Berg-Karabach und der „erste echte Drohnenkrieg“

Autor: Christoph Marischka

Europas Anteil und deutsche Konsequenz

Seit Jahren diskutiert die deutsche Politik ĂŒber die Anschaffung bewaffneter bzw. die Bewaffnung bestehender Drohnen. Als Argument fĂŒr die EinfĂŒhrung bewaffneter Drohnen – die lĂ€ngst abseits der Kontroversen im Bundestag vorbereitet wird – wird immer wieder deren vermeintlich höhere PrĂ€zision und v.a. der „Schutz deutscher Soldat*innen“ ins Feld gefĂŒhrt. Kritiker*innen argumentieren hingegen, dass die Bewaffnung unbemannter Luftfahrzeuge der Einstieg in eine neue Form der KriegfĂŒhrung sei, in der die menschliche Kontrolle auch ĂŒber den Einsatz von Waffen zunehmend an „Maschinen“ – genauer genommen: informationstechnische Systeme – abgegeben werde.

Im Dezember 2020 hatte die SPD fĂŒr viele ĂŒberraschend angekĂŒndigt, der Bewaffnung der Drohnen vom Typ Heron TP doch nicht zuzustimmen. Die Heron TP sollen die bereits in Afghanistan und Mali im Einsatz befindlichen Drohnen der Bundeswehr vom Typ Heron 1 ablösen. Grund fĂŒr den Kurswechsel der SPD war sicher auch Druck von Seiten der Mitglieder und der Friedensbewegung, allerdings verwiesen Spitzenpolitiker*innen der Partei auch auf die Erfahrungen aus dem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan im Herbst des vergangenen Jahres. „Eine Grundannahme [in der bisherigen Debatte] habe gelautet, dass Drohnen nur in asymmetrischen Konflikten eingesetzt werden könnten“ so der Tagesspiegel ĂŒber die Position der SPD, deren Vizefraktionschefin Gabriela Heinrich er mit den Worten zitiert: „Diese Annahmen sind seit dem jĂŒngsten Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um Berg-Karabach jedoch obsolet“.[1]

Dass diese Argumentation schlĂŒssig ist, beweist u.a. ein „Arbeitspapier“ der Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik (BAKS) zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan und dessen „Implikationen fĂŒr StreitkrĂ€ftestruktur und FĂ€higkeiten der Bundeswehr“. Bereits im ersten Satz wird darin von einem „kurze[n] und sehr verlustreiche[n] Krieg“ gesprochen. Demnach hĂ€tten beide Konfliktparteien innerhalb von 44 Tagen „jeweils ĂŒber 3.000 Gefallene zu beklagen“ gehabt.[2] Von den mindestens 146 zivilen Opfern und geschĂ€tzten 150.000 Menschen, die aus dem umkĂ€mpften Gebiet fliehen mussten, ist dabei noch gar keine Rede.

Erster Drohnenkrieg

Zitiert wird hingegen die Bundesverteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, welche den Konflikt angesichts des massiven Einsatzes unbemannter Systeme als „’ersten echten Drohnenkrieg‘ der Geschichte“ bezeichnet habe. Dass sie mit dieser Bewertung nicht alleine steht, dokumentiert u.a. eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages „[z]um Drohneneinsatz im Krieg um Bergkarabach im Jahre 2020“, in der internationale EinschĂ€tzungen zum Gefechtsverlauf und der Rolle von Drohnen hierbei wiedergegeben werden.[3] Hier wird u.a. Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations (ECFR) zitiert: „Mithilfe [seines] Drohnenarsenals konnte Aserbaidschan armenische Positionen aufklĂ€ren; die Stellungen wurden dann mit Artillerie beschossen, wĂ€hrend bewaffnete Drohnen nachgelagerte Reserven angriffen und UnterstĂŒtzungswege abschnitten“. Auch die BAKS zeigt sich beeindruckt von der so entwickelten Schlagkraft: „Mit dieser Kombination verschiedener Drohnen gelang es Aserbaidschans StreitkrĂ€ften, armenische Flugabwehrsysteme, Kommandostrukturen, gepanzerte Fahrzeuge, darunter insbesondere Kampfpanzer, und ungedeckte Artillerie gezielt zu zerstören. Gleichzeitig wurden die unbemannten Luftfahrzeuge eingesetzt, um Nachschubwege zu unterbrechen, Versorgungspunkte zu bombardieren, sowie armenische GegenstĂ¶ĂŸe, teils noch wĂ€hrend sich die Truppen in den jeweiligen VerfĂŒgungsrĂ€umen hinter der Frontlinie sammelten, mit PrĂ€zisionsangriffen zu zerschlagen“. Etwas drastischer beschreibt letzteres Oberstleutnant Markus Reisner von der Theresianischen MilitĂ€rakademie in einer wirklich lesenswerten Reportage der Zeitschrift Zenith: „Am Ende ging man in Ermangelung von Zielen dazu ĂŒber, einzelne Soldatengruppen [mit Drohnen] zu attackieren“.[4]

