Das vergessene Verfahren eines angeblichen Steinwerfers

Heute Abend erreichte unsere Redaktion eine Bitte um Veröffentlichung des folgenden Textes. Es geht um die schon morgen um 9.00 Uhr beginnende Verhandlung um die VorgÀnge auf der 1.Mai Demonstration im vergangenen Jahr.

Am Donnerstag, dem 27.05.2010 beginnt um 9 Uhr im Raum B228 des Amtsgerichts Tiergarten der 1. Verhandlungstag des wohl letzten 1. Mai-Verfahrens 2009. Auch eine angemessene anwaltliche Vertretung hat der Angeklagte nicht, so dass bei diesem Verfahren Augenzeugen besonders wichtig sind um eine neue Dimension an WillkĂŒr zu verhindern.Wie kam es dazu?

Eine Kette an mal mehr, mal weniger skandalbehafteten Entwicklungen fĂŒhrte zu dieser meiner Situation. Nachdem mein 1. Anwalt das Verfahren aus unerfindlichen GrĂŒnden in die LĂ€nge zog und ein Urlaub seinerseits oder der Richterin als Grund fĂŒr eine Terminverschiebung galt und dieser sich eben weigerte auch nur einen Blick auf meine soziale Situation zu werfen – welche ja auch vor Gericht ggf. formuliert werden sollte – entschied ich mich eben diesen Anwalt abzulehnen.

Es war Januar 2010 und ein Verhandlungstermin fĂŒr Anfang Februar angesetzt. Die Kanzlei reagierte zunĂ€chst nicht, erst 3 Wochen spĂ€ter. Das Gericht reagierte ebenfalls nicht, auch nicht auf SchriftstĂŒcke und Faxe in denen gefordert wurde den Termin zu verschieben, da es Zeit benötigt einen Anwalt zu finden und dieser natĂŒrlich erst einmal Akteineinsicht benötigt, was bis zu 2 Wochen dauert.

Brisant und mehr zu meinem Nachteil schien die Tatsache, dass jener Anwalt auch fĂŒr die Rote Hilfe tĂ€tig ist – Schreiben an diese blieben unbeantwortet. Auch persönliche Nachfragen, wie denn genau die Struktur der Roten Hilfe aussieht, ob es ein Gremium gibt, dass sich regelmĂ€ĂŸig damit beschĂ€ftigt welcher Anwalt fĂŒr die Rote Hilfe arbeitet und wie deren Arbeit auch mal ĂŒberprĂŒft wird, blieb unbeantwortet. Oder ich möchte dies hier einfach nicht erwĂ€hnen.

Nachdem das Gericht vor dem Verhandlungstermin Anfang Februar nicht reagierte und im Schreiben des Ex-Anwaltes verlautbart wurde, das der Termin verschoben wird ging ich ebenfalls davon aus und erschien zu diesem Termin nicht.

Einen Tag nach dem Termin erhielt ich ein Schreiben von einer RA Silberman. Diese erklĂ€rte mir, sie sei meine vom Staat bestellte Pflichtverteidigerin und ich hĂ€tte zum besagten Termin erscheinen mĂŒssen. Es werde nun ein neuer Termin angesetzt. SpĂ€ter erfuhr ich, das die „Pflichtverteidigerin“, welche nun wirklich mit der zustĂ€ndigen Richterin befreundet sein muss von Strafprozessen mehr als keine Ahnung hat und FachanwĂ€ltin fĂŒr Familienrecht ist. Das ist kein Scherz.

Weniger Scherzhaft war mir ebenfalls zumute, als es Ende April bei einer normalen RĂŒckmeldung hieß ich hĂ€tte einen offenen Haftbefehl. Ich sah mich in der JVA Moabit wieder. Teilanstalt 1 der Straferstation, da das GefĂ€ngnis „voll“ war. Verurteillte wegen Körperverletzung, Drogendealer, Schwerverbrecher, die sich nicht aus ihren Zellen trauten und Obdachlose Schwarzfahrer hielten sich die Waage. Mittendrin meine Person, mehr als paralysiert, per ArztverfĂŒgung in eine Doppelzelle gesteckt. Dort zog dann mit mir T. ein: 1.80, Bauarbeiterfigur, „HASS“ auf der einen Hand tĂ€towiert, auf der anderen „REPS“. So ein 90er Jahre-Rechter der etwas in die Jahre gekommen war und 20 mal jeden Tag beteuerte schon lange nicht mehr in der Szene zu sein. Das waren eh nur Biker und andere SprĂŒche.

„Du kannst doch so schön zeichnen. Mach doch mal nen Tribal fĂŒr den Brief an mein Frauchen“ Es blieb die Hölle. An diesem Tag gab es Mittags syntetischen Kartoffelbrei mit Senfsoße und Eiern, Abends Brot mit Eiern. Der GefĂ€ngnisbetrieb funktionierte nicht mehr richtig. In Mobait traf ich dann – das 1. mal – auf diese „Pflichtverteidigerin“ welche sagte, wir mĂŒssen erst warten bis die Richterin aus dem Urlaub wieder da sei.

So wurden es also 15 Tage bis die Haftverschonung wieder eingesetzt wurde, obwohl es zu diesem Erörterungstermin keine neuen Erkenntnisse gab. Es ging hier natĂŒrlich nicht um die Hauptsache – schweren Landfriedensbruch.

