Die Frontex-Files und das Cyber Valley

Autor: Christoph Marischka

Am 5. Februar gab Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale öffentlich den Startschuss zur Veröffentlichung der „Frontexfiles“, einer Sammlung von Dokumenten der EU-Agentur fĂŒr den Grenzschutz, deren Herausgabe auf der Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes erzwungen wurde.[1]

Dabei handelt es sich im Kern um Listen von Behörden- und Industrievertreter*innen, die in den vergangenen drei Jahren an Veranstaltungen von Frontex teilgenommen haben sowie um einige der dort vorgestellten PrĂ€sentationen. Als Hintergrund verwiesen sowohl das ZDF Magazin Royal als auch die NGO Corporate Europe Observatory auf das massiv anwachsende Budget der Behörde wie auch das Vorhaben, eigene Einheiten fĂŒr den Grenzschutz mit insgesamt 10.000 KrĂ€ften aufzubauen und auszurĂŒsten. Die Autor*innen und auch erste Kommentator*innen sprechen vor diesem Hintergrund von der Herausbildung eines „grenz-industriellen“ bzw. „militĂ€risch-grenzpolizeilichen Komplexes“.[2]

Jenen Firmen, die gleich bei mehreren Treffen anwesend waren, bilden weitgehend das Who-is-Who der europĂ€ischen RĂŒstungsindustrie ab, darunter neben Airbus und Thales u.a. Safran (Frankreich), Leonardo (Italien) und Indra (Spanien). Auch Kleinwaffenhersteller wie Heckler & Koch und Glock waren eingeladen. Unter denjenigen Firmen, die nicht primĂ€r in der RĂŒstungsindustrie tĂ€tig sind, hier ihre AktivitĂ€ten im Zuge der Digitalisierung jedoch aktuell ausweiten, finden sich ATOS und der japanische Elektronikkonzern NEC wiederholt in den Listen. In der Auswertung des Corporate Europe Observatory wird NEC auch als eines der relativ wenigen Unternehmen außerhalb Europas hervorgehoben, das in den Frontex-Dateien auftaucht. Neben NEC sind dies ein kanadisches Unternehmen fĂŒr Gesichtserkennung (Face4Systems) sowie drei israelische Firmen, die im Bereich der Bilderkennung (Shilat Optronics und Seraphim Optronics) und der Drohnentechnologie (Elbit Systems) aktiv sind.[3]

Die insgesamt 108 Unternehmen, die auf den betreffenden Frontex-Treffen vertreten waren, bieten zusammengenommen eine durchaus brauchbare Stichprobe einer sich modernisierenden europĂ€ischen RĂŒstungsindustrie, welche verstĂ€rkt auch neue Technologien und mehr oder weniger zivile Anwendungsfelder wie den Grenzschutz in den Blick nehmen. Diese Stichprobe eignet sich damit auch, um die Relevanz einiger Industrie- und Technologie-Cluster hervorzuheben: In diesem Falle das grĂŒnschwarz regierte Baden-WĂŒrttemberg und das von der entsprechenden Landesregierung vorangetriebene „Cyber Valley“.

Unternehmen aus BaWĂŒ

Der wesentlich unter dem Dach von Daimler aufgebaute, grĂ¶ĂŸte europĂ€ische Luftfahrt- und RĂŒstungskonzern Airbus hat seinen Hauptsitz zwar in Frankreich und zentrale ProduktionsstĂ€tten u.a. in Spanien. Die (inoffizielle) Zentrale seiner RĂŒstungssparte jedoch befindet sich in MĂŒnchen-Ottobrunn (auf dem GelĂ€nde der im Nationalsozialismus aufgebauten Luftfahrtforschungsanstalt MĂŒnchen). Hauptsitz der Satelliten- und Weltraumtechnik ist Immenstaad am Bodensee – quasi in Sichtweite zum Lenkwaffenhersteller Diehl Defence, dem v.a. auch auf militĂ€rische Antriebssysteme spezialisierten Unternehmen MTU und seinem historischen Zulieferer ZF Friedrichshafen. TatsĂ€chlich in Wurfweite liegt direkt gegenĂŒber dem Airbus-Weltraumzentrum in Immenstaad der explizit fĂŒr militĂ€rische AuftrĂ€ge zustĂ€ndige Airbus/Daimler-Ableger ND Satcom GmbH. Ein weiterer zentraler Standort von Airbus befindet sich in Ulm. Hier wird v.a. Sensorik und Radartechnologie entwickelt und produziert. Diese Sparte wurde 2017 von Airbus weitgehend in die Hensoldt AG ĂŒberfĂŒhrt, die ebenfalls in den Frontexfiles auftaucht – aber nicht als außereuropĂ€isches Unternehmen hervorgehoben wird, obwohl es sich ĂŒberwiegend im Besitz einer US-amerikanischen Holding, der KKR & Co. Inc. befindet.

