Die Nichts-Republik
Der Luftangriff von Kunduz, Afghanistan und Franz-Josef Jung: Die StaatsaffĂ€re um vom MilitĂ€r und der Regierung unterdrĂŒcktes Beweismaterial ĂŒber einen am 4.September von der Bundeswehr befohlenen Massenmord in unmittelbarer NĂ€he ihres Hauptquartiers in der zentralasiatischen Besatzungszone, ist mehr als nur ein „Versagen“ dieser seit Jahren allmĂ€chtig agierenden Institutionen; es ist der Offenbarungseid einer nicht mehr funktionierenden und nur noch rudimentĂ€r existierenden Demokratie.
09.00 Uhr, Donnerstag. Im Reichstag beginnt die Parlamentsdebatte ĂŒber den von der Regierung gestellten Antrag auf „Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher StreitkrĂ€fte an dem Einsatz der Internationalen SicherheitsunterstĂŒtzungstruppe in Afghanistan (International Security Assistance Force, ISAF) unter FĂŒhrung der NATO“ (1). In Drucksache 17/39 (2) soll nicht nur die Fortsetzung der deutschen Besatzung im zentralasiatischen Afghanistan beschlossen, sondern auch im neunten Jahr Regierung und MilitĂ€r eine umfassende Kriegsvollmacht ausgesprochen werden, den Einsatz der Luftwaffe eingeschlossen. Auch im Jahre 2009 heisst es, es gelte der gleiche „Verteidigungsfall“, wie er nach den immer noch ungeklĂ€rten Attentaten des 11.Septembers 2001 auf us-amerikanischem Boden durch den Nordatlantikpakt beschlossen worden war.
Die Abgeordneten lesen bereits Zeitung. Das ist ungewöhnlich. Es ist die „Bild“-Zeitung (3). Darin steht, was 622 vom Volk gewĂ€hlte Abgeordnete bisher angeblich nicht wussten und auf jeden Fall nicht wissen wollten, genauso wenig wie ihre 614 Vor- und WiedergĂ€nger. Der neu ernannte Aussenminister Guido Westerwelle ergreift das Wort. Er spricht:
„Wir engagieren uns in Afghanistan aus Menschlichkeit, aber vor allem aus unserem ureigenen Sicherheitsinteresse. Afghanistan und das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet dĂŒrfen nicht erneut zum RĂŒckzugsgebiet fĂŒr Terroristen werden. Damit wir hier in Freiheit und Sicherheit leben können, auch dafĂŒr ist der Einsatz da.“
Noch nie hat ein afghanischer StaatsbĂŒrger ausserhalb seines Landes irgendein Attentat verĂŒbt. Es ist nichts ĂŒber irgendwelche Verbrechen an deutschen StaatsbĂŒrgern durch Afghanen bekannt, welche vor der Invasion durch Nato-Truppen geschehen wĂ€ren, geschweige denn, dass diese den Bestand dieser Republik gefĂ€hrdet hĂ€tten. Es ist auch nach der Invasion deutscher Truppen in Afghanistan im Jahre 2001 nichts ĂŒber irgendwelche politisch oder religiös motivierten Verbrechen an Deutschen bekannt geworden, von denen ein einziges einem Afghanen in einem ganz normalen Gerichtsverfahren nachgewiesen worden wĂ€re.
Doch das alles ist nicht da. Das alles ist nicht wirklich. Das gibt es gar nicht. Es gibt nur das, was gesprochen wird. Es gilt das gesprochene Wort. Eine andere RealitĂ€t hat es nicht zu geben, gab es nie und wird es auch niemals geben – weil sie Theorie wĂ€re. Eine Verschwörungstheorie. Es zĂ€hlt das gesprochene Wort.
