Friedensutopien

Rosa Luxemburg
Rosa Luxemburg in 1915. (Bild:Wikipedia)

Anm. d. Redaktion: Dieser Artikel „Friedensutopien“ der 1871 im Zarenreich Russland geborenen Rozalia Luksenburg und spĂ€teren deutschen Sozialdemokratin Rosa Luxemburg, Mitglied der SPD, erschien zuerst im Kaiserreich Deutschland in der Leipziger Volkszeitung am 6. und 8. Mai 1911.

Wir bitten die kleine VerspÀtung zu entschuldigen.

I

Die Agitation zu den Reichstagswahlen wird von unsrer Partei allenthalben mit Frische und Eifer begonnen. Ihre allgemeine und denkbar glĂŒcklichste Einleitung war aber die glĂ€nzende Maifeier, die sich trotz aller abmahnenden EinflĂŒsse und lĂ€hmender Einwirkungen aus Kreisen, welche die Maifeier als einen „lahmen Klepper“ betrachten, zu einem imposanten Demonstrationsmassenstreik gestaltet hat. Hier hat sich wieder gezeigt, wie viel begeisterte Kampfstimmung und opferfreudiger Idealismus in den Arbeitermassen lebendig sind. Um so mehr wird es zur dringenden Aufgabe der Partei, die diesjĂ€hrige Reichstagswahlagitation nicht bloß zum Kampf um eine möglichst große Anzahl von WĂ€hlern und Mandaten, sondern in erster Linie zu einer Periode intensiver AufklĂ€rung ĂŒber die GrundsĂ€tze und die ganze Weltanschauung der Sozialdemokratie zu gestalten. Einer der Zentralpunkte des Wahlkampfes und der Agitation wird naturgemĂ€ĂŸ wieder die Frage des Militarismus sein. Und im Hinblick darauf gewinnt die KlĂ€rung unsres Standpunkts in dieser Frage, die sich an die jĂŒngste Debatte im Reichstag geknĂŒpft hat, dauernde und weittragende Bedeutung.

Wenn lediglich die Frage zur Diskussion stehen wĂŒrde, ob unsre Reichstagsfraktion recht gehandelt hatte, einen Antrag einzubringen, der die deutsche Regierung zu Abmachungen behufs EinschrĂ€nkung der RĂŒstungen aufforderte, so hĂ€tte der Streit sicher kein ernstes Interesse beanspruchen können. Da wir uns der parlamentarischen TribĂŒne als eines der wirksamsten Agitationsmittel bedienen mĂŒssen, so erscheint es als einfache Pflicht der sozialdemokratischen Abgeordneten, jede Gelegenheit auszunĂŒtzen, um die Auffassung der Partei ĂŒber wichtigste ErscheinungFen des öffentlichen Lebens derjenigen der herrschenden Klassen entgegenzustellen. Gebunden an parlamentarische Bedingungen, muß die Fraktion naturgemĂ€ĂŸ zu der Form von Interpellationen, AntrĂ€gen und dergleichen Zuflucht nehmen. Und da ist es zweifellos sehr verdienstlich von unsrer Reichstagsfraktion, das sie die Gelegenheit ergriffen hat, um eine großzĂŒgige Debatte ĂŒber die Frage des Militarismus einzuleiten und die Vertreter der herrschenden Klassen zur offenen Sprache zu zwingen. Die Formulierung des Antrags selbst, dessen sich die sozialdemokratischen Abgeordneten hierbei bedienen, spielt an sich eine ziemlich untergeordnete Rolle. Nicht in der Antragsformel, sondern in der BegrĂŒndung des Antrags, in den dabei gehaltenen Reden unsrer Fraktion kommt der Standpunkt der Partei zum Ausdruck. Soll doch der parlamentarische Antrag oft nur der Haken sein, an den unsre Agitation auf der ReichstagstribĂŒne notgedrungen gehĂ€ngt wird.

Die eigentliche Frage also, die fĂŒr weitere Kreise der Partei Bedeutung hat, ist die, ob unsre Partei in der von ihr herbeigefĂŒhrten Debatte den grundsĂ€tzlichen Standpunkt der Sozialdemokratie klar und konsequent vertreten, ob sie durch diese Debatte dazu beigetragen hat, in den Massen die sozialdemokratische Auffassung vom Wesen des Militarismus und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu verbreiten, um auf diese Weise fĂŒr den Sozialismus gute Werbearbeit zu leisten.

