TOP SECRET AMERICA: „Eine versteckte Welt, jeder Kontrolle entwachsen“
Ăber zwei Jahre lang haben die „Washington Post“-Reporter Dana Priest und William M. Arkin im Spionage-Komplex der USA recherchiert. Die Ergebnisse basieren u.a. auf Regierungsdokumenten und VertrĂ€gen. In der Artikel-Serie „Top Secret America“, die mehr einem Untersuchungsbericht gleichkommt, zeichnen sie nun das Bild eines ausser Kontrolle geratenen Staates im Staate der Spione, die sich und ihre Operationen bisher ungestört als „Verschwörungstheorie“ an die Wand malen konnten.
Ein geheimer Apparat hat sich verselbststĂ€ndigt und fĂŒhrt ein Eigenleben.
Am gestrigen Montag erschien der erste Teil der „Washington Post“ Serie mit dem Titel: „Eine versteckte Welt, jeder Kontrolle entwachsen“ („A hidden world, growing beyond control“). Die „Washington Post“ hat auf ihrer extra eingerichteten Webseite „Top Secret America“ umfangreiche ErklĂ€rungen zu den HintergrĂŒnden und Einzelheiten der Recherchen veröffentlicht. Radio Utopie dokumentiert die umfangreichen Recherchen. Der Inhalt des ersten Teils der Artikelserie:
In den Vereinigten Staaten von Amerika operieren 1200 Regierungsorganisationen und 1900 Konzerne an rund 10.000 Ărtlichkeiten innerhalb der USA im GeschĂ€ft der verdeckten Informationsbeschaffung fĂŒr Geheimdienste, âTerrorismus-BekĂ€mpfungâ und âHeimatschutzâ. 854.000 StaatsbĂŒrger, anderthalb mal so viele Bewohner wie in der Hauptstadt Washington wohnen, haben das Privileg âTop Secretâ-Akten der Regierung einsehen zu können.
Allein in der Hauptstadt Washington und deren Umgebung befinden sich 33 bereits fertig gestellte oder im Bau befindliche GebĂ€udekomplexe mit rund 17 Millionen Quadratmetern NutzflĂ€che, die ausschliesslich fĂŒr streng geheime Organisationen und Operationen genutzt werden. Diese FlĂ€che umfasst dreieinhalb mal das Pentagon oder zweiundzwanzigmal den KongresshĂŒgel Capitol Hill. SĂ€mtliche dieser GebĂ€ude wurden nach den Attentaten des 11.September 2001 errichtet.
Vielfach operieren die Organisationen, Konzerne, Dienste und MilitĂ€rkommandos nebeneinander oder gegeneinander, verschwenden Ressourcen, oder liefern doppelte Ergebnisse. Allein 51 Bundesorganisationen und MilitĂ€rkommandos in 15 StĂ€dten arbeiten an der Ăberwachung von Finanzströmen, „zu und von terroristischen Netzwerken“. Der gesamte Spionage-Komplex von Agenten, MilitĂ€rs und geheimen Informationsbeschaffern legt jedes Jahr 50.000 Berichte vor, die gröĂtenteils ignoriert werden.
Im Herzen des MilitĂ€rischen Komplexes, aus dem heraus auch zwei Drittel der Spionage-Programme betrieben werden, gibt es lediglich eine Handvoll Personen, „Super User“ genannt, die ĂŒberhaupt Zugang zu sĂ€mtlichen Programmen haben. Diese Super User sind aber allein wegen der schieren Masse von Programmen und Informationen nicht in der Lage, diese zu verfolgen, geschweige denn einen Ablauf der Programme zu beaufsichtigen.
„Ich werde nicht lang genug leben, um ĂŒber alles gebrieft zu werden“, so ein Super User zu den Reportern. Ein anderer berichtet, wie er fĂŒr ein Briefing in einen winzigen Raum gebracht und ihm gesagt wurde, er dĂŒrfe sich keine schriftlichen Notizen machen. Dann sei Geheimprogramm nach Geheimprogramm ĂŒber den Bildschirm gerauscht, bis er schliesslich in seiner Verzweiflung „Stop!“ gerufen hĂ€tte. „Ich konnte mich an nichts davon erinnern“.
In 2009 berief das Pentagon schliesslich Lt. Gen. John R. Vines, ehemals hochrangiger Kommandeur im Irak, in Afghanistan, in Somalia sowie von den berĂŒchtigten Sondertruppen des „Joint Special Operations Command“ (Jsoc). Vines sollte lediglich die Methoden zur Ăberwachung der „sensibelsten“ Programme des MilitĂ€rs ĂŒberprĂŒfen. Doch selbst dieser Bock wollte kein GĂ€rtner mehr sein, als er den Garten sah.
