Cyber Valley, MPI und US-Geheimdienste
Autor: Christoph Marischka
Ein militÀrisch-forschungsindustrieller Komplex?
FĂŒhrende Thinktanks, Politiker*innen und MilitĂ€rs betonen in den letzten Jahren verstĂ€rkt die Relevanz KĂŒnstlicher Intelligenz fĂŒr militĂ€rische Anwendungen und damit auch die geopolitische Rolle des jeweiligen Landes oder Blocks auf der WeltbĂŒhne. So soll der russische PrĂ€sident Putin in einer Videoansprache am 1. September 2017 die Behauptung aufgestellt haben, dass derjenige, der bei der KI-Entwicklung fĂŒhren werde, die Welt beherrschen werde.[1] Die damalige StaatssekretĂ€rin fĂŒr RĂŒstung im deutschen Verteidigungsministerium, Katrin Suder, Ă€uĂerte sich in einer Sonderausgabe der Zeitschrift âInternationale Politikâ im Sommer 2018 ganz Ă€hnlich: âwer es schafft, die beste KI zu entwickeln, hat [âŠ] einen Verteidigungs- oder gar Angriffsvorteilâ.[2] Sekundiert und bisweilen gar ĂŒbertönt wird die sicherheitspolitische Community hinsichtlich der militĂ€rischen bzw. geopolitischen Relevanz KĂŒnstlicher Intelligenz oft von Risikokapitalgeber*innen, Beratungsunternehmen und auch Wissenschaftler*innen.[3]
Entsprechend horchte u.a. die Friedensbewegung in TĂŒbingen auf, nachdem bekannt wurde, dass mit dem Cyber Valley zwischen Stuttgart und TĂŒbingen ein neues, europaweit fĂŒhrendes und weltweit sichtbares Zentrum fĂŒr die Entwicklung KĂŒnstlicher Intelligenz entstehen soll. Die Informationsstelle Militarisierung etwa vertrat folgende These: âSollte das Cyber Valley â mit dem ja nicht nur die Obere Viehweide (auf einem Berg) in TĂŒbingen, sondern das gesamte Neckartal zwischen TĂŒbingen und Stuttgart gemeint ist â sich entsprechend den gegenwĂ€rtig noch etwas groĂspurig wirkenden Ziele entwickeln, ist absehbar, dass sich die Region zu einem neuen RĂŒstungsstandort entwickeln wird â ganz unabhĂ€ngig von den Intentionen der Beteiligtenâ.[4] Anhaltspunkte fĂŒr diese These war u.a. die Beteiligung des RĂŒstungsunternehmens ZF Friedrichshafen und der Konzerne Daimler und Amazon als âKernpartnerâ des Cyber Valleys, die ebenfalls als Zulieferer und Dienstleister des MilitĂ€rs tĂ€tig sind.
Der Redaktionsleiter des SchwĂ€bischen Tagblattes reagierte damals geradezu ausfallend mit seiner mittlerweile im lokalen Kontext berĂŒhmt gewordenen Brotmesser-Analogie: âStimmungsmache statt Fakten. Der Text klingt sachlich, vermischt aber alles Mögliche, das rein gar nichts miteinander zu tun hat, zu einer Suppe, die dann giftig ist [âŠ] Grundlagenforschung ist Grundlagenforschung, ein Brotmesser bleibt ein Brotmesser, auch wenn jemand mal damit jemanden verletzt oder umbringt. [âŠ] Will die Linke kĂŒnftig alle Brotmesser verbieten? Das ist die âLogikâ hinter der Böse-Böse-Panikmacheâ.[5] Auf eine erste Kundgebung gegen das Cyber Valley reagierte er mit einem Beitrag, in dem v.a. die Pressesprecher*innen des Forschungsprojektes zu Wort kamen. Auch hier spielten mögliche militĂ€rische Anwendungen eine Rolle. Unter dem Titel âzivile Grundlagenforschungâ wurde den Pressesprecher*innen die Frage gestellt: âLĂ€sst sich die KI-Forschung in TĂŒbingen fĂŒr militĂ€rische Zwecke missbrauchen?â Die Antwort war eindeutig: ââWir haben keinerlei Projekte, die in diese Richtung gehenâ, legt sich [Forschungskoordinator Matthias] Tröndle fest. Und auch [Cyber-Valley-Koordinatorin Tamara] Almeyda ist deutlich: âWir machen keine militĂ€rische Forschung.â Im Gegenteil: âViele Wissenschaftler engagieren sich dagegenââ.[6]
Die Fragen um die militĂ€rische Relevanz und Nutzbarkeit der Forschung im Cyber Valley war â neben etwa den Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt â durchgehend ein Thema bei den Auseinandersetzungen um den Forschungscampus. Die UniversitĂ€t behauptet in ihren FAQs zum Cyber Valley bis heute: âNein, es gibt keine RĂŒstungsforschung â weder im Rahmen der Cyber Valley Initiative noch innerhalb der UniversitĂ€ten und der Max-Planck-Institute. Dies ist alleine schon durch die Zivilklausel der UniversitĂ€t TĂŒbingen sowie die Regeln der Max-Planck-Gesellschaft zum verantwortungsvollen Umgang mit Forschungsfreiheit und Forschungsrisiken ausgeschlossen. Jedoch muss auch in der wissensgetriebenen Grundlagenforschung die sogenannte âDual Useâ-Problematik beachtet werden: Ergebnisse der Grundlagenforschung sind meist nicht vorhersehbar und lassen sich vielfach ebenso fĂŒr nĂŒtzliche wie auch fĂŒr zerstörerische Zwecke nutzen. In diesem komplexen Spannungsfeld von Nutzen und Risiken ist die Forschung in der Max-Planck-Gesellschaft und den UniversitĂ€ten dem Wohl der Menschheit und dem Schutz der Umwelt verpflichtetâ.[7]