„Sicherheit ist das SchlĂŒsselwort. Ohne Sicherheit gibt es in Afghanistan keine wirtschaftliche Entwicklung, keinen Aufbau demokratischer Institutionen, keine Freiheit und keine Gleichberechtigung. Ohne Sicherheit werden in Afghanistan keine Brunnen, keine KrankenhĂ€user und keine Schulen gebaut, schon gar nicht fĂŒr MĂ€dchen. Sicherheit ist daher das SchlĂŒsselwort fĂŒr unseren Einsatz. Darauf konzentrieren wir uns: auf den Schutz und die Sicherheit Deutschlands und Europas, auf die Verbesserung der Sicherheit fĂŒr die Menschen in Afghanistan, aber auch auf die bestmögliche Sicherheit fĂŒr deutsches Zivilpersonal und unsere Soldaten. Ihnen mĂŒssen wir vor allem die richtige AusrĂŒstung zur VerfĂŒgung stellen, und auch darauf wird die Bundesregierung ihr Handeln ausrichten.“
Dies ist nicht das Jahr 2009. Und im Jahre 2008 sind nach Angaben der Uno auch keine 2118 Menschen durch den Krieg in Afghanistan umgekommen. Und wenn, dann war es ja ein „Anstieg um 40 %“, wie man sagt. Das kann doch mal vorkommen. Gut, die in Kabul ansĂ€ssige unabhĂ€ngige Organisation Afghanistan Rights Monitor (ARM) meinte, es seien 4000 Tote gewesen (4). Aber wissen wir das? Nein. Wir wissen gar nichts. Gar nichts wissen wir. Es gilt das gesprochene Wort. 2007 waren es laut einer Nachrichtenagentur die mal durchzĂ€hlte – weil das seit Kriegsbeginn niemand macht, wissen Sie? – in 2007 waren es also schon am 1.Juli 2800 Tote, als wieder so ein Luftangriff 130 Tote forderte. (5)
Aber Tote – gibtÂŽs die ĂŒberhaupt? Die Welt ist nicht einfach schwarz oder weiss. Die Welt ist grau, die Mitte der Gesellschaft. „Tot“, das ist doch nur eine Frage der Mediation. Wir finden schon eine Lösung. Entweder, oder, das ist was fĂŒr Radikale und Störer. FĂŒr VerrĂŒckte und Verlierer. Wir gewinnen diesen Krieg, da gibtÂŽs kein entweder, oder. Das ist ĂŒberhaupt keine Frage.
Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr. Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand. (6).
Es gilt das gesproche Wort. (1)
„Herr Minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Beck?
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des AuswÀrtigen:
Bitte, Herr Kollege.
PrÀsident Dr. Norbert Lammert:
Bitte schön, Herr Beck.
Volker Beck (Köln) (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN):
Herr AuĂenminister, bevor Sie zum Ende kommen, wollte ich wissen – Sie haben den Punkt der Ehrlichkeit angesprochen -: Wie bewerten Sie angesichts des in der Bild-Zeitung veröffentlichten Berichts, demzufolge von Anfang an Kenntnis ĂŒber zivile Opfer vorlag, die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums in der Amtszeit Ihres Kollegen Jung? Dieses Haus wurde von der Bundesregierung bislang nicht darĂŒber unterrichtet.
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des AuswÀrtigen:
Ich mache darauf aufmerksam, dass in dieser Debatte noch andere Wortmeldungen erfolgen werden, und bitte um VerstĂ€ndnis dafĂŒr.
(JĂŒrgen Trittin (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Hannemann, geh du voran!)Offen gestanden glaube ich: Wenn ich hier als AuĂenminister zum ersten Mal ein solches Mandat einbringe, dann sollten wir der Debatte GenĂŒge tun. Das gilt auch fĂŒr Zwischenfragen, die nichts anderes zum Zwecke haben, als eigene SĂŒppchen zu kochen. Das ist völlig unangemessen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Claudia Roth (Augsburg) (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Bitte? Dann lesen Sie mal die Zeitung! – Weitere Zurufe vom BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN)Sie wissen, dass es lĂ€ngst Entscheidungen gibt. Es ist nicht an mir, hier zu diesen Entscheidungen zu sprechen.
(JĂŒrgen Trittin (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Die Antwort hat die Bundeskanzlerin nicht erfreut, Herr AuĂenminister! – Hans-Christian Ströbele (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Die Wahrheit! – Renate KĂŒnast (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Sind Sie jetzt AuĂenminister oder nicht? Die Wahrheit auf den Tisch!)– Frau Kollegin KĂŒnast, Sie rufen dazwischen. Ich muss Sie fragen: Wissen Sie eigentlich, worĂŒber wir hier reden?
