2019 immer offener darauf pochen, der EU-Außen- und MilitĂ€rpolitik mehr oder weniger im Alleingang ihren Stempel aufzudrĂŒcken, wird dieses Konsensprinzip aus deren Sicht als zunehmendes Ärgernis empfunden. Um hier Abhilfe zu schaffen, werden derzeit vor allem zwei Optionen debattiert: Schon lĂ€nger drĂ€ngen vor allem deutsche Vertreter auf die EinfĂŒhrung Qualifizierter Mehrheitsentscheidungen in der Außen- und MilitĂ€rpolitik (65% der EU-Bevölkerung und 55% der EU-Mitgliedsstaaten), wodurch die Mitsprachemöglichkeiten der kleineren EU-Staaten massiv beschnitten wĂŒrden.[11]

Als Alternative oder als ErgĂ€nzung dazu nimmt derzeit mit dem EU-Sicherheitsrat eine weitere Option Fahrt auf, wobei es Deutschland und Frankreich, die diese Idee vorantreiben. Dies ist allerdings auch kein Wunder, schließlich laufen nahezu alle derzeit diskutierten VorschlĂ€ge darauf hinaus, eine Art Direktorium ins Leben zu rufen, dem die beiden Staaten permanent vorsitzen wĂŒrden, wĂ€hrend der Großteil der anderen EU-Mitglieder massiv an Einfluss einbĂŒĂŸen wĂŒrde.

2. Genese der EU-Sicherheitsratsdebatte

Mindestens seit Anfang der 1980er Jahre kursieren diverse Modelle fĂŒr einen möglichen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat.[12] InitialzĂŒndung der neueren Debatte war allerdings das Brexit-Referendum am 23. Juni 2016, in dem sich eine Mehrheit der britischen Bevölkerung fĂŒr einen Austritt aus der EU aussprach. Von diesem Zeitpunkt an hatte sich die bisherige Rolle Großbritanniens als Bremsklotz nahezu sĂ€mtlicher Initiativen zum Ausbau des Außen- und MilitĂ€rapparates ĂŒber Nacht erledigt. Schnell ergriffen Deutschland und Frankreich in einem gemeinsamen Papier der damaligen Außenminister Jean-Marc Ayrault und Frank-Walter Steinmeier die Initiative und beanspruchten am 27. Juni 2016 nicht nur die FĂŒhrungsrolle beim Ausbau der Union zu einem (militĂ€rischen) globalen Akteur, sondern prĂ€sentierten auch eine Reihe hierfĂŒr fĂŒr geeignet befundener Initiativen – u.a. einen EU-Sicherheitsrat.[13] Diese Vorlage wurde von Emmanuel Macrons „Partei“ En Marche aufgegriffen, die u.a. mit der Forderung nach einem solchen EU-Sicherheitsrat in den Wahlkampf 2017 ging.[14] Daran anschließend befĂŒrwortete auch Kanzlerin Angela Merkel Anfang Juni 2018 diese Idee[15], die dann auch in der AbschlusserklĂ€rung des deutsch-französischen Treffens von Meseberg spĂ€ter im selben Monat prominent erwĂ€hnt wurde.[16]

Im November 2018 griff Angela Merkel den Vorschlag noch einmal in ihrer Rede vor dem EuropĂ€ischen Parlament auf und rĂŒckte ihn gleich auch noch in den entsprechenden machtpolitischen Kontext: „Wir merken doch schon jetzt, dass wir als EuropĂ€er unsere Interessen ĂŒberall dort viel besser verteidigen können, wo wir gemeinsam auftreten. Nur geschlossen ist Europa stark genug, um auf der globalen BĂŒhne gehört zu werden und seine Werte und Interessen verteidigen zu können. [
] Das heißt nichts anderes, als dass wir EuropĂ€er unser Schicksal stĂ€rker in unsere eigene Hand nehmen mĂŒssen, wenn wir als Gemeinschaft ĂŒberleben wollen. Das bedeutet, dass Europa langfristig außenpolitisch handlungsfĂ€higer werden muss. Deshalb mĂŒssen wir bereit sein, unsere Entscheidungswege zu ĂŒberdenken und verstĂ€rkt dort auf Einstimmigkeit zu verzichten, wo die VertrĂ€ge dies möglich machen und wo immer es möglich ist. Ich habe vorgeschlagen, dass wir einen europĂ€ischen Sicherheitsrat mit wechselnden, rotierenden Besetzungen der Mitgliedstaaten einrichten, in dem wichtige BeschlĂŒsse schneller vorbereitet werden können.“[17]