„Mir ist keine Agentur mit der AutoritĂ€t, Verantwortung oder Prozedur vor Ort bekannt, um all diese zwischendienstlichen und kommerziellen AktivitĂ€ten zu koordinieren. Die KomplexitĂ€t dieses Systems trotzt jeder Beschreibung.“
Der hochdekorierte General Vines, der in mehreren Kriegsgebieten der USA Hunderttausende von Soldaten unter seinem Kommando gehabt hatte, kam schliesslich zu dem Ergebnis, dass es unmöglich sei zu definieren, ob die USA durch diesen Spionage-Komplex ĂŒberhaupt sicherer seien.
„Wir können daher nicht effektiv beurteilen, ob es uns sicherer macht“
Verteidigungsminister und ziviler Leiter des Pentagon Robert Gates kĂŒndigte an, die AktivitĂ€ten der MilitĂ€rspione zu ĂŒberprĂŒfen:
„âNeun Jahre nach 9/11 macht es Sinn sich einen gewissen Ăberblick zu verschaffen und zu sagen, ÂŽOK, wir haben enorme KapazitĂ€ten aufgebaut, aber haben wir mehr als wir brauchen?`“
Leon Panetta, ziviler Leiter der CIA:
„Gerade mit diesen Defiziten fahren wir gegen die Wand. DafĂŒr will ich vorbereitet sein. Ehrlich gesagt, sollte das jeder in den Geheimdiensten sein.“
Ganz anders sah das der Oberste Geheimdienste-Direktor („Director of National Intelligence“, DNI) Dennis Blair, der im Mai von PrĂ€sident Barack Obama entlassen worden war.
„Vieles von dem, was als Redundanz (doppelte Arbeit, die Red.) erscheint, ist in Wirklichkeit maĂgeschneiderte Geheimdienstinformation („intelligence“) fĂŒr viele verschiedene Kunden.“
DNI Blair behauptete nach eigenen Angaben von den AktivitÀten seinen Untergeben immer angemessen informiert gewesen zu sein.
„Ich habe Einblick in alle wichtigen Geheimdienstprogramme ĂŒber die ganze (Geheimdienst)Gemeinde hinweg und es gibt Prozeduren vor Ort um sicher zu stellen, dass verschiedene Geheimdienst-KapazitĂ€ten zusammen arbeiten wo sie es brauchen“
Blair kritisierte die Untersuchungen der „Washington Post“, weigerte sich, deren Ergebnisse anzuerkennen und rechtfertigte sein komplettes Versagen als Geheimdienste-Direktor mit den Attentaten des 11.Septembers 2001.
„Nach 9/11, als wir entschieden gewalttĂ€tigen Extremismus anzugreifen, taten wir es wie so oft in diesem Land. Die Einstellung war, wenn es wert ist es zu tun, ist es vielleicht notwendig es zu ĂŒbertreiben“
Zusammen mit Blair waren mehrere andere hochrangige Vertretern des MilitÀr- und Spionage-Komplexes nach der AffÀre um den vermeintlichen Anschlagsversuch in Flug 253 nach Detroit gefeuert oder versetzt worden. (USA: Spionage-Komplex nach 9/11-Attentaten explosionsartig gewachsen, 19.Juli)
In McLean im Bundestaat Virginia arbeiten in Strassen ohne Namen, wohlgeschĂŒtzt hinter hydraulischen Stahlbarrieren und schwarz gekleideten schwer bewaffneten Posten, in zwei GebĂ€uden mit dem Spitznamen „Liberty Crossing“ 1700 Staatsdiener und 1200 „private“ Angestellte. Diese GebĂ€ude beinhalten die Behörde des Obersten Geheimdienste-Direktors DNI, das ODNI, sowie das angeschlossene „Nationale Counterterrorismus-Zentrum“ NCTC.
Nach Vorbild des NCTC wurde ĂŒbrigens Ende 2004 durch die deutsche Regierung von SPD und BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen das „Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum“ (GTAZ) von Bundeskriminalamt (BKA), Verfassungsschutz, BundesnachrichtendienstZollkriminalamt (ZKA), MilitĂ€rischem Abschirmdienst (MAD), LandeskriminalĂ€mtern (LKA), Bundespolizei und dem Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge in Berlin-Tempelhof geschaffen. (BND),
Die rechtliche Grundlage, deren verfassungsmĂ€Ăige Grundlage nie geklĂ€rt wurde, lieferte das „TerrorismusbekĂ€mpfungsgesetz“ von Anfang 2002. Es galt zunĂ€chst nur fĂŒnf Jahre. Es wurde, gerade noch rechtzeitig, durch SPD, CDU und CSU am 1.Dezember 2006 mit dem „TerrorismusbekĂ€mpfungsergĂ€nzungsgesetz“ bis Ende 2012 verlĂ€ngert. ( 1.Dezember 2006, LAW ON TERROR)
Durch diese zweite Welle der Terrorgesetze wurde Anfang 2007 im GTAZ ein „Gemeinsames Internet-Zentrum“ der beteiligten Spionage-, MilitĂ€r- und Polizeibehörden eingerichtet – fĂŒr „Recherchen im Internet“. Das GTAZ und sein „Internet-Zentrum“ werden bis zum heutigen Tage parlamentarisch nicht kontrolliert.