(Renate KĂŒnast (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Ja, im Gegensatz zu Ihnen!)Wir reden darĂŒber, dass Frauen und MĂ€nner in Gefahr kommen. Sie sitzen in der ersten Reihe und lesen Zeitung. Es ist absolut inakzeptabel und wĂŒrdelos, wie Sie das hier machen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Renate KĂŒnast (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Ja, die Bild-Zeitung! – Fritz Kuhn (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Die Wahrheit! Davor haben Sie Angst!)Ich bitte Sie im Namen der Bundesregierung um Ihre Zustimmung zur VerlĂ€ngerung des ISAF-Mandates, damit Deutschland entsprechend seinen wohlverstandenen eigenen Sicherheitsinteressen handeln kann, damit unser Land ein verantwortungsvoller und verlĂ€sslicher BĂŒndnispartner bei der BekĂ€mpfung des internationalen Terrorismus bleibt, damit die Stabilisierung Afghanistans gelingt und wir die Voraussetzungen fĂŒr eine verantwortungsvolle Ăbergabe schaffen können.“
Es ergreift der Herr Abgeordnete Johannes Pflug das Wort. Er redet viel ĂŒber Frauen und MĂ€dchen. Seit Jahren redet er viel ĂŒber Frauen und MĂ€dchen. Man kĂŒmmert sich, in Afghanistan. Das muss doch jemand tun, in der Welt – sich kĂŒmmern.
„Die zentrale Rolle spielt allerdings Pakistan. Das Land ist fĂŒr die Islamisten immer noch logistisches Hinterland. Zwar ist Pakistan am Kampf gegen den Terror beteiligt; aber Pakistan ist viel zu schwach, instabil und intern zerstritten, um wirksam handeln zu können. Es hat keinerlei Kontrolle ĂŒber sein Grenzgebiet zu Afghanistan. Gleichzeitig ist Pakistan Atommacht. Es ist in unser aller Interesse, dass die Atomwaffen nicht in falsche HĂ€nde geraten.“
Es ist unsere Pflicht, uns um die Atomwaffen eines anderen Staates zu kĂŒmmern. Damit sie nicht in falsche HĂ€nde geraten.
„Wir werden der VerlĂ€ngerung des ISAF-Mandates zustimmen. Ich sage aber nochmals: Herr Minister zu Guttenberg, wir vertrauen darauf, dass Sie das, was passiert ist, rĂŒckhaltlos ĂŒberprĂŒfen und das Parlament darĂŒber informieren. Ich wiederhole: Wenn sich die Berichte als richtig erweisen, werden wir die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss stellen.
Danke schön.“
Oh, bitte. Setzen Sie sich, Herr Abgeordneter. Ihr Vertrauen ehrt Sie. Denn Minister, Beamte, GenerĂ€le, sind ehrenwerte Leute. Ihnen kann man vertrauen. Abgeordnete mĂŒssen erst einmal Vertrauen lernen. Dann ehrt auch sie das Vertrauen. Und weil sie das ehrt, sind auch sie ehrenwerte Leute. Und weil sie das sind, ja deshalb sind sie das auch. Und weil das so ist, ist das vernĂŒnftig.
Der Minister Baron zu Guttenberg ergreift das Wort.
„Herr PrĂ€sident! Meine sehr verehrten Damen! Meine Herren! Herr Kollege Pflug, ich will gerne Stellung nehmen zu dem geheimen Untersuchungsbericht, ĂŒber den die Bild-Zeitung heute berichtet. Dieser Bericht war mir zum Zeitpunkt meiner ErklĂ€rung zu dem Bericht des ISAF-Kommandeurs nicht bekannt. Ich habe ihn jetzt zum ersten Mal vorgelegt bekommen.
Dieser Bericht wurde – wie andere Berichte und Meldungen aus der letzten Legislaturperiode – nicht vorgelegt. HierfĂŒr wurde an maĂgeblicher Stelle Verantwortung ĂŒbernommen, und die personellen Konsequenzen sind erfolgt.
(Thomas Oppermann (SPD): Welche?)– Lassen Sie mich bitte ausreden! – Der Generalinspekteur hat mich gebeten, ihn von seinen Dienstpflichten zu entbinden. Ebenso hat StaatssekretĂ€r Wichert Verantwortung ĂŒbernommen. – Wenn ich hier hĂ€misches Lachen höre, will ich an dieser Stelle trotzdem beiden fĂŒr ihren jahrzehntelangen Dienst fĂŒr unser Land danken, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)SelbstverstĂ€ndlich werden diese Berichte unverzĂŒglich ausgewertet
(Thomas Oppermann (SPD): Ist das alles?)und den Fraktionen zur Einsicht zur VerfĂŒgung gestellt. Das versteht sich von selbst, und das ist auch mein VerstĂ€ndnis von Transparenz, was den Umgang mit solchen VorfĂ€llen anbelangt.