Schließlich legte Macron im MĂ€rz 2019 noch einmal in einem „Brief an die EU-BĂŒrger“ nach: „Wir mĂŒssen unsere unentbehrlichen Verpflichtungen in einem Vertrag ĂŒber Verteidigung und Sicherheit festlegen, im Einklang mit der NATO und unseren europĂ€ischen VerbĂŒndeten: Erhöhung der MilitĂ€rausgaben, AnwendungsfĂ€higkeit der Klausel ĂŒber die gegenseitige Verteidigung, EuropĂ€ischer Sicherheitsrat unter Einbeziehung Großbritanniens zur Vorbereitung unserer gemeinsamen Entscheidungen.“[18] Dicht (in dieser Sache) auf dem Fuße des französischen PrĂ€sidenten folgte dann noch die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nur wenige Tage spĂ€ter nahezu wortgleich: „Die CDU-Vorsitzende schlĂ€gt außerdem vor, in einem ‚EuropĂ€ischen Sicherheitsrat unter Einbeziehung Großbritanniens ĂŒber gemeinsame außenpolitische Positionen zu entscheiden und gemeinsames Handeln in der Sicherheitspolitik zu organisieren.“[19]

Soweit, so vage: Zwar finden sich etwa in den Äußerungen Merkels minimale Hinweise ĂŒber den Charakter des anvisierten Sicherheitsrates („rotierend“), darĂŒber hinaus blieben aber sowohl die Kanzlerin als auch ihr französischer Kollege Details ebenso schuldig, wie die meisten anderen Politiker, die ihren Hut fĂŒr die neue Organisation in den Ring geworfen hatten.[20] Insofern lohnt ein genauerer Blick auf einige der von Denkfabriken ausgearbeiteten VorschlĂ€ge zu Art und Charakter der geplanten Institution.

3. Kompetenzen: Positiver Gruppendruck

Ungeachtet einiger Differenzen im Detail, Ă€hneln sich die meisten aktuell zirkulierenden VorschlĂ€ge zur Ausgestaltung des vorgeschlagenen EU-Sicherheitsrates. Papiere dazu stammen unter anderem aus dem Haus der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ oder der CDU-nahen „Konrad-Adenauer-Stiftung“, wobei die ausfĂŒhrlichste Ausarbeitung vom „Wilfried Martens Centre for European Studies” kommt, der offiziellen Denkfabrik der „EuropĂ€ischen Volkspartei“, dem Zusammenschluss konservativer Parteien auf EU-Ebene.

Eine besonders ambitionierte Vision bringt die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ ins Spiel: „An [die ESR-]Mitglieder mĂŒssten möglichst viele EU-Staaten das Recht delegieren, in ihrem Namen BeschlĂŒsse zu Fragen der internationalen Politik zu fassen. [
] Zu den politischen Entscheidungen, die in seine Verantwortung fallen könnten, gehören die drei Instrumente der GASP: der Gemeinsame Standpunkt, die Gemeinsame Aktion sowie die Gemeinsame Strategie. Bislang mĂŒssen diese ĂŒberwiegend einstimmig beschlossen werden.“[21] Allerdings rĂ€umt die Denkfabrik auch gleich ein, aufgrund der „nationalstaatlichen BeharrungskrĂ€fte“ sei „dieses Modell auf absehbare Zeit nicht zu verwirklichen.“[22]

Allein schon weil es illusorisch ist, dass die kleinen und mittleren Staaten dem zustimmen wĂŒrden, sind sich deshalb alle Papiere darin einig, dass die sensibelsten Entscheidungen der „Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ (GSVP) nicht allein vom ESR gefĂ€llt werden können – die KAS etwa schreibt: „Entscheidungen wie die ĂŒber kĂŒnftige EU-Erweiterungen mĂŒssten dem Gesamtkollegium der Staats- und Regierungschefs vorbehalten bleiben. Auch sollten GSVP-Missionen zunĂ€chst weiterhin vom Rat mandatiert und die Zusammenarbeit mit der NATO bei EinsĂ€tzen von allen Mitgliedstaaten beschlossen werden.“[23]