Interessanterweise wurde der Vorwurf konkreter âRĂŒstungsforschungâ von den Kritiker*innen so gut wie nie erhoben, sondern ihnen vielmehr in den Mund gelegt, um ihn sogleich empört zurĂŒck zu weisen. Problematisiert wurde vielmehr die Schwerpunktsetzung auf ein rĂŒstungspolitisch relevantes Thema mit Beteiligung von auch in der RĂŒstung tĂ€tigen Unternehmen unter der erklĂ€rten Absicht einer schnellen Kommerzialisierung neuer Forschungsergebnisse. Gewarnt wurde wie gesagt vor der âTransformation in einen RĂŒstungsstandortâ und der Herausbildung eines âmilitĂ€risch-forschungsindustriellen Komplexesâ.[8] Neben den (im engeren Sinne) militĂ€rischen Anwendungen stand dabei stets auch die mögliche und naheliegende Entwicklung von Technologien in der Kritik, die selbst bei ihrer âzivilenâ Anwendung â etwa beim Grenzschutz und der âintelligenten VideoĂŒberwachungâ â problematisch wĂ€ren. So war auch im âantimilitaristischen und ĂŒberwachungskritischen Aufrufâ zu o.g. Kundgebung keine Rede von âRĂŒstungsforschungâ, wohl aber dem Dual-Use-Charakter dieser Technologien: âEs geht jedoch bei der ausufernden Ăberwachung nicht nur um mutmaĂliche âKriminelleâ, auch Arbeitsuchende, Mieter*innen und Konsument*innen sind Gegenstand einer kontinuierlichen Klassifikation: Bei der Bewerbung um einen Job, eine Wohnung, beim Abschluss einer Versicherung und alltĂ€glich bei der Arbeit unterliegen wir dem, was die Mathematikerin und ehemalige Hedgefond-Programmiererin Cathy OâNeil âWeapons of Math Destructionâ nennt: Der automatisierten Auswertung ĂŒber uns gesammelter Daten, die weder wir, noch die Anwender_innen noch durchschauen, die aber Leben physisch, sozial und ökonomisch vernichten könnenâ.[9] Auf diese Kritik wurde v.a. damit reagiert, dass man sich verbal scharf von der KI-Forschung in den USA und China abgrenzte und gerade damit die Notwendigkeit entsprechender Forschung in Europa, Deutschland und TĂŒbingen unterstrich, damit âunsere Werteâ in diese Technologien einflieĂen könnten.
Die IARPA forscht mit
Nun wurde bekannt, dass eine der Cyber-Valley-Forschungsgruppen das IARPA-Programm MICrONs als Finanzierungsquelle angibt. Bei der IARPA handelt es sich um die gemeinsame Forschungsagentur der 16 US-Geheimdienste, der sog. âIntelligence Communityâ. Sie wurde 2006 auf der Grundlage des âBĂŒros fĂŒr disruptive Innovationenâ der National Security Agency (NSA) nach dem Vorbild der DARPA â der Forschungsagentur des Pentagons â aufgebaut. Auf ihrer Homepage beschreibt sie ihre Aufgabe damit, âdie langfristigen BedĂŒrfnisse der Intelligence Community zu antizipieren und dieser Forschung und technische FĂ€higkeiten zur VerfĂŒgung zu stellenâ.[10] Im Gegensatz zur DARPA, die in der Breite und FlĂ€che eine schier unĂŒberschaubare Zahl von Programmen und Projekten fördert und aus der US-Forschungslandschaft kaum wegzudenken ist (sie damit auch wesentlich strukturiert), verfolgt die IARPA im aktuellen Förderzyklus ânurâ 31 Programme, von denen eines MICrONs ist, mit dem das Cyber Valley und Amazon auf verschiedene Arten verbunden sind.
Aktuell gibt die IARPA vier Forschungsschwerpunkte an: Der Bereich âAnalyseâ strebt danach, âdie Einsicht, die sich aus den von uns gesammelten Informationen ergibt, zu maximierenâ (seeks to maximize insight from the information we collect). Unter dem Stichwort âantizipierende AufklĂ€rungâ werden âTechnologien entwickelt, die EntscheidungstrĂ€ger*innen mit aktuellen und akkuraten Prognosen fĂŒr eine Bandbreite von Ereignisse versorgen, die fĂŒr die nationale Sicherheit relevant sein könnenâ (develops technologies that provide decision makers with timely and accurate forecasts for a range of events relevant to national security). Der Bereich âCollectionâ zielt darauf ab, âden Wert der gesammelten Daten qualitativ zu verbessernâ (strives to dramatically improve the value of collected data from all sources). Unter dem sehr allgemeinen Begriff âComputingâ werden zuletzt Anstrengungen zusammengefasst, um âneuen FĂ€higkeiten unserer Gegenspieler entgegenzuwirken, die unseren Möglichkeiten, in einer vernetzten Gesellschaft frei und effektiv zu handeln, behindern könntenâ (to counter new capabilities implemented by our adversaries that could threaten our ability to operate freely and effectively in a networked world).[11] Dabei geht es in einem weiteren Sinne um die Cybersicherheit und in einem sehr allgemeinen Sinne um die Erhöhung der Rechenleistung. Letztere soll v.a. auch ermöglichen, die eigene Kommunikation zu verschlĂŒsseln, wĂ€hrend die VerschlĂŒsselung von âGegenspielernâ geknackt werden kann. Auch wenn in allen vier Bereichen auch recht grundsĂ€tzliche Forschung stattfindet, so ist ein Bezug zur âNationalen Sicherheitâ der USA dabei zwingend und in jedem Fall ausformuliert. Unter âNationaler Sicherheitâ wird in den USA eine groĂe Bandbreite von Zielen verstanden, die âInnere Sicherheitâ, die Verteidigung im engeren Sinne sowie die Sicherung einer globalen Vormachtstellung zusammenfassen.
