„Angriffsvorteil“ durch KI
Autor: Christoph Marischka
KĂŒnstliche Intelligenz: Deutschland am WettrĂŒsten beteiligt
Mit einem »Aufmarsch« von Robotern am Brandenburger Tor hat die Initiative âFacing Financeâ am 24. August in Berlin fĂŒr ihre Kampagne âKillerroboter Stoppenâ geworben.
Ziel der Aktion: Die Bundesregierung soll âbei den Vereinten Nationen noch in diesem Jahr ein Verbot von autonomen Waffensystemenâ einfordern. 26 Staaten, insbesondere aus Mittel- und SĂŒdamerika, aber auch aus dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika, haben sich nach Angaben der Kampagne bereits fĂŒr ein umfassendes Verbot âvollstĂ€ndig autonomer Waffenâ ausgesprochen. Die Bundesregierung spricht sich hingegen auf internationaler Ebene fĂŒr âunverbindliche, freiwillige MaĂnahmenâ aus. Damit riskiere sie ein âglobales, unkontrollierbares WettrĂŒsten bei autonomen Waffenâ, warnt âFacing Financeâ. âWird kein völkerrechtliches Verbot vereinbart, werden dank zahlreicher bereits verfĂŒgbarer Technologien (Sensoren) und einer weiterentwickelten âkĂŒnstlichen Intelligenzâ (KI) Waffensysteme ohne menschliche Kontrolle zur StandardausrĂŒstung von Armeen gehören.â
TatsĂ€chlich findet dieses WettrĂŒsten bereits statt â und Deutschland beteiligt sich tatkrĂ€ftig. WĂ€hrend es auf der Ebene der Sensorik bereits seit vielen Jahren zu den innovativsten LĂ€ndern zĂ€hlt, wird gegenwĂ€rtig verkĂŒndet, die BRD habe in Sachen KI âden Anschluss verlorenâ und entsprechende Forschung âstrĂ€flich vernachlĂ€ssigtâ. Im aktuellen Koalitionsvertrag durchziehen die Themen âDigitalisierungâ, Big Data und KI nahezu jeden Politikbereich â von der Gesundheit ĂŒber die Förderung des Mittelstands bis hin zur âmodern ausgestatteten Bundeswehrâ. Neben einem âMasterplan kĂŒnstliche Intelligenzâ wird der Aufbau eines ânationalen Forschungskonsortiums fĂŒr kĂŒnstliche Intelligenz und maschinelles Lernenâ sowie eines deutsch-französischen âZentrums fĂŒr kĂŒnstliche Intelligenzâ und mehrerer âForschungscampiâ angekĂŒndigt. Seitdem herrscht eine wahre GoldgrĂ€berstimmung. Zwischen den BundeslĂ€ndern und Wissenschaftsorganisationen ist ein Wettkampf entbrannt, um sich fĂŒr den erwarteten Geldsegen in Stellung zu bringen. So konkurrieren das Saarland und Baden-WĂŒrttemberg darum, Standort des deutsch-französischen KI-Zentrums zu werden. Die saarlĂ€ndische Regierung verweist dabei auf das vorrangig militĂ€risch gesteuerte und finanzierte deutsch-französische Forschungsinstitut Saint-Louis (ISL), die baden-wĂŒrttembergische auf einen »Cluster« um Karlsruhe und das im Entstehen begriffene âCyber Valleyâ zwischen Stuttgart und TĂŒbingen. Das wesentlich von der Max-Planck-Gesellschaft vorangetriebene âCyber Valleyâ tritt damit auch in den Wettbewerb mit dem schon lĂ€nger bestehenden Deutschen Forschungszentrum kĂŒnstliche Intelligenz (DFKI), das ĂŒber einen Standort in SaarbrĂŒcken verfĂŒgt und in dem die Fraunhofer-Gesellschaft gut positioniert ist. Die wiederum hat beschlossen, ihre Institute in Bayern zu einem âKompetenznetzwerk fĂŒr kĂŒnstliche maschinelle Intelligenzâ auszubauen â unterstĂŒtzt von der Landesregierung im Zuge der âZukunftsinitiative fĂŒr kĂŒnstliche Intelligenzâ durch neue Professuren, Nachwuchsgruppen und Neubauvorhaben unter anderem in WĂŒrzburg, Garching, Ingolstadt und MĂŒnchen.
Lukrativer Mythos
Wenn auch der Koalitionsvertrag und die aktuelle GoldgrĂ€berstimmung tatsĂ€chlich einen Wendepunkt darstellen, so handelt es sich bei der vorangegangenen âVernachlĂ€ssigungâ der KI in Deutschland doch um einen Mythos. Der Blick auf explizit militĂ€rische Forschung verdeutlicht, wo bereits jetzt KI zum Einsatz kommt. So forschten mehrere Institute der UniversitĂ€t Hannover in den vergangenen Jahren intensiv zur Optimierung der Fernerkundung: Um angesichts immer höherer Auflösung der eingesetzten Sensorik Bandbreite zu sparen, sollen Drohnen und Satelliten selbststĂ€ndig âRegions of Interestâ erkennen und nur deren Bilder hochauflösend zur Erde funken. Geforscht wird hier auch an âsemantischen Netzenâ, mit deren Hilfe die Systeme eigenstĂ€ndig GelĂ€ndeformen und Objekte erkennen können. Auch an der Entwicklung einer angeblich eindeutigen und widerspruchsfreien âBattle Management Languageâ zur Kommunikation zwischen Menschen und IT-Systemen im NATO-Rahmen war Hannover beteiligt.
Am MĂŒnchner Ludwig-Bölkow-Campus forscht Airbus Defence and Space gemeinsam mit der UniversitĂ€t der Bundeswehr und dem Deutschen Zentrum fĂŒr Luft- und Raumfahrt (gefördert von der Landesregierung) an »Quasisatelliten«. Gemeint sind sehr hoch fliegende Drohnen, die mit Solarenergie betrieben werden und daher sehr lange in der dĂŒnnen Luft bleiben können. Diese sollen zukĂŒnftig mit einem autonomen Wettererkennungs- beziehungsweise Wettervermeidungssystem ausgestattet werden, so dass sie ihre Missionsplanung â zum Beispiel die Ăberwachung eines bestimmten Zielgebietes â selbstĂ€ndig der Lage anpassen können. FĂŒr die UniversitĂ€t der Bundeswehr in MĂŒnchen ist die semiautonome Missionsplanung kein neues Thema. Hier wird bereits seit Jahren an kĂŒnstlichen âkognitiven Agentenâ (Artificial Cognitive Units) geforscht, die in Kooperation mit einem einzelnen menschlichen Operateur ganze DrohnenschwĂ€rme koordinieren und auch eigenstĂ€ndig auf Ereignisse wie eine abreiĂende Datenverbindung, feindliche Radarstellungen und AusfĂ€lle einzelner Subsysteme durch feindliche Treffer reagieren sollen.
âIntelligenteâ Ăberwachung
WĂ€hrend hier eine konkrete Umsetzung noch nicht unmittelbar bevorsteht, haben die Wissenschaftler am Fraunhofer-IOSB (Institut fĂŒr Optronik, Systemtechnik und Bilderkennung) in Karlsruhe/Ettlingen die Automatisierung der