Oberst Klein: Wer war „sein Geheimdienst-Chef“?

Hintergrund, Analyse Militär, Krieg Spionage, Attentate

In der Kunduz-Affäre drücken sich Presse, Parteien, Militär und Spionage um die entscheidenden Fragen. Radio Utopie wird diese gern noch einmal erläutern.

Am gleichen Abend des vom deutschen lokalen Isaf-Befehlshaber Oberst Georg Klein am frühen 4.September befohlenen mörderischen Bombardements gegen eine Menschenmenge, das 137 Menschen das Leben kostet, fliegt ein Reporter der "Washington Post" mit einem Nato-Untersuchungsteam ins deutsche Militärhauptquartier nach Kunduz. Die Zeitung berichtet später folgendes... (1)

Als das Nato-Team am Freitag Abend auf dem Flughafen von Kunduz eintrifft, wird es von Isaf-Kommandeur Oberst Georg Klein “gedrängt”, nicht zum Ort des Geschehens zu fahren. Klein wörtlich:

“Es gibt die Wahrscheinlicheit, dass wir beschossen werden.”

Klein hält auch einen Besuch des Nato-Teams im Krankenhaus bei den Opfern des Luftangriffs für "zu gefährlich". Stattdessen führt er das Untersuchungsteam in deutschen Isaf-Hauptquartier in einen kleinen, achteckigen Raum und "brieft" dort zusammen mit seinen Untergebenen das Nato-Team.

Klein stellt an jedem Freitag Abend die Ereignisse wie folgt dar: er haben einen strategischen B-1B-Bomber (mit 12.000 Kilometern Reichweite) zum 4 Meilen vom Isaf-Flughafen von Kunduz entfernten Ort des Geschehens entsendet. Die Besatzung des Langstreckenbombers habe am Boden auf dem Gelände rund um die mutmasslich “steckengebliebenen” Tanklastzüge bei einigen Umstehenden leichte Waffen und Granatwerfer wahrgenommen.

Nach 10 Minuten Kreisflug über dem Ort des Geschehens habe der B-1B-Bomber dann “wegen Treibstoffmangels” abgedreht, so Klein. Er habe ein neues Kampfflugzeug angefordert und den Vorfall zur “akuten Bedrohung” erklärt. Klein wörtlich:

“Mein Gefühl war, dass wenn wir die mit diesen Tanklaster davon kommen lassen, die sie für Angriffe auf Polizeistationen oder sogar die PRT (Anm.: das Isaf-Hauptquartier) präparieren”

Zwanzig Minuten später (also eine halbe Stunde nach dem ersten Eintreffen des B-1B-Bombers) seien dann zwei Kampfflugzeuge vom Typ F-15E Strike Eagle über dem Dorf Omar Kheil eingetroffen. Sie hätten Live-Videoaufnahmen in das Isaf-Hauptquartier übertragen. Das deutsche Militär nahm nun Kleins Bericht zufolge auf den Luftaufnahmen vom Ort nahe ihres Militärstützpunktes inmitten der zentralasiatischen Besatzungszone eine grosse Anzahl von Menschen rund um die beiden Tanklastzüge wahr.

Wie Oberst Georg Klein nun an jenem Freitag Abend des 4.September vor dem Nato-Team aussagt, war es “sein Geheimdienst-Chef” welcher am frühen Morgen behauptet hatte, er habe am Telefon von einem einzelnen Informanten gehört, dass es sich bei der Menschenmenge um die Tanklaster ausschliesslich um “Aufständische” gehandelt habe. Die Beschreibung der Szenerie, welche diese Quelle abgeliefert habe, sei entsprechend dem gewesen, was er auf den Bildern der F-15 Jets gesehen habe. Klein: “Die ganze Story passte 100-prozentig”

Wer war zu diesem Zeitpunkt Kleins "Geheimdienst-Chef"?

Wie konnte die Beschreibung der Szenerie, welche der einzelne Informant an den Geheimdienstchef von Klein durchsagte, mit dem den Bildern der F 15-Kampfjets übereinstimmen, wenn dieser Informant laut einem bereits am 4.September nach Potsdam zum Militäroberkommando übermittelten Bericht von Kleins Vorgesetztem, Brigadegeneral Jörg Vollmer, gar nicht vor Ort war?

Der afghanistane Informant hatte demnach nicht einmal Sichtkontakt mit den Tanklastern - war dafür aber in Telefonkontakt mit "den Aufständischen" (2).

Wie kann also Oberst Klein a) Szenerien vergleichen, die nie geschildert wurden und wenn sie b) erlogen waren, wie konnten sie dann zu den Luftbildern passen?