Die Beantwortung dieser Frage hĂ€ngt ganz davon ab, welche Seite man in unsrer Stellung zum Militarismus als die wichtigste und ausschlaggebende betrachtet. WĂŒrde der Standpunkt der Sozialdemokratie sich darin erschöpfen, der Welt bei jeder Gelegenheit vorzudemonstrieren, das unsre Partei eine unbedingte AnhĂ€ngerin des Friedens und glĂŒhende Gegnerin militĂ€rischer RĂŒstungen ist, wĂ€hrend die Regierung die Schuld an dem militĂ€rischen WettrĂŒsten trĂ€gt, dann könnten wir mit unsrer Leistung bei der jĂŒngsten Reichstagsdebatte vollauf zufrieden sein. Allein das wĂ€re kaum ein genĂŒgendes Resultat der großen und wichtigen Aktion. Unsre Aufgabe besteht nicht bloß darin, die Friedensliebe der Sozialdemokratie jederzeit krĂ€ftig zu demonstrieren, sondern in erster Linie darin, die Volksmassen ĂŒber das Wesen des Militarismus aufzuklĂ€ren und den prinzipiellen Unterschied zwischen der Stellung der Sozialdemokratie und derjenigen der bĂŒrgerlichen FriedensschwĂ€rmer scharf und klar herauszuheben. Worin besteht aber dieser Unterschied? Gewiß nicht darin allein, das die bĂŒrgerlichen Friedensapostel auf die Einwirkung schöner Worte lauern, wĂ€hrend wir uns auf Worte allein nicht verlassen.

Unser ganzer Ausgangspunkt ist ein diametral entgegengesetzter: Die Friedensfreunde aus bĂŒrgerlichen Kreisen glauben, das sich Weltfriede und AbrĂŒstung im Rahmen der heutigen Gesellschaftsordnung verwirklichen lassen, wir aber, die wir auf dem Boden der materialistischen Geschichtsauffassung und des wissenschaftlichen Sozialismus stehen, sind der Überzeugung, das der Militarismus erst mit dem kapitalistischen Klassenstaate zusammen aus der Welt geschafft werden kann. Daraus ergibt sich auch die entgegengesetzte Taktik bei der Propagierung der Friedensidee. Die bĂŒrgerlichen Friedensfreunde sind bemĂŒht – und das ist von ihrem Standpunkte ganz logisch und erklĂ€rlich –, allerlei „praktische“ Projekte zur allmĂ€hlichen EindĂ€mmung des Militarismus zu ersinnen, sowie sie naturgemĂ€ĂŸ geneigt sind, jedes Ă€ußere scheinbare Anzeichen einer Tendenz zum Frieden fĂŒr bare MĂŒnze zu nehmen, jede Äußerung der herrschenden Diplomatie nach dieser Richtung beim Wort zu fassen und zum Ausgangspunkt einer ernsten Aktion aufzubauschen.

Die Sozialdemokratie kann umgekehrt hier, wie in allen StĂŒcken der sozialen Kritik, ihren Beruf nur darin erblicken, die bĂŒrgerlichen AnlĂ€ufe zur EindĂ€mmung des Militarismus als jĂ€mmerliche Halbheiten, die Äußerungen in diesem Sinne, namentlich aus Regierungskreisen, als diplomatisches Schattenspiel zu entlarven und dem bĂŒrgerlichen Wort und Schein die rĂŒcksichtslose Analyse der kapitalistischen Wirklichkeit entgegenzustellen. Dies war z. B. das Verhalten unsrer Partei auch der Haager Konferenz gegenĂŒber. WĂ€hrend sie von Opportunisten verschiedener LĂ€nder mit dem ĂŒblichen kleinbĂŒrgerlichen Optimismus als ein segensreicher Ansatz zum Weltfrieden gepriesen wurde – noch vor zwei Jahren hatte Genosse Treves im römischen Abgeordnetenhaus in einer schwungvollen Rede den Vorschlag gemacht, der Haager Konferenz zur Feier ihres zehnjĂ€hrigen JubilĂ€ums eine Ehrung darzubringen –, hat die deutsche Sozialdemokratie fĂŒr die holde Schöpfung des Blutzaren und seiner europĂ€ischen Kollegen nur den verdienten Hohn als fĂŒr ein dreistes Possenspiel ĂŒbriggehabt.

Von demselben Standpunkt kann die Aufgabe der Sozialdemokratie gegenĂŒber Kundgebungen in der Art derjenigen der englischen Regierung nur die sein, die Idee einer teilweisen EinschrĂ€nkung militĂ€rischer RĂŒstungen als eine Halbheit in ihrer Aussichtslosigkeit zu beleuchten und sie auf die Spitze zu treiben, dem Volke klar auseinanderzusetzen das der Militarismus mit der Kolonialpolitik, Zollpolitik, Weltpolitik aufs engste verknĂŒpft ist, das also die heutigen Staaten, wenn sie dem WettrĂŒsten ernstlich und aufrichtig Einhalt gebieten wollten, damit anfangen mĂŒĂŸten, handelspolitisch abzurĂŒsten, koloniale RaubzĂŒge ebenso wie die Weltpolitik der InteressensphĂ€ren in allen Weltteilen aufzugeben, mit einem Wort, in der Ă€ußeren wie der inneren Politik das direkte Gegenteil von dem tun, was das Wesen der heutigen Politik eines kapitalistischen Klassenstaats ist. Damit wĂ€re klar zum Ausdruck gebracht, was den Kern der sozialdemokratischen Auffassung bildet: das der Militarismus in seinen beiden Formen – als Krieg wie als bewaffneter Friede – ein legitimes Kind, ein logisches Ergebnis des Kapitalismus ist, das nur mit dem Kapitalismus zusammen ĂŒberwunden werden kann, das also, wer aufrichtig den Weltfrieden und die Befreiung von der furchtbaren Last der RĂŒstungen wolle, auch den Sozialismus wollen mĂŒsse. Nur auf diesem Wege lĂ€ĂŸt sich aus Anlaß der AbrĂŒstungsdebatte wirklich sozialdemokratische AufklĂ€rung und Werbearbeit leisten.