Doch die Behörde des DNI und ihr NCTC ist nicht einmal annĂ€hernd die gröĂte, teuerste oder geheimste Einrichtung der „9/11 Unternehmen“ (“ 9/11 enterprises“). In Airlington County steht ein BĂŒrogebĂ€ude, in der man im 3.Stock in die RĂ€umlichkeiten einer mysteriösen Behörde der US Luftwaffe namens „XOIWS“ aussteigen kann. In Elkridge, Maryland, verbergen falsche Fenster die Immobilie einer geheimen Behörde. In Arnold, Missouri, steht eine direkt gegenĂŒber einem groĂen Einkaufszentrum. In St.Petersburg, Florida, arbeiten Agenten und geheime Informationsbeschaffer in einem schicken, kleinen Bungalow, mitten in einem GeschĂ€ftspark.
Die „Washington Post“:
„Das ist nicht exakt der „militĂ€risch-industrielle Komplex“ PrĂ€sident Dwight D. Eisenhowers, der mit dem Kalten Krieg aufstieg und sich auf das Bauen von Nuklearwaffen zentrierte um die Sowjetunion abzuschrecken. Dies ist ein Nationale Sicherheits-Unternehmen mit einer mehr amorphen Mission: der Vernichtung transnationaler gewalttĂ€tiger Extremisten.“
Das jĂ€hrliche offizielle Budget der Spionagedienste betrĂ€gt 75 Milliarden Dollar, mehr als einundzwanzig Mal so viel wie vor den Attentaten des 11.Septembers 2001. Doch umfasst dieser Etat nicht eine ganze Reihe militĂ€rischer AktivitĂ€ten, sowie Counterterrorismus-Programme. Mindestens 20 Prozent aller Regierungsorganisationen zur BekĂ€mpfung des Terrorismus wurden nach den 9/11-Attentaten geschaffen oder aufgestockt. Viele die bereits vor den Attentaten existierten, wurden „in historischem Umfang“ dermaĂen aufgeblasen, dass sie mehr Geld bekamen, als sie ĂŒberhaupt verantwortlich ausgeben konnten.
Seit 2002 wurde die Zahl der Agenten und BĂŒrokraten in der „Defense Intelligence Agency“ (DIA) des MilitĂ€rs von 7.500 auf 16.500 erhöht, das Budget des MilitĂ€rgeheimdienstes „National Security Agency“ (NSA), die weltweit Telekommunikation abhört, wurde verdoppelt. Aus 35 „Task Forces“ der Bundespolizei FBI zur „TerrorismusbekĂ€mpfung“ wurden 106.
Die Entwicklung setzte unmittelbar nach den Attentaten ein. Bereits am 20.September 2001 bewilligte der Kongress, neben den bereits existierenden Geheimdienst- und MilitĂ€retats, ein ausserordentliches Budget in Höhe von 40 Milliarden Dollar fĂŒr „eine globale Offensive gegen al-Qaida“. Diese folgten 36.5 Milliarden in 2002 and 44 Milliarden in 2003. Und das war nur der Anfang.
Allein bis Ende 2001 waren 24 neue Organisationen gegrĂŒndet, eingeschlossen das „Ministerium fĂŒr Heimatschutz“ und die „Foreign Terrorist Asset Tracking Task Force“ der Bundespolizei FBI. 2002 wurden 37 weitere Organisationen gegrĂŒndet, fĂŒr die Suche nach Massenvernichtungswaffen und zur TerrorbekĂ€mpfung, wie es hiess. In 2003 wurden 36 neue Organisationen installiert; in 2004 waren es 26 neue Organisationen, 31 neue in 2005, 32 neue in 2006 und jeweils 20 oder mehr in in 2007, 2008 und 2009.
Insgesamt wurden nach den 9/11-Attentaten mindestens 263 Organisationen gegrĂŒndet oder reorganisiert. Jede von ihnen benötigte Personal, Verwaltung und entsprechende Logistik – Telefonisten, SekretĂ€re, Bibliothekare, Architekten, Konstrukteure fĂŒr Klimaanlagen, Pförtner, etc, etc, etc. Alle erforderten selbstverstĂ€ndlich eine ĂberprĂŒfung, mit „Top Secret“-Freigaben.