Dennoch soll der ESR weitreichende Kompetenzen erhalten, insbesondere die FĂ€higkeit, Entscheidungen „vorzubereiten“, wie es bereits von Angela Merkel angedeutet worden war. HierĂŒber soll es den „restlichen“ EU-Staaten erschwert werden, sich erst einmal im Vorfeld bereits festgelegter Positionen zu widersetzen, wofĂŒr das „Martens Centre“ folgendes KompetenzbĂŒndel vorschlĂ€gt: „Der ESR wĂŒrde die Kompetenz haben, Resolutionen ĂŒber internationale Konflikte zu verabschieden und alle fĂŒnf Jahre ohne weiteren Input anderer Nicht-ESR-EU-LĂ€nder eine neue EuropĂ€ische Sicherheitsstrategie (ESS) aufzulegen. Er wĂŒrde auch in der Lage sein, dem Rat VorschlĂ€ge fĂŒr Exekutivhandlungen zu unterbreiten [
].“[24] Mehr noch: „Sollten die ESR-Mitgliedsstaaten nach Anhörung der relevanten Experten zu einem Konsens gelangt sein, wie die EU auf eine bestimmte Krise oder Herausforderung reagieren sollte, hĂ€tte der ESR das Recht, einen Entwurf fĂŒr eine Ratsentscheidung anzufertigen, um schnellere EU-Entscheidungen zu ermöglichen. Diese Ratsentscheidungen könnten beispielsweise die Entsendung einer neuen zivilen oder militĂ€rischen Operation, die VerhĂ€ngung von Sanktionen oder die vorĂŒbergehende Schließung der diplomatischen EU-PrĂ€senz in einem Land, das schwerer Menschenrechtsverletzungen fĂŒr schuldig befunden wird, betreffen.“[25]

Und dann entscheidend: „Angesichts der Tatsache, dass die mĂ€chtigsten EU-Staaten auch stets im ESR reprĂ€sentiert wĂ€ren, wĂ€re es fĂŒr Nicht-ESC-Mitglieder nicht einfach, die Annahme solcher EntwĂŒrfe fĂŒr Ratsentscheidungen zu verhindern, sollte der ESR sie einmal auf die Ratsagenda gesetzt haben. Der Grund dafĂŒr besteht darin, dass positiver Gruppendruck [„positive peer-pressure“] Nicht-ESR-Mitglieder wahrscheinlich in Richtung einer UnterstĂŒtzung der vom ESR vorgeschlagenen Maßnahmen drĂ€ngen wĂŒrde, selbst wenn sie sie nicht voll unterstĂŒtzen sollten.“[26]

In etwas anderen Worten beschreibt die KAS das mit dem ESR verbundene Ziel, renitente Mitgliedsstaaten außerhalb des Gremiums „auf Linie“ zu bringen, folgendermaßen: „Mit dem ESR wĂ€re daher eine doppelte Hoffnung verbunden: Einerseits wĂŒrde der ESR die Formulierung klarer und eindeutiger Politiken im EU-Rahmen befördern. Andererseits wĂŒrden Abweichler durch die erhöhte Sichtbarkeit und den erhöhten ErklĂ€rungsaufwand angereizt, sich nur bei sensiblen Entscheidungen, die fĂŒr sie von zentraler Bedeutung wĂ€ren, vom Votum des ESR zu distanzieren.“[27]