Das Projekt MICrONs wurde der interessierten Fachöffentlichkeit bei einem sog. âProposers Dayâ am 17. Juli 2014 vorgestellt. Die entsprechende PrĂ€sentation findet sich bis heute auf der Homepage der IARPA.[12] Diese PrĂ€sentation zielt explizit darauf ab, das Publikum ĂŒber den Charakter der IARPA aufzuklĂ€ren und ĂŒber die Besonderheiten bei der Zusammenarbeit mit der IARPA zu informieren. Bereits zu Beginn enthĂ€lt sie eine Folie zur âIntelligence Communityâ als Auflistung der Geheimdienstbehörden und TeilstreitkrĂ€fte, denen die IARPA zuarbeitet, darunter das FBI, die CIA, die NSA, die Defence Intelligence Agency, die Army, die US-Luftwaffe, die US-Marine und das Departement of Homeland Security. Im abschlieĂenden Abschnitt wird zwei mal unmittelbar hintereinander und nahezu wortgleich festgehalten: âDies ist anwendungsorientierte Forschung fĂŒr die Intelligence Communityâ (Folie 64). Zwei weitere Folie beschĂ€ftigen sich mit den Urheber- und Publikationsrechten, die grundsĂ€tzlich (d.h. abweichende Regelungen sind möglich) der US-Regierung Zugriff auf die Urheberrechte ermöglichen und Publikationen im Rahmen der Projekte ermutigen, eine vorhergehende Vorlage bei der IARPA mit Widerspruchsrecht jedoch vorsehen (Folie 58). Beworben hat sich auf das Programm u.a. eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Andreas Tolias vom Baylor College of Medicine in Houston, Texas, gemeinsam mit Matthias Bethge von der UniversitĂ€t TĂŒbingen und dem Max-Planck-Institut fĂŒr biologische Kybernetik, ebenfalls in TĂŒbingen. Insgesamt wurden drei solcher Forschungsgruppen im Rahmen von MICrONs beauftragt, die Gruppe unter Leitung von Tolias und Beteiligung von Bethge (NINAI) war eine davon.
Wie die IARPA nach TĂŒbingen kam
Matthias Bethge hatte Physik in Göttingen studiert und war seit 2005 unter Bernhard Schölkopf am Max Planck Institut fĂŒr biologische Kybernetik beschĂ€ftigt und erforschte damals bereits mit âpsychophysikalischenâ Methoden das Sehen von SĂ€ugetieren. 2009 erhielt er zusĂ€tzlich einen Lehrstuhl fĂŒr âComputational Neuroscienceâ am Institut fĂŒr theoretische Physik der UniversitĂ€t TĂŒbingen. 2010 wurde er Koordinator des damals gegrĂŒndeten TĂŒbinger Bernstein-Zentrums zur Erforschung der Sinneswahrnehmung, seit 2018 ĂŒbernimmt er dieselbe Funktion beim TĂŒbingen AI Center (TUEAI), einem von vier solchen Zentren bundesweit, die ebenso wie das Bernstein-Netzwerk vom BMBF (Bundesministerium fĂŒr Bildung und Forschung) finanziert werden. Bethge selbst gibt auf seiner Homepage[13] eine Förderung durch die IARPA seit 2015 â also seit Beginn des MICrONs-Programms â an. Die Forschungsdatenbank der UniversitĂ€t TĂŒbingen (FIT) nennt fĂŒr die ZeitrĂ€ume 2017-2019 (Phase 2) und 2019-2021 (Phase 3) die IARPA als Drittmittelgeber fĂŒr Bethge.
Neben dem âBethgelabâ gibt die Cyber-Valley-Forschungsgruppe âNeuronal Intelligenceâ das IARPA-Programm MICrONs als Finanzierungsquelle an.[14] Bei diesen Forschungsgruppen handelt es sich â neben Stiftungsprofessuren â um den eigentlichen bzw. formalen Kern des Cyber Valleys. In jener Pressemitteilung aus dem Dezember 2016, die ĂŒber die Unterzeichnung des entsprechenden Kooperationsvertrages zwischen Industrie, Landesregierung und UniversitĂ€ten berichtete und damit die Ăffentlichkeit ĂŒber das Forschungsprogramm informierte, hieĂ es bereits: âIn einem ersten Schritt werden neun und spĂ€ter weitere fĂŒnf Cyber Valley Forschungsgruppen eingerichtet, die durch das Land, die Kernpartner [aus der Industrie] sowie durch ein Konsortium baden-wĂŒrttembergischer Stiftungen finanziert werdenâ. Unter dem Titel âCyber Valley zieht Forschungsgruppenleiter aus aller Welt anâ informierte das Cyber Valley dann im Mai 2018: âDas Cyber Valley wĂ€chst um zehn neue Forschungsgruppen, die an der Weltspitze der Forschung im Bereich kĂŒnstliche Intelligenz stehen. Die Gruppen erhalten eine umfangreiche wissenschaftliche Ausstattung und werden von jungen Spitzenforschern geleitet, die in einem hoch selektiven Auswahlverfahren aus aller Welt rekrutiert wurdenâ.[15] Als einer dieser Forschungsgruppenleiter wurde Fabian Sinz vorgestellt: âDr. Fabian Sinz wird ab Herbst die Gruppe âNeuronal Intelligenceâ an der UniversitĂ€t TĂŒbingen leiten. Dort wird er sich mit neuronalen Schaltkreisen im Gehirn beschĂ€ftigen â den Bausteinen intelligenter Systeme. Ein zentrales Ziel seiner KI-Forschung ist es, intelligente Systeme zu entwickeln, die so vielseitig sowie lern- und leistungsfĂ€hig sind wie SĂ€ugetiergehirneâ. Worin das âhoch selektive Auswahlverfahrenâ bestand und ob es sich nicht eher um alte Seilschaften handelte, bleibt in der PresseerklĂ€rung offen. Allerdings verheimlicht sie nicht, dass Sinz âBioinformatik und Philosophie in TĂŒbingen studiertâ und anschlieĂend bei Matthias Bethge seine Doktorarbeit am Max Planck Institut fĂŒr biologische Kybernetik geschrieben und dort auch mit Bernhard Schölkopf zusammengearbeitet hat. Weiter heiĂt es in der Vorstellung des neuen Forschungsgruppenleiters: âFĂŒr seinen zweiten Postdoc wechselte er in das Labor von Andreas Tolias am Baylor College of Medicine (BCM) in Houston, wo er aktuell am visuellen System von MĂ€usen forscht und vor kurzem zum Research Assistant Professor befördert wurdeâ. Unmittelbar vor seiner Berufung als Forschungsgruppenleiter nach TĂŒbingen war er also beim Leiter der IARPA-Forschungsgruppe NINAI im Rahmen des MICrONs-Programms tĂ€tig und forschte hier zum âvisuellen System von MĂ€usenâ, um das es auch bei MICrONs geht. Seine Forschungsgruppe gibt seit 2018 ebenfalls das IARPA-Programm als Finanzierungsquelle an â ebenso wie sein ehemaliger Doktorvater Bethge.