2004 schuf die Bush-Regierung mit der DNI-Behörde (ODNI) eine ĂŒbergeordnete Verwaltung dieses gigantisch gewachsenen Apparates. Allerdings war der Oberste Geheimdienste-Direktor DNI durch die entsprechende Gesetzgebung nicht dazu ermĂ€chtigt worden, direkte (finanzielle) Kontrolle ĂŒber die einzelnen Organisationen auszuĂŒben, oder etwa einzelne Beamte dort zu entlassen. Das Pentagon z.B. schaufelte einfach Milliarden von einem Etat in den anderen und entzog sich so der Kooperation mit der DNI-Behörde. Die bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend selbststĂ€ndig operierende CIA reklassifizierte sensible Informationen derart, dass das Counterterrorismus-Zentrum NCTC diese nicht mehr einsehen konnte.
Die DNI-Behörde selbst wiederum startete Anfang 2005 mit ganzen 11 Beamten in einem winzigen GebĂ€ude nahe des Weissen Hauses und expandierte dann rasch zur heutigen GröĂe. Doch bis heute sagen leitende Beamte der DNI-Behörde und des NCTC, dass sie nicht wissen, wen sie ĂŒberhaupt leiten.
Dazu kommt ein wahrer Tsunami an Informationen. Jeden Tag hört oder fĂ€ngt die NSA weltweit 1.7 Milliarden Telefonate, emails und andere KommunikatonsvorgĂ€nge ab. Dazu kommen entsprechende Massen an Spionage-Informationen von anderen Behörden und Organisationen. Weder die Behörde des DNI, noch irgendeine andere, sieht sich in der Lage alle diese automatisch abgefangenen Informationen zu sichten, geschweige denn zu ĂŒbersetzen, oder gar zu analysieren.
Auch sind die Datenbanken der verschiedenen Organisationen nicht miteinander verknĂŒpft, weil die einzelnen Organisationen ihre (wertvollen) Informationen der Konkurrenz nicht zur VerfĂŒgung stellen wollen. Jedenfalls sagt das Michael Leiter, der Leiter des NCTC (von ihm wird noch zu berichten sein).
In Washington, ganz in der NĂ€he der RĂŒstungsriesen Northrop Grumman und Lockheed Martin, stehen die GebĂ€ude der „National Geospatial-Intelligence Agency“ (NGA), die aus dem Orbit fĂŒr das MilitĂ€r Satelliten-Spionage betreibt, sowie kommerzielle kartographische Dienste und Daten anbietet. Direkt ĂŒber die Strasse arbeitet die IT-Firma carahsoft fĂŒr die Regierung. In der NĂ€he sucht das „Underground Facility Analysis Center“ auf dem gesamten Planeten nach „unterirdischen Kommandozentralen mit Verbindung zu Massenvernichtungswaffen“, wie es heisst, und berĂ€t das MilitĂ€r, wie diese am besten zu vernichten seien.
UngefĂ€hr die HĂ€lfte der post-9/11-Unternehmen befinden sich in der NĂ€he Washingtons, in endlosen GebĂ€udekomplexen auf RegierungsgelĂ€nde und MilitĂ€rbasen, von denen nur die Spitze der Pyramide ĂŒber den Erdboden ragt. In der NĂ€he der Dulles Toll Road hat sich die CIA nach Angaben der Washington Post eine um ein Drittel gröĂeres BĂŒro geleistet.
In Springfield bekommt die Satelliten-Spionage der „National Geospatial-Intelligence Agency“ fĂŒr 1.8 Milliarden Dollar ein neues Hauptquartier mit 8.500 Angestellten. Das Ganze wird zum Teil mit Geldern des Konjunkturprogramms der Washingtoner Regierung bezahlt. Alle GebĂ€ude sind entsprechend mit teuerster Elektronik vollgestopft.
Herz und Prestigeobjekt ist jeweils die Abhörzentrale bzw das Spionagezentrum, mit hĂŒbsch vielen Bildschirmen, möglichst groĂen, beeindruckenden RĂ€umen und jeder Menge Spielzeug fĂŒr Spione: die „Sensitive compartmented information facility“ (SCIF). Ein kommerzieller Konstrukteur solcher Anlagen:
„In Washington redet jeder von SCIF, SCIF, SCIF. Die haben da dieses Penisneid-Ding laufen. Du kannst kein groĂer Junge sein, wenn Du nicht eine Drei-Buchstaben-Agentur bist und einen groĂen SCIF hast.“
Zusammen mit Leibwachen, gepanzerten Sportwagen, internen TV-Netzwerken sind die SCIFS zum Statussysmbol Nr.1 in der schönen neuen Welt der „Nationalen Sicherheit“ Washingtons geworden. Es gĂ€be „keinen Vier-Sterne-General“ in Washington, so der SCIF-Konstrukteur, der nicht ĂŒber ein eigenes Sicherheitsprotokoll plus Anhang vefĂŒge. Das ganze laufe nach dem Motto
„`Wenn er eins hat, brauch ich auch eins.ÂŽEs ist ein Statussymbol geworden“.