4. Komposition: Ein EU-Direktorium

Aufgrund der potenziell weitreichenden Möglichkeiten, ĂŒber einen EU-Sicherheitsrat andere Mitgliedsstaaten an die Kandare zu nehmen, ist seine mögliche Zusammensetzung von entscheidender Bedeutung. Insofern verwundert es auch nicht weiter, dass fast alle VorschlĂ€ge hierzu den großen EU-Staaten stĂ€ndige Sitze und Vetomöglichkeiten einrĂ€umen wollen. Zumeist stellen sich die „Denkfabrikler“ die Zusammensetzung in etwa so vor, wie hier die „Stiftung Wissenschaft und Politik“: „Dem EuropĂ€ischen Rat als Zentrum der GASP wĂŒrde ein Direktorium ĂŒbergeordnet, zum Beispiel ein EuropĂ€ischer Sicherheitsrat (EU-SR). In einer solchen Super-Formation wĂ€ren die fĂŒnf grĂ¶ĂŸten EU-LĂ€nder Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen sowie der PrĂ€sident des EuropĂ€ischen Rats als stĂ€ndige Mitglieder vertreten. Sie wĂŒrden von sechs weiteren EU-LĂ€ndern nach dem Rotationsprinzip ergĂ€nzt, wobei das Vorsitzland im Rat immer einen der »rotierenden« Sitze hielte.“[28]

Eine wenigstens – im Sinne von Kriterien – nachvollziehbare BegrĂŒndung, wie sich ein solcher Sicherheitsrat zusammensetzen soll, liefert das „Martens Centre“: Zehn Staaten sollen es sein, wobei fĂŒnf stĂ€ndige Sitze an die mĂ€chtigsten EU-Staaten vergeben werden sollten, die um drei rotierende und zwei fallspezifische Mitglieder ergĂ€nzt wĂŒrden. Als „quantifizierbare Kriterien“ fĂŒr die Auswahl der stĂ€ndigen Mitglieder nennt das „Martens Centre“ die BevölkerungsgrĂ¶ĂŸe im Vergleich zu der Frankreichs (als dem aus Sicht der Denkfabrik militĂ€risch stĂ€rksten EU-Akteur), die kombiniert mit der Höhe der MilitĂ€rausgaben im VerhĂ€ltnis zu der Frankreichs einen Wert ergeben soll, der dann darĂŒber entscheidet, ob ein Land in den erlauchten Kreis der stĂ€ndigen EU-Sicherheitsratsmitglieder aufgenommen wird. Um eine gewisse DurchlĂ€ssigkeit bei sich Ă€ndernden MachtverhĂ€ltnissen zu gewĂ€hrleisten, schlĂ€gt die Denkfabrik dann noch vor, dass diese Rangliste alle fĂŒnf Jahre einer ÜberprĂŒfung unterzogen wird.[29]

Ausgerechnet die „Konrad-Adenauer-Stiftung“ schert hier ein wenig aus, indem sie vorschlĂ€gt, dass beileibe nicht allen EU-GroßmĂ€chten ein obligatorischer Platz am ESR-Tisch garantiert werden sollte: „Eines der drei bevölkerungsreichsten EU-Mitgliedstaaten sollte ebenfalls vertreten sein: Deutschland, Frankreich und Italien.“[30] Allerdings mildert sie im selben Atemzug die verwegene Vorstellung, die EU-GroßmĂ€chte – und insbesondere Deutschland – könnten (wie im Übrigen die meisten anderen EU-Mitglieder ja auch) von relevanten Entscheidungen ausgeschlossen werden, entscheidend ab. Dies geschieht, indem finanziell begrĂŒndete Vetorechte eingeschleust werden, die dann den GroßmĂ€chten doch wiederum alle Optionen in die HĂ€nde spielen wĂŒrden: „Alternativ wĂ€re denkbar, im Vorhinein ein Quorum zu definieren, in dem, Ă€hnlich dem Rotationsverfahren bei der Besetzung des ESR, das Widerspruchsgewicht der Staaten in AbhĂ€ngigkeit vom Haushaltsanteil ihrer Verteidigungs- und Entwicklungshilfeausgaben oder von ihrer Beteiligung in GSVP-Missionen (finanziell und personell) Eingang fĂ€nde (gewichtetes Veto). Denn wer bezahlt, soll nicht ĂŒberstimmt werden dĂŒrfen.“[31]

