Taktik des Terrorkrieges: Der „Leak“ und die „Whistleblower“

„Erinnern Sie sich, daß Sie in Ihr Tagebuch geschrieben haben: â€șDas Wie verstehe ich, aber nicht das Warumâ€č. Wenn Sie ĂŒber das â€șWarumâ€č nachdachten, zweifelten Sie an Ihrer eigenen Vernunft. Sie haben das Buch, Goldsteins Buch, oder wenigstens Teile davon gelesen. Hat es Ihnen irgend etwas gesagt, was Sie nicht schon wußten?«
»Sie haben es gelesen?« fragte Winston.
»Ich schrieb es. Das heißt, ich arbeitete bei seiner Abfassung mit. Kein Buch wird von einem einzelnen hervorgebracht, wie Sie wissen.«
»Ist es wahr, was darin steht?«
»Als Schilderung, ja. «

Aus „1984“

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In einer 2015 begonnenen Artikelserie beleuchtete Radio Utopie Logik, Lehre, Dynamik, Paradoxon und Strategie des mittlerweile fast sechzehn Jahre andauernden weltweiten Terrorkrieges. Neben den weiteren, noch nicht dargelegten Parametern Dialektik, Mythen und Dogma, verbleiben die Taktiken des Terrorkrieges. Aufgrund des Umfangs dieses Parameters sollen diesbezĂŒglich Taktiken einzeln ins Scheinwerferlicht gestellt werden.

Zusammenfassung der Taktik „Leak“

Variante 1: Lass den Gegner oder die populĂ€re Presse deine LĂŒgen oder Manipulationen streuen. So erscheinen sie glaubwĂŒrdig.

Variante 2: Wenn Du zutreffende, geheime und / oder private Informationen hast bzw sie geraubt hast und ihr Bekanntwerden in Deinem Interesse ist, lass den Gegner oder die populÀre Presse diese veröffentlichen. So kannst du sie elegant bekannt werden lassen und Presse und Gegner durch deine eigene Intrige zusÀtzlich beschÀdigen.

Variante 3: Lass den Gegner oder die populÀre Presse deine PlÀne veröffentlichen, warte die Reaktion ab, lass die Erregung abebben, beschwichtige und setze dann einfach um wovon alle wussten, aber nichts dagegen unternahmen.

Variante 4: Lass den Gegner oder die populĂ€re Presse ĂŒber deine illegalen, kriminellen oder verfassungswidrigen AktivitĂ€ten berichten und eventuell unbedeutende Teile davon (sukzessive) veröffentlichen. Dann warte die Reaktion ab, lass die Immunisierung wirken und das Fieber abebben, beschwichtige, streue GerĂŒchte, lass die Leute sich daran gewöhnen, kaufe eventuell ein paar SchlĂŒsselfiguren ein oder stelle sie ruhig. Interpretiere. VerdĂ€chtige Gegner, die entsprechenden Informationen selbst veröffentlicht zu haben, beschĂ€dige diese und spioniere sie aus. Anschließend legalisiere wovon nun alle wissen, aber nichts dagegen unternehmen. Argumentiere, dass es ja alle auch wollen, weil sie nichts dagegen unternehmen. Falls Verfassungsklagen drohen, sorge dafĂŒr dass ihre Erhebung ebenso verschleppt wird wie das Verfahren. Wenn alle Fakten geschaffen sind, argumentiere mit deren Unumkehrbarkeit. Dann fang von vorne an.

Weitere Varianten sind beliebig aufzÀhlbar.

Beispiele

Seit der durch die Quellpartei aller VerrĂ€terparteien in der U.S.-Hegemonie, den „Demokraten“, und ihrer PrĂ€sidentschaftskandidatin Hillary Clinton verloren PrĂ€sidentschaftswahl (wovor wir bereits lange zuvor gewarnt hatten), verkaufen „Demokraten“, geheimdienstlicher Komplex und assoziierte Presse ihre Story „Der Russki hat uns unsere Clinton weggenommen!“. Da weder den sogenannten „Demokraten“, noch der populĂ€ren Presse, noch den Geheimdiensten irgendein Mensch mit Verstand auch nur ein einziges Wort glaubt, wird versucht das Ganze glaubwĂŒrdig zu gestalten. Derzeitige Nummer: die „Whistleblowerin“ der „National Security Agency“ bzw deren „Vertragsnehmerin“ (contractor) Reality Winner (nomen est omen) aus der Pluribus Corporation.