(Hans-Christian Ströbele (BĂNDNIS 90/DIE GRĂNEN): Das Ministerium ist ein Tollhaus!)Der Bericht wird auch der Generalbundesanwaltschaft ĂŒbergeben.“
Dieser Bericht hat nur deshalb innerhalb weniger Stunden zum RĂŒcktritt des höchsten MilitĂ€rs Deutschlands, sowie zum RĂŒcktritt des jahrzehntelang einflussreichsten Strippenzieher im Verteidigungsministerium gefĂŒhrt, weil er der „Bild“-Zeitung zugespielt wurde. Ob er nun auch noch der Generalbundesanwaltschaft ĂŒbergeben wird, spielt allerdings in der Tat eine gewisse Rolle. In jedem TheaterstĂŒck gibt es die Rolle des Pausenclowns, des LĂŒckenfĂŒllers, zur Ablenkung des zahlenden Publikums, damit ihm nicht so schnell langweilig wird und es die Vorstellung verlĂ€sst. Denn das wĂ€re das Ende der Vorstellung.
Auch das Bundesministerium fĂŒr Verteidigung und der gesamte Bundestag und die Generalbundesanwaltschaft spielen eine Rolle. Und sie bemĂŒhen sich wirklich, ihre Texte gut aufzusagen. Jeder hat so seinen Part.
Am Ende des Tages kommt dann der Arbeitsminister wieder. Franz Jung, gefĂŒhlt eben gerade noch Verteidigungsminister, war fĂŒr einige Stunden verschwunden, um nochmal die Aktenlage zu studieren, wie er sagte. Nun sitzt er erstmal auf der Regierungsbank. Schnell noch das mit dem O, E und F. Man braucht nur drei Buchstaben, um der Kriegsrepublik wieder ein paar Soldaten fĂŒr ein Jahr und irgendwo aus der Nase zu ziehen. Diesmal Afrika, ein paar Kriegsschiffe, Luftwaffe gefĂ€llig? Oder Spezialeinheiten? Eine GrundgesetzĂ€nderung vielleicht, schnell zwischengeschoben? Irgendwie gibt es doch immer Piraten, Taliban, Terroristen, man weiss es ja, dass man nichts weiss. Es ist da, aber man selbst nicht, also muss man sich kĂŒmmern. Das weiss man doch. Schliesslich steht es in der Zeitung. Manchmal. Dies und das. Und dann muss man auch, das geht dann nicht anders. Es gilt das gesprochene Wort.
Herr Arbeitsminister Franz-Josef Jung ergreift das Wort. Es gilt. Er sagt, er habe einen Bericht von FeldjÀgern, die aus Kunduz schon am nÀchsten Tag nach dem Bombardement von zivilen Opfern berichtet hatten, nie gelesen, aber an die Nato weitergeleitet. Was er da irgendwie vergisst: vorher lag dieser eine Woche beim MilitÀroberkommando der Berliner Republik rum. (7)
Das MilitĂ€roberkommando, was sich aus GrĂŒnden des gesprochenen Wortes „EinsatzfĂŒhrungskommando der Bundeswehr“ nennt, das fĂŒhrt ein gewisser Rainer Glatz. Rainer Glatz war mal Chef der „Division Spezielle Operationen„, in den Kriegsjahren 2002- 2006. Zur DSO gehört u.a. das Kommando SpezialkrĂ€fte KSK.
Das MilitĂ€roberkommando, gesprochen „EinsatzfĂŒhrungskommando“, wird gestellt durch die inoffizielle „4.Truppengattung“ der zur Interventions- und Besatzungsstreitkraft transformierten Bundeswehr. Diese inoffizielle Truppengattung ist, neben Heer, Luftwaffe und Marine, die „StreitkrĂ€ftebasis“, mit Hauptquartier in Potsdam. Auch das Zentrum fĂŒr Transformation der Bundeswehr (ZTransfBw) hat in Potsdam eine Zweigstelle.
