Analyse zur Steinmeier-Leutheusser-Schnarrenberger-Connection: Die Justizministerin hat die falsche Seite gewÀhlt

Heute wurden praktisch zeitgleich zwei Interviews veröffentlicht. Das eine von FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger , das andere von SPD-BundestagsfraktionsfĂŒhrer Frank-Walter Steinmeier. Beide Interviews dienten in ihrer Wirkung objektiv ausschließlich einem einzigen Zweck: Anfang September handstreichartig den Bundestag dazu zu bringen sich selbst zu entmachten, das faktische EU-Finanzministerium „EuropĂ€ischen Stabilisierungsmechanismus“ (ESM) zu akzeptieren, den GlĂ€ubigern des bereits entdemokratisierten Griechenlands weitere Milliarden Steuergelder in den Rachen zu schĂŒtten (und so dem Wirtschaftskreislauf zu entziehen), sowie einer EU-Zentralregierung unter dem Nebelbegriff „Wirtschaftsregierung“ zuzuarbeiten, um nach Griechenland auch die souverĂ€ne Republik Deutschland in einem Staatsstreich zu schlucken.

Zuerst zum Interview von Steinmeier in der „SaarbrĂŒcker Zeitung“ (das Interview wurde von der Zeitung nicht online gestellt, es wurden AuszĂŒge auf anderen Zeitungs-Seiten veröffentlicht, 1). Steinmeier redete von Neuwahlen. Wie Steinmeier weiß, aber 99 Prozent der Bevölkerung nicht (weil sie zu doof fĂŒr die Demokratie ist und nicht lesen kann), kann nur die Kanzlerin selbst zum PrĂ€sidenten gehen und dort um Neuwahlen bitten. Stimmt er zu, darf das Bundesverfassungsgericht zumindest nicht nein sagen.

Das ganze Prozedere in Gang setzen kann die Kanzlerin nur, wenn sie nachweisen kann, daß sie ĂŒber keine eigene Mehrheit mehr verfĂŒgt. Das kann Merkel nur, wenn die FDP ihr sagt, daß sie keine mehr hat.

Nochmal in Zeitlupe: das Parlament kann sich nicht selbst auflösen. Es kann sich auch nicht selbst entmachten. Im Gegensatz zu anderslautendem Blödsinn haben die GrĂŒndervĂ€ter und -MĂŒtter des Grundgesetzes immer damit gerechnet, daß sĂ€mtliche Abgeordneten des Parlamentes in der Tat einmal das Volk reprĂ€sentieren – wenn auch nur dessen geistig-moralische Verfassung.

Also: nur wenn SPD, CDU, FDP, die Kanzlerin, der PrÀsident und das Bundesverfassungsgericht an einem Strang ziehen, gibt es Neuwahlen.

Steinmeier redete von der Abstimmung ĂŒber den „EuropĂ€ischen Stabilisierungsmechanismus“ (ESM). NatĂŒrlich ist der Kontinent Europa ein weng Ă€lter als die 19 Jahre alte „EuropĂ€ische Union“. Und ich weiss nicht, was es an der EU noch zu stabilisieren gibt. Ihr geht es prĂ€chtig, sie hat soeben, zusammen mit Washington, einen ganzen Staat geschluckt und ist jetzt dabei, erst einmal zu verdauen. Ihre Schlangenzunge Steinmeier (der sich selbst immer gern mit dem ZĂŒnglein an der Waage verwechselt, wenn er sich auf seine Seite setzt), liess sich heute nun als Mr.23 Prozent dazu herab, der Bundesregierung mit ihrem Sturz zu drohen, wenn diese nicht ihre Fraktionen CDU, CSU (BING!) und FDP (BING!) diszipliniert und im September zur Unterschrift unter die ESM-ErmĂ€chtigung zwingt.

„Bei der Abstimmung im Herbst ĂŒber den EuropĂ€ischen StabilitĂ€tsmechanismus „muss die Kanzlermehrheit stehen oder es ist das Ende der Koalition“, betonte Steinmeier. “ (1)

Zu dem „BING!“ : das heisst, „ich komme da gleich noch drauf zurĂŒck, bitte eine Minute lang merken, wenn Sie das noch hinbekommen“.

Nun zum Interview von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die vorgestern ihren ebenso plötzlichen wie persönlichen Grundrechteausstieg auf ihre 82 Millionen MitbĂŒrger ausdehnte und einer LaufzeitverlĂ€ngerung der Pro-Geheimdienst-Gesetze bis Ende 2015 / Anfang 2016 zustimmte (2). Im „Hamburger Abendblatt“ (3), kurz vor einer Parteiklausur der FDP stehend, schlug sie vor, sich eine Option mit der SPD als Koalitionspartner, sprich: Kanzlerpartei, offen zu halten. Interessant auch ihre BegrĂŒndung, in Form einer sich selbst erfĂŒllenden Versicherungspolice.