Die Arbeit bleibt dabei natĂŒrlich bei den am schlechtesten Bezahlten hĂ€ngen. Die Analysten in den SCIFS, meist zwischen 20 und 30 Jahre alte Programmierer, verdienen im Jahr zwischen 41.000 und 65.000 Dollar. Dabei ist ihre Arbeit der Kern dessen, wofĂŒr der gesamte Spionage-Komplexe vom US-Steuerzahler ĂŒberhaupt bezahlt wird. Meist kommen sie direkt von irgendeinem College, sind unerfahren und haben keine Ahnung von den Menschen in den LĂ€ndern, die sie ĂŒberwachen, geschweige denn, dass sie deren Sprache sprechen. Trotzdem schĂŒtten diese Analysten, unter groĂem Konkurrenzdruck, haufenweise Berichte aus, von denen der GroĂteil nicht zu gebrauchen ist und nicht einmal klar ist, wie viele dieser Berichte durch wen ĂŒberhaupt angefertigt werden.
Der Chef-Analyst der DNI-Behörde (ODNI) umschrieb verzweifelt, dass es sogar schwierig sei, erwiesenermaĂen nutzlose interne Informationsnetzwerke abzuschalten. 60 geheime Webseiten seien immer noch online, obwohl sie lĂ€ngst abgeschaltet wurden:
„Wie ein Zombie leben sie immer weiter“
Viele der Berichte wĂŒrden nur das wiedergeben, was sowieso im Umlauf sei
„Etwas passiert, und sie wollen ran um es zu kopieren“
so der hochrangige ODNI-Beamte Richard H. Immerman.
Selbst die NTCT-Analysten sind bekannt dafĂŒr, dass ihre Berichte schlechter als die der einzelnen Geheimdienste sind und obendrein keine Originalberichte produzieren, sondern abschreiben. Maj. Gen. John M. Custer, ehemals Spionagedirektor im Zentralkommando, brĂŒllte wĂ€hrend des Interviews mit der „Washington Post“ rot im Gesicht und ĂŒber den Tisch gelehnt, wie er dem damaligen Chef des NCTC Vice Adm. John Scott Redd eine Visite abstattete:
„Ich sagte ihm, dass nach 4 1/2 Jahren diese Organisation nicht ein einziges StĂŒck Information produziert hat, dass mir bei der DurchfĂŒhrung von drei Kriegen geholfen hat.“
Custer, heute Geheimdienst-Ausbilder der US Army, fragte angesichts der Washingtoner BĂŒrokratie:
„Wer hat die Mission Redundanz zu reduzieren und sicherzustellen, dass sich nicht jeder zu der am niedrigsten hĂ€ngenden Frucht am Baum hingezogen fĂŒhlt? Wer ordnet, was produziert wird, so dass nicht jeder dasselbe poduziert?
Ein anderer hochrangiger Geheimdienstler in seinem Washingtoner BĂŒro schien ebenfalls die lang vermisste Gelegenheit zu nutzen, endlich sein Herz jemandem auszuschĂŒtten der zuhören wollte. Angesichts einer ganzen Flut von Geheimdienst-Berichten, die seitens aller möglicher Analysten auf seinen Schreibtisch flatterten, schnappte er sich einen dicken Hochglanz-Geheimdienstbericht, wedelte mit ihm ĂŒber dem Kopf herum und schrie:
„Jesus! Warum dauert das solange das zu produzieren? Warum ist das so klobig? Warum ist das nicht online?
Jeder EmpfĂ€nger dieser Stunde um Stunde, Tag fĂŒr Tag, Woche fĂŒr Woche, Monat fĂŒr Monat und Jahr fĂŒr Jahr eintrudelnden „Intelligence Reports“ sagt das diese kontraproduktiv seien. Manche zustĂ€ndigen Politiker wagen es nicht einmal, sich in die entsprechenden Archive einzuloggen, um sich ihre Computer nicht zu verstopfen. Stattdessen verlassen sie sich auf ihre eigenen Leute, die auf ihre eigenen Organisationen und so vergröĂert sich das Problem abermals: alle arbeiten nebeneinander her und niemand weiĂ vom anderen.
Um andere, wahrlich wichtige Aufgaben wahrzunehmen, reicht es denn aber doch. Allein im Pentagon sind 18 MilitĂ€rkommandos und Agenturen nur damit beschĂ€ftigt (und gut dafĂŒr bezahlt) mit „Informations-Operationen“ die „Wahrnehmung auslĂ€ndischen Publikums von US-Politik und militĂ€rischen AktivitĂ€ten in Ăbersee zu managen“.
