Dialog in Venezuela möglich, Kritik an deutscher Berichterstattung
Unasur bietet Vermittlung an. Milizen und Armee bei Manöver. Oberstes Gericht gibt Dekret von Maduro statt. Kritik an Bericht der ARD ĂŒber Proteste
Die Union sĂŒdamerikanischer Nationen (Unasur) will zwischen der Regierung und der Opposition in Venezuela vermitteln, um die Krise in dem sĂŒdamerikanischen Land zu lösen. Das berichten venezolanische Medien unter Berufung auf die Regionalorganisation. Zu dem Verhandlungsteam gehören demnach unter anderem der ehemalige spanische MinisterprĂ€sident JosĂ© Luis RodrĂguez Zapatero sowie die Ex-PrĂ€sidenten von Panama und der Dominikanischen Republik, MartĂn Torrijos und Leonel FernĂĄndez. „Ich werde die internationale Gemeinschaft bitten, das Ansinnen eines groĂen nationalen Dialogs (in Venezuela) zu unterstĂŒtzen, damit wir in einem sinnvollen Zeitraum einen Plan erstellen können“, sagte Zapatero auf einer Pressekonferenz in Caracas nach einem Treffen mit PrĂ€sident NicolĂĄs Maduro. Der Weg hin zu solch einem Dialog werde aber „lang, hart und schwer“ sein, prognostizierte der Sozialdemokrat. Wichtig sei, dass sich alle Seiten „an die demokratischen Regeln, den Rechtsstaat und die Verfassung halten“.
Bei der Opposition traf das Angebot von Zapatero, der seit geraumer Zeit Kontakt zu beiden politischen Lagern unterhĂ€lt, auf Interesse. In einem KommuniquĂ© bekrĂ€ftigte das OppositionsbĂŒndnis „Tisch der demokratischen Einheit“ (MUD) seine Bereitschaft, an jeder Art von Dialog teilzunehmen, „der fĂŒr das Land sinnvoll ist“. Man werde sich aber an keinen GesprĂ€chen beteiligen, „die von der Regierung als Ablenkungsmanöver benutzt werden“, heiĂt es indem Dokument weiter. Das MUD-BĂŒndnis werde bei etwaigen GesprĂ€chen daher auf eine klare Tagesordnung bestehen.
Die GesprĂ€chsinitiative wurde publik, nachdem der Oberste Gerichtshof am Donnerstag den von PrĂ€sident Maduro ausgerufenen „wirtschaftlichen Notstandâ fĂŒr rechtens erklĂ€rt hat. Ein entsprechendes Dekret sei verfassungskonform, hieĂ es von dieser Seite. Angesichts des Wirtschaftsnotstandes werden die Armee und zivile Basiskomitees befugt, Lebensmittel zu verteilen und â bei Verdacht auf Hortung â zwangsweise auf den Markt zu bringen.
Hier lesen Sie eine Zusammenfassung des Dekrets.
Angesichts der zunehmenden Gewalt bei Demonstrationen der Opposition und einer mutmaĂlichen Einflussnahme auf die Proteste aus dem Ausland haben Regierung und Armee des sĂŒdamerikanischen Landes zu einer groĂangelegten Ăbung aufgerufen. Nach Angaben der unabhĂ€ngigen Tageszeitung Ăltimas Noticias nehmen mehr als 1.500 Mitglieder der Milizen an dem Manöver „UnabhĂ€ngigkeit 2016“ teil. Dabei gehe es darum, die Nationalen Bolivarischen StreitkrĂ€fte zu unterstĂŒtzen. Das Manöver sei notwendig, „weil einige Gruppen die UnabhĂ€ngigkeit und SouverĂ€nitĂ€t Venezuelas mit gewalttĂ€tigen Aktionen angreifen wollen, um so eine auslĂ€ndische Intervention zu rechtfertigen“, sagte Verteidigungsminister Vladimir Padrino LĂłpez.
Bei den Protesten von Regierungsgegnern wurden nach Angaben venezolanischer Medien mehrere EinsatzkrĂ€fte verletzt. Nach mehreren heftigen ZusammenstöĂen zwischen Demonstranten und der Polizei wurde ein fĂŒhrender FunktionĂ€r der Opposition festgenommen. Der Mann soll fĂŒr Angriffe auf Vertreter der Bolivarischen Nationalpolizei (PNB) am Mittwoch verantwortlich sein. Bei dem Inhaftierten handelt es sich um Ăngel Coromoto RodrĂguez, den Sicherheitschef von ParlamentsprĂ€sident Henry Ramos Allup von der sozialdemokratischen Partei Demokratische Aktion (AcciĂłn DemocrĂĄtica, AD).
FĂŒr Kritik sorgte indes auch die deutsche Berichterstattung ĂŒber die Proteste in Venezuela. ARD-Korrespondent Peter Sonnenberg hatte am Freitag von einer Demonstration in Venezuela berichtet, bei der offenbar auch eine Kamerafrau seines Teams von einer TrĂ€nengasgranate getroffen wurde. Nach Darstellung Sonnenbergs griff die Polizei demonstrierende Studenten und Demonstranten ohne Grund an. In dem Beitrag heiĂt es:
Und von einem Moment auf den anderen kriegen wir die Staatsgewalt zu spĂŒren. Als alles noch ganz friedlich erscheint, kommt eine der Demonstrantinnen auf mich zu. (…) Wahrscheinlich fliege hier gleich TrĂ€nengas, sagt sie. Oft schieĂen die Polizisten in die Luft, mit scharfer Munition. Im nĂ€chsten Moment hören wir Tumult von der StraĂe. Die Polizei kesselt Studenten ein und kurz darauf fliegen TrĂ€nengasgranaten auf uns Journalisten und auf absolut friedliche Demonstranten.
Von einer anderen Kameraeinstellung aus wird jedoch ersichtlich, dass die Polizei keine Studenten eingekesselt hat, sondern selbst zum Ziel heftiger Attacken von Demonstranten wurde. Dabei kam eine Polizistin zu Fall und wurde von mehreren Vermummten mit Steinen, Stöcken und Tritten traktiert. Erst daraufhin sind Detonationen â mutmaĂlich von TrĂ€nengasgranaten â zu hören und die Angreifer ziehen sich zurĂŒck. Das Handyvideo wurde unter anderem von der Seite „El Informador“ ins Netz gestellt und von Medienaktivisten mit dem ARD-Beitrag zusammengeschnitten. Die Darstellung des ARD-Beitrags zeugt „von mangelnder journalistischer ProfessionalitĂ€t und Berufsethik“, heiĂt es von dieser Seite.
Erstveröffentlichung des Artikels auf Portal amerika21.de am 22. Mai 2016