Diese Arbeit wird hingegen ziemlich erschwert, die Stellung der Sozialdemokratie wird unklar und schillernd, wenn durch eine seltsame Rollenverwechslung unsre Partei dem bĂŒrgerlichen Staate umgekehrt partout einzureden sucht, er könne sehr wohl die militĂ€rischen RĂŒstungen einschrĂ€nken und den Frieden herbeifĂŒhren, und zwar von seinem eignen Standpunkte, dem eines kapitalistischen Klassenstaats. Freilich hat unsre Reichstagsfraktion bei der jĂŒngsten Debatte durchaus nicht restlos die Möglichkeit einer völligen Abschaffung des Militarismus und der Kriege im Rahmen der bĂŒrgerlichen Ordnung zugegeben, Genosse Ledebour hat vielmehr krĂ€ftige Verwahrungen dagegen eingelegt. Aber gerade daraus ergab sich, das der gleichzeitigen eifrigen BefĂŒrwortung eine teilweisen AbrĂŒstung ein seltsamer Kompromißstandpunkt, der zwischen den beiden Standpunkten, dem der bĂŒrgerlichen Friedensapostel und dem der Sozialdemokratie, die Mitte hĂ€lt, die die völlige Überwindung des Militarismus und der heutigen Gesellschaft leugnet, eine teilweise aber fĂŒr möglich hĂ€lt, eine FriedensĂ€ra mitten in der kapitalistischen Welt heraufziehen sieht und doch an der Unvermeidlichkeit der sozialen Revolution festhĂ€lt.

Es war bis jetzt der Stolz und die feste wissenschaftliche Basis unsrer Partei, das wir sowohl die allgemeinen Programmdirektiven wie auch die Losungen unsrer praktischen Tagespolitik nicht aus freien StĂŒcken als WĂŒnschenswertes ersannen, sondern uns in allen Dingen auf die Erkenntnis der Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung stĂŒtzen, die objektiven Richtlinien dieser Entwicklung zum Maßstab unsrer Stellungnahme machten. Nicht die Möglichkeit vom Standpunkt des jeweiligen KrĂ€fteverhĂ€ltnisses im Staat, sondern die Möglichkeit vom Standpunkte der Entwicklungstendenzen der Gesellschaft war uns bis jetzt immer maßgebend. Wenn wir den gesetzlichen Achtstundentag immer wieder fordern, obgleich diese Forderung in den heutigen Parlamenten völlig aussichtslos ist, so deshalb, weil sie gerade auf der Linie der fortschrittlichen Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte, der Technik, der internationalen Konkurrenz des Kapitalismus liegt.

Nur weil der Achtstundentag zugleich ein enormer revolutionierender Schritt in der AufklĂ€rung und Organisation der Arbeiterklasse wĂ€re, strĂ€ubt sich die Bourgeoisie aus allen KrĂ€ften dagegen. Wirtschaftlich jedoch wĂ€re der Kapitalismus durch die EinfĂŒhrung des Achtstundentags nicht bloß in seiner Entwicklung nicht aufgehalten, sondern er wĂŒrde dadurch seine höchste, fortschrittlichste Stufe erklimmen. Die EinschrĂ€nkung der RĂŒstungen hingegen, eine RĂŒckbildung des Militarismus, liegt nicht auf der Linie der Fortentwicklung des internationalen Kapitalismus, sondern er könnte sich nur aus der Stagnation der kapitalistischen Entwicklung ergeben.

Nur wer einen Stillstand in der Weltpolitik erhofft – und diese ist das höchste und letzte Stadium der kapitalistischen Entwicklung – kann einen Stillstand in den Fortschritten des Militarismus fĂŒr wahrscheinlich halten. Die Weltpolitik und der ihr dienende Militarismus zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, ist doch nichts andres als die spezifisch kapitalistische Methode, internationale GegensĂ€tze zugleich zu entwickeln und zum Austrag zu bringen.

