Autonome Waffen und die Politik

Autor: Tobias PflĂŒger

Die Haltung von Bundesregierung und Bundestag zum Themenkomplex Autonome Waffen

Autonome Waffensysteme, die selbststĂ€ndig agieren und Menschen töten, gelten zu Recht als Horrorvorstellung. Autonome Waffen sind „politisch inakzeptabel und moralisch abstoßend“, sagt UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres. Und auch die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt: „Autonome Waffensysteme, die der VerfĂŒgung des Menschen entzogen sind, lehnen wir ab. Wir wollen sie weltweit Ă€chten.“

Doch die Politik der Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD ist eine andere: Die Bundeswehr hat lĂ€ngst ein Auge darauf geworfen, wie Kameras, Sensoren, Datenverarbeitung und KĂŒnstliche Intelligenz die KriegsfĂŒhrung verĂ€ndern können. Automatisierter, schneller und effizienter soll die KriegsfĂŒhrung werden – auch bei der Bundeswehr.

Ein erster Schritt sollte die EinfĂŒhrung bewaffneter Drohnen werden. Daraus wird zwar vorerst nichts – die SPD hat Ende 2020 mehr Zeit gefordert, weil die Partei intern in dieser Frage gespalten ist. Aber vom Tisch sind die PlĂ€ne damit nicht, die Bundeswehr hĂ€lt weiter daran fest. Wie schon in der vom Verteidigungsministerium 2020 initiierten Drohnendebatte behauptet die Bundeswehr weiter, sie brauche bewaffnete Drohnen ausschließlich zum Schutz der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz.

Totgeschwiegen wird dabei, dass es lĂ€ngst weitergehende Planungen gibt. So ist das Future Combat Air System (FCAS), das europĂ€ische Kampflugzeug der nĂ€chsten Generation, als integriertes System geplant, das auch ĂŒber Satelliten und Drohnen verfĂŒgt. Beim FCAS geht es nicht nur darum, den Eurofighter zu ersetzen, sondern auch um „die Entwicklung einer Technologie zumindest teilautonomer bewaffneter Drohnen“, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik schreibt.

Teil des Future Combat Air Systems soll auch die von Anfang an bewaffnet geplante Eurodrohne werden, fĂŒr die zusĂ€tzliche 232 Millionen Euro im nĂ€chsten Haushalt veranschlagt sind. „Die unbemannten Systeme werden die FĂ€higkeiten des gesamten Projektes entscheidend prĂ€gen und dessen Überlebens- und DurchsetzungsfĂ€higkeit gewĂ€hrleisten“, schrieb das Bundesverteidigungsministerium 2018 auf seiner Homepage. Das FCAS werde „sowohl bereits existierende als auch zukĂŒnftige bemannte und unbemannte Komponenten in einem interoperablen Verbund vereinen. Genannt seien hier beispielsweise der Eurofighter und das Drohnenprojekt Eurodrohne“.

Auch ein Bericht des Ausschusses fĂŒr AuswĂ€rtige Angelegenheiten, Verteidigung und StreitkrĂ€fte des französischen Parlaments ĂŒber das FCAS von 2020 verdeutlicht, dass KĂŒnstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung hier zentral sind, denn sonst könnte sich die französische Armee kĂŒnftigen Gegnern „in der Situation (
) des besten Schachspielers der Welt gegenĂŒbersehen, der nach allgemeiner Ansicht heute keinen einzigen Satz gegen eine kĂŒnstliche Intelligenz mehr gewinnen könnte“.

Die Regierungen Frankreichs, Deutschlands und Spaniens wollen „Europa zu einer der fĂŒhrenden MĂ€chte in autonomer KriegsfĂŒhrung entwickeln“, warnt der KI-Forscher Jakob Foerster von der UniversitĂ€t Toronto im Tagesspiegel. „Autonome KriegsfĂŒhrung ist keine ferne Dystopie. KI und damit verbundene, bisher kaum vorstellbare technologische Möglichkeiten, entwickeln sich rasant.“

Mit der „Strategie KĂŒnstliche Intelligenz“ treibt die Bundesregierung diese Entwicklung selbst voran – und zwar explizit auch im militĂ€rischen Bereich: „KI ist integraler Bestandteil wesentlicher RĂŒstungsprojekte, welche auch im europĂ€ischen Kontext umgesetzt werden und somit zum Erhalt und zur Förderung europĂ€ischer, technologischer Exzellenz beitragen. (
) KI dient mit Blick auf die nationale und internationale technologische Entwicklung im RĂŒstungsbereich der Sicherstellung der fĂŒr die Landes- und BĂŒndnisverteidigung kĂŒnftig erforderlichen FĂ€higkeiten.“ 1