Man kann also mit groĂer Sicherheit davon ausgehen, dass fĂŒhrenden Figuren des Cyber Valley spĂ€testens 2018 bekannt gewesen sein dĂŒrfte, dass mit Fabian Sinz und seiner Arbeitsgruppe auch weitere Teile der IARPA-Forschungsgruppe NINAI nach TĂŒbingen kommen wĂŒrden und zwar im Rahmen der Cyber-Valley-Struktur. Vor diesem Hintergrund erschient die öffentliche Kommunikation ĂŒber das Cyber Valley, die sich scharf von militĂ€rischen Interessen, Ăberwachungstechnologien und dem US-amerikanischen Ansatz der Forschung abgrenzte, zumindest unaufrichtig.
MICrONs: Grundlagenforschung fĂŒr wen und warum?
Nachdem die IARPA-Beteiligung am Cyber Valley zwei Jahre spĂ€ter öffentlich bekannt und u.a. durch das âBĂŒndnis gegen das Cyber Valleyâ, das TĂŒbinger Friedensplenum/AntikriegsbĂŒndnis und die Linke Gemeinderatsfraktion problematisiert wurde,[16] reagierten die UniversitĂ€t und die beteiligten Forscher*innen, wie zu erwarten war: âBeim MICrONS-Projekt ginge es [âŠ] nicht um geheimdienstliche Anwendung, sondern um âfreie Grundlagenforschungââ, so Fabian Sinz gegenĂŒber dem Reutlinger Generalanzeiger (GEA). âDie Ergebnisse von MICrONS sind aus unserer Sicht weder unmittelbar geheimdienstlich noch militĂ€risch nutzbarâ, wird im selben Beitrag die Uni zitiert. Diese habe âdas Projekt vor Beginn der Förderung geprĂŒft und als unbedenklich eingestuftâ. AuĂerdem verweist Sinz darauf, âdass man bei dem Projekt nur ein Partner eines groĂen Forschungsverbundes sei. Den eigentlichen Zuschlag bekam nĂ€mlich das Baylor College of Medicine in Houston, Texas, das dieses Teilprojekt nach TĂŒbingen weiterreichteâ. Der Pressesprecher der UniversitĂ€t TĂŒbingen Karl G. Rijkhoek wird gar mit der Aussage zitiert, â[n]ichts am Projekt MICrONS sei geheim und ânichts davon ist von einem Geheimdienst nutzbarââ.[17] Das freilich ist in dieser PauschalitĂ€t eine gewagte These.
Der GEA beschreibt den Inhalt des Projektes MICrONs folgendermaĂen: âKonkret gehe es darum, âdas fĂŒr das Sehen zustĂ€ndige Hirnareal von MĂ€usen zu analysieren und Erkenntnisse auf technische Systeme zu ĂŒbertragen, maĂgeblich mit Methoden des Maschinellen Lernensâ, erlĂ€utert die Pressestelle der UniversitĂ€t TĂŒbingen. Die grundlegende Frage hierbei ist, âwarum wir mit unserem Sehsystem mĂŒhelos Dinge in komplexen Situationen erkennen und einordnen können, wĂ€hrend rechnerbasierte Systeme daran immer noch regelmĂ€Ăig scheiternââ. Ziel sei die âHirnforschung fĂŒr Maschinelle Intelligenz, um eine weniger kĂŒnstliche Intelligenz zu konstruierenâ, so lautet die kurze Beschreibung auf der Homepage der Forschungsgruppe NINAI.[18] Die IARPA fasst das Ziel des MICrONs-Programms prĂ€gnant mit einem âReverse-Engeneering des Gehirnsâ zusammen. Hierzu soll ein Quadrahtmillimeter des visuellen Kortex von MĂ€usen vermessen und quasi beim Denken bzw. âErkennenâ beobachtet werden, um daraus Algorithmen fĂŒr sog. KĂŒnstliche Neuronale Netze abzuleiten. Hiervon erhofft sich die IARPA eine âRevolutionierung des Maschinellen Lernensâ.[19]
Worin diese bestehen soll, verdeutlicht ein Beitrag der Technology Review des MIT ĂŒber das MICrONs-Programm. Ein beteiligter, David Cox aus Harvard, beschreibt darin die bisherigen Probleme des Maschinellen Lernens: Wenn man eine KI dazu bringen wolle, Hunde zu erkennen, mĂŒsse man ihr erst âtausende Dinge zeigen, die Hunde sind und tausende Dinge, die keine Hunde sindâ. Seiner Tochter hingegen habe ein Hund gereicht, um seit dem Hunde von anderen Dingen unterscheiden zu können. Das meint auch die Forschungsgruppe NINAI mit ihrer Zielvorgabe, eine âweniger kĂŒnstliche Intelligenzâ zu schaffen. Die IARPA hat hierfĂŒr recht konkrete Vorgaben nicht nur zum Umfang des zu untersuchenden Hirnareals gemacht, sondern auch zur zetlichen und rĂ€umlichen Auflösung, in der neuronale AktivitĂ€ten aufgezeichnet werden sollen. Laut Technology Review ergeben sich daraus wohl etwa 100.000 Neuronen und ca. eine Milliarden. Synapsen, deren TĂ€tigkeiten ĂŒberwacht werden sollen â nach Vorstellung der IARPA mit vier Hertz, also sozusagen vier Aufnahmen pro Sekunde.