Neben dem Bodensee und Ulm deutet sich v.a. mit Thales ein weiterer Cluster in Baden-WĂŒrttemberg an, dessen Relevanz auch angesichts der Frontexfiles unterstrichen wird. Thales ist Bahnfahrer*innen von Fahrkartenautomaten bekannt, wo es die Terminals fĂŒr bargeldloses Bezahlen verantwortet. Thales ist zugleich eines der grĂ¶ĂŸten RĂŒstungsunternehmen weltweit, das Produkte von der Satellitenkommunikation ĂŒber vollautonome Waffen bis hin zu NachtsichtgerĂ€ten und „head-mounted displays“ – also Cyber-Brillen fĂŒr den militĂ€rischen Einsatz – anbietet. Seine breit aufgestellte Position in der modernen RĂŒstung hat das Unternehmen unter der FĂŒhrung von Thierry Breton eingenommen – ehemaliger Wirtschaftsminister Frankreichs und heutiger EU-Kommissar fĂŒr Industrie, Digitalisierung und RĂŒstung.[4] Der deutsche Hauptsitz von Thales befindet sich nur wenige Kilometer nördlich von Stuttgart, in einem Industriegebiet direkt an der A81 nördlich des Engelbergtunnels. Wiederum in Sichtweite befindet sich im gegenĂŒber liegenden Industriegebiet von Weilimdorf eine Niederlassung von ATOS, an der noch heute erkennbar ist, dass sie einst zum Siemens-Konzern gehört hat. Auch ATOS wurde unter dem heutigen Industriekommissar Breton zu einem relevanten Player der RĂŒstungsindustrie zusammenfusioniert. 2011 hatte der Konzern die Siemens-Tochter „IT Solutions and Services“ ĂŒbernommen, die explizit auf Dienstleistungen fĂŒr die Bundeswehr zugeschnitten war. Kurz darauf ĂŒbernahm ATOS auch den (ehemaligen) IT-Hersteller Bull, der sich zwischenzeitlich auf Cloud-Dienstleistungen fĂŒr das MilitĂ€r spezialisiert hatte. Heute hat ATOS gemeinsam mit Thales eine zentrale Rolle in der informationstechnischen Vernetzung der französischen Luft- und BodenstreitkrĂ€fte und leitet das Unternehmen die Studie „GlĂ€sernes Gefechtsfeld“ fĂŒr die Bundeswehr, bei der KI einzelne Soldat*innen und autonome Systeme auf Grundlage ihrer jeweiligen Position, ihres Munitionsbestandes und ihrer körperlichen Verfassung anleiten soll.[5] Thales wiederum hatte im Februar 2020 feierlich bekannt gegeben, dass es gemeinsam mit Airbus die „Combat Cloud“ fĂŒr das „Future Combat Air System (FCAS)“ bereitstellen wĂŒrde.[6] Bei dem deutsch-französischen Großprojekt soll nicht nur ein (bemanntes) Kampfflugzeug der nĂ€chsten Generation entwickelt werden, sondern dieses von Anfang an in ein Gesamtsystem eingebettet sein, bei denen eine Vielzahl von autonomen Systemen zusĂ€tzliche Waffen, Sensorik und Mittel zur elektronischen KampffĂŒhrung tragen und im Verbund mit dem bemannten Flugzeug zum Einsatz bringen können.