Mit der Fortentwicklung des Kapitalismus und des Weltmarkts wachsen und steigern sich diese GegensĂ€tze zusammen mit den inneren KlassengegensĂ€tzen ins Ungemessene, bis sie zur Unmöglichkeit werden und die soziale Revolution herbeifĂŒhren. An die Möglichkeit, diese internationalen Konflikte abflauen, sich mildern und verwischen zu lassen, kann nur glauben, wer an die Milderung und Abstumpfung der KlassengegensĂ€tze, an die EindĂ€mmung der wirtschaftlichen Anarchie des Kapitalismus glaubt. Sind doch die internationalen GegensĂ€tze der kapitalistischen Staaten nur die andre Seite der KlassengegensĂ€tze, die weltpolitische Anarchie nur die Kehrseite der anarchischen Produktionsweise des Kapitalismus. Beide können nur zusammen wachsen und zusammen ĂŒberwunden werden. „Ein bißchen Ordnung und Friede“ ist deshalb genauso unmöglich, genauso eine kleinbĂŒrgerliche Utopie in bezug auf den kapitalistischen Weltmarkt wie auf die Weltpolitik, auf die EinschrĂ€nkung der Krisen wie auf die EinschrĂ€nkung der RĂŒstungen.

Werfen wir einen Blick auf die VorgĂ€nge der letzten 15 Jahre der internationalen Entwicklung. Wo zeigt sich da irgendeine Tendenz zum Frieden, zum AbrĂŒsten, zur schiedlichen Beilegung der GegensĂ€tze? Wir hatten in diesen 15 Jahren: 1895 den Krieg zwischen Japan und China, der das PrĂ€ludium der ostasiatischen Periode der Weltpolitik bildete, 1898 den Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten, 1899-1902 den Burenkrieg Englands in SĂŒdafrika, 1900 den Chinafeldzug der europĂ€ischen GroßmĂ€chte, 1904 den Russisch-Japanischen Krieg, 1904-1907 den deutschen Hererokrieg in Afrika; dazu kommt 1908 die militĂ€rische Intervention Rußlands in Persien, im gegenwĂ€rtigen Moment die MilitĂ€rintervention Frankreichs in Marokko, ohne der unaufhörlichen KolonialscharmĂŒtzel in Asien und in Afrika zu gedenken.

Schon die nackten Tatsachen zeigen also, das seit 15 Jahren beinahe kein Jahr ohne eine Kriegsaktion vergangen ist.

Doch wichtiger ist noch die nachhaltige RĂŒckwirkung jener Kriege. Dem Krieg mit China folgte in Japan eine militĂ€rische Reorganisation, die zehn Jahre spĂ€ter das Kriegsunternehmen gegen Rußland ermöglichte und Japan zur militĂ€rischen Vormacht im Stillen Ozean machte. Der Burenkrieg zog nach sich eine militĂ€rische Reorganisation Englands, die StĂ€rkung seiner bewaffneten Macht zu Lande. Der Krieg mit Spanien ist in den Vereinigten Staaten zum Ausgangspunkt einer Reorganisation der Kriegsflotte geworden und hat die Vereinigten Staaten zu einer Kolonialmacht mit weltpolitischen Interessen in Asien gemacht, den Keim des Interessengegensatzes zwischen den Vereinigten Staaten und Japan im Stillen Ozean geschaffen. Den Chinafeldzug begleitete in Deutschland eine grundlegende militĂ€rische Reorganisation, nĂ€mlich das große Flottengesetz des Jahres 1900, von dem das Wettrennen Deutschlands mit England zur See und die VerschĂ€rfung des Gegensatzes zwischen beiden Staaten datiert.

Weiter kommt aber eine andre hochwichtige Erscheinung hinzu, das soziale und politische Erwachen der HinterlĂ€nder, der Kolonien und der „InteressensphĂ€ren“ zum selbstĂ€ndigen Leben. Die Revolution in der TĂŒrkei, in Persien, die revolutionĂ€re GĂ€rung in China, in Indien, in Ägypten, in Arabien, in Marokko, in Mexiko sind ebenso viele Ausgangspunkte weltpolitischer GegensĂ€tze, Spannungen, militĂ€rischer Aktionen und RĂŒstungen. Gerade im Laufe der verflossenen anderthalb Jahrzehnte haben sich also die ReibungsflĂ€chen der internationalen Politik beispiellos vergrĂ¶ĂŸert, eine Reihe neuer Staaten sind in den aktiven Kampf auf der WeltbĂŒhne getreten, alle GroßmĂ€chte machten eine grĂŒndliche militĂ€rische Reorganisation durch.

Die GegensĂ€tze haben infolge all dieser VorgĂ€nge eine nie dagewesene Zuspitzung erreicht, und der Prozeß dauert immer weiter, da einerseits die GĂ€rung im Orient mit jedem Tage zunimmt, anderseits jede neue Vereinbarung zwischen den MilitĂ€rmĂ€chten unvermeidlich zum Ausgangspunkt neuer Konflikte wird. Die Revaler Entente zwischen Rußland, England und Frankreich, die JaurĂšs als eine GewĂ€hr des Weltfriedens feierte, fĂŒhrte zur VerschĂ€rfung der Krise auf dem Balkan, beschleunigte den Ausbruch der tĂŒrkischen Revolution, ermutigte Rußland zur militĂ€rischen Aktion in Persien und fĂŒhrte zur AnnĂ€herung zwischen der TĂŒrkei und Deutschland, die ihrerseits den deutsch-englischen Gegensatz zuspitzte. Die Potsdamer Vereinbarung hat die VerschĂ€rfung der Krise in China zur Folge, und von derselben Wirkung war die russisch-japanische VerstĂ€ndigung.