Zur „StreitkrĂ€ftebasis“ gehört u.a. auch die MilitĂ€rspionage „MilitĂ€rischer Abschirmdienst“ (MAD), das mit 7000 „Bediensteten“ grösste Kommando des deutschen MilitĂ€rs, das „Kommando Strategische AufklĂ€rung“ (u.a. mit den Einheiten fĂŒr elektronischen Kampf EloKa und der „satellitengestĂŒtzten AufklĂ€rung“ SAR Lupe), sowie das StreitkrĂ€fteunterstĂŒtzungskommando (SKUKdo). Das SKUKdo wiederum fĂŒhrt ein gewisser Manfred Engelhardt. Ihm unterstehen da u.a. die Truppen fĂŒr psychologische KriegfĂŒhrung, Verzeihung, fĂŒr „Operative Information“. Es gilt das geprochene Wort:
„Die KrĂ€fte des Zentrums Operative Information wirken auf StreitkrĂ€fte des militĂ€rischen Gegners und Konfliktparteien, aber auch die Bevölkerung fremder oder gegnerischer Staaten ein. Ziel ist hierbei deren Einstellungen und Verhalten zu Ă€ndern.“
Das StreitkrĂ€fteunterstĂŒtzungskommando könnte eigentlich auch im Inland viel tun, um die StreitkrĂ€fte bei ihrem Krieg zu unterstĂŒtzen. Leider, leider, gibt es da noch Reste eines lĂ€stigen Schriftgutes, was dem gesprochenen Wort stĂ€ndig im Weg rumsteht. Dabei warten schon seit Jahren die 441 Kommandos der ZMZ („ZivilmilitĂ€rischen Zusammenarbeit“), mit jeweils zwölf stĂ€ndig einsetzbaren Reservisten in sĂ€mtlichen kreisfreien StĂ€dten, Landkreisen und Regierungsbezirken, auf ihren grossen Auftritt als „fast geheime Armee“ wider den inneren Feind (8). Auch die ZMZ-Heimatarmee untersteht dem SKUKdo.
Und all diese StrĂ€nge all dieser verschiedenen Kommandos und Ebenen der „StreitkrĂ€ftebasis“, sowie der regulĂ€ren Truppengattungen natĂŒrlich auch, laufen samt und sonders beim Oberbefehlshaber der Bundeswehr, dem Verteidigungsminister zusammen. Der Befehlstrang fĂŒr die Truppen im Einsatz lĂ€uft folgendermassen:
Verteidigungsminister > Generalinspekteur > EinsatzfĂŒhrungskommando
Nun ist der Stellvertreter des Verteidigungsministers natĂŒrlich ein durchaus mĂ€chtiger Mann, gerade wenn der Minister eine absolute Niete ist und eigentlich nichts macht, ausser sich rauszureden wegen Sachen, die er befohlen hat, ohne sie zu begreifen. Da kann man schon mal ein bisschen die Strippen ziehen, in einem Verteidigungsministerium, was seit 8 Jahren ein Kriegsministerium ist und vorher schon mal den Yugoslawienkrieg hatte um ein bisschen zu ĂŒben.
Heute entliess also der neue Verteidigungsminister Baron zu Guttenberg seinen verbeamteten StaatssekretĂ€r. Das war der Peter Wichert. Der war da von 1991 bis 2000 und von 2005-2009 in der „grossen Koalition“. Da kennt man schon ein paar Leute. So einen muss man erstmal rauswerfen. Nur fehlte heute ein Dieter WiefelspĂŒtz, der im Bundestag mit rotem Gesicht den Minister anbrĂŒllt, dass ihm das im eigenen Hause keine Freunde machen wĂŒrde. Das hatte der WiefelspĂŒtz (natĂŒrlich „SPD“) nĂ€mlich gemacht, als der neue Innenminister de Maiziere am 10.November seinen StaatssekretĂ€r der „grossen Koalition“ rausschmiss, den hinter Wolfgang SchĂ€uble herrschenden August Hanning (9). Hanning war 2005 wegen verbotener Inlandsspionage gegen Journalisten aus dem Posten des PrĂ€sidenten vom Auslandsgeheimdienst BND gefeuert worden und von SPD und CDU/CSU flux ins Bundesinnenministerium befördert worden.
Nach dem Rauswurf von InnenstaatssekretÀr August Hanning, gestern nun die Entlassung von VerteidigungsstaatssekretÀr Peter Wichert. Nur dieses eine Mal am gestrigen Tage, da zÀhlte eine Tat.
StaatssekretĂ€r Wichert hatte sich im Juni 2007 erlaubt, sĂ€mtliche Daten des verdeckten militĂ€rischen Geheimdienstes der Bundeswehr namens âZentrum fĂŒr Nachrichtenwesen der Bundeswehrâ (ZNBw) ĂŒber die Jahre 1998 bis 2004 fĂŒr verschwunden zu erklĂ€ren – allerdings nur die Auslandsdaten. Die Inlandsdaten wurde magischerweise erhalten. RĂŒckendeckung bekam Wichert – genau wie regelmĂ€ssig SchĂ€uble und Hanning im Innenministerium – von der SPD.