In Erinnerung geblieben sei auch folgende Aussage der Richterin. „Nochmal lass ich so eine Ausrede aber nicht gelten“ – bezogen auf meine Argumentation, dass auch mein Ex-Anwalt etwas von einer Terminverschiebung geschrieben habe. Weiter hieß es bezogen auf einen erneuten Anwaltswechsel:

„Nochmal mach ich das aber nicht mit, was da gelaufen ist weiß ich nicht. Das sie ĂŒberhaupt ein Anwalt haben, ist schließlich nur von unseren Gnaden – das ist sozusagen eine Servicedienstleistung des Staates.“

Bei diesem Satz könnte man jetzt mit dem Kinn den Fußboden zerkratzen, oder ganz nĂŒchtern feststellen, das man ein anderes VerstĂ€ndnis von Rechtsstaatlichkeit hat, sofern man davon ĂŒberhaupt noch was hĂ€lt.Es zeigt aber deutliche Tendenzen dahin wie Juristen so denken. Einfach Wahnsinn.

Was aber im Knast komischerweise funktioniert ist das Abmelden vom Arbeitsamt. Nach Studienabbruch kloppe ich mich nun fast genau ein Jahr mit der Agency. Offene Mieten, 2 Jahre offene Stromrechnung, vier bzw. bald fĂŒnf Verfahren vor dem Sozialgericht, Schikane, erfundene Darlehn, 3x aus dem Bezug herausgedrĂ€ngt sind die Bilanz. Diese Situation war auch der Grund fĂŒr die Mandatsniederlegung, als der Anwalt der Roten Hilfe, welche hierauf antwortete: „Gehn sie doch arbeiten oder kĂŒmmern sie sich um den Papierkram“

Diesem Herrn hĂ€tte wohl auch der ein oder andere Text der Niemand ist vergessen Kampagne gut getan. Ob der Anwalt schon mal gearbeitet hat? Ich meine Schlauch wechseln zĂ€hlt nicht. Ein Rad richtig reparierern, einen Tisch bauen, Tomaten zĂŒchten oder einfach Spuren hinterlassen von denen andere was haben…

Also…was da morgen passiert weiß ich nicht. Das Gericht will einfach sein Programm abspulen. Bevor es am Rand runter fĂ€llt: Ich soll am 1. Mai 2009 einen Stein geworfen haben, der angebliche Beamte von diesem angeblichen Stein getroffen konnte nicht ermittelt werden. Ganze 2 Zeugen sollen mich an einem schwarzen Hemdkragen erkannt haben. Ein weiteres GesprĂ€ch beim EA (Ermittlungsausschuss) blieb erfolglos es wurden halbherzig AnwĂ€lte vermittelt, die im Urlaub sind oder die Kosten nicht so schnell klĂ€ren können. Woher nehmen?

Was ihr alle tun könnt: Besucht mich morgen bei der Verhandlung, nehmt Zettel und Stifte mit und schreibt euch genau auf was die dort abziehen. Je mehr Leute, desto weniger WillkĂŒr.

Noch besser: Wer einen Anwalt kennt, der vor Langeweile total depressiv ist, dem Cash nicht so dolle juckt, der soll morgen dahin kommen. Seht das mal als Wettbewerb. Freiwillige vor. DafĂŒr gibt es den goldenen Anti-Systemstricher-Preis.

Wer einen Psychologen kennt, der meint… „Eine aus seiner Sicht fehlende Rechtvertretung, die besonderen Erlebnisse in der U-Haft, die besonder „Soziale Situation“, die Auseinandersetzung mit seinem Vermieter, das erneute HerausdrĂ€ngen aus dem Hartz-IV-Bezug, dass dazu aktuell fĂŒhrt das er seit 2 Monaten formell nicht gefrĂŒhstĂŒckt hat etc….könnte doch zu einer VerhandlungsunfĂ€higkeit fĂŒhren“…soll meinetwegen auch hinkommen. Das ich damals nach der Festnahme wegen Glasflaschen in den HĂ€nden 2x operiert werden musste erwĂ€hne ich gar nicht.

Unglaublich…unglaublich…

Amtsgericht Tiergarten | Am U-Bahnhof Turmstraße | Wilsnacker Straße 4 | Donnerstag 27.05. | 9. Uhr | Raum B 228.

Ich bin mit einigen wenigen Leuten spÀtestens ab 8.30 vor dem Eingang Wilsnacker Str. Man erkennt mich an einem schwarzen Hemdkragen, es sei denn es ist dunkel.

Artikel zum Thema

02.05.2010 Video: Fusstritt eines Polizisten am 1.Mai 2010 in Berlin-Kreuzberg
15.04.2010 Politischer Extremismus durch GdP vor 1.Mai: Unverantwortlicher Blödsinn
02.04.2010 Bundespolizei: Jeder vierte ausgebrannt
28.01.2010 Urteil im Mai-Krawalle-Prozess “Im Zweifel fĂŒr die Angeklagten”
17.11.2009 Foto: Pfefferspray-Einsatz an der Uni Jena
17.11.2009 Uni Jena ist besetzt – trotz Gewaltanwendung der Polizei
13.11.2009 Beamter zu Einsatz in Uni Bielefeld: Eine Polizeiaktion ist keine Polizeiaktion
19.09.2009 Demonstrationen verbieten – Wunschtraum der Regierung
18.09.2009 es wird zurĂŒckgefilmt
13.09.2009 Junge Piraten rufen zur Mahnwache gegen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Polizeigewalt auf
13.09.2009 Ohne PrĂŒgelei geht wohl in Deutschland nichts mehr?
07.06.2007 Der Eskalations-Plot von Rostock und Heiligendamm