Rechnet man also einfach mit Tatsachen, so hieße es absichtlich die Augen verschließen, wenn man nicht einsehen wollte, das aus diesen Tatsachen alles andre denn eine Milderung der internationalen Konflikte und irgendwelche AnsĂ€tze zum Weltfrieden sprechen. Wie kann man angesichts dessen von Friedenstendenzen der bĂŒrgerlichen Entwicklung reden, die angeblich ihre Kriegstendenzen durchkreuzen und ĂŒberwinden? Worin sind sie zum Ausdruck gekommen? In der Kundgebung Sir Edward Greys und des französischen Parlaments? In der „RĂŒstungsmĂŒdigkeit“ der Bourgeoisie?

Aber die mittleren und die kleinbĂŒrgerlichen Schichten der Bourgeoisie stöhnen seit jeher ĂŒber die Last des Militarismus, genauso wie sie ĂŒber die VerwĂŒstungen der freien Konkurrenz, ĂŒber die wirtschaftlichen Krisen, ĂŒber die Gewissenlosigkeit der Börsenspekulation, ĂŒber den Terrorismus der Kartelle und Trusts stöhnen. Die Tyrannei der Trustmagnaten in Amerika hat sogar einen ganzen Aufruhr breiter Volksschichten und eine langwierige Aktion der Staatsgewalten gegen sie hervorgerufen. Erblickt etwa die Sozialdemokratie hierin die Anzeichen einer beginnenden EinschrĂ€nkung der Trustentwicklung, oder hat sie nicht vielmehr fĂŒr jenen kleinbĂŒrgerlichen Aufruhr ein mitleidiges Achselzucken und fĂŒr jene Staatsaktion nur ein höhnisches LĂ€cheln ĂŒbrig?

Die „Dialektik“ der Friedenstendenz der kapitalistischen Entwicklung, die ihre Kriegstendenz angeblich durchkreuzt und ĂŒber sie obsiegt, lĂ€uft einfach auf die alte Binsenwahrheit hinaus, dass die Rosen der kapitalistischen Profitmacherei wie der Klassenherrschaft eben auch fĂŒr die Bourgeoisie nicht ohne Dornen sind, die sie jedoch trotz Weh und Ach immer noch lieber um ihr Dulderhaupt, solange es geht, zu tragen vorzieht, als sie mitsamt dem Haupt auf den gutgemeinten Rat der Sozialdemokratie loszuwerden.

Dies den Massen auseinanderzusetzen, alle Illusionen in bezug auf die Friedensmache von bĂŒrgerlicher Seite rĂŒcksichtslos zu zerzausen, und die proletarische Revolution als den einzigen und ersten Akt des Weltfriedens zu erklĂ€ren, das ist die Aufgabe der Sozialdemokratie angesichts aller AbrĂŒstungspossen, ob sie in Petersburg, London oder Berlin arrangiert werden. Sich selbst und andern klaren Wein einschenken ist allezeit die beste praktische Politik fĂŒr die Partei des revolutionĂ€ren Proletariats gewesen. Und dies ist doppelt unsre Aufgabe in der beginnenden Agitation zu den Reichstagswahlen, wenn wir nicht bloß in die Breite, sondern auch in die Tiefe an Macht und Einfluß zunehmen wollen.

II

Das Utopische des Standpunkts, der eine FriedensĂ€ra und die RĂŒckbildung des Militarismus in der heutigen Gesellschaft erwartet, kommt deutlich darin zum Ausdruck, das er zur Projektemacherei Zuflucht nimmt. Es ist ja typisch fĂŒr utopische Bestrebungen, das sie, um ihre Realisierbarkeit zu beweisen, möglichst detaillierte „praktische“ Rezepte aushecken. Dahin gehört auch das Projekt der „Vereinigten Staaten Europas“ als Basis zur EinschrĂ€nkung des internationalen Militarismus.

„Wir unterstĂŒtzen“, sagte Genosse Ledebour in seiner Etatrede im Reichstag am 3. April, „alle die Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, die fadenscheinigen VorwĂ€nde fĂŒr die unaufhörliche KriegsrĂŒstung zu beseitigen. Wir fordern den wirtschaftlichen und politischen Zusammenschluß der europĂ€ischen Staaten. Ich bin fest ĂŒberzeugt: wenn auch sicher in der Zeit des Sozialismus, so kann es doch auch schon frĂŒher dazu kommen, das wir die Vereinigten Staaten von Europa erleben, wie wir heutigentags den Vereinigten Staaten von Amerika im Wettbewerb gegenĂŒberstehen. Wir stellen wenigstens an die kapitalistische Gesellschaft, an die kapitalistischen StaatsmĂ€nner die Forderung, das sie im Interesse der kapitalistischen Entwicklung in Europa selbst, um Europa spĂ€ter in der Weltkonkurrenz nicht vollkommen unter den Schlitten kommen zu lassen, diesen Zusammenschluß Europas zu den Vereinigten Staaten von Europa vorbereiten.“