5. Bruch des Gleichheitsprinzips

Freundlich formuliert leidet die EU schon heute unter einem Besorgnis erregenden Demokratiedefizit: „Kein Land, das so verfasst wĂ€re wie die EU und die Eurozone, könnte jemals selbst Mitglied in dieser Union werden.“[32] Dies trifft vor allem auf die Außen- und MilitĂ€rpolitik zu, wo die Regierungen der Staaten im Rat (Exekutive), weitgehend unbehelligt von EU-Parlament (Legislative) oder EU-Gerichtshof (Judikative) schalten und walten können, wie es ihnen gerade beliebt. Diese Machtkonzentration wird nun seit einigen Jahren durch eine immer stĂ€rkere Verschiebung der Macht- und Einflussmöglichkeiten innerhalb des Rates auf die EU-GroßmĂ€chte verstĂ€rkt. HierĂŒber wird nicht nur das bestehende Demokratiedefizit weiter akzentuiert, sondern der gesamte Charakter der EuropĂ€ischen Union nimmt hierĂŒber immer hierarchischere ZĂŒge an.[33]

Das Interesse der GroßmĂ€chte an dieser Entwicklung liegt auf der Hand. Weshalb aber kleine und mittlere Staaten ohne Not zustimmen sollten, die Entscheidungsgewalt ĂŒber ihre Außen- und MilitĂ€rpolitik an ein wie auch immer dann konkret zusammengesetztes Gremium wie den ESR abzugeben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Und tatsĂ€chlich, auch hier sind sich alle Papiere einig, sei es nachvollziehbar, dass ein EU-Direktorium eine Pille sei, die fĂŒr viele EU-LĂ€nder nur schwer zu schlucken wĂ€re. So rĂ€umt die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ ein: „Mit der Einrichtung eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrates dĂŒrften sich vor allem die kleineren EU-Mitgliedstaaten schwertun. [Daher] dĂŒrfte es bei vielen Mitgliedstaaten auf UnverstĂ€ndnis stoßen, wenn Deutschland und Frankreich eine derart prominente Stellung eingerĂ€umt wĂŒrde. Deshalb besteht die Gefahr, dass zahlreiche Mitgliedstaaten den ESR ablehnen wĂŒrden.“[34]

Die Einrichtung eines EU-Sicherheitsrates sei ein klarer „Bruch mit dem Gleichheitsgrundsatz“, so die Regierungsberater in einem anderen Papier. Andererseits lĂ€gen die machtpolitischen Vorteile eines solchen Gremiums auf der Hand, es sei deshalb unklar, ob es sich als „Befreiungsschlag oder Spaltpilz” erweisen werde.[35] Ungeachtet des vermeintlich sorgsamen AbwĂ€gens von Pro und Contra ist das abschließende Urteil, ob es einen EU-Sicherheitsrat braucht, am Ende doch völlig eindeutig: „Um das politische Gewicht des ESR zu erhöhen, wird man jenen Staaten Europas eine Vorzugsstellung einrĂ€umen mĂŒssen, die aufgrund ihrer Ambitionen und Ressourcen besondere Verantwortung fĂŒr die außenpolitische HandlungsfĂ€higkeit Europas tragen. Sie könnten entweder durch einen stĂ€ndigen, nichtrotierenden Sitz oder aber durch eine Vetoposition bei Abstimmungen privilegiert werden.“[36]

Zu ganz Ă€hnlichen Ergebnissen kommt auch das „Martens Centre“ nach AbwĂ€gung derselben Pro und Contra-Argumente: „Zumindest einige der LĂ€nder, die beim ESR außen vor bleiben wĂŒrden, werden nahezu sicher ihre Bedenken Ă€ußern. Aber sollte es die EU ernst mit ihren Ambitionen meinen, strategisch autonom zu werden, wenn sie ein effektiverer internationaler Akteur werden will, der auf globaler Ebene auf Augenhöhe mit Riesen wie Russland, China und den USA mithalten kann, dann gibt es keine Alternative zu einer wie auch immer gearteten StĂ€rkung („empowerment“) der großen EU-Mitgliedsstaaten in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. „Die nackte Wahrheit besteht darin, dass zwar alle Mitglieder auf dem Papier gleich sind, in der Praxis aber einige gleicher als andere sind. Die EU-Außenpolitik wird es ĂŒberleben, wenn beispielsweise Belgien nicht bereit ist, eine gemeinsame Position gegenĂŒber Venezuela zu unterstĂŒtzen. Was sie aber nicht ĂŒberleben wird ist, wenn es Deutschland oder Frankreich nicht tun.“[37]

Es bleibt abzuwarten, ob sich Deutschland und Frankreich mit ihren Ideen tatsĂ€chlich werden durchsetzen können – in jedem Fall dĂŒrften die Reaktionen von Belgien und den vielen anderen „Außenseitern“, die an den Katzentisch der EU verbannt werden sollen, interessant werden.