In seiner Zusammenfassung ĂŒber die Frontexfiles[7] weist Matthias Monroy noch auf ein weniger bekanntes Unternehmen hin, welches offenbar den RĂŒstungsriesen Airbus bei der Vergabe eines Auftrags zur GrenzĂŒberwachung mit sog. „Aerostats“ – Zeppelinen oder Ballons – ausstechen konnte. Der Auftrag umfasst den Einsatz eines solchen Aerostats fĂŒr vier bis sechs Monate an der griechischen Außengrenze. Das Luftfahrzeug selbst stammt vom französischen Hersteller CNIM, den Betrieb der AufklĂ€rungstechnologie ĂŒbernimmt die deutsche Firma innovative navigation GmbH, die in Kornwestheim, etwa 10km von Thales und Atos entfernt, ihren Sitz hat. Zumindest in der Vergangenheit haben innovative navigation und Thales auch schon bei GrenzschutzauftrĂ€gen kooperiert. So findet sich auf der Homepage des Unternehmens eine Pressemitteilung aus dem Jahr 2013, die von der Installation eines „lokale[n] Überwachungssystem[s] zur Sicherung der EU-Außengrenzen in Kroatien“ berichtet: „Die Firma in-innovative navigation GmbH lieferte dafĂŒr

im Auftrag des Joint Ventures der Firmen THALES und PCE (Pomorski Centar Elektroniku) die gesamte Technik der RadarĂŒberwachung (Sensoren, Signalverarbeitung) und die Software fĂŒr modernste und effiziente Verarbeitung der Sensorsignale: Signalintegration, Tracking, sowie die Darstellung der Daten in der Zentrale mit inDTS, einem leistungsfĂ€higen Displaymodul der Firma in-innovative navigation GmbH“.[8]

Frontex-Partner und das Cyber Valley

Beim Cyber Valley handelt es sich nach eigenen Angaben um „Europas grĂ¶ĂŸtes Forschungskonsortium im Bereich der kĂŒnstlichen Intelligenz mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie“.[9] Es wurde im Dezember 2016 vom Land Baden-WĂŒrttemberg, der Max-Planck-Gesellschaft, den UniversitĂ€ten Stuttgart und TĂŒbingen sowie den Industriepartnern, darunter Daimler, Bosch und ZF Friedrichshafen auf den Weg gebracht – spĂ€ter stieg auch das US-Plattformunternehmen Amazon ein. Im Kern besteht das Cyber Valley bislang aus einem Technologiepark in TĂŒbingen und einem „Ökosystem“ – einem Netzwerk von Programmen und Institutionen, die UnternehmensgrĂŒndungen anregen und fördern sollen, indem sie Know-How, RĂ€umlichkeiten, Kontakte zu Industrie und Risikokapital usw. bereitstellen. Ziel ist die schnelle Kommerzialisierung neuer Forschungsergebnisse und damit auch die Generierung privater Gewinne aus öffentlich finanzierter Forschung. Inhaltlicher Schwerpunkt ist das Maschinelle Lernen und insbesondere das Maschinelle Sehen. Angesichts der starken Beteiligung der Automobilindustrie sind Anwendungen v.a. im Bereich des autonomen Fahrens naheliegend. Die damit verbundenen Fragestellungen der Fusion und Interpretation von Sensordaten liegen nahe an jener Forschung, die andernorts im Auftrag des MilitĂ€rs, der RĂŒstungsindustrie, Grenzschutz- und anderer Überwachungsbehörden durchgefĂŒhrt wird. Die Grundlagenforschung einiger am Cyber Valley beteiligter Wissenschaftler*innen zur Bilderkennung durch KĂŒnstliche Neuronale Netze wurde in den vergangenen Jahren u.a. durch ein Projekt (MICrONs) der gemeinsamen Forschungsbehörde der US-Geheimdienste (IARPA) finanziert.[10] Eingebunden in das Projekt war auch das Unternehmen Amazon, das aktuell im TĂŒbinger Technologiepark ein Forschungszentrum fĂŒr Maschinelles Lernen erbaut und in den USA fĂŒr verschiedene MilitĂ€r- und Geheimdienstbehörden Cloud-Anwendungen zur VerfĂŒgung stellt.