Und in der Neuen Zeit vom 28. April schreibt Genosse Kautsky:

„Und die Verwirklichung solcher VerstĂ€ndigungen böte noch keine Garantie fĂŒr eine stĂ€ndige Fortdauer des Friedens, die das Gespenst des Krieges fĂŒr immer bannte. DafĂŒr gibt es heute nur einen Weg: die Vereinigung der Staaten der europĂ€ischen Zivilisation in einem Bunde mit gemeinsamer Handelspolitik, einem Bundesparlament, einer Bundesregierung und einem Bundesheer – die Herstellung der Vereinigten Staaten von Europa. GelĂ€nge dies, so wĂ€re Ungeheures erreicht. Diese Vereinigten Staaten besĂ€ĂŸen eine solche Übermacht, das sie ohne jeglichen Krieg alle andern Nationen, soweit sie sich ihnen nicht freiwillig anschlössen, dazu zwingen könnten, ihre Armeen aufzulösen, ihre Flotten aufzugeben. Damit hörte aber auch fĂŒr die neuen Vereinigten Staaten selbst jede Notwendigkeit einer Bewaffnung auf. Sie könnten nun nicht bloß auf alle weiteren RĂŒstungen, auf das stehende Heer, auf die Angriffswaffen zur See verzichten, deren Aufgeben wir heute schon fordern, sondern auch auf jegliches Mittel der Verteidigung, auf das Milizsystem selbst. Damit wĂ€re die Ära des ewigen Friedens sicher begrĂŒndet.“

ZunĂ€chst muß festgestellt werden, das diese Idee jedenfalls in der Parteiagitation ganz neu ist. Weder enthĂ€lt unser Minimalprogramm auch nur eine ErwĂ€hnung einer solchen Konstruktion, noch haben sich je unsre Parteitage oder internationale Kongresse damit befaßt, noch ist sie auch nur in der Parteiliteratur je ernstlich diskutiert worden. Und es hat gewiß sein Mißliches, wenn solche ad hoc, gewissermaßen aus dem Handgelenk geschaffenen EinfĂ€lle, die starke ZĂŒge eines Verlegenheitsprodukts an sich tragen, von der TribĂŒne des Parlaments offiziell im Namen der Gesamtpartei befĂŒrwortet werden. Es werden auf diese Weise nicht nur vor den bĂŒrgerlichen Gegnern, sondern auch in sozialistischen Kreisen im Auslande als Gedankenausdruck der deutschen Sozialdemokratie Ansichten vertreten, die schon, rein formal genommen, durchaus keinen Anspruch darauf erheben können.

So plausibel die Idee der Vereinigten Staaten Europas als einer Friedenskonvention auf den ersten Blick vielleicht manchem erscheinen mag, sie hat gleichwohl bei nÀherem Zusehen mit der Denkweise und den Standpunkten der Sozialdemokratie nicht das geringste zu tun.

Als AnhĂ€nger der materialistischen Geschichtsauffassung vertraten wir bis jetzt immer den Standpunkt, das die modernen Staaten als politische Gebilde nicht kĂŒnstliche Produkte einer schöpferischen Phantasie, wie z. B. das Herzogtum Warschau napoleonischen Angedenkens, sondern historische Produkte der wirtschaftlichen Entwicklung sind. Mag das Moment der dynastischen Interessen vom Mittelalter her die Grenzen und die Zusammensetzung der heutigen Staaten, wie z. B. der österreichisch-ungarischen Monarchie, noch sosehr bestimmend beeinflußt haben, die spĂ€ter hinzugetretene kapitalistische Entwicklung hat in dem losen Gemengsel von LĂ€ndern und Provinzen des Staates wirtschaftliche ZusammenhĂ€nge geschaffen, die gemeinsame Klassenherrschaft der Bourgeoisie hat den politischen Reifen um das Ganze gelegt.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in ihrer jetzigen Gestalt als enormes Wirtschaftsgebiet und politische Macht gleichfalls das Produkt eines Jahrhunderts kapitalistischer Entwicklung innerhalb gemeinsamer Staatsgrenzen.

Welche wirtschaftliche Grundlage liegt aber der Idee einer europĂ€ischen Staatenföderation zugrunde? Europa ist wohl ein geographischer und in gewissen Grenzen ein kulturhistorischer Begriff. Die Vorstellung jedoch von Europa als einem Wirtschaftsganzen widerspricht zwiefach der kapitalistischen Entwicklung. Einerseits bestehen innerhalb Europas unter den kapitalistischen Staaten – und solange diese existieren – die heftigsten KonkurrenzkĂ€mpfe und GegensĂ€tze, anderseits kommen die europĂ€ischen Staaten wirtschaftlich ohne die außereuropĂ€ischen LĂ€nder gar nicht mehr aus. Als Lieferanten der Lebensmittel, Rohstoffe und Fabrikate wie als Abnehmer derselben sind die ĂŒbrigen Weltteile mit Europa tausendfĂ€ltig verknĂŒpft. Bei dem heutigen Entwicklungsstadium des Weltmarkts und der Weltwirtschaft ist der Begriff von Europa als einem gesonderten Wirtschaftsganzen ein lebloses Hirngespinst. Europa bildet ebenso wenig ein in sich zusammenhĂ€ngendes besonderes Ganzes innerhalb der Weltwirtschaft wie Asien oder Amerika.