Hans-Peter Bartels (SPD), Mitglied bei Verdi, Journalist und Dr. phil.-Mitherausgeber der Zeitschrift âBerliner Republikâ, erlaubte sich damals einen doppelten Salto Logikus. Er, Bartels, glaube nicht dass die âverschwundenenâ Daten des ZNBw aus dem âJasminâ-Datensystem im Falle des entfĂŒhrten und jahrelang unschuldig in Lagerhaft inhaftierten Murat Kurnaz von Bedeutung seien. Schliesslich stĂŒnde es da ja im Augenblick â ohne die Daten â Aussage gegen Aussage. (10)
Gestern stand dann Bartels im Bundestag und hielt eine wohlfeile Rede ĂŒber genau den CDU-Verteidigungsminister, dem er als SPD-Abgeordneter vier Jahre lang treu gedient hatte.
Bereits im November 2006 wurde bekannt, dass das âZentrum fĂŒr Nachrichtenwesen der Bundeswehrâ (ZNBw) durch den BND ĂŒbernommen werden sollte. Dadurch bekam der BND u.a. Zugriff auf die Spionagesatelliten der Bundeswehr. Ausserdem wurde der BND von 8 auf 12 Abteilungen aufgestockt. Erste PlĂ€ne gab es bereits im Juni 2005. In einer am 27. Juli 2005 unterzeichneten Leistungsvereinbarung zwischen ZNBw und BND ist geregelt, dass der BND âin der Wahrnehmung seiner Aufgabenâ durch die Bundeswehr unterstĂŒtzt muss. (11)
Heute nun empörte sich der Fraktionschef der Linken, Gregor Gysi, ĂŒber den jetzigen Arbeitsminister. Es war, zugegeben, eine gute Rede, bloss 10-15 Jahre zu spĂ€t. Allerdings vergass Gysi, bei seiner recht mutigen Frage Richtung CDU-Kanzlerin Angela Merkel, was sie denn eigentlich von dem ganzen Salat gewusst habe, irgendwie den ehemaligen SPD-Aussenminister Frank Steinmeier, der vor sich hin stierend an seiner Brille nuckelte und ab und zu lustlos auf die Flirtversuche JĂŒrgen Trittins reagierte.
Auch Rainer Arnold, 4 Jahre lang SPD-MilitĂ€rfachmann im Rausreden, gönnte sich eine professionelle Amnesie. Selbst Angehöriger des Verteidigungsausschusses, (nebenbei noch einen kleinen Sitz im PrĂ€sidium des Förderkreises Deutsches Heer innehabend, was er jedoch gegenĂŒber dem Bundestag nicht angemeldet hatte), merkte man bei ihm nicht eine Sekunde, dass dieser Mann zum Zeitpunkt des gezielten Luftangriffs auf eine Menschenmenge – durch Bomben, die gezielt in die Mitte zwischen beiden „entfĂŒhrten“ Tanklaster 5 Kilometer vom deutschen MilitĂ€rhauptquartier abgeworfen wurden – Teil der Regierungsfraktion SPD war, welche den Aussenminister stellte. Er schauspielerte, verbog sich die Handgelenke und gab dann Verteidigungsminister zu Guttenberg – der mal eben den ranghöchsten MilitĂ€r und einflussreichsten Strippenzieher im MilitĂ€rapparat gefeuert hatte – den einzigen guten Tipp, den er in der SPD gelernt hatte: etwas mehr „Demut“ zu haben.
Demut.
Das Schlimmste an diesem unsagbar elenden Moment war, dass es Arnold noch nicht einmal begriff, was er da sagte, auch nicht als das GelĂ€chter anfing, weil er zu den typischen Wracks einer vermeintlich sozialdemokratischen Aufsteigerschicht gehört, die bei jeder Art von Anlass immer wieder die gleichen sinnfreien SprĂŒche ĂŒber segensreiche Unterwerfung der verschiedensten Art loslassen. Was soll der Mann auch sonst machen? Er hat nichts anderes gelernt. Deswegen sitzt er auch im Bundestag.