Auch wenn Technologien explizit fĂŒr MilitĂ€r und Grenzschutz aktuell keinen Schwerpunkt im Cyber Valley bilden, ist es doch auf verschiedene Arten an die auf Grundlage der Frontexfiles skizzierten Technologiecluster angebunden. So wurde z.B. eine frĂŒhere AusgrĂŒndung der aus der UniversitĂ€t TĂŒbingen, das TĂŒbinger Startup „Science&Computing“ zunĂ€chst von Bull und kurz vor der GrĂŒndung des Cyber Valleys von Atos ĂŒbernommen. 2018 eröffnete die European Space Agency (ESA) gemeinsam mit Bosch und der RĂŒstungssparte von Airbus im Technologiepark TĂŒbingen-Reutlingen (TTR) sowie am Partnerstandort in Immenstaad einen Business Incubation Centre (BIC): „60 Startups erhalten bis Ende 2021 an den drei Standorten die Möglichkeit zur Inkubation und durchlaufen die Förderphase von bis zu 2 Jahren. FĂŒr die technische UnterstĂŒtzung stehen die Unternehmen Airbus Defence and KaSpace in Friedrichshafen und Bosch Automotive Electronics in Reutlingen zur VerfĂŒgung“, so berichtete damals die ESA.[11] Die ebenfalls beteiligte IHK ergĂ€nzt: „Als Anschubförderung erhalten die GrĂŒndungen 50.000 Euro sowie umfassende Service-Angebote durch Firmenbetreuer vor Ort und das Partner-Netzwerk. Dazu gehören zehn Beratungs- oder Labortage bei Bosch oder Airbus. Im Anschluss an die Phase im ESA-BIC sollen die Unternehmen im örtlichen Technologiepark angesiedelt werden“.[12] Aktuell laufen im Cyber Valley Verhandlungen ĂŒber die konkrete Zusammenarbeit mit dem japanischen Elektronikkonzern NEC, die im November 2020 durch ein Memorandum of Understanding auf den Weg gebracht wurde. Laut Pressemitteilung des Cyber Valleys handelt es sich bei NEC um ein „weltweit fĂŒhrende[s] Unternehmen fĂŒr Technologie- und Kommunikationsinfrastrukturen und -lösungen. Zu den StĂ€rken von NEC gehören die originĂ€re Forschung im Bereich der KI und deren angewandter Einsatz“.[13] Dass NEC in den vergangenen Jahren mehrfach in der Liste der 100 grĂ¶ĂŸten RĂŒstungsunternehmen weltweit (ohne China) aufgetaucht ist, verschweigt die Pressemitteilung dabei. Neben den AktivitĂ€ten von NEC in der RĂŒstung und im Grenzschutz versucht NEC vergleichbare Technologien unter den Schlagwörtern „öffentliche Sicherheit“ und „Smart Cities“ auch in einem rein zivilen Umfeld zu etablieren. BroschĂŒren des Unternehmens zu diesen Schlagwörtern offenbaren Visionen eines Alltags, der durch die AllgegenwĂ€rtigkeit autonomer Systeme, biometrischer Erfassung und Zugangskontrollen geprĂ€gt ist.[14]

Damit ist NEC in einem Ă€hnlichen Segment aktiv, wie Atos und in das auch Bosch mit seiner Sparte „Security and Safety Systems“ verstĂ€rkt einsteigen will. In einer BroschĂŒre zum Produkt „Intelligente Video Analyse“ nennt Bosch selbst den Grenzschutz als mögliche Anwendung: „Diese Lösung auf dem aktuellen Stand der Technik ist ideal fĂŒr erfolgskritische Anwendungen wie dem Perimeterschutz von FlughĂ€fen, kritischen Infrastrukturen und RegierungsgebĂ€uden, Grenzpatrouillen und die VerkehrsĂŒberwachung“. Das System kann demnach selbststĂ€ndig u.a. das Eindringen unautorisierter Personen, das Abstellen von GegenstĂ€nden oder das unerlaubte Parken von Kraftfahrzeugen erkennen und bewegte Objekte verfolgen. Die meisten der dargestellten Beispiele beziehen sich jedoch auf die intelligente Überwachung von Lagerhallen bzw. Fabriken und damit auch der dort Arbeitenden.[15] Auch Bosch plant aktuell den Bau eines KI-Campus auf bzw. neben dem Technologiepark in TĂŒbingen.