Ist die Idee des europĂ€ischen Zusammenschlusses wirtschaftlich lĂ€ngst ĂŒberholt, so nicht minder politisch. Sie ist im Grunde genommen nur ein demokratisch aufgeputzter Abklatsch der Idee vom Konzert der europĂ€ischen MĂ€chte, das als der bewegende Mittelpunkt, als die Zentralsonne des politischen Weltalls die Geschicke entschied. Die Zeiten aber, wo der Schwerpunkt der politischen Entwicklung und die Kristallisationsachse der kapitalistischen GegensĂ€tze auf dem europĂ€ischen Kontinent lagen, sind lĂ€ngst vorbei. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts und traditionell noch bis zur MĂ€rzrevolution lag der Mittelpunkt der internationalen Politik in dem Gebiet des aufgeteilten Polens, an der deutsch-russisch-österreichischen Grenze. In den fĂŒnfziger Jahren verschob er sich an den Bosporus. Die siebziger Jahre schufen mit dem Deutsch-Französischen Krieg einen neuen Schwerpunkt, um den sich der Zweibund und der Dreibund als die Pfeiler des europĂ€ischen Gleichgewichts gruppiert haben. Damals hĂ€tte die Utopie der europĂ€ischen Föderation wenigstens einen historischen Sinn gehabt.

Mit den achtziger Jahren begann aber eine ganz neue Ära der internationalen Politik – es setzten die Kolonialeroberungen mit erneuter Wucht ein, denen in den neunziger Jahren der allgemeine Wettlauf der Weltpolitik um ĂŒberseeische EinflußsphĂ€ren, in dem letzten Jahrzehnt das allgemeine Erwachen des Orients folgte. Heute ist Europa nur ein Glied in der wirren Kette internationaler ZusammenhĂ€nge und GegensĂ€tze. Und was das Entscheidende: Die europĂ€ischen GegensĂ€tze selbst spielen jetzt gar nicht mehr auf dem europĂ€ischen Kontinent, sondern in sĂ€mtlichen Weltteilen und Ozeanen.

Nur wenn man plötzlich all diese VorgĂ€nge und Verschiebungen aus den Augen verliert und sich in die seligen Zeiten des europĂ€ischen Konzerts zurĂŒckversetzt, kann man z. B. davon reden, das wir seit 40 Jahren einen ununterbrochenen Frieden haben. Dieser Standpunkt, fĂŒr den nur die VorgĂ€nge auf dem europĂ€ischen Kontinent existieren, bemerkt gar nicht, das wir gerade deshalb seit Jahrzehnten keinen Krieg in Europa haben, weil die internationalen GegensĂ€tze ĂŒber die engen Schranken des europĂ€ischen Kontinents ins ungemessene hinausgewachsen sind, weil europĂ€ische Fragen und Interessen jetzt auf dem Weltmeer und nicht in dem europĂ€ischen KrĂ€hwinkel ausgefochten werden. Die „Vereinigten Staaten Europas“ sind also eine Idee, die sowohl wirtschaftlich wie politisch dem Gang der Entwicklung direkt zuwiderlĂ€uft, von den VorgĂ€ngen des letzten Vierteljahrhunderts gar keine Notiz nimmt.

Das eine mit der Entwicklungstendenz so wenig ĂŒbereinstimmende Idee trotz aller radikalen AllĂŒren im Grunde genommen keine fortschrittliche Losung abgeben kann, bewahrheitet sich auch an dem Einfall der „Vereinigten Staaten Europas“. Nicht von sozialdemokratischen Parteien, sondern von bĂŒrgerlicher Seite ist bis jetzt von Zeit zu Zeit die Idee eines europĂ€ischen Zusammenschlusses aufgeworfen worden. Dies geschah aber jedes Mal mit deutlicher reaktionĂ€rer Tendenz. Es war z. B. der bekannte Sozialistenfeind Prof. Julius Wolf, der die europĂ€ische Wirtschaftsgemeinschaft propagierte. Sie bedeutete aber nichts andres als eine Zollgemeinschaft zum handelspolitischen Kriege gegen die Vereinigten Staaten von Amerika und ist auch so von sozialdemokratischer Seite aufgenommen und kritisiert worden.

Und jedes Mal, wo bĂŒrgerliche Politiker die Idee des EuropĂ€ertums, des Zusammenschlusses europĂ€ischer Staaten auf den Schild erhoben, da war es mit einer offenen oder stillschweigenden Spitze gegen die „gelbe Gefahr“, gegen den „schwarzen Weltteil“, gegen die „minderwertigen Rassen“, kurz, es war stets eine imperialistische Mißgeburt.