Anmerkungen

[1] NovĂĄky, Niklas: EU It Yourself: a blueprint for a European Security Council, Martens Centre for European Studies 2019, S. 44.

[2] „Die europĂ€ischen Anstrengungen auf dem Gebiet der Sicherheit und der Verteidigung sollten die EU in die Lage versetzen, autonom zu handeln und gleichzeitig zu Maßnahmen der NATO beizutragen und gemeinsam mit ihr Maßnahmen durchzufĂŒhren. Eine glaubwĂŒrdigere europĂ€ische Verteidigung ist auch fĂŒr eine gesunde transatlantische Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten von wesentlicher Bedeutung.“ (Gemeinsame Vision, gemeinsames Handeln: Ein stĂ€rkeres Europa. Eine Globale Strategie fĂŒr die Außen- und Sicherheitspolitik der EuropĂ€ischen Union, BrĂŒssel, 28.06.2016, S. 16)

[3] „Strategische Autonomie wird hier als die FĂ€higkeit definiert, eigene außen- und sicherheitspolitische PrioritĂ€ten zu setzen und Entscheidungen zu treffen, sowie die institutionellen, politischen und materiellen Voraussetzungen, um diese in Kooperation mit Dritten oder, falls nötig, eigenstĂ€ndig umzusetzen.“ (Lippert, Barbara u.a.: Strategische Autonomie Europas. Akteure, Handlungsfelder, Zielkonflikte, SWP-Studie 2, Februar 2019.

[4] Drent, Margriet: European strategic autonomy: Going it alone? Clingendael Policy Brief, August 2018, S. 4.

[5] Siehe Haydt, Claudia/Wagner, JĂŒrgen: Die Militarisierung der EU, Berlin 2018, insb. Kapitel 8 und 9.

[6] Wientzek, Olaf/Rieck, Christian E.: BrĂŒssels neue Telefonnummer? Wie ein EuropĂ€ischer Sicherheitsrat die EU-Außenpolitik stĂ€rken könnte, Konrad-Adenauer-Stiftung, Analysen & Argumente, Nr. 311, August 2018, S. 5.

[7] Lippert u.a. 2019, S. 5.

[8] Speck, Ulrich: Why Europe Needs a Security Council, Berlin Policy Journal, 30.04.2019; ders.: Ein strategischer Baustein, in: Internationale Politik, Mai/Juni 2019. Ganz Ă€hnlich Ă€ußerte sich Anfang Mai 2019 auch David McAllister: „Einen europĂ€ischen Sicherheitsrat fordert der Vorsitzende des Ausschusses fĂŒr AuswĂ€rtige Angelegenheiten im Europaparlament, David McAllister. Der Spitzenkandidat der niedersĂ€chsischen CDU fĂŒr die Europawahl verlangt zudem die Möglichkeit von Mehrheitsentscheidungen im EU-Außenministerrat. Bisher muss das Gremium einstimmig entscheiden. [
] ‚Handelspolitisch sind wir auf Augenhöhe mit den USA und China, außenpolitisch verzetteln wir uns aber im Kleinklein.‘“ (McAllister fordert europĂ€ischen Sicherheitsrat, sĂŒddeutsche.de, 06.05.2019)

[9] Lippert u.a. 2019, S. 9.

[10] Kaim, Markus/Kempin, Ronja: Ein EuropĂ€ischer Sicherheitsrat. Mehrwert fĂŒr die Außen- und Sicherheitspolitik der EU? SWP-Aktuell 2018/A 65, November 2018, S. 2. Schon Anfang 2018 kritisierte Wolfgang Ischinger, der Leiter der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz: „Solange jeder Kleinstaat mit einem Veto eine gemeinsame Außenpolitik verhindern kann, wird die EU bei der Lösung internationaler Krisen [
] nur eine Nebenrolle spielen.“ (Haydt, Claudia/Lösing, Sabine: Der Griff nach der Macht. Mehrheitsentscheidungen und Machtverschiebungen in EUropa, in: AUSDRUCK (Dezember 2018), S. 12)

[11] Vgl. Haydt/Lösing 2018.