Auch die Bundeswehr hat KĂŒnstliche Intelligenz und ihren Einsatz in Waffensystemen lĂ€ngst fĂŒr sich entdeckt. Bereits heute setzt die Bundeswehr laut Antwort der Bundesregierung vom 8. Dezember 2020 KĂŒnstliche Intelligenz ein bei der Gesundheitsversorgung, bei SprachĂŒbersetzungen, aber vor allem im Lagezentrum fĂŒr den Cyber- und Informationsraum zur „Erstellung eines fusionierten Lagebildes“ und kĂŒnftig bei der „zivil-militĂ€rischen, ressortĂŒbergreifenden KrisenfrĂŒherkennung bei der Analyse von Massendaten und fĂŒr Prognosen zum Einsatz“. Generell gelte: „Ziel ist es, mögliche Innovationsgewinne, wie etwa einen effizienteren Einsatz von Personal oder die Erhöhung der Reaktionsgeschwindigkeit durch Beherrschbarkeit von immer grĂ¶ĂŸeren Datenmengen und KomplexitĂ€ten, zu erreichen.“

In dem Positionspapier „KĂŒnstliche Intelligenz in den LandstreitkrĂ€ften“ des Amtes fĂŒr Heeresentwicklung geht die Bundeswehr noch weiter. Hier werden die vielen neuen Möglichkeiten gelobt, KI in bestehenden oder neuen Waffensystem einzusetzen. „Alle derzeit vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass mit Nutzbarmachung von KI-Methoden und KI-Verfahren in den LandstreitkrĂ€ften deren Effizienz und EffektivitĂ€t deutlich gesteigert werden können“, heißt es dort.

Das werde die KriegsfĂŒhrung verĂ€ndern: „Ein zentrales Element der zukĂŒnftigen GefechtsfĂŒhrung ist die Kombination klassischer GefechtsfĂŒhrung mit Wellen von Cyberangriffen und Angriffen durch große Mengen automatisiert und autonom gesteuerter Systeme. Dieser Ansatz wird derzeit in der NATO unter dem Begriff ‚Hyperwar‘ diskutiert. Die KI ist hier sowohl ‚Enabler‘ fĂŒr den Einsatz automatisiert und autonom gesteuerter Systeme als auch fĂŒr die Beschleunigung des FĂŒhrungsprozesses durch den gezielten Einsatz KI-basierter EntscheidungsunterstĂŒtzungssysteme.“

Das Positionspapier fordert „Taktische unbemannte Flugsysteme“ (TaUAS) fĂŒr Aufgaben „von der AufklĂ€rung ĂŒber Sperren bis hin zu offensiven Wirkmitteln“. Der Trick dabei ist, dass die Bundeswehr diese nicht als Letale Autonome Waffensysteme (LAWS) einstuft, sondern als „automatische“ Waffensysteme. LAWS sind nach dieser Definition nur solche, die „allein gegen Personen“ und „ohne jegliche menschliche Einflussnahme“ agieren. Eine Ă€hnliche Argumentation brachte die Bundesregierung bei den Verhandlungen ĂŒber ein Verbot Tödlicher Autonomer Waffensysteme in Genf vor: Die dort von deutschen Diplomaten vorgetragene Definition schließt unter anderem LernfĂ€higkeit und „Eigenwahrnehmung“ ein. Damit wird die Latte so hoch gelegt, dass Waffensysteme der Bundeswehr mit kĂŒnstlicher Intelligenz noch lange nicht die Definition eines autonomen Waffensystems erfĂŒllen werden.

De facto torpediert die Bundesregierung also das Ziel, autonome Waffensysteme zu Ă€chten. Dabei wĂ€re ein internationales Verbot Autonomer Waffensysteme extrem wichtig: „Nicht zuletzt aufgrund der großen Dynamik der technologischen Entwicklung in den Bereichen Robotik und kĂŒnstlicher Intelligenz ist es von herausragender Bedeutung, AWS-bezogene Mechanismen der prĂ€ventiven RĂŒstungskontrolle zu etablieren“, warnt der Bericht des Ausschusses fĂŒr Bildung, Forschung und TechnikfolgenabschĂ€tzung des Bundestages vom 21. 10. 2020. Derzeit gebe es noch ein „Fenster von Möglichkeiten“, das sich aber „mit fortschreitender technologischer Entwicklung und der kontinuierlichen Integration autonomer Funktionen in Waffensysteme aller Art“ schließe.

Es braucht also gerade jetzt entschiedene Anstrengungen, um die Verhandlungen in Genf zum Abschluss zu bringen und ein weltweites Verbot Letaler Autonomer Waffensysteme zu vereinbaren. Genau wie bei Antipersonenminen und Streumunition lĂ€sst sich so ein Verbot allerdings wohl nur noch erreichen, wenn es großen zivilgesellschaftlichen Druck von außerhalb der UN-Strukturen gibt.

Anmerkung

1 Deutscher Bundestag Drucksache 19/2509, Unterrichtung durch die Bundesregierung, Strategie KĂŒnstliche Intelligenz der Bundesregierung – Fortschreibung 2020

Veröffentlichung am 4.3.2021 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)