Der Begriff „bezahlte Kriegspropaganda“ oder „Manipulation der Ăffentlichkeit“ verbietet sich hierbei, selbstverstĂ€ndlich.
Und alle groĂen Geheimdienste, sowie mindestens zwei MilitĂ€rkommandos, nehmen fĂŒr sich eine „entscheidende Rolle“ an der neuesten Front in Anspruch: dem Cyberwar.
Laut CIA-Chef Leon Panetta sind mehrere Agenturen direkt in Cyberwar-Operationen verstrickt, offensichtlich dabei konkurrierend:
„Ehrlich gesagt, es ist nicht in einer vereinten Herangehensweise zusammen gebracht worden“
Benjamin A. Powell, Chefberater von drei Obersten Geheimdienste-Direktoren (DNIs):
„Cyber ist ungeheuer schwierig. Manchmal gab es da die unglĂŒckliche AttitĂŒde Deine Messer, Deine Knarren und Deine FĂ€uste mitzubringen und voll und ganz bereit zu sein das eigene StĂŒck Rasen zu verteidigen.“
Auf die Frage warum, antwortete der ex-DNI-Berater:
„Weil es finanziert, heiss und sexy ist“
Schön, wenn Washington und Berlin wenigstens etwas noch unterscheidet. Two of three ainŽt bad.
Letztes Jahr machte bekanntlich die AffĂ€re um die Schiesserei im gröĂten ArmeestĂŒtzpunkt der USA, in Fort Hood, einige Schlagzeilen. Im Anschluss an die Schiesserei hiess es, der AttentĂ€ter sei ein einzelner, hochdekorierter Armeepsychiater gewesen, der sich einen email-Wechsel mit irgendeinem Al-Ibi in Jemen geliefert hĂ€tte, ohne dass dies einem der vielen US-Organisationen im Spionage-Komplex aufgefallen wĂ€re. Nun ja, es sei schon irgendwie aufgefallen, aber halt nicht so richtig. (FBI: Seit 6 Monaten ĂŒber Armeeoffizier Hasan informiert, 7.November 2009)
Keine dieser emails erreichte damals die fĂŒr TerrorismusbekĂ€mpfung zustĂ€ndige Einheit der US Army. Auf den Gedanken, dass diese emails nie existierten, wĂŒrde man natĂŒrlich im Leben nicht kommen.
Nun, jedenfalls operiert die 902nd Military Intelligence Group der US Army seit langem im Fischteich anderer Agenturen, wie dem Heimatschutz-Ministerium oder der „106 Joint Terrorism Task Force“ des FBI. Die Gruppe 902 der Armeespione startete – irgendwann – das Programm „Rita“ („Radical Islamic Threat to the Army“) und sammelte Informationen ĂŒber studentische Organisationen – studentische Organisationen der Hizb-Allah (Hisbollah), der iranischen Revolutionsgarden und der „al-Qaeda“. NatĂŒrlich in den USA.
Wie ĂŒberraschend, dass der leitende Offizier fĂŒr TerrorismusbekĂ€mpfung der Army im Pentagon dazu verlautbaren lieĂ, das der anschliessende Bericht der Gruppe 902 des Armeegeheimdienstes „uns nichts erzĂ€hlt hat, was wir nicht schon wussten“.
Ein noch gröĂeres Problem stellen – gerade fĂŒr das Pentagon – die Programme dar, die so geheim sind, dass nur eine Handvoll Personen ĂŒberhaupt von ihnen weiss. Allein die Liste der Codenamen fĂŒr diese „Special Access Programs“ (SAPs) des MilitĂ€rs fĂŒllt im Pentagon 300 Seiten. Hunderte von weiteren Programmen werden durch andere Akteure im Spionage-Komplexes durchgefĂŒhrt, mit Tausenden von Subprogrammen und einer jeweils begrenzten Anzahl von Personen, die ĂŒber autorisiertes Wissen darĂŒber verfĂŒgen. Das Ergebnis ist, dass nur sehr wenige Personen ĂŒberhaupt eine Ahnung davon haben, was da vor sich geht. Genauer gesagt nur eine und die ist keine Person im juristische Sinne.
„Es gibt nur eine Person im gesamten Universum die Sicht auf alle SAPs hat – und das ist Gott“.
Und das sagt ausgerechnet derjenige, der vom PrĂ€sidenten fĂŒr den Posten des Obersten Geheimdienste-Direktors DNI nominiert worden ist und sich derzeit der Anhörung im Kongress stellt: James R. Clapper.