Und dann Franz Jung. Seine letzte Rede hĂ€tte von keinem Drehbuchautor besser gestaltet werden können. Man dachte an alle möglichen Endzeit- und Horrorfilme, es fand sich einfach kein Vergleich mehr. Das ist das Peinlichste, was dem MilitĂ€r seit der „Spiegel-AffĂ€re“ wiederfahren ist, nein, halt, da gab es ja noch die MAD-Agenten, der in irgendeiner Schwulenbar Opfer einer Verwechslung wurden und mal eben einen 4-Sterne-General und deutschen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber stĂŒrzten.
Jedesmal wenn Jung, auf der Regierungsbank wie auf einem Opferaltar an die Seite geschoben, vom Rednerpult angeschossen wurde, rollte sein schnauzbĂ€rtiger, ministerpostenloser Nachbar (dessen IdentitĂ€t nicht zu ermitteln war) ohne eine Miene zu verziehen nach hinten aus der Schusslinie und Jung hatte, sowieso schon in gebĂŒckter Haltung, ĂŒberhaupt keine Deckung mehr vor den Kameras, so sehr er sich auch hilfesuchend umsah.
Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, der aussah wie seine eigene Oma, wirkte derart aschfahl und zerknittert, dass man richtig Angst bekam. Wahrscheinlich dachte Robbe daran, dass er es war, der eigentlich genau so eine StaatsaffĂ€re hĂ€tte verhindern mĂŒssen – am besten gleich den ganzen blöden Krieg. Wenigstens so ein lĂ€stiges Massaker. So ein Mist aber auch.
Heute trifft sich der Verteidigungsausschuss zu einer Sondersitzung. Man kann dieses Gremium als den grössten StĂŒmperhaufen des deutschen Parlamentarismus seit Existenz eines solchen Gremiums bezeichnen – es wĂŒrde nicht annĂ€hernd umschreiben, zu was diese Versager alles nicht fĂ€hig sind. Vor allem kĂ€me eine solche Umschreibung nicht einmal in Sichtweite des Abgrunds, in welchen die Mitglieder dieses Witzvereins all das geworfen haben, zu was sie gar nicht fĂ€hig sein wollen. Die Mitglieder des Verteidigungsausschusses wollen doch gar nichts anderes ausser nichts, vom Zustimmen einmal abgesehen. Sonst mĂŒsste man keine Videos an die „Bild“-Zeitung schicken.
Wer jemals eine Rede von Ulrike Merten im Bundestag gesehen hat, der weiss, was man frĂŒher Dorftheater nannte und warum. Es hat den Eindruck, die schlechtesten SchauspielschĂŒlerInnen bekommen immer die wichtigsten Posten, damit sie nicht besetzt sind. Nicht wirklich. Es zĂ€hlt das gesprochene Wort. Aber manchmal tutÂŽs ein Armrudern auch.
Diese ganze Farce, dieser Albtraum von Republik, mit ihren Witzfiguren im eigenen Raumschiff der sich „Parlament“ nennt, hat sich gestern, in einem seltenen Moment der BĂŒhnendemontage, selbst den Vorhang hochgezogen und als ertappter Oz, wild an den Hebeln fuchtelnd, versucht den gĂŒtigen Mantel des Husch-Husch wieder ĂŒber das ganze Desaster zu decken. Es gelang nicht.
Diese Demokratie funktioniert nicht. Diese Demokratie existiert auch bald nicht mehr, wenn das Parlament – das im Jahre 2008 nur 20 Wochen im Jahr ĂŒberhaupt tagte – nicht endlich seinen bezahlten Streik beendet und seine Arbeit macht. Kein Sapiens hĂ€lt diesen Saftladen mehr aus – nicht die kullergrossen Augen, wenn man von den MĂ€dchen in Afghanistan erzĂ€hlt, nicht die eine Knitterfalte die man sich rausquetscht, wenn man fĂŒr diesen guten Zweck auch mal aus Versehen 130 Leute bombardiert hat, nicht das verdammte Gestammel, wenn man wieder mal nichts wusste von dem was man beschlossen hat, nicht das ganze Potburri von blöden Versprechungen, AnkĂŒndigungen, der „Besorgnis“ wegen dies und das, und auch nicht die Eine-Hand-In-Die-Hosentasche-Geste, wenn man mal fĂŒr eine Kamera vorbeilĂ€uft. Diese ganze Schmierenkomödie hĂ€lt hier einfach niemand mehr aus.
Wie wĂ€re es, wenn man einfach den ganzen Laden dicht macht – weil das Parlament bekanntlich sowieso nur „die Regierung lĂ€hmt“ – und die ganze Trottelhorde en gros nach BrĂŒssel schickt?