Den öffentlich zugĂ€nglichen Meldungen zufolge sandte diese, ausgestattet mit dem Sicherheitszugang zu Informationen der Geheimhaltungsstufe „top secret“, bereits im MĂ€rz 2017 vom Computer ihres Arbeitsplatzes eine Email an die Redaktion von „The Intercept“. Darin enthalten: die Fotokopie eines ausgedruckten Berichts der N.S.A.. Deren Inhalt: ein N.S.A.-Bericht ĂŒber einen angeblichen Online-Angriff des militĂ€rischen Geheimdienstes der Russischen Föderation G.R.U., im August 2016 gegen  November gegen eine Firma, die „Programme in Bezug auf WĂ€hler-Registrierung („voter registration-related software“) verkauft, sowie im November 2016 kurz vor der U.S.-PrĂ€sidentenwahl gegen gleich einhundertzweiundzwanzig lokal bei den Wahlen eingesetzte U.S. Beamte bzw „Offizielle“.

Den öffentlich zugĂ€nglichen Berichten zufolge (1, 2) soll nun die U.S.-Bundespolizei, das „Federal Bureau of Investigation“ (F.B.I.) mit einem „in ihrem Besitz befindlichen“ Scan dieses von der „Whistleblowerin“ Reality Winner an „the Intercept“ zugesandten Berichts zur N.S.A. gelaufen sein. Erkennbar handelte es sich um Material, welches zuerst ausgedruckt und dann gecannt worden war. Die N.S.A. wiederum schaute in ihren Überwachungssystemen innerhalb der eigenen Anlagen nach, wie viele Personen das Material ausgedruckt hatten: sechs. Danach war es ein kurzer Sprung zu Reality Winner.

Und die Öffentlichkeit weiß nun, aha – der Russki hat uns, uns allen, dem Westen, der Menschheit, unsere Clinton weggenommen und diesen Trumpel da ins Weiße Haus gesetzt. Und nicht nur bei Wikileaks nennen sie „the Intercept“ eine Horde VerrĂ€ter, weil die ja anscheinend der N.S.A. den Scan zugesandt haben, welcher ihre eigene Whistleblowerin verriet.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Redaktion von „the Intercept“ tatsĂ€chlich die Unterlagen zu U.S.-Behörden schickte oder nicht. Das Ergebnis ist: die Behauptungen vom U.S.-Komplex ĂŒber eine Manipulation der U.S.-Wahlen durch Russland (und nicht etwa sie selbst, mit all ihrer akkumulierten Informations-, Erfassungs- und Definitionsmacht) erscheinen glaubwĂŒrdiger. Und „the Intercept“, welcher faktisch als finanziell bestens ausgestatteter Magnet die Prominentesten unter den investigativen Journalisten des Planeten einsammelte (und damit die Pressemedien schwĂ€chte wo diese bisher gearbeitet hatten), ist nun beschĂ€digt.

Andere Beispiele findet man jeden Tag in der Presse. Kein Mensch scheint sich zu fragen, woher all diese neuen Informationen, sei es von hochbeleuchteten Metropolitanern vom „Rundfunk Berlin Brandenburg“, oder von der altbackenen Spitzelschleuder „Der Spiegel“ ĂŒberhaupt kommen, etwa zum Attentat in Berlin am 19. Dezember 2016 auf dem Breitscheidplatz und den anschließenden Vertuschungsmanövern im Landeskriminalamt Berlin, oder zur blitzschnell aus dem Hut gezogenen zweiten AttentĂ€ter-Legende (nach dem von mutigen und nachher blitzschnell verdunsteten Zeugen verfolgten „Afghani-Pakistani“ Naveed Baluch) namens Anis Amri, oder, oder, oder. Dabei wissen alle, dass die Parlamente und ihre sogenannten „Kontrollgremien“ und AusschĂŒsse gar nichts erfahren, was ihnen nicht aus der Exekutive vor die FĂŒĂŸe geworfen wird. Und genauso lĂ€uft es auch mit der Presse.

Ein weiteres desaströses Beispiel: der Versuch den kreuzbraven, unerfahrenen Schwiegersöhnen und -töchtern von Netzpolitik.org ĂŒber „Whistleblower“ aus dem Verfassungsschutz irgendein nichtssagendes Material anzudrehen, was vorher schon der „SĂŒddeutschen“ verkauft worden war, um dann Netzpolitik.org allen Ernstes wegen Landesverrat zu verurteilen und so loszuwerden.

Schon nachdem die Nummer im Sommerloch 2015 losging und noch bevor sie Wochen spĂ€ter bei Netzpolitik.org ankam, warnte ich davor, dass die „Opposition“ im „Untersuchungsausschuss“ von Bundesnachrichtendienst und National Security Agency ĂŒber eine „Russen-Nummer“ weichgekocht werden sollte. Es  darf sich nun jeder und jede fragen, ob insgeheim oder janz geheim, was da wohl dran war.