Wieso war der afghanische Informant des Geheimdienst-Chefs von Klein - wahrscheinlich ein Offizier des Bundesnachrichtendienstes - kurz vor dem Bombardement in telefonischem Kontakt mit "den Taliban"? War dieser afghanische Informant von der afghanischen Spionage NDS, der laut Angaben aus der Bundeswehr in Kabul eng mit dem BND zusammenarbeitet? (3)

Woher wusste der Kommandeur der deutschen Truppen in Afghanistan, Brigadegeneral Vollmer, bereits am Abend des Freitag davon, dass dieser Informant kurz vor dem Bombardent mit "den Taliban" in Telefonkontakt war? Wo sind die Protokolle der entsprechenden Handy-Ortung, welche der BND sicher vorgenommen hat? Und wenn nicht - warum nicht?

Warum standen, laut Aussage des Bundestagsabgeordneten Winkelmeier am 8.September (3),  die in unmittelbarer Nähe des deutschen Militärstützpunktes an einem "vorgetäuschten" Checkpoint "entführten" Tanklaster der Isaf während ihrer ganzen Fahrt um den Stützpunkt herum unter Luftbeobachtung? (3)

Am 26.November sagt Franz-Josef Jung, zu diesem Zeitpunkt noch amtierender Arbeitsminister, vor dem deutschen Bundestag (4) folgendes aus:

"Als am 6. September ein Bericht der Washington Post im Hinblick auf 125 Opfer – darunter auch zivile Opfer – öffentlich geworden ist, habe ich noch einmal mit Oberst Klein in Afghanistan telefoniert, aber auch mit General McChrystal, dem COMISAF. Wir waren übereinstimmend der Auffassung, dass jetzt alles getan werden muss, um den Sachverhalt korrekt aufzuklären und danach gegebenenfalls die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
Am gleichen Tag, also an diesem 6. September, habe ich auch gegenüber der Öffentlichkeit unterstrichen, dass, wenn es zivile Opfer gegeben hat, wir dies sehr bedauern,
(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Sie haben es ausgeschlossen! Ausgeschlossen!)
und ich habe auch mein Mitgefühl gegenüber den Angehörigen zum Ausdruck gebracht. Ebenfalls habe ich hinzugefügt, dass wir uns in einem solchen Fall um die Angelegenheit kümmern werden. Mir ist dann ein Bericht über die Vorgänge vom 4. September aus Afghanistan zugegangen, der unterzeichnet worden ist von dem Gouverneur der Provinz Kunduz, dem Polizeichef der Provinz Kunduz, dem NDS-Chef der Provinz Kunduz, dem Provinzratsvorsitzenden der Provinz Kunduz und dem Kommandeur der zweiten ANA-Brigade. Dieser Bericht enthält unter anderem folgende Formulierungen – ich zitiere –:
`Durch die Explosion wurden 56 bewaffnete Personen getötet und 12 Personen verletzt. Die Verletzten hatten Verbrennungen und wurden ins Krankenhaus nach Kunduz gebracht, wo ein Verletzter am 4. September 2009 seinen Verletzungen erlag.`
Der Bericht geht dann weiter – ich zitiere wiederum wörtlich –:
`Um diesen Vorfall besser zu untersuchen, ist auf Anordnung des Präsidenten der Islamischen Republik Afghanistans eine Untersuchungskommission eingesetzt worden. Dieser Kommission gehören Vertreter des Innenministeriums, des Verteidigungsministeriums, des NDS und ein Vertreter des Präsidenten an.`

Ich zitiere weiter:
`Am 5. September 2009 ist die Untersuchungskommission mit einer ISAF-Delegation zusammengetroffen, um ihre Informationen abzugleichen. Nach Gesprächen mit Dorfbewohnern und Augenzeugen wurde bewiesen, dass alle Getöteten zu den Taliban und deren Verbündeten gehören.`
Ende des Zitats."

Was heisst "dann"? Wann ist Franz-Josef Jung dieser Bericht all dieser ehrenwerten Leute - die samt und sonders Afghanistan-Kommandeur Stanley McChrystal am 5.September im Isaf-Hauptquartier bequatschten, es sei nicht nötig sich den Ort der Bombardierung anzugucken (1) - zugegangen? Wann wurde er erstellt und warum erschien er Verteidigungsminister Jung so glaubwürdig, deswegen das Parlament in Berlin anzulügen? Und warum wurde der (paschtunisch-stämmige) Vize-Chef des tadschikisch-dominierten afghanischen Geheimdienstes NDS, Abdullah Laghmani, keine 48 Stunden vor der "Entführung" der Tanklaster bei Kunduz, bei einem gezielten Attentat ermordet? (3)

Wenn das deutsche Militär wirklich, wie behauptet, immerhin schon am Mittag des 4.September - also ca 10.Stunden nach der Bombardierung, deren angegebener Zeitpunkt immer wieder unauffällig verschoben wird - am fünf Kilometer vom eigenen Stützpunkt entfernten Ort der Bombardierung war, wieso warnte dann Oberst Klein die Nato-Delegation dann noch am Abend des 4.September, diesen in Augenschein zu nehmen (1) ?