„Hamburger Abendblatt: Bleibt die Union der einzig denkbare Koalitionspartner?

Leutheusser-Schnarrenberger: Wir wollen, dass diese Koalition mit der Union 2013 eine gute Bilanz vorlegt. Die FDP ist ein verlĂ€sslicher Koalitionspartner. Wir haben die Mehrheiten fĂŒr die Euro-Stabilisierung gesichert. Aber Fakt ist: Das Parteienspektrum verĂ€ndert sich. Wir haben ein FĂŒnfparteiensystem. Und die Parteien Ă€ndern ihre Positionen. Es ist eine spannende Zeit.“

In der Tat. Und jetzt kommtÂŽs: wen schlĂ€gt die Bundesjustizministerin heute praktisch als SPD-Kanzler vor? Niemand anderen als GröKaZ („grĂ¶ĂŸter Kanzlerkandidat aller Zeiten“) Numero 2, den grĂ¶ĂŸten Wahlverlierer, den der SPD-Wahlverein in seinem Postexil Nordrhein-Westfalen jemals kannte: ex-Bundesfinanzminister Peer SteinbrĂŒck.

„Hamburger Abendblatt: Welchen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten wĂŒrden Sie sich wĂŒnschen?

Leutheusser-Schnarrenberger: DarĂŒber muss die SPD selbst entscheiden. Ich habe den Eindruck, dass Peer SteinbrĂŒck dabei ist, seine Chancen auszuloten. Und die Umfragen zeigen, dass SteinbrĂŒck bei den BĂŒrgern WertschĂ€tzung genießt. Das sollte man nicht unterschĂ€tzen.“

Frank-Walter Steinmeier und Peer SteinbrĂŒck stellten vor dem EU-Gipfel im Dezember 2010 in einem englischsprachigen Gastartikel fĂŒr die „Financial Times“ den Bestand der Bundesrepublik Deutschland in Frage und forderten eine Abgabe der SouverĂ€nitĂ€t und Parlamentsmacht an eine EU-Zentralregierung. Dabei machten beide keinen Hehl, wer von ihnen das erwartete. (Staatsstreich des Euro-Systems, 15.Dezember 2010)

„Es ist höchste Zeit, die Kluft zwischen finanzieller und politischer Integration in der Eurozone zu schließen. Die FinanzmĂ€rkte erwarten ein eindeutiges politische Signal der Unumkehrbarkeit der Wirtschafts-und WĂ€hrungsunion, und sie erwarten es jetzt.“

Nimmt man nun beide Interviews, das von Steinmeier und Leutheusser-Schnarrenberger, und betrachtet den Synergieeffekt, so ist die Wirkung eine offene Drohung an die Fraktionen von CSU (BING!) und FDP (BING!) dem ESM um jeden Preis – d.h. um den Preis dieser parlamentarischen Demokratie – zuzustimmen, da sonst angeblich Neuwahlen drohen.

Nun zu den Bings.

Am 5.Juni: Veni, vidi, ich traue meinen Augen nicht. Alexander Dobrindt kann ja lesen. Und er hat endlich begriffen, daß MĂŒnchen nur Bayerns Houston ist und das Problem hat, nicht das Raumschiff Berlin.

Der CSU-GeneralsekretĂ€r hat ein FĂŒnf-Punkte-Memorandum aufgesetzt, welches jedem EU-Zentralisten den Angstschweiss auf die Stirn treiben muss. Dobrindt spricht darin von einer “Entdemokratisierung und einer EntsouverĂ€nisierung der europĂ€ischen Staaten”. Anlass war die Rede des EZB-Zentralbankers Jean-Claude Trichet bei seiner Karlspreis-Verleihung, in der er eine „europĂ€ische Finanzregierung“ durch ein „europĂ€isches Finanzministerium“ verlangt hatte.

DemgegenĂŒber CSU-GeneralsekretĂ€r Dobrindt in seinem Memo, was irgendwie an die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gelangte (4):

Die Macht der EU ist nach jeder Krise grĂ¶ĂŸer geworden, die darauf folgende Krise nicht kleiner. Wir mĂŒssen deshalb den Automatismus, der zu einer fortschreitenden Machtverschiebung in Richtung BrĂŒssel fĂŒhrt, auf den PrĂŒfstand stellen.