Der VollstĂ€ndigkeit halber sei hier noch erwĂ€hnt, dass noch ein weiterer Industrie-Partner des Cyber Valleys in den Frontexfiles auftaucht: Daimler. Es handelt sich dabei um eine eher kleine – man könnte auch sagen: exklusive – Veranstaltung am 8. Februar 2018. Frontex hatte zu einem Industry Day zum Thema „Fahrzeuge zur UnterstĂŒtzung des Migrationsmanagements“ eingeladen. Neben Daimler (Mercedes-Benz Defence Project Vans) waren nur zwei weitere, kleinere Unternehmen vertreten, die auf die UmrĂŒstung von Fahrzeugen fĂŒr Spezialaufgaben wie Geldtransporte spezialisiert sind. Die Frontexfiles enthalten auch ein kurzes Dokument mit den wesentlichen Ergebnissen. Dieses enthĂ€lt u.a. sichtbar die voraussichtlichen Lieferzeiten und geschwĂ€rzt die Preisspanne fĂŒr die nicht nĂ€her spezifizierten Nutzfahrzeuge. WĂ€hrend die kleineren Unternehmen offenbar Aussagen dazu gemacht haben, welche Sicherheitsbehörden sie bereits beliefert haben – die allerdings geschwĂ€rzt wurden – hat Daimler demnach lediglich angegeben, bereits „viele AuftrĂ€ge fĂŒr Grenzschutz und -ĂŒberwachung“ erhalten zu haben, dass man aber keine Angaben „zu Kunden, LĂ€ndern oder Modellen“ mache.[16] Einen Hinweis gibt allerdings das EU-Forschungsprojekt „ROBORDER“, das nicht zufĂ€llig Assoziationen einer von Robotern ĂŒberwachten Grenze weckt: TatsĂ€chlich wird der Einsatz unbemannter Luft-, Land- und (Unter-)Wasserfahrzeugen fĂŒr den Grenzschutz erprobt. Matthias Monroy schreibt hierzu auf Telepolis: „Die Tests erfolgen unter anderem auf der griechischen Insel Kos in der ÄgĂ€is. Die Aufnahmen laufen dort in einem mobilen Lagezentrum zusammen. Das Fahrzeug stammt von dem deutschen Hersteller Elettronica aus Meckenheim in Nordrhein-Westfalen und basiert auf einem Mercedes Sprinter. Unter der Produktlinie ‚Öffentliche Sicherheit‘ wird es als ‚Multirole operations support vehicle‘ (MUROS) verkauft“. Solche Fahrzeuge kommen demnach auch in Deutschland bereits bei Demonstrationen zum Einsatz: „Als ‚Beweissicherungs- und Dokumentationskraftwagen‘ (BeDoKw) mit ausfahrbaren, vier Meter langen Masten mit Videokameras und Mikrofonen fahren die MUROS unter anderem auf Demonstrationen und ĂŒbermitteln die Bilder in hoher Auflösung an die zustĂ€ndige Einsatzleitung oder an mobile Greiftrupps [
] Eines der Mikrofone verfĂŒgt ĂŒber Richtcharakteristik, auf diese Weise werden beispielsweise RedebeitrĂ€ge in das polizeiliche Hauptquartier ĂŒbertragen“.[17]