Ein weiteres Beispiel: die „Offshore-Leaks“ von Gerard Ryle, der irgendwann um das Jahr 2013 mit 260 Gigabytes an Daten ĂŒber „Steueroasen“ und „Offshore-Leaks“ fĂŒr Superreiche und interne GeschĂ€ftsunterlagen von Konzernen in ĂŒber 170 Staaten und „der Story unterm Arm“ ins BĂŒro des „International Consortium of Investigative Journalists“ latschte und bald darauf dessen Chef wurde. Das gleiche Spiel bei den „Panama-Papers“. Alles wurde zur weltweiten Kontrolle und Durchleuchtung von Finanzströmen auf Ebene der G20-Staaten, in der „EuropĂ€ischen Union“ oder weltweit eingesetzt. Der Explosion von Reichtum innerhalb der herrschenden Klasse einerseits, sowie von Armut andererseits, explizit im Machtbereich des Euro-Systems, tat dies ĂŒberhaupt keinen Abbruch. Und die Banken im Einflussbereich des (in 2014 so plötzlich in von „westlichen“ Koalitionstruppen und deren Allierten eroberten bzw kontrollierten Territorien aus dem Hut gesprungenen) „Islamischen Staates“ bleiben im weltweiten Bankensystem SWIFT, dessen gewaltiger und unvergleichlich machtvoller Datentransfer seit 2001 bis heute von N.S.A. und geheimdienstlichem Komplex durchleuchtet wird.

Ein anderes Beispiel: im Juli 2010 tut sich Wikileaks als MĂŒllhalde der U.S.-MilitĂ€rspionage hervor und veröffentlicht fast 100.000 ihnen zugesandte Dokumente, die im Wesentlichen auf Behauptungen von Informanten von Unteroffizieren des U.S.-MilitĂ€rs in Kriegsgebieten beruhen. Anschließend zieht das U.S.-MilitĂ€r die labile Persönlichkeit Bradley Manning aus der Tasche, der sie die AffĂ€re unterschiebt. Auch die Monate vorher erfolgte Veröffentlichung des Mitschnitts der Aufnahmen einer Hubschrauberbesatzung wĂ€hrend eines eher zufĂ€lligen Massakers an Journalisten im Irak in 2007 („keep shooting!“) – die wichtigste Veröffentlichung von Wikileaks, welche diese Plattform ĂŒberhaupt erst bekannt machte – wird nun praktischerweise Manning zugeschanzt.

Nach einiger Zeit in Isolationshaft gesteht der SĂŒnder Manning alles und wird zur SĂŒnderin Manning (nomen nicht omen). Die Manning vom U.S.-MilitĂ€r zugeurteilten Dokumente unterlagen der Geheimhaltungsstufe „secret“. In 2010 hatten ĂŒber 800.000 Personen Zugang zu Dokumenten der Stufe „Top Secret“, allein in den U.S.A.

Es wird viele Menschen schmerzen: aber es muss einkalkuliert werden, dass sich ĂŒber Jahrhunderte alte Schulen und HandbĂŒcher trainierte LĂŒgner und Manipulatoren schlicht einen sadistischen Scherz erlaubten, alle Beteiligten grausam fĂŒr ihre Zwecke einsetzten und so gerade auch vor dem eigenen Komplex bewiesen, wie leicht und wie schnell der plötzlich erschienene Gegner Wikileaks zu manipulieren war.

Womit wir zum erfolglosesten und gleichzeitig weltweit verehrtesten aller Whistleblower kommen: Edward Snowden.

Vier Jahre nach seinem Auftauchen sind praktisch alle Staaten innerhalb der U.S.-Hegemonie zu offenen elektronischen Polizeistaaten transformiert worden, explizit auf dem Kontinent Europa.

Wer das fĂŒr Zufall hĂ€lt, hĂ€lt sicherlich auch fĂŒr Zufall, dass wir von Anfang an genau davor gewarnt haben.

LeuchttĂŒrme europĂ€ischer Leitkultur *Sarkasmus aus* wie Martin Luther King, Mahatma Ghandi und Nelson Mandela hatten eines gemeinsam: sie traten fĂŒr ihr Land und dessen Menschen ein. Es ist nun logisch anzunehmen, dass imperialistische (und das heisst immer auch: kolonialistische) Politik, im permanenten Versuch sich ĂŒber die Jahrhunderte zu optimieren und zu perfektionieren, die Vorgabe beinhaltet, innerhalb ihrer faktischen oder offenen Kolonien und heutigen (digitalen) Abbaugebiete den Aufstieg von entsprechenden „AnfĂŒhrern“ nie wieder zuzulassen und stattdessen dem „Publikum“ ab und zu den „bösen Amerikaner“ und im GegenstĂŒck den „American Hero“ zu prĂ€sentieren. So behĂ€lt man alle FĂ€den in der Hand.