[12] NovĂĄky 2019, S. 15ff.

[13] „Um diese Anstrengungen voranzutreiben, schlagen Deutschland und Frankreich vor, dass der EuropĂ€ische Rat einmal jĂ€hrlich als EuropĂ€ischer Sicherheitsrat tagt, um ĂŒber Fragen der inneren und Ă€ußeren Sicherheit und Verteidigungsfragen der EU zu beraten. Dieser EuropĂ€ische Sicherheitsrat sollte durch ein Treffen der Außen-, Verteidigungs- und Innenminister vorbereitet werden.“ (Ayrault, Jean-Marc/Steinmeier, Frank-Walter: Ein starkes Europa in einer unsicheren Welt, AuswĂ€rtiges Amt, Stand 27.06.2016)

[14] Frontini, Andrea: The ‘Macron effect’ on European defence: En Marche, at last? European Policy Centre, 1 June 2017.

[15] Gutschker, Thomas/Lohse, Eckart: Kanzlerin Merkel im GesprĂ€ch: Europa muss handlungsfĂ€hig sein – nach außen und innen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2018.

[16] Es gelte „neue Möglichkeiten zu prĂŒfen, wie die EU-Entscheidungsfindung in unserer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik beschleunigt und effizienter gemacht werden kann. Wir brauchen eine europĂ€ische Debatte ĂŒber neue Formate, zum Beispiel einen EU Sicherheitsrat, und ĂŒber Möglichkeiten einer engeren Abstimmung innerhalb der EU und in externen Foren.“ (ErklĂ€rung von Meseberg. Das Versprechen Europas fĂŒr Sicherheit und Wohlstand erneuern, Die Bundesregierung, Pressemitteilung 214, 19.06.2018)

[17] Rede von Bundeskanzlerin Merkel vor dem EuropĂ€ischen Parlament, Straßburg, 13.11.2018.

[18] „Der Moment des Neubeginns in Europa“, Spiegel Online, 05.03.2019.

[19] Kramp-Karrenbauer hat eigene PlĂ€ne fĂŒr Europa, Spiegel Online, 09.03.2019.

[20] Ähnlich vage blieb beispielsweise auch Außenminister Heiko Maas, als er sich bereits im Oktober 2018 fĂŒr einen EU-Sicherheitsrat aussprach: „Wir mĂŒssen die EU endlich außenpolitikfĂ€hig machen. [
] In einem solchen Format [dem ESR] könnten wir in einem kleineren Kreis wechselnder Mitglieder – stellvertretend fĂŒr die gesamte EU – rascher und intensiver an der Lösung aktueller Krisen arbeiten.“ (Berlin will EuropĂ€ischen Sicherheitsrat, sĂŒddeutsche.de, 08.10.2018)

[21] Kaim/Kempin 2018, S. 4.

[22] Ebd., S. 4.

[23] Wientzek/Rieck 2018, S. 5.

[24] NovĂĄky 2019, S. 9.

[25] Ebd., S. 34.

[26] Ebd., S. 34f.

[27] Wientzek/Rieck 2018, S. 5.

[28] Lippert u.a. 2019, S. 11.

[29] NovĂĄky 2019, S. 28. Dieser Vorschlag klammert Großbritannien explizit aus. Dennoch halten sowohl Merkel und Macron als auch einige der VorschlĂ€ge aus den Denkfabriken eine britische Mitgliedschaft im ESR sowohl fĂŒr denkbar als auch augenscheinlich fĂŒr wĂŒnschenswert. Wie dies aber nach einem Brexit funktionieren soll, bleibt einigermaßen schleierhaft.

[30] Wientzek/Rieck 2018, S. 6.

[31] Ebd., S. 7.

[32] Schuhmann, Harald: Blackbox EU: Wie demokratisch ist Europa? in: BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik, 5/2019, S. 41-51, S. 50.

[33] Vgl. Haydt/Wagner 2018.

[34] Kaim/Kempin 2018, S. 5.

[35] Lippert u.a. 2019, S. 39.

[36] Kaim/Kempin 2018, S. 6.

[37] NovĂĄky 2019, S. 44.

Veröffentlichung am 7.6.2019 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)