Innovationspark Baden-WĂŒrttemberg

Das Land Baden-WĂŒrttemberg hat bereits einen dreistelligen Millionenbetrag in das Cyber Valley investiert. Hinzu kommen Gelder des Bundes, u.a. fĂŒr das ebenfalls auf dem Technologiepark ansĂ€ssige „TĂŒbinger AI Center“. Im Dezember 2020 wurde bei einer Videokonferenz mit Kanzlerin Merkel, dem MinisterprĂ€sidenten des Landes, der EU-Vizekommissarin fĂŒr Digitalisierung und mehreren Vertretern des Cyber Valley (davon zwei nebenberuflich bei Amazon beschĂ€ftigt) ein „AI Breakthrough Hub“ ins Leben gerufen, in den ein weiterer dreistelliger Millionenbetrag von Bund, Land und privaten Investor*innen fließen soll.[18] Außerdem hatte das Land angekĂŒndigt, den Aufbau eines „KI-Innovationsparks Baden-WĂŒrttemberg“ mit 50 Mio. Euro zu unterstĂŒtzen – falls sich die beteiligten Kommunen mit Eigenmittel in derselben Höhe einbringen. Eine entsprechende Machbarkeitsstudie war im Dezember 2019 in Auftrag gegeben worden, ist aber noch nicht abgeschlossen. Trotzdem wurde Ende November 2020 das Wettbewerbsverfahren unter den interessierten Kommunen eröffnet. Die Frist fĂŒr die Bewerbung endete bereits zwei Monate spĂ€ter, nĂ€mlich am 29.1.2021. Das war natĂŒrlich ein knapper Zeitrahmen, um innerhalb der Kommunen zu diskutieren, ob und wie ein solcher Innovationspark ĂŒberhaupt wĂŒnschenswert wĂ€re. Dabei hat es die eilig doch noch veröffentlichte vorlĂ€ufige Fassung der Machbarkeitsstudie durchaus in sich: Darin werden u.a. „TestgelĂ€nde mit regulatorischen FreirĂ€umen zur Erprobung neuer KI-Technologien (‚Large Scale‘) und Reallaboren (insb. Biolabor, Robotiklabor, Fahrlabor, Fluglabor) fĂŒr die Datengewinnung bzw. Validierung sowie die Etablierung eines KI-Lifestyles“ angestrebt. An anderer Stelle ist von „Testfelder[n] mit integrierter Sensorik, Flugfelder[n] fĂŒr Drohnen, Start- und LandeplĂ€tze fĂŒr autonome Flugtaxis“ die Rede.[19]

Dass das Cyber Valley in diesem „Wettbewerbsverfahren“ eine gute Startposition einnimmt, war von Anfang an klar. Letztlich entschieden sich die Verwaltungen in TĂŒbingen, Reutlingen, Stuttgart und Karlsruhe fĂŒr eine gemeinsame Bewerbung, wobei Reutlingen die grĂ¶ĂŸte FlĂ€che auf dem GelĂ€nde einer ehemaligen Spedition bereitstellt. TĂŒbingen will sich mit den verbliebenen kleinen FlĂ€chen im Technologiepark beteiligen und die restlichen Eigenanteile finanziell erbringen. Auch Stuttgart und Karlsruhe werden im Zuge des Bewerbungsverfahrens weitere FlĂ€chen fĂŒr die KI-Forschung reservieren. Letztlich wird es also nicht den einen KI-Innovationspark geben, sondern mehrere kleine, die an bestehende Cluster andocken. Das von den drei Regionen gemeinsam vorgelegte Eckpunkte-Papier zur Bewerbung sieht demnach vor, „dass ein branchenĂŒbergreifender, integrierter Experimentier- und Datenraum fĂŒr KI-Innovationen der neuen Generation entsteht. In vernetzten Testfeldern und Labs werden Entwicklung und Erprobung innovativer KI-Lösungen in realen Umgebungen möglich gemacht“.[20]