Und wie kann es sein, dass dann am nächsten Vormittag, am Samstag dem 5.September, der "New York Times"-Reporter Stephen Farrell am Ort der Bombardierung von "Taliban" entführt wird? Wieso hat Farrells Dolmetscher Sultan Munadi, der rein zufällig in Deutschland seine Ausbildung erhalten hat (5), nach Aussagen des entkommenen Fahrers "einen Freund im Dorf" und weiss, dass es am Ort des Luftangriffes gefährlich sein könnte? (3)
Wieso kann dieser Dolmetscher aus der brutalen Geiselhaft von Entführern, die in unmittelbarer Nähe des deutschen Militärhauptquartiers Journalisten entführen, in aller Seelenruhe seine Mutter anrufen und wieso wird dieser Dolmetscher Sultan Munadi dann, bei der "Befreiung" von ihm und Stephen Farrell aus den Händen "der Taliban", vom britischen SAS praktisch exekutiert und sein Leichnam vor Ort zurückgelassen? (6)

Wieso fragt nicht ein einziger Berliner Parlamentarierer, ja nicht einmal ein einziger Vertreter einer etablierten Partei, wie es sein kann, dass irgendwelche Milizen in der deutschen Besatzungszone Schutzgeld erpressen und Steuern eintreiben, wie der afghanische Innenminister Hanif Atmar und einer der zentralen Autoren der neuen "Afghanistan-Pakistan-Strategie", Christopher Kolenda, am 21.11. in der "New York Times" aussagten? (7)

Mittlerweile musste das italienische Militär zugeben, jahrelang "Taliban" bezahlt zu haben die Nato-Truppen überfielen, welche danach wiederum an der Heimatfront lautstark nach Verstärkung riefen. Die Monarchie Grossbritannien verkündete Mitte November, die Bezahlung von Milizen gehöre offiziell zu ihrer Militärpolitik, die USA bezahlen sogenannte "Anti-Taliban" (8). Hat die Bundeswehr Milizen bezahlt? Bezahlt sie immer noch Milizen? Wenn ja, wofür? Und was genau ist das eigentlich, ein "Taliban"? Ein Bewaffneter mit Turban? Mit einem speziellen Turban?

Warum redet niemand über die "Gruppe 22" im Kanzleramt, die nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" (9) Kanzlerin Angela Merkel "jederzeit über den Stand der Untersuchungen zu dem Luftschlag" informierte und auf dem Laufenden hielt?

Nehmen wir mal an, ein Mafiosi in Kreuzberg geht los und verbrennt 137 Menschen bei lebendigem Leibe. Wochen später tritt dann der Clanchef der Mafiosis vor die Presse und bekundet in lamoryantem Tone, dies sei strafrechtlich "nicht angemessen" gewesen. Seit wann ist es eigentlich wieder möglich, dass deutsche Soldaten Massenmorde befehlen und alle im Grunde stolz darauf sind, weil die Soldaten ein solch schweres Schicksal haben? Wann war dies das letzte Mal in der deutschen Geschichte der Fall und was unterscheidet diese Zeit noch von der heutigen?

Das ist vielleicht die erste Frage, die man sich stellen muss: was unterscheidet einen "weltweiten Krieg" gegen/für dies, das, jenes, von einem ganz normalen Weltkrieg?

(...)

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Quellen:
(1) http://www.radio-utopie.de/2009/09/06/bundeswehr-oberst-befahl-offenbar-nach-bnd-behauptungen-luftangriff-auf-sichtbare-menschenmenge-125-tote/
(2) http://www.bild.de/BILD/politik/2009/11/26/bomben-video-kunduz-in-afghanistan/verschwieg-minister-jung-die-wahrheit-ueber-die_20bombardierung.html
(3) http://www.radio-utopie.de/2009/09/10/samstag-morgen-entfuehrung-eines-nyt-reporters-5-kilometer-vom-deutschen-isaf-stuetzpunkt-entfernt/
(4) http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/plenarprotokolle/17007.pdf
(5) http://www.welt.de/politik/article4497817/Tod-auf-Heimaturlaub-die-letzten-Worte-des-Sultan-M-Munadi.html
(6) http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/Afghanistan/article6828810.ece
(7) http://www.nytimes.com/2009/11/22/world/asia/22militias.html
(8) http://www.radio-utopie.de/2009/11/23/us-spezialeinheiten-bilden-offiziell-anti-taliban-in-afghanistan-aus/
(9) http://www.sueddeutsche.de/politik/936/496254/text/

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