Und wenn wir als Sozialdemokraten jetzt versuchen sollten, diesen alten Schlauch mit neuem, scheinbar revolutionĂ€rem Wein zu fĂŒllen, so muß man sagen, das die Konsequenz jedenfalls nicht auf unsrer, sondern auf bĂŒrgerlicher Seite wĂ€re. Die Dinge haben eben ihre eigene, objektive Logik.

Und die Losung des europĂ€ischen Zusammenschlusses kann objektiv innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nur wirtschaftlich einen Zollkrieg mit Amerika und politisch einen kolonialpatriotischen Rassenkampf bedeuten. Der Chinafeldzug der vereinigten europĂ€ischen Regimenter mit dem Weltfeldmarschall Waldersee an der Spitze und dem Hunnenevangelium als Panier – das ist der wirkliche und phantastische, der einzig mögliche Ausdruck der „europĂ€ischen Staatenföderation“ in der heutigen Gesellschaft.

Aber sind wir ĂŒberhaupt noch mit den „Vereinigten Staaten Europas“ in der kapitalistischen Welt? Das ist das Schwierige an der Sache. Einerseits handelt es sich um eine Staatenföderation „mit gemeinsamer Handelspolitik, einem Bundesparlament, einer Bundesregierung und einem Bundesheer“, also wohl um eine bĂŒrgerliche Schöpfung. Und Genosse Ledebour verlangt auch ausdrĂŒcklich von den StaatsmĂ€nnern der heutigen Periode, das sie im wohlverstandenen Interesse des Kapitalismus selbst diesen Zusammenschluß Europas vorbereiten. Anderseits aber, wenn wir nach den Verwirklichungsmöglichkeiten dieses Projekts fragen, sagt uns Genosse Kautsky, der einzige Weg dazu wĂ€re – eine europĂ€ische Revolution. Nun ist, wie allgemein bekannt, heutzutage das Proletariat unter der FĂŒhrung der Sozialdemokratie die einzige Klasse, die eine Revolution machen könnte.

Die Verwirklichung der „Vereinigten Staaten Europas“, die als ein praktischer Weg zur EinschrĂ€nkung des heutigen Militarismus vorgeschlagen werden, soll also einzig und allein durch den Sieg des revolutionĂ€ren Proletariats, also nach der sozialen Revolution erst ermöglicht werden! Man weiß nicht, was an dieser Vorstellung mehr zu bewundern ist: die Herrschaft des sozialistischen Proletariats mit einer Bundesregierung und einem „Bundesheer“ oder die Aufforderung an die StaatsmĂ€nner der heutigen Periode, sie sollen „im wohlverstandenen Interesse des Kapitalismus selbst“ – die soziale Revolution vorbereiten.

VerrĂ€t somit die Idee des europĂ€ischen Staatenbundes selbst ihre utopische Natur durch dieses unsichere Schwanken zwischen der kapitalistischen und der sozialistischen Welt, so ist sie anderseits auch ganz unbrauchbar als Agitationslosung, zur konkreteren Vorstellung ĂŒber die Grundlagen der proletarischen Politik. Die Idee der europĂ€ischen Kulturgemeinschaft ist der Gedankenwelt des klassenbewußten Proletariats völlig fremd. Nicht die europĂ€ische SolidaritĂ€t, sondern die internationale SolidaritĂ€t, die sĂ€mtliche Weltteile, Rassen und Völker umfaßt, ist der Grundpfeiler des Sozialismus im Marxschen Sinne. Jede TeilsolidaritĂ€t aber ist nicht eine Stufe zur Verwirklichung der echten InternationalitĂ€t, sondern ihr Gegensatz, ihr Feind, eine Zweideutigkeit, unter der der Pferdefuß des nationalen Antagonismus hervorguckt.

Ebenso wie wir stets den Pangermanismus, den Panslawismus, den Panamerikanismus als reaktionÀre Ideen bekÀmpfen, ebenso haben wir mit der Idee des PaneuropÀertums nicht das geringste zu schaffen.

Unsre Agitatoren werden also wohl tun, bei der bevorstehenden Wahlkampagne von der so unverhofft und plötzlich hineingeworfenen Losung der „Vereinigten Staaten Europas“ keinen weiteren Gebrauch zu machen. Sie ist nur geeignet, die klaren Richtlinien unsrer internationalen Politik und unsrer revolutionĂ€ren Friedenspropaganda zu trĂŒben und zu verwĂ€ssern. Wir brauchen aber auch wahrhaftig solche neuen EinfĂ€lle nicht. Unsre bisherige Auffassung hat uns bis jetzt gute Dienste geleistet, sie hat uns das Ansehen bei den Gegnern und das Vertrauen von Millionen erworben. Wir haben keinen Grund, sie durch gewagte neue „ErlĂ€uterungen“ zu vernichten.

„Das Wort sie sollen lassen stahn.“