Die drei Forschungsgruppen, darunter NINAI mit wesentlicher TĂŒbinger Beteiligung, die letztlich den Zuschlag von der IARPA erhielten, unterscheiden sich u.a. danach, welche neuronalen AktivitĂ€ten sie dabei wie erfassen. Es werden fluoreszierende Proteine injiziert, mithilfe modifizierter Viren Neuronen individuell etikettiert[20] und/oder MĂ€usehirne in hauchdĂŒnne Scheiben zerschnitten und anschlieĂend kartiert. Es ist davon auszugehen, dass die MĂ€use zwischenzeitlich dazu gebracht werden, Kategorisierungsaufgaben zu erfĂŒllen,[21] bevor sie getötet werden. Gemeinsam ist allen AnsĂ€tzen, dass riesige Datenmengen anfallen. Aus diesen sollen dann Algorithmen abgeleitet werden, nach denen das Gehirn vermeintlich arbeitet, um diese in Computersystemen zu modellieren. Ziel ist es, zu einer Ă€hnlichen Leistung beim Erkennen und Kategorisieren von GegenstĂ€nden zu kommen, wie die untersuchten SĂ€ugetiere. Als konkrete Aufgabenstellung wurde dabei von der IARPA das âScene Parsingâ, also die Zerlegung komplexer Szenerien in einzelne GegenstĂ€nde und VorgĂ€nge, ausgegeben â nicht nur, weil es dafĂŒr âzahlreiche Anwendungen in der Geheimdienstarbeit gibtâ, sondern auch weil es sich um die âeinfachste schwere Aufgabeâ handele, anhand derer sich der grundsĂ€tzliche Erfolg bewerten lieĂe.[22] AuĂerdem wurde ausgegeben, dass diese Modellierung neurologischer VorgĂ€nge von der sensorischen Verarbeitung abstrahierbar sein und also auf alle möglichen Arten von Daten anwendbar sein sollte.
Big-Data-Verarbeitung und Prognose
Ziel ist letzten Endes ein âQuantensprungâ bei sog. âKĂŒnstlichen Neuronalen Netzenâ, die v.a. Prognosen ermöglichen sollen, die nicht nur âgelernteâ Ereignisse, sondern auch neue Formen derselben vorhersehen können. Das Branchenmagazin der rĂŒstungsnahen IT-Industrie in den USA, âSignalâ, nennt im Zusammenhang mit MICrONs und anderen IARPA-Programmen u.a. âpolitische InstabilitĂ€t, militĂ€rische Mobilisierung, Epidemien und Cyberangriffeâ.[23] Vonseiten der IARPA wird neben Cyberangriffen v.a. immer wieder die Prognose von Wirtschaftskrisen als Anwendung ins Spiel gebracht â wie gesagt aber stets im Zusammenhang mit der âNational Securityâ. Der Scientific American beispielsweise zitiert den (damaligen) MICrONs-Programmmanager Jacob Vogelstein, wonach die IARPA davon ausgehe, dass diese âsubstantielle Investitionâ einen âtransformativen Effekt auf die Intelligence Communityâ haben werde.[24] Anderswo ist von einer âRevolutionierungâ die Rede. Das in der Tech-Szene beliebte Nachrichtenportal GeekWire meint nĂŒchtern: âMan kann davon ausgehen, dass neue Programme zur KĂŒnstlichen Intelligenz, die durch MICrONs inspiriert werden, den Vereinigten Staaten einen Vorsprung dabei verschaffen, Daten zum Zwecke der Nationalen Sicherheit auszuwertenâ.[25] Genau um diesen Vorsprung geht es ja auch in der entsprechenden Programmlinie (âComputingâ) der IARPA. Er soll u.a. die Möglichkeiten bereitstellen, mit denen die Programmlinien âAnalyseâ, âantizipierende AufklĂ€rungâ und âCollectionâ arbeiten.
Welche Herausforderungen die IARPA hier sieht, beschrieb Erich Mönchel bereits 2013, vor dem Beginn des aktuellen Programmzykluses, in einer Artikelserie fĂŒr den ORF: âXKeyscore, das in Gebrauch befindliche Auswertungssytem [der NSA] fĂŒr [ein] babylonisches Datensammelsurium ist seit mindestens sechs Jahren im operativen Betrieb [âŠ] zu dieser Zeit war Mark Zuckerberg noch auf dem College, von Sozialen Netzwerken war noch ebenso wenig die Rede wie von Smartphones, mobile Breitbandnetze befanden sich erst in der Phase des Roll-outâ.[26] Als eine Reaktion auf die Zunahme an Menge und Vielfalt der Daten beschreibt Mönchel spĂ€ter das IARPA-Programm âCAUSEâ: âDie Forschungsabteilung IARPA hat Ende JĂ€nner [2015] mit CAUSE das erste Programm gestartet, zu dem auch Teilnehmer zugelassen sind, die ĂŒber keine SicherheitsĂŒberprĂŒfung verfĂŒgen. Das ist umso erstaunlicher, weil es bei CAUSE um Methoden zur Analyse der gewaltigen Datenmengen geht, die von der NSA tĂ€glich abgezapft werden. Ziel des Programmes ist es, aus den Daten Voraussagen abzuleiten, wann und wo ein Terrorakt wahrscheinlich istâ.[27] Der Beitrag ist auch deshalb interessant, weil er veranschaulicht, warum die Geheimdienste ĂŒber die IARPA gerne zivile Forschungseinrichtungen (und Unternehmen) einbinden und was sie sich davon erhoffen: âDa die IARPA ihre internen Sicherheitsvorschriften wesentlich flexibler handhaben kann, eröffnen sich hier wesentlich mehr Möglichkeiten, um qualifizierte Forscher aus dem Zivilbereich einzubinden. Das bestĂ€tigte auch die Forschungsdirektorin der NSA, Deborah Frincke, in der jĂŒngsten Ausgebe der militĂ€rischen Fachzeitschrift âSignal Magazineâ von Anfang MĂ€rz. Die Partnerschaft der NSA mit der IARPA sei ein âgroĂartiges Beispiel dafĂŒr, wie wir uns deren Möglichkeiten zunutze machen könnenâ, sagte Frincke und nannte dabei die wesentlich breitere Basis der IARPA an Forschern und ihre Möglichkeit der Ăffentlichkeitsarbeit als wesentliche GrĂŒndeâ.