“Falls die Analyse ergibt, dass die FinalitĂ€t bereits ĂŒberschritten ist, mĂŒssen Kompetenzen zurĂŒck verlagert werden.”

Die heutige gemeinsame Presseoffensive von Steinmeier und Leutheusser-Schnarrenberger droht nun nicht nur den Dornröschen im Houston von Bayern, sondern auch den Abgeordneten der FDP, die irgendwie so „antieuropĂ€isch“ sind sich herauszunehmen, die Demokratie auf deutschem Boden nicht schon zum zweiten Mal innerhalb von 100 Jahren freiwillig herauszurĂŒcken. Damals hiess das noch „antideutsch“, „vaterlandslos“, usw, usw. Das ganze Gequatsche Marke „Gib mir, oder es passiert was, aber von denen da“ kennt jeder, der schon mal Schutzgelderpresser in die Flucht geschlagen hat.

Die Variante der Banken „Her damit, oder wir brechen von allein zusammen“ könnte man hier in Berlin allerdings auch mal rumerzĂ€hlen. Wahnsinnig raffiniert.

Man muss auch nach den Motiven von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fragen, in einer strategisch Ă€ußerst gĂŒnstigen Situation ausgerechnet das einzige Thema herauszurĂŒcken, was genĂŒgend Zugkraft gehabt hĂ€tte, die Liberalen wieder aus dem Schlamm zu ziehen: eine ÜberprĂŒfung der Machenschaften im Spionage-Apparat, a.k.a. eine „Evaluierung“ der nie verfassungsrechtlich geprĂŒften „Anti-Terror-Gesetze“. Heute gab es eine dĂŒrre Meldung (5) darĂŒber, daß eine Email von Christian Ströbele im Focus auftauchte. Wohlgemerkt eine Email Ströbeles an den (angeblichen) Bruder des (angeblichen) „Informanten“, wegen dessen „Terrorwarnung“ unser Parlament monatelang fĂŒr die StaatsbĂŒrger gesperrt war. Was wiederum vom Spionage-Apparat benutzt wurde, um seinen deutschen Patriot Act („Anti-Terror-Gesetze“) und seine Vorratsdatenspeicherung zu retten. (Wie der Apparat versucht seinen deutschen Patriot Act zu retten, 2.Mai)

Das „Parlamentarische Kontrollgremium“ – die kleinste Ansammlung der grĂ¶ĂŸten Clowns, die die gemeinsame Demokratie in Deutschland in ihrer 36-jĂ€hrigen Geschichte (15 Jahre Weimar, 21 Jahre Berliner Republik) je gesehen hat – gab wegen der Spionage-AffĂ€re gegen ihr Gremiumsmitglied Ströbele sogar eine ErklĂ€rung ab. Ohh, lasset uns beten und danken Gott, dem Herrn. Es ist einfach unbeschreiblich.

Leutheusser-Schnarrenbergers Schwenk hinsichtlich der Aufgabe der ÜberprĂŒfung aller Terror-Gesetze vor deren VerlĂ€ngerung bis 2016 ist ĂŒbrigens viel plausibler, wenn man kein GeschĂ€ft mit dem FDP-WirtschaftsflĂŒgel vermutet (der auch versucht hatte sie zu erpressen), sondern vielmehr mit der Partei, welche alle, aber auch wirklich alle Überwachungsgesetze, Spionage-ErmĂ€chtigungen und nicht zuletzt KriegseinsĂ€tze in den letzten 13 Jahre beschlossen hat – der SPD.

Fazit des heutigen Tages: jeder in Industriepresse und Staatsparteien redet entweder irgendwelche abgesprochene Phrasen zusammen, oder hat schlicht keine Ahnung was hier gespielt wird, genau wie die Bevölkerung.

So gesehen: nichts Neues in Berlin.

(…)

Quellen:
(1) http://www.presseportal.de/pm/57706/2072344/saarbruecker-zeitung-steinmeier-schliesst-vorzeitige-neuwahlen-nicht-mehr-aus-wir-werden
(2) http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5gdgUP4eDisqzbsT6xIFAttO3EB5Q?docId=CNG.6b4bb0fe82c24bf060e885c5e0f9f5c8.5e1
(3) http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1944101/Die-FDP-darf-sich-nicht-einseitig-auf-die-Union-ausrichten.html
(4) http://www.faz.net/artikel/C31147/fuenf-punkte-memorandum-fortschreitende-machtverschiebung-in-richtung-bruessel-30432514.html
(5) http://www.sueddeutsche.de/Y5N38O/83556/Geheimdienst-liest-mi.html