Im gleichen Beitrag wird auch die Ohnmacht der Betroffenen beschrieben, die z.B. von den Kamikaze-Drohnen vom Typ Harop angegriffen wurden: „Die Soldaten ahnen, was auf sie zurast, können die kleine Drohne mit dem tödlichen Sprengsatz aber nicht ausfindig machen – und werfen sich am Ende hilflos auf den Boden“. Zenith zitiert auch einen Psychotherapeuten, der mit Überlebenden arbeitet: „’In einem offenen Gefecht ist der Gegner erkennbar und in Menschen entsteht der Drang, zu handeln. Wir nennen das interne KontrollĂŒberzeugung. Wer aber keinen Gegner sieht, dessen KontrollĂŒberzeugung externalisiert sich.‘ Die Soldaten glauben dann nicht mehr, Einfluss auf ihr Schicksal zu haben. Sie werden zu passiven Zuschauern ihres eigenen Lebens“.

Rasche AufrĂŒstung

Es mag ĂŒberraschen, dass es mit Aserbaidschan und Armenien nicht eben zwei WeltmĂ€chte waren, welche den ersten zwischenstaatlichen Krieg fĂŒhrten, der Möglichkeiten und Grenzen unbemannter Systeme unter Beweis stellte. Zahlreiche Analysen verweisen darauf, dass die eingesetzten Drohnen relativ kostengĂŒnstig und in recht kurzer Zeit angeschafft wurden. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages gibt auch einen Überblick ĂŒber die verfĂŒgbaren und eingesetzten Mittel: „Insgesamt betrug das Verteidigungsetat Armeniens fĂŒr 2020 etwa 0,6 Milliarden US-Dollar und hat sich seit 2015 kaum erhöht. Hinzu kamen in der Vergangenheit kostenlose oder vergĂŒnstigte Waffenlieferungen aus Russland in einer unbekannten Höhe. [
] Aserbaidschan verfĂŒgt ĂŒber bedeutende Rohölreserven und ist der 19. grĂ¶ĂŸte Ölexporteur der Welt. Etwa 10 Prozent der Ölförderung geht nach Israel und decken damit circa 40 Prozent des Ölbedarfs des Landes ab. Laut SIPRI hat Israel im Gegenzug Aserbaidschan zwischen 2006 und 2019 Waffen im Wert von 825 Millionen Dollar verkauft, darunter etliche Kampfdrohnen und ‚herumlungernde Munition‘, im allgemeinen Sprachgebrauch auch unter dem Begriff ‚Kamikaze-Drohnen‘ bekannt. Presseberichten zufolge waren die KaufvertrĂ€ge sogar noch höher: 2012 sollen die Aserbaidschaner Drohnen, Flugabwehr- und Raketensysteme fĂŒr 1,6 Milliarden US-Dollar aus Israel gekauft haben. 2016 haben die Aserbaidschaner nach offiziellen Angaben fĂŒr 4,5 Milliarden US-Dollar MilitĂ€rausrĂŒstung aus Israel gekauft“.

Neben Israel war die TĂŒrkei wichtigster Lieferant von Drohnen nach Aserbaidschan. Hervorgehoben wird hierbei immer wieder die Rolle der bewaffneten Kampfdrohne Bayraktar TB2 aus tĂŒrkischer Produktion. Dabei handelt es sich um eine Drohne, die grundsĂ€tzlich zur selben Klasse gehört wie die US-amerikanischen Predator- und israelischen Heron-Drohnen, aber einen deutlich gĂŒnstigeren StĂŒckpreis (die Angaben schwanken zwischen 3,5 und 5 Mio US$) hat. So ist es Aserbaidschan innerhalb von gut zehn Jahren gelungen, sich ein großes Arsenal von Drohnen anzuschaffen, dessen EinsatzfĂ€higkeit und Schlagkraft es nun unter Beweis gestellt hat. Zwar sind die Summen, die das Land hierfĂŒr aufbrachte, durchaus betrĂ€chtlich – sie wĂŒrden allerdings auch zahlreichen anderen Staaten zur VerfĂŒgung stehen.