Henne oder Ei: die MPI-Connection
Das IARPA-Projekt NINAI gibt neben Bethge und Sinz noch weitere Beteiligte aus TĂŒbingen an.[28] Darunter befindet sich Philipp Berens. Im Juli 2018 berichtet das Bernstein-Netzwerk ĂŒber die Vergabe eines Lehrstuhls der UniversitĂ€t an Berens: âDie UniversitĂ€t TĂŒbingen baut ihre Expertise im Bereich der KĂŒnstlichen Intelligenz weiter aus: FĂŒnf neue Professuren wurden mit WissenschaftlerInnen besetzt, die im Bereich des Maschinellen Lernens forschen.â Weiter heiĂt es dort: ââWir freuen uns, dass wir diese exzellenten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fĂŒr die UniversitĂ€t TĂŒbingen gewinnen konntenâ, sagt Professor Bernd Engler, Rektor der UniversitĂ€t TĂŒbingen. âDie Vision des Cyber Valley bekommt damit ein Gesicht und sehr konkrete Aufgabenstellungen im Bereich des Maschinellen Lernens, die hier kĂŒnftig bearbeitet werdenââ. Auch die Wissenschaftsministerin des Landes, Theresia Bauer, gab sich erfreut ĂŒber â[d]ie herausragenden Talente, die die UniversitĂ€t TĂŒbingen nun gewinnen konnteâ.[29] Auch Berens hatte jedoch bereits an der Uni TĂŒbingen studiert war anschlieĂend Doktorand am MPI fĂŒr biologische Kybernetik in TĂŒbingen und (unter Andreas Tolias, dem NINAI-Projektleiter) am Baylor College of Medicine in Houston bevor er als Post-Doc wieder nach TĂŒbingen ins Labor von Matthias Bethge wechselte. Eine ganz Ă€hnliche Biographie weist Alexander Ecker auf, der 2008 sein Informatik-Diplom in TĂŒbingen gemacht hat, nachdem er bereits zuvor am MPI fĂŒr biologische Kybernetik beschĂ€ftigt war. AnschlieĂend wechselte er als Doktorand zu Tolias nach Houston, bevor er 2013 nach TĂŒbingen zurĂŒckkehrte und wiederum am MPI fĂŒr biologische Kybernetik tĂ€tig war. Auch er wird als Beteiligter an NINAI aufgefĂŒhrt. AuĂerdem ist er MitbegrĂŒnder zweier Startups, Layer7AI und Deepart, an denen auch Matthias Bethge beteiligt ist. Beide Körperschaften wurden als âRelated Startupsâ auf der Homepage der IARPA-Arbeitsgruppe NINAI gefĂŒhrt, bis ein erster kritischer Artikel ĂŒber die IARPA-Forschung in TĂŒbingen erschien. AuĂerdem werden aus TĂŒbingen als Beteiligte Jörn-Henrik Jacobsen, ehemaliger Mitarbeiter von Bethge, und Wieland Brendel, ebenfalls MitbegrĂŒnder von Layer7AI, genannt. Mittlerweile werden von NINAI nur noch zwei âRelated Startupsâ angegeben, darunter Vathes LLC, ein von Andreas Tolias gegrĂŒndetes Unternehmen, an dem mehrere seiner Mitarbeiter beteiligt sind, die wiederum als Mitglied bei NINAI genannt werden. Vathes bietet in Kooperation mit Amazon Web Services (AWS) Dienstleistungen fĂŒr die Big-Data-Verwaltung an und erhielt eine Anschubfinanzierung durch die DARPA.[30]
Laut Scientific American ging die IARPA zur Verarbeitung der enormen Datenmengen, die im Rahmen von MICrONs anfallen, eine Partnerschaft mit Amazon ein. Auf der Website von Amazon Web Services stellt ein Wissenschaftler der Johns Hopkins University eine Datenbank mit dem Namen âThe Bossâ vor, die im Rahmen des MICrONs-Projektes auf der Grundlage von AWS entwickelt wurde,[31] auf mehreren Konferenzen wurden das IARPA-Projekt und âBossâ von Amazon-Mitarbeiter*innen vorgestellt und viele an MICrONs beteiligte Institute und Wissenschaftler erhalten zugleich eine Förderung von Amazon. Das gilt auch fĂŒr die Cyber-Valley-Forschungsgruppe von Fabian Sinz. Neben der IARPA gibt sie den âAWS Machine Learning Research Awardâ als Finanzierungsquelle an. Dabei geht es laut Homepage ebenfalls um die Erstellung eines âsehr groĂen prĂ€diktiven Modells des visuellen Cortexâ von MĂ€usenâ.[32] Zumindest auf den ersten Blick scheint es so, als wĂŒrde die Forschungsförderung von Amazon und der IARPA gut zusammenpassen oder als sei sie gar aufeinander abgestimmt. Wenn aus MICrONs also tatsĂ€chlich âKĂŒnstliche Neuronale Netzeâ der nĂ€chsten Generation hervorgehen, spricht einiges dafĂŒr, dass diese auf Infrastruktur von Amazon implementiert werden. Da passt es einerseits gut, dass Amazon aktuell unmittelbar neben dem MPI fĂŒr biologische Kybernetik ein Entwicklungszentrum fĂŒr Maschinelles Lernen baut und andererseits, dass Amazon jetzt schon wichtigster Dienstleister fĂŒr Cloud-Infrastrukturen der US-Geheimdienste ist.[33] Aktuell klagt Amazon ĂŒberdies gegen die Vergabe der Joint Enterprise Defense Infrastructure (JEDI), eines Dienstleistungsvertrages zur Bereitstellung von Cloud-Diensten und KI-Anwendungen fĂŒr das Pentagon im Wert von bis zu 10 Mrd. US$ an Microsoft. Jahrelang galt Amazon als Favorit bei dieser Ausschreibung â u.a. wegen seiner Erfahrungen bei der bisherigen, umfangreichen Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten und den entsprechenden Zertifizierungen.