Jedesmal, wenn Edward Snowden auf den großen Bildschirmen von Kongressen und feierlichen Veranstaltungen erschien, erinnerte mich dies an etwas.

Epilog

Sinn und Zweck dieses Artikels ist es nicht, authentische Whistleblower (diesen Begriff gibt es noch nicht sehr lange) wie William Binney oder Thomas Drake und deren aus GewissensgrĂŒnden und aus moralischer IntegritĂ€t erbrachten persönlichen Opfer und Schicksale zu diskreditieren. Vielmehr sollte jede und jeden darĂŒber nachdenken, warum diese Persönlichkeiten und ihre seit Langem vorliegenden Berichte erst in den letzten Jahren ĂŒberhaupt Beachtung gewannen.

Die parlamentarischen Demokratien im „Westen“ sind faktisch ausschaltet. Eine parlamentarische Kontrolle des geheimdienstlichen Komplexes findet nicht statt, nirgendwo. Auf dem Kontinent Europa sind fast alle Parteien aus dem vermeintlich progressiven, liberalen, sozialdemokratischen und / oder linken Spektrum und deren Abgeordnete in den jeweiligen Demokratien bereit, diese sofort zu opfern. TatsĂ€chlich haben diese politischen Parteien in den letzten Jahren aktiv am Abbau der eigenen Demokratien mitgewirkt, unter Rechtfertigung der paneuropĂ€ischen (und damit transatlantischen) Ideologie. Wie man Demokratien und Recht gleichzeitig verteidigen und beseitigen will, erschließt sich wohl nur FreundInnen des Doppeldenk.

All dies muss im Kontext eines Zustandes gesehen werden, der gerade den Deutschen ein Begriff sein sollte: dem Krieg. FĂŒr viele scheint es normal, ja geradezu unerheblich zu sein, dass der Staat seit fĂŒnfzehneinhalb Jahren im zentralasiatischen Afghanistan Besatzungstruppen und seit ĂŒber zehn Jahren dort offiziell eine Besatzungszone hat, dass die deutsche Luftwaffe im Krieg im vorderasiatischen Syrien eingesetzt wird und dass deutsche Soldaten im Irak stehen. Dass im gleichen Atemzug der mit dem MilitĂ€r engstens verzahnte „Auslandsnachrichtendienst“, der Bundesnachrichtendienst, seit dem Jahre 2002 am grĂ¶ĂŸten Internetknoten der Welt in Frankfurt die durchfließenden Daten kopiert, und dabei nur von technischen KapazitĂ€ten gebremst wird, mussten alle „Experten“ aus der IT-Branche und Abgeordneten „vom Fach“ seit 15 Jahren wissen. Es geschah nichts. Stattdessen wurde die bis dahin ĂŒber eine einfache Verordnung, die von allen BĂŒrgerrechtsgruppen verschwiegene und ignorierte Telekommunikations-Überwachungsverordnung (T.K.Ü.V.), geregelte Massenspionage in 2016 ins B.N.D.-Gesetz geschrieben.

Aber alles sprach von Edward Snowden.

Es fĂŒhrt kein Weg daran vorbei, die Konsequenzen und die Wirkung von Veröffentlichungen von bis dato geheimem Material einzuschĂ€tzen, sowohl vorab wie nachfolgend, ebenso die Art und Weise wie diese Veröffentlichungen zustande kamen.

Des Weiteren ist sich in die Rolle der Betreiber und Akteure von Massenerfassung und weltweiter Spionage hineinzuversetzen: wie wĂŒrden diese versuchen Whistleblower, das Bekanntwerden eigener Umtriebe und entsprechende Plattformen wie Wikileaks fĂŒr die eigenen Zwecke zu nutzen?

Erfolgreicher als in den letzten Jahren hÀtten sie dies kaum tun können.

Diese Entwicklung aufzuhalten, die entsprechende Taktik des Terrorkrieges zu neutralisieren und die beschriebene Entwicklung umzudrehen ist Sinn und Zweck dieses Artikels.

(…)

Artikel zum Thema:
07.06.2017 Taktik des Terrorkrieges: Wahrnehmungs-Management, Verwirrung, gelenkte Querfront
Die untenstehenden und in der Dokumentation ĂŒber die Jahrzehnte genannten Beispiele sind im Zuge der Entwicklung von informationstechnischer Technologie, weltweitem Einsickern von kapitalistischen (Denk)Strukturen und deren Verschmelzung („Globalisierung“), sowie Terrorkrieg in den letzten bald sechzehn Jahren praktisch auf jedes Land bzw jede Region ĂŒbertragbar.

Artikel zuletzt aktualisiert um 12.04 Uhr