Das sorgt nun fĂŒr NervositĂ€t auch in der Bundeswehr – und fĂŒr die RĂŒstung öffnet sich ein Möglichkeitsfenster. So wurde bereits im Arbeitspapier der BAKS hervorgehoben, „die militĂ€rische Niederlage Armeniens [hat] die fatalen Konsequenzen fehlender FĂ€higkeiten im Bereich der Drohnenabwehr [unterstrichen]. ZusĂ€tzlichen Mitteln fĂŒr die EinfĂŒhrung von Abwehrsystemen sollte daher eine hohe PrioritĂ€t eingerĂ€umt werden“. Bereits kurz darauf erschien in der FAZ ein Beitrag unter dem alarmierenden Titel „Auf Augenhöhe mit Armenien?“, der feststellt, „dass die Bundeswehr nahezu wehrlos gegen Drohnenangriffe“ sei und anschließend verschiedene Optionen auflistet, die Abhilfe schaffen könnten. Die dafĂŒr veranschlagten Kosten werden auf zwei bis 13 Mrd. Euro beziffert, wobei die PrĂ€ferenz klar auf der teureren, „ambitionierte[n] Eigenlösung“ liegt. Hier mĂŒsse sich „trotz heraufziehenden Wahlkampfs“ nun auch die SPD bewegen: „Falls das nicht gelingt, sinkt der Kampfwert des deutschen Heeres alsbald in die NĂ€he von Armenien“.

WettrĂŒsten eingelĂ€utet

Dass die klare Niederlage Armeniens Überlegungen zu Luftverteidigung und Drohnenabwehr beflĂŒgelt, ist nachvollziehbar. Bemerkenswert ist allerdings, wie vehement diese mit einer verstĂ€rkten Forderung nach der Anschaffung eigener bewaffneter Drohnen verknĂŒpft wird. So heißt es auch im bereits mehrfach zitierten BAKS-Papier: „Will die Bundeswehr eine einsatzfĂ€hige Streitkraft bleiben, die im Ernstfall auch gegen einen gut gerĂŒsteten konventionellen Gegner bestehen kann, ist die Beschaffung von AufklĂ€rungs- und Kampfdrohnen aus militĂ€rischer Perspektive [
] unabdingbar“. Unmittelbar vor der Entscheidung ĂŒber die Finanzierung der Eurodrohne und den Beratungen ĂŒber das Future Combat Air System (FCAS) im deutschen Bundestag erschien eine ganze Flut von Presseartikeln, welche auf Ă€hnliche Weise die nachvollziehbare Forderung nach verbesserter Drohnenabwehr mit der Forderung nach der Anschaffung bewaffneter Drohnen fĂŒr die Bundeswehr verknĂŒpft. Beispielhaft kann man diese perfide Argumentationskette in einem Beitrag von Matthias Koch fĂŒr das Redaktionsnetzwerk Deutschland nachvollziehen:[5] Aus der zunĂ€chst geradezu einfĂŒhlsam beginnende Darstellung der Schrecken des Drohnenkrieges um Bergkarabach wird gegen Ende Stimmung gemacht fĂŒr die EinfĂŒhrung ebensolcher Waffen fĂŒr die Bundeswehr („Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer wird bis auf Weiteres, ihre bescheidenen PlĂ€ne verschieben mĂŒssen, unter vier vom Bund geleaste israelische Drohnen vom Typ Heron TP die eine oder andere Rakete schrauben zu lassen“). Als „zentrales Argument“ wird auch hier der „Schutz deutscher Soldaten“ genannt – in einem Artikel, der eigentlich damit begann, die Hilflosigkeit von Soldaten gegenĂŒber ebensolchen Waffen darzustellen.

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass Aserbaidschan zwar eindeutig ĂŒberlegen war, aber ebenfalls mit etwa 3.000 eine große Zahl an Verlusten aufwies. Die Toten auf beiden Seiten wĂ€ren zu vermeiden gewesen, wenn der Krieg gar nicht erst begonnen worden wĂ€re. Ohne die rasche und verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gĂŒnstige AufrĂŒstung mit Drohnen wĂ€re er selbst aus rein militĂ€rischer Sicht fĂŒr Aserbaidschan weniger aussichtsreich gewesen. Damit besteht auch eine betrĂ€chtliche Gefahr in den strategischen Schlussfolgerungen, die in einem spannungsgeladenen internationalen System aus dem Krieg um Bergkarabach gezogen werden können: Es geht relativ schnell und ist auch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gĂŒnstig, VerbĂŒndete fĂŒr einen Angriffskrieg mit Drohnen auszustatten. Es gibt zahlreiche Anzeichen dafĂŒr, dass sowohl die NATO-Staaten, als auch Russland und der Iran in ihren zahlreichen Stellvertreter-Konflikten – oft an den Grenzen zu Russland – zunehmend diese Strategie verfolgen.
Das Eskalationspotential steigt damit natĂŒrlich enorm.