Dies alles fĂŒhrt zur Ausserkraftsetzung der Kommandokette, eigentlich der GAU jedes MilitĂ€rs. Ein Offizier, der in einem Programm operierte, beschrieb in den Interviews, wie ihm befohlen wurde ein Dokument zu unterschreiben, welches ihm verbot wurde seinen eigenen Vier-Sterne-Kommandeur darĂŒber zu informieren. Ein anderer MilitĂ€roffizier berichtete, wie er in seinem eigenen Budget ein laufendes Programm entdeckte und von einem gleichrangigen Offizier darĂŒber keine Auskunft bekam – obwohl er es finanzierte. Ein hochrangiger Spionagebeamter legte diesbezĂŒglich nahe, dass diese Methode der Geheimhaltung auch dazu benutzt werde, um schlicht ineffektive Programme nicht auffliegen zu lassen.
„Ich denke der Verteidigungsminister sollte sich jede einzelne Sache unmittelbar anschauen, um zu sehen, ob diese immer noch Wert hat. Der DNI sollte dasselbe tun.“
Die Behörde des DNI, das ODNI, hat das bisher nicht getan. Sie verfĂŒgt lediglich ĂŒber eine Datenbank mit einer immens umfangreiche Liste von Programmen. Doch diese ist nicht einmal vollstĂ€ndig ist, weil viele wichtigen und relevanten Geheimprogramme des MilitĂ€rs dort nicht verzeichnet sind.
Als ein besonderes Beispiel fĂŒhrt die „Washington Post“ nun die AffĂ€re um Flug 253 nach Detroit am 25.Dezember 2009 auf (s.o.). Die offizielle Darstellung von MilitĂ€r und Spionagediensten heute:
Letzten Herbst habe PrĂ€sident Barack Obama den Entsendungsbefehl von geheimen Kommandos nach Jemen unterschrieben. Diese seien (zur ĂŒblichen „Al-Qaida“-Jagd) dort eingerĂŒckt und hĂ€tten eine Basis errichtet, mit einem echten SCIF fĂŒr MĂ€nner, wie oben umschrieben. Sie sandten Tausende von Berichte mit Informationen ĂŒber abgehörte GesprĂ€che, abgefangene Telekommunikation, Realtime-Videos, usw, an Dutzende von streng geheimen Organisationen in den USA. Aber als diese Berichte im NCTC ankamen, da seien sie in einem Wust von 5000 anderen tĂ€glich eintreffenden Informationen verborgen gewesen, in welchem sie leider unauffindbar gewesen seien.
Doch so sehr sich das NCTC auch dagegen zu strĂ€uben schien, irgendwelche Informationen von Sondereinheiten im Jemen bekommen zu wollen, so sehr wurde bereits in den einzelnen Geheimdiensten ĂŒber einen „möglichen terroristischen Schlag „geschnattert“. Die Warnungen, die nun das NCTC erreichten, seien eine wahre „Sturzflut“ gewesen, so die „Washington Post“.
Trotzdem versĂ€umte man es irgendwie im NCTC, den Namen des spĂ€ter als AttentĂ€ter in Flug 253 verhafteten Farouk Abdulmutallab wahrzunehmen. Eigentlich kein Wunder – ist der gesuchte Name doch Farouk Mutallab. Dieser ist der Sohn eines der reichsten MĂ€nner Nigerias, lebte in Central London in einem 4 Millionen Pfund teurem Appartment, war jahrelang âunter dem Radarâ des Geheimdienstes seiner MajestĂ€t MI5 und hat Verbindungen zu einem radikalem salafistisch/wahhabitischem Netzwerk, finanziert durch die Saudis. Dieses Netzwerk hat seinen Sitz in den USA und Grossbritannien und kooperiert eng mit deren Regierungen und Spionagediensten. Im August 2008 absolviert Mutallab, oder jemand unter seinem Namen, bei diesem Netzwerk eine 16-tĂ€gige Ausbildung in Houston, Texas. Sein Ausbilder: ein Prediger des Netzwerkes namens Yasir Qadhi. Dieser war ebenfalls âfĂŒhrender Teilnehmerâ einer Counter-Terror Strategiekonferenz in den USA im Sommer 2008. Veranstalter: das US-Counterterrorismus-Zentrum NCTC.
