Warum können wir nicht „einfach“ aus Afghanistan abmarschieren?

Letzte Woche kündigte Präsident Biden einen "vollständigen" Rückzug der USA aus Afghanistan - dem längsten Krieg in der Geschichte der USA - bis zum 20. Jahrestag des Angriffs auf die Vereinigten Staaten am 11. September an. Diese Ankündigung ist zwar zu begrüßen, aber der verzögerte US-Abzug könnte dazu führen, dass Amerikaner und Afghanen für eine gute PR-Optik in der Heimat unnötig sterben. Wir alle erinnern uns daran, wie viele Amerikaner nach Präsident Bushs "Mission Accomplished"-Show im Irak sterben mussten.

Der Krieg war vom ersten Tag an ein Desaster. Warum also warten, um ihn zu beenden?

Die vorhergehende Trump-Administration hatte ein Abkommen ausgehandelt, wonach die USA bis zum ersten Mai aus Afghanistan abgezogen sein sollten, aber in ihrer Besessenheit, alles zu verwerfen, was mit Trump in Verbindung gebracht wird, wird Präsident Bidens Regierung die US-Truppen weiterhin in diesem sinnlosen Krieg in Gefahr bringen.

Die Taliban haben ihren Teil des "Doha-Abkommens" eingehalten, das unter dem damaligen Präsidenten Trump unterzeichnet wurde: Seit mehr als einem Jahr ist kein Amerikaner mehr in Afghanistan getötet worden. Die US-Seite unter Präsident Biden wird jedoch formell gegen das Abkommen verstoßen, indem sie die US-Truppen über den 1. Mai hinaus im Lande hält. Die Taliban haben angekündigt, dass sie die USA "haftbar" machen werden, wenn sie nach dem vereinbarten Abzugsdatum im Lande bleiben. Das bedeutet, dass mehr Amerikaner getötet werden könnten.

Der Ausgang des Krieges wird sich dadurch nicht im Geringsten ändern, dass die US-Truppen vier weitere Monate in Afghanistan bleiben. Der Abzug ist bereits angekündigt, und niemand, der die Augen offen hält erwartet, dass die korrupte von den USA unterstützte Regierung in Kabul überleben wird. Es ist ein weiterer Saigon-Moment, der beweist, dass die intellektuell bankrotte US-Außenpolitik und das etablierte Militär absolut nichts aus der Geschichte gelernt haben. Wenn also ein weiterer Amerikaner getötet wird, wer wird dann der trauernden Familie erklären, warum ihr geliebter Mensch für einen guten 9/11-Fototermin in der Schusslinie bleiben musste?

Ein kürzlich erschienener Artikel in der Military Times legt das massive Desaster des zwei Jahrzehnte andauernden US-Krieges gegen Afghanistan dar: mehr als zwei Billionen Dollar wurden ausgegeben - ein Großteil davon zur Finanzierung krummer Praktiken in Afghanistan und hier zu Hause. Und was noch schlimmer ist: Das Cost of War Project hat geschätzt, dass eine Viertelmillion Menschen in diesem Krieg getötet wurden.

Wir begrüßen Präsident Bidens Entscheidung, die Forderungen all der Neokonservativen zu ignorieren, die sich zur Unterstützung seiner Regierung eingefunden haben, aber wie so oft, wenn Washington im Spiel ist, muss man wirklich das Kleingedruckte lesen, wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein. In diesem Fall besteht das Kleingedruckte darin, dass die USA Afghanistan eigentlich gar nicht verlassen werden. Wie ein aktueller Artikel in The Grayzone zeigt, wird der Krieg in Afghanistan mit US-Spezialkräften, CIA-Paramilitärs und Auftragskillern weitergehen, die den Platz der US-Soldaten einnehmen. Der Krieg wird nicht enden, er wird nur "privatisiert" werden.

Meine Philosophie war schon immer einfach: wir sind einmarschiert, also können wir auch einfach wieder hinausmarschieren. Wie wir vor kurzem gelernt haben, ist das genau das, was Präsident Trump in den letzten Tagen seiner Präsidentschaft zu tun versucht hat, nur um kalte Füße zu bekommen, nachdem sein Militär und die nationalen Sicherheits "Experten" ihm sagten, dass dies eine schreckliche Idee war. Wenn die Geschichte der Trump-Administration geschrieben wird, wird sie traurigerweise mit Episoden von Trumps ausgezeichneten Instinkten gefüllt sein, die durch seine Unfähigkeit, zu verlangen, dass diejenigen, die für ihn arbeiten, seinen Befehlen folgen, über den Haufen geworfen worden sind. Es ist tragisch.

Wir müssen vollständig aus Afghanistan hinaus. Gestern.

Orginalartikel erschienen am 19. April 2021 auf Ron Paul Institute for Peace and Prosperity

Quelle: antikrieg.com