EUropas technologischer Beitrag

Insofern wĂ€re die notwendige und vernĂŒnftige Schlussfolgerung aus dem Krieg im Kaukasus, die BemĂŒhungen um eine Regulierung der RĂŒstung insbesondere auch mit autonomen Waffen zu verstĂ€rken. Dabei aber treten Deutschland und die EU auf die Bremse – wĂ€hrend sie gleichzeitig auf allen Ebenen die Anschaffung und v.a. Weiterentwicklung entsprechender Systeme forcieren. Hierbei arbeiten sie tw. eng mit der israelischen und tĂŒrkischen RĂŒstungsindustrie zusammen. So zeigt sich rĂŒckwirkend, dass die Hersteller mehrere Systeme, die im Krieg um Bergkarabach zum Einsatz kamen, von deutschen RĂŒtungsexporten und v.a. auch zivilen Forschungsgeldern profitieren konnten. Das ist durchaus relevant. Denn auch wenn zunehmend kleinere Staaten und sogar nichtstaatliche Akteure ĂŒber betrĂ€chtliche Drohnenarsenale verfĂŒgen, so findet deren Entwicklung und die der benötigten Komponenten und Technologien weiterhin v.a. in den USA, Israel und der EU statt.

Die Entwicklung vieler dieser Komponenten – von der Sensorik und Bilderkennung ĂŒber die Kommunikationsnetzwerke und automatisierte Datenauswertung bis hin zu den Steuerungssysteme – wurde durch die EuropĂ€ische Kommission im Rahmen ihrer (eigentlich zivilen) Forschungsrahmenprogramme 6 und 7 sowie Horizon2020 gefördert. Die Förderung war dabei weitgehend auf Mitgliedsstaaten der EU beschrĂ€nkt, mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen: Israel und der TĂŒrkei. Der tĂŒrkische Drohnenhersteller IAI, der nicht nur die deutschen Heron-Drohnen produziert, sondern auch die von Aserbaidschan ausgiebig eingesetzten Kamikaze-Drohnen vom Typ Harop, profitierte umfangreich von den genannten Programmen und war auch in verschiedene Projekte mit unmittelbarem Drohnen-Bezug eingebunden (z.B. AEROCEPTOR, AIRPASS, OPARUS). Bei einem anderen Projekt, TALOS, ging es um den Einsatz umbemannter Landroboter (unmanned ground vehicles, UGV) im Grenzschutz. Beteiligt waren daran neben IAI auch das tĂŒrkische RĂŒstungsunternehmen Aselsan, auf dessen Homepage sich mit Sensorik und Gewehren bestĂŒckte UGVs bewundern lassen, die landlĂ€ufigen Vorstellungen von „Killerrobotern“ doch sehr nahe kommen.

Aselsan produziert auch ein System zur elektronischen KampffĂŒhrung, KORAL, mit dem feindliche Radarstellungen aufgeklĂ€rt und gestört werden können. Außer durch die tĂŒrkische Armee in Syrien und Libyen (wo diese durchaus andere Interessen verfolgt, als die EU-Mitgliedsstaaten) kam dieses System offenbar im jĂŒngsten Kaukasus-Krieg auch durch Aserbaidschan zum Einsatz, wo es entsprechend einer Analyse des Magazins European Security & Defence die Voraussetzungen fĂŒr den Einsatz von Kampf- und Kamikazedrohnen schuf und fĂŒr diese „das Schlachtfeld vorbereitete“.[6] Aselsan war neben TALOS noch an einem guten Dutzend weiteren EU-Forschungsprojekten beteiligt, in denen es v.a. um verbesserte Sensorik und Bilderkennung ging. Im September 2021 soll mit FITDRIVE ein weiteres Projekt mit Beteiligung des tĂŒrkischen RĂŒstungsunternehmens beginnen, das Daten aus mobilen EndgerĂ€ten mithilfe KĂŒnstlicher Intelligenz auswertet, um Abweichungen zu erkennen und RĂŒckschlĂŒsse auf die FahrtĂŒchtigkeit von Verkehrsteilnehmer*innen zu ermöglichen.