Aber das fiel natĂŒrlich nobody auf. (Flug 253 Chronologie: Akt II â von London nach Houston, 4.Januar)
Nun, NCTC Leiter Michael Leiter hatte gegenĂŒber dem Kongress dafĂŒr eine plausible ErklĂ€rung:
„Es gibt da so viele Leute, die involviert sind“
Sein Vorgesetzter, der DNI Dennis Blair, nahm gleich die Schuld auf sich, bevor er dann im Mai stillschweigend abgetreten wurde:
„Jeder hatte die FĂ€den um sie zu verknĂŒpfen. Aber ich hatte nicht deutlich gemacht, wer genau die primĂ€re Verantwortlichkeit hatte“
Nun, drei Tage vor dem vermeintlichen Attentats-Versuch an Bord einer Maschine aus Amsterdam nach Detroit hatten sich laut Aussage eines âhochrangigen Regierungsbeamtenâ gegenĂŒber der US-Zeitung âNewsweekâ am 22.Dezember hochrangige Vertreter der Spionage-, Polizei- und MilitĂ€rbehörden im âSituation Roomâ des Weissen Hauses mit dem PrĂ€sidenten getroffen. Bei diesem Treffen, nur einem in einer ganzen âSerie von regulĂ€r angesetzten Terminenâ , wurde gleich zu Beginn ein Briefing der Geheimdienste mit dem Namen âKey Homeland Threatsâ vorgetragen. Inhalt: eine Bedrohung des âHeimatlandesâ durch mögliche Attentate im Inland ĂŒber die Weihnachtsfeiertage. Anwesend: u.a. CIA-Vize Stephen Kappes (mittlerweile gefeuert), DNI-Vize David Gompert (kurz vor dem „Ruhestand) und der Leiter des NCTC Michael Leiter.
NatĂŒrlich wĂŒrde niemand da einen Zusammenhang sehen. (Flug 253: Chronologie einer Inszenierung, 3.Januar)
Der Sonderberater des US-PrÀsidenten, John O. Brennan (noch so ein Blitzkriegmerker), Àusserte sich wie folgt:
„Wir kamen nicht hinterher und gaben dem Strom von Geheimdienstinformationen keine PrioritĂ€t; weil keine Geheimdienst-Einheit, oder Task Force die Verantwortung zugewiesen worden war die verfolgende Untersuchung durchzufĂŒhren.“
Die konsequente Forderung von DNI Dennis Blair dazu: er bat den Kongress um noch mehr Geld fĂŒr noch mehr begnadete magic pieces of intelligence fĂŒr seine Behörde. In den „Mehr, mehr“-Chor stimmte NCTC-Leiter Leiter ein, der ebenfalls mehr Analysten forderte, zu seinen bereits 300, oder so. Auch das Ministerium fĂŒr Heimatschutz forderte mehr Air Marshals, mehr Analysten, sowie die berĂŒhmten Körperscanner (die sofort nach dem vermeintlichen Attentat auch die EU forderte und natĂŒrlich auch bekam, EU-Kommission rĂ€t FDP: Salami-Taktik fĂŒr Nacktspanner und Gestörte, 29.Dezember 2009)
PrĂ€sident Barack Obama unterstĂŒtzte diese Forderungen des Spionage-Komplexes (dem er selbst nach der Detroit-AffĂ€re „systemisches Versagen“ vorgeworfen hatte), indem er sich weigerte die Ausgaben fĂŒr „Nationale Sicherheit“ einzufrieren (vielleicht braucht er erst wieder einmal gute Presse um es sich schliesslich anders zu ĂŒberlegen).
Stetig werden ĂŒber die gesamten Vereinigten Staaten mehr GebĂ€ude und mehr BĂŒros fĂŒr den Spionage-Komplex errichtet und ausgebaut. Nahe Salt Lake City wird z.Z. fĂŒr 1.7 Milliarden Dollar ein Datenzentrum der NSA gebaut. In Tampa wird dem Zentralkommando nach dem riesigen neuen Spionagezentrum ein riesiges neues Hauptquartier gebaut, dem ein riesiges neues BĂŒro allein fĂŒr die Operationen seiner Sondereinheiten in Asien und Afrika folgen wird, die uns in Afghanistan, Iran und Pakistan schon seit Jahren soviel tote Freunde machen. (Die Hersh-Bombe, 03.April 2008)
In Charlottesville wird den MilitĂ€rgeheimdiensten ein neues Spionagezentrum mit tausend schlecht gelaunten und noch mieser bezahlten Analysten bezahlt. FĂŒnf Kilometer vom Weissen Haus entfernt teilt sich demnĂ€chst das Heimatschutz-Ministerium – mit seinen eigenen SAPs (Geheimprogrammen), einem eigenem Kommandozentrum, plus einer Armada ungezĂ€hlter Transportmittel fĂŒr sein 230.000 MĂ€nner und Frauen zĂ€hlendes Personal – ein schickes neues Hauptquartier mit der KĂŒstenwache.
Und im Washingtoner Stadtteil Anacostia (ganz in der NĂ€he des Ă€ltesten StĂŒtzpunktes der US Marine) wird derzeit fĂŒr 3.4 Milliarden Dollar der gröĂte Regierungskomplex seit Errichtung des Pentagon gebaut, viermal so groĂ wie „Liberty Crossing“, der Komplex der DNI-Behörde und des NCTC.
Teil II – TOP SECRET AMERICA: âNationale Sicherheit AGâ
Rechtschreibfehler korrigiert am 18.07.2013. Auch das, mit innerer Sicherheit, vor und fĂŒr die SĂ€ue.