Durch die großrĂ€umige Verteilung des „Innovationsparks“ wird letztlich ein weiterer Cluster öffentlicher Förderung und wissenschaftlich-unternehmerischer Vernetzung entstehen, der an bestehende Cluster und damit auch die in den Frontexfiles zum Vorschein gekommene militĂ€risch-grenzpolizeiliche Industrie anknĂŒpfen kann. Besonders spannend wird dabei die Rolle des Fraunhofer-Institut fĂŒr Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB), das beispielsweise Teil des wiederum aus Bundesmitteln geförderten „Digital Hub Karlsruhe fĂŒr angewandte KĂŒnstliche Intelligenz“ ist. Das Fraunhofer IOSB fĂŒhrt zahlreiche Forschungsprojekte fĂŒr das Verteidigungsministerium durch, darunter die verbesserte Bildauswertung von Bundeswehrdrohnen und Darstellungen multisensorieller AufklĂ€rungssysteme an einem „digitalen Lagetisch“. Es war an mehreren Forschungsprojekten des Bundes und der EU beteiligt, die darauf abzielten, illegale Migration mithilfe von Satelliten, Drohnen und Sensorbojen zu detektieren und hat sich u.a. darum bemĂŒht, von der Bundeswehr u.a. in Afghanistan eingesetzte Drohnenmodelle fĂŒr den Schweizer Grenzschutz umzurĂŒsten.[21] Zuletzt fĂŒhrt das Fraunhofer IOSB auch das Pilotprojekt zur „intelligenten VideoĂŒberwachung“ am Mannheimer Hauptbahnhof durch. Auch hierbei handelt es sich gewissermaßen um einen „regulatorischen Freiraum zur Erprobung neuer KI-Technologien“ bzw. „Reallabor fĂŒr die Datengewinnung bzw. Validierung“.

Anmerkungen

[1] https://frontexfiles.eu/.

[2] Matthias Monroy: Frontex Files – Der militĂ€risch-grenzpolizeiliche Komplex, netzpolitik.org (05.02.2021).

[3] https://corporateeurope.org/en/lobbying-fortress-europe

[4] Christoph Marischka: EU-Kommission – (Diese) Industriepolitik ist RĂŒstungspolitik, Telepolis (12.11.2019).

[5] Thomas Wiegold: Studie fĂŒrs „glĂ€serne Gefechtsfeld“, augengeradeaus.net (16.04.2019).

[6] „Airbus and Thales join forces to develop the Air Combat Cloud for Future Combat Air System“, Pressemitteilung der Thales Group (20.02.2020).

[7] Matthias Monroy: Frontex Files – Der militĂ€risch-grenzpolizeiliche Komplex, netzpolitik.org (05.02.2021).

[8] „in-innovative navigation GmbH installiert ein lokales Überwachungssystem zur Sicherung der EU-Außengrenzen in Kroatien“, Pressemitteilung der in Gmbh (29.10.2013).

[9] https://cyber-valley.de/.

[10] Christoph Marischka: Cyber Valley, MPG und US-Geheimdienste, IMI-Studie 3/2020.

[11] https://www.esa-bic-bw.de/de/.

[12] „Reutlingen ist Start-up-Standort der ESA“, IHK Reutlingen (13.04.2018).

[13] „NEC Laboratories Europe und Cyber Valley Forschungseinrichtungen unterzeichnen MoU“, Pressemitteilung des Cyber Valley (19.11.2020).

[14] NEC: Behaviour Detection Solution, Safer Cities.

[15] Bosch: Creating a more secure world and new value for businesses with Video analytics.

[16] Forontexfiles.eu: Main outcomes – Industry day VMM_redacted.pdf.

[17] Matthias Monroy: FĂŒr jede Repression zu haben – Das MUROS aus Meckenheim, Telepolis (28.08.2019).

[18] Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Startschuss fĂŒr das „AI Breakthrough Hub“ am 17. Dezember 2020 (Videokonferenz), bundeskanzlerin.de.

[19] CBRE GmbH: Machbarkeitsstudie zum Innovationspark KI (Vorgezogener Ergebnisbericht fĂŒr das Ministerium fĂŒr Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-WĂŒrttemberg, wirtschaft-digital-bw.de.

[20] „Zusammen fĂŒr den Erfolg der KĂŒnstlichen Intelligenz im Land“, Pressemitteilung auf stuttgart.de (29.01.2021).

[21] Christoph Marischka: Fraunhofer IOSB – Dual Use als Strategie, IMI-Studie 2017/02.

Veröffentlicht am 10. Februar 2021 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)