Dass die UnterstĂŒtzung der tĂŒrkischen RĂŒstungsindustrie auch nach deren Rolle im Krieg um Bergkarabach (mal ganz abgesehen von der tĂŒrkischen Rolle in Syrien und Libyen sowie der UnterdrĂŒckung der Opposition und insb. von Frauen) durch die EU-Forschungspolitik noch anhĂ€lt, beweist auch das Projekt ADACORSA. Unter der Leitung des deutschen Tech-Unternehmens Infineon zielt es explizit auf die UnterstĂŒtzung der „europĂ€ischen Drohnenindustrie“, indem es „die öffentliche und regulatorische Akzeptanz“ von unbemannten Luftfahrzeugen verbessern soll. Insgesamt sind daran vier tĂŒrkische Unternehmen und Forschungseinrichtungen beteiligt. Darunter befindet sich auch das RĂŒstungsunternehmen Turkish Aerospace Industries, das zahlreiche tĂŒrkische (Kampf-)Drohnen entwickelt hat und auch Komponenten fĂŒr zivile und militĂ€rische Flugzeuge und Helikopter aus westeuropĂ€ischer und sogar US-amerikanischer Produktion liefert.

Lust zur AufrĂŒstung

Zusammenfassend kann man feststellen, dass Deutschland und die EuropĂ€ische Union deutlich weniger in die Regulation oder gar EindĂ€mmung von unbemannten Systemen investieren, als in deren Weiterentwicklung und Anwendung. Zugleich wird der möglichen Verbreitung der beteiligten Technologien an Dritte offenbar wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hebt immerhin hervor: „die zunehmende Leistungssteigerung, die technologische Proliferation [
] und vor allem die Verbilligung der Bauteile fĂŒhrt dazu, dass der Anwenderkreis fĂŒr diese Waffengattung sich dramatisch ausgebreitet hat und weiter ausbreiten wird. Dadurch haben sich die möglichen Einsatzszenarien schon vervielfĂ€ltigt und dieser Trend wird ungebrochen weitergehen“. Angesichts der deutschen Debatte nach dem „ersten echten Drohnenkrieg“ könnte man fast meinen, das wĂ€re Absicht. Sowohl mit Drohnen, als auch mit Abwehrsystemen kann man Geld verdienen und angesichts des sich abzeichnenden WettrĂŒstens dauerhaft Steuermittel in die eigene RĂŒstungs- und Tech-Industrie umverteilen. Von Regulierung hingegen ist kaum die Rede. Unserer Sicherheit freilich dient das nicht und nicht einmal dem „Schutz deutscher Soldaten“.

Wie absurd diese RĂŒstungs- und Technologiepolitik ist, deutet der Wissenschaftliche Dienst in einem kurzen Unterkapitel zur „Drohnenproliferation“ an. Ein Spiegelstrich thematisiert „die zur Zeit expansionistische Außenpolitik der TĂŒrkei“. Die drei ĂŒbrigen beschĂ€ftigen sich mit dem Iran, der gute Kontakte zur TĂŒrkei und Aserbaidschan unterhalte, „an einem Transfer der tĂŒrkischen Technologie und der tĂŒrkisch-aserbaidschanischen Anwendungserfahrungen Ă€ußerst interessiert sein beziehungsweise sich dies einiges kosten lassen“ dĂŒrfte.

Erschienen unter dem Titel „Der ‚erste echte Drohnenkrieg‘, Europas Anteil und deutsche AufrĂŒstung“ am 14.4.2021 bei Telepolis.

Anmerkungen

[1] Hans Monath: SPD will nun doch keine bewaffneten Drohnen, tagesspiegel.de vom 15.12.0202.

[2] Franz-Stefan Gady: Krieg um Berg-Karabach 2020 – Implikationen fĂŒr StreitkrĂ€ftestruktur und FĂ€higkeiten der Bundeswehr, BAKS-Arbeitspapiere 3/2021 (MĂ€rz 2021).

[3] Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages: Zum Drohneneinsatz im Krieg um Bergkarabach im Jahre 2020, Aktenzeichen WD 2 – 3000 – 113/20.

[4] Manuel Daubenberger, Florian Guckelsberger: Auf der Spur der Drohnen, magazin.zenith.me vom 23.02.2021.

[5] Matthias Koch: Die neue Macht der Drohnen, www.rnd.de vom 15.12.2020.

[6] John Antal: The First War Won Primarily with Unmanned Systems Lessons from the Second Nagorno-Karabakh War, euro-sd.com vom 04.04.2021.

Veröffentlichung am 14.4.2021 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)