âFreie Grundlagenforschungâ?
GegenĂŒber dem GEA bezeichnete Sinz seine Arbeit als âfreie Grundlagenforschungâ. Es sei nicht sein Interesse, âdem Geheimdienst zuzuarbeitenâ.[34] Abgesehen davon, dass die IARPA u.a. beim âProposers Dayâ klar auf den geheimdienstlichen Hintergrund ihrer Arbeit und die Interessen der âIntelligence Communityâ, u.a. am âScene Parsingâ, hinwies und das ĂŒbergeordnete Interesse an der eigenen Ăberlegenheit bei RechenkapazitĂ€ten zum Zwecke der âNationalen Sicherheitâ bis heute bei der Beschreibung der entsprechenden Programmlinie (âComputingâ) offen benennt, scheint dies fragwĂŒrdig. UnabhĂ€ngig von der konkreten Natur der Geldgeber ist ĂŒberhaupt erstaunlich, dass bei Drittmitteln immer wieder unbedarft von âfreier Forschungâ gesprochen wird, wo doch klar ist, dass ĂŒber die Vergabe von Gelder durchaus beeinflusst wird, woran in welchem Umfang geforscht wird und woran nicht. Bei Drittmittelgebern wie der IARPA sollte durchaus die Frage erörtert werden, welche Absicht damit verfolgt und wie damit die Forschungslandschaft strukturiert wird.
Als Argument, warum es sich um âfreie Grundlagenforschungâ handele, wird von der Uni und den beteiligten Wissenschaftlern immer wieder auf die Publikation der Ergebnisse verwiesen. So auch im Falle der IARPA-Forschung: âDas Projekt unterliege keiner irgendwie gearteten Geheimhaltung. Es wĂŒrden also auch keine geheimen Erkenntnisse in die USA weitergeleitet. âWir machen nichts, was ich nicht ins Internet stellen könnteâ, sagt Sinz. Ergebnisse des Projekts, das 2016 gestartet wurde und in diesem Jahr auslĂ€uft, habe man immer frei zugĂ€nglich publiziertâ.[35] Das mag durchaus zutreffen, allerdings wurde beim âProposers Dayâ wie gesagt festgehalten, dass Publikationen im Rahmen des Projektes grundsĂ€tzlich vorher der IARPA vorzulegen sind. Auch die ErlĂ€uterungen zum IARPA-Projekt, welche die Forschungsgruppe von Sinz kĂŒrzlich auf ihrer Homepage hinzugefĂŒgt hat, lassen Zweifel aufkommen, ob sie tatsĂ€chlich völlig frei in ihrem Publikationsverhalten ist. Dort heiĂt es (aktuell): âAbgesehen von der Verpflichtung gegenĂŒber dem von unserem Team eingereichten Förderungsantrag, können wir frei wĂ€hlen (i) wie wir forschen und (ii) was, wann und wo wir unsere Forschung veröffentlichenâ.[36] Allerdings ist es bei Projekten der IARPA und der DARPA durchaus gĂ€ngige Praxis, relativ grundlegende Forschung zu finanzieren und ĂŒber diese auch zu veröffentlichen. FĂŒr die konkreten Anwendungen â ob wirtschaftlicher, militĂ€rischer oder geheimdienstlicher Art â wird jedoch die GrĂŒndung von Startups durch die so motivierten Wissenschaftler*innen angeregt und unterstĂŒtzt. Gerade die schnelle Kommerzialisierung von Grundlagenforschung durch Startups war auch von Anfang an ein Ziel und Teil der KernidentitĂ€t des Cyber Valley.
TatsĂ€chlich aber finden sich viele Publikationen aus den Reihen des Sinzlab, oft gemeinsam mit Mitarbeiter*innen der Gruppe um Tolias in Houston. Wie bei wissenschaftlichen Arbeiten ĂŒblich, werden hierbei auch die Finanzierungsquellen angegeben. Soweit dort die IARPA genannt wird, wird hier jedoch stets folgende EinschrĂ€nkung des Urheberrechtes genannt: âDie US-Regierung ist ungeachtet jeder weiteren Angabe zum Copyright autorisiert, zu Regierungszwecken Nachdrucke anzufertigen und zu verteilenâ.
Ein Beispiel hierfĂŒr ist ein Konferenzbeitrag fĂŒr die Konferenz NeurIPS 2019, an dem viele der hier Genannten, darunter Sinz, Bethge, Tolias, Reimer und Ecker, beteiligt waren.[37] Die Zahl der genannten Finanzierungsquellen ist beeindruckend, darunter die BMBF-Projekte Bernstein-Zentrum und TĂŒbingen AI Center, der Sonderforschungsbereich 1233 (âRobustheit des Sehensâ) und der Exzellenzcluster âMaschinelles Lernen: Neue Perspektiven fĂŒr die Wissenschaftâ. Alleine diese unvollstĂ€ndige Liste und die zahlreichen Professuren, die im Bereich der âComputational Neuroscienceâ in der letzten Zeit geschaffen wurden, zeigt, dass die öffentliche Hand auch in Deutschland jenen Forschungsbereich ausgiebig finanziert, fĂŒr den jene Clique steht, die sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends am MPI fĂŒr biologische Kybernetik gefunden hat und den Aufbau des Cyber Valley wesentlich vorantreibt. Das wirft allerdings die Frage auf, warum man zusĂ€tzlich die Finanzierung der US-Geheimdienste in Anspruch nimmt. BerĂŒhrungsĂ€ngste scheinen jedenfalls wenig zu bestehen. Dass die IARPA-Finanzierung wĂ€hrend der Auseinandersetzungen um das Cyber Valley und die Ansiedelung von Amazon weder von den (auch peripher) Beteiligten, noch dem sog. âEthikratâ je problematisiert wurde, spricht dafĂŒr, dass dies fĂŒr weite Teile des Cyber Valley insgesamt gilt und das Versprechen von âunseren Wertenâ, die in die Forschung einflieĂen sollen, wenig mehr als Gerede war. Der GEA jedenfalls kommt in seinem ausgewogen argumentierenden Artikel zu dem Schluss, dass sich die Absichten der IARPA ânicht mit den in TĂŒbingen immer wieder betonten Vorstellungen eines dritten Wegs bei der Erforschung der kĂŒnstlichen Intelligenz zwischen dem Ăberwachungsstaat China und den privatwirtschaftlich und geheimdienstlich genutzten Programmen zur Personenausforschung der USA vertragenâ.[38]
Anmerkungen
[1] Radina Gigova: Who Vladimir Putin thinks will rule the world, cnn.com vom 2.9.2017.
[2] Katrin Suder: âEs geht um den Kern von Sicherheitâ â Die frĂŒhere StaatssekretĂ€rin Katrin Suder ĂŒber KĂŒnstliche Intelligenz, in: Internationale Politik 4, Juli-August 2018, S. 14 â 19.
[3] Christoph Marischka: KI und Geopolitik. Die unheilige Allianz von Risikokapital, Wissenschaft und Politik, IMI-Analyse 2020/14 â in: AUSDRUCK (MĂ€rz 2020).
[4] Christoph Marischka: Das Cyber Valley in TĂŒbingen und die Transformation zum RĂŒstungsstandort, IMI-Analyse 2018/18.
[5] Dokumentiert unter FuĂnote 4.
[6] Gernot Stegert: Cyber-Valley-Initiative in TĂŒbingen weist VorwĂŒrfe der Militarisierung und des Ausverkaufs zurĂŒck, SchwĂ€bisches Tagblatt vom 18.07.2018.
[7] âHĂ€ufig gestellte Fragen zum Cyber Valleyâ, uni-tuebingen.de.
[8] Christoph Marischka: Gefahr eines militĂ€risch-forschungsindustriellen Komplexes. Gegen die Verflechtung der UniversitĂ€t mit der rĂŒstungsnahen Industrie im Zuge des Cyber Valley, IMI-Standpunkt 2018/041.
[9] âGegen die Kontrollgesellschaftâ, nocybervalley.de vom 06.07.2018.
[10] âAbout IARPAâ, iarpa.gov.
[11] Ebd.
[12] IARPA (Office of Safe and Secure Operations): Machine Intelligence from Cortical Networks (MICrONS) Proposersâ Day Conference, iarpa.gov.
[13] http://bethgelab.org/home/funding/.
[14] https://sinzlab.org/funding.html.
[15] âCyber Valley zieht Forschungsgruppenleiter aus aller Welt anâ, cyber-valley.de vom 25.5.2018.
[16] Christoph Marischka: Cyber Valley â Forschungsgruppe von US-Geheimdiensten finanziert, IMI-Standpunkt 2020/014.
[17] Arnfried Lenschow: Mit dem Geld des Geheimdienstes, Reutlinger Generalanzeiger vom 9.5.2020.
[18] Ninai.org.
[19] âMachine Intelligence from Cortical Networks (MICrONS)â, iarpa.gov.
[20] Vgl. Johann Grolle: Der Mann, der Gedanken lesen kann, spiegel.de vom 18.1.2018.
[21] Hierzu finden sich Informationen auf der Homepage des slowenischen Unternehmens âVisibleâ, welches hierfĂŒr als Dienstleister die virtuelle Umgebung bereitstellt.
[22] IARPA (Office of Safe and Secure Operations), a.a.O., Folie 43.
[23] Robert K. Ackerman: Seeing Is Believing For Artificial Intelligence, www.afcea.org vom 1.9.2017.
[24] Jordana Cepelewicz: The U.S. Government Launches a $100-Million âApollo Project of the Brainâ, scientificamerican.com vom 8.3.2016.
[25] Alan Boyle: Allen Institute joins in IARPAâs massive MICrONS project to create a tiny bit of virtual brain tissue, geekwire.com vom 10.3.2016.
[26] Erich Möchel: Die neuen Ăberwachungsprogramme der NSA, fm4v3.orf.at vom 24.20.2013.
[27] Erich Möchel: US-Geheimdienstkomplex wird umgekrempelt, fm4v3.orf.at vom 15.3.2015.
[28] Ninai.org.
[29] âNeue Expertise zur KĂŒnstlichen Intelligenzâ, bernstein-network.de.
[30] âDataJoint Neuro is run by Vathes LLC based in Houston, Texas. Vathes LLC spun off from the Lab of Andreas Tolias at Baylor College of Medicine in 2017 after receiving initial SBIR funding from DARPAâ, siehe: âAboutâ, datajointneuro.io.
[31] AWS Public Sector Blog Team: The Boss â A Petascale Database for Large-Scale Neuroscience Powered by Serverless Technologies, aws.amazon.com vom 22.8.2017.
[32] Sinzlab.org.
[33] Arkadi Schelling: KĂŒnstliche Intelligenz als Cloud Service. Folgen fĂŒr Gesellschaft, Geheimdienst und MilitĂ€r, IMI-Analyse 2019/16.
[34] Arnfried Lenschow, a.a.O.
[35]Ebd.
[36] https://sinzlab.org/funding.html.
[37] Santiago A. Cadena u.A.: How well do deep neural networks trained on object recognition characterize the mouse visual system?, In NeuroAI Workshop NeurIPS 2019.
[38] Arnfried Lenschow, a.a.O.
Veröffentlichung am 15, Mai 2020 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)