Wenigstens das wĂ€re dann ein konsequenter Vorteil der Nichts-Republik – man brĂ€uchte das ganze Nichts wenigstens nicht mehr mit ansehen.
(…)
Artikel zum Sachverhalt:
23.11.2009 US-Spezialeinheiten bilden offiziell âAnti-Talibanâ in Afghanistan aus
Strategiewechsel in Washington: Vieles spricht dafĂŒr, dass derzeit durch die zivile US-Regierung jahrelang vertuschte Praktiken von MilitĂ€r und Milizen in den Kriegsgebieten bekannt gemacht werden, um diese unter Kontrolle zu bekommen. Dabei gerĂ€t auch die deutsche Regierung auf dĂŒnnes Eis â mitsamt ihrem MilitĂ€r und der Auslandsspionage. Bis zum 13.Dezember muss die Vollmacht fĂŒr ein weiteres Jahr Besatzung in Zentralasien durch das Berliner Parlament unterschrieben sein. Und nun berichten hochrangige US-Regierungsmitglieder, dass u.a. in der deutschen Besatzungszone âAnti-Talibanâ Tribute und Schutzgeld von der Bevölkerung erpressen.
10.09.2009 Samstag Morgen: EntfĂŒhrung eines NYT-Reporters, 5 Kilometer vom deutschen ISAF-StĂŒtzpunkt entfernt
Afghanistan: Die Befreiung des US-Reporters Stephen Farrell durch ein britisches MilitÀrkommando wirft eine Menge Fragen auf.
13.09.2009Â Kunduz: Journalist enthĂŒllt Einzelheiten des deutschen Kriegsverbrechens
Afghanistan: Ein Journalist des âGuardianâ schafft es, Familienangehörige von Opfern des vom deutschen MilitĂ€r befohlenen Luftangriffs zu interviewen. Was er berichtet, ist entsetzlich.
06.09.2009 Bundeswehr-Oberst befahl offenbar nach BND-Behauptungen Luftangriff auf sichtbare Menschenmenge: 125 Tote
Afghanistan: Der deutsche ISAF-Kommandeur liess nach Angaben eines Nato/ISAF-Sprechers fast nach eine Stunde nach Eintreffen der ersten Bomber und Vorliegen von Luftaufnahmen bombardieren. Dabei stĂŒtzte er sich auf Behauptungen eines Geheimdienstvertreters im Operationszentrum.
27.06.2007 „Jasmin“-AffĂ€re: Jung, Wichert, Bartels, De MaiziĂ©re â die Fingerwedler
Washington: Mit der begnadeten Grazie eines Nilpferdes, was urplötzlich in schwindelerregender Höhe auf einem Drahtseil balancieren muss und zur Beruhigung seiner selbst jetzt anfĂ€ngt eine Arie zu singen, die es selber schon nicht mehr hören kann â obwohl ihm der Dompteur versprochen hatte, es könne sich hemmungslos eine Bresche durch das Publikum schlagen â hat sich unser aller Verteidigungsminister Franz Jung jetzt aus Washington zu Wort gemeldet.Er fordert ein âkluges Vorgehenâ (1) in Afghanistan. Von wem denn?
Offensichtlich vom Dompteur. Ansonsten wĂŒrde der arme Mann ja mit sich selber reden.
Quellen:
(1) http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/vorlaeufig/17007.html
(2) http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/000/1700039.pdf
(3) http://www.bild.de/BILD/politik/2009/11/26/bomben-video-kunduz-in-afghanistan/verschwieg-minister-jung-die-wahrheit-ueber-die_20bombardierung.html
(4) http://www.sueddeutsche.de/politik/979/458629/text/
(5) http://www.stern.de/politik/ausland/afghanistan-luftangriff-fordert-dutzende-zivile-opfer-592167.html
(6) http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Friedenspreise/nobel-lit-pinter.html
(7) http://www.tagesschau.de/kommentar/jung216.html
(8) http://www.hintergrund.de/20091026520/politik/inland/eine-fast-geheime-armee.html
(9) http://www.radio-utopie.de/2009/11/10/schachmatt/
(10) http://www.radio-utopie.de/2007/06/27/jasmin-affaere-jung-wichert-bartels-de-maiziere-die-fingerwedler/
(11) http://www.tagesschau.de/inland/meldung90272.html
(12) http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse/a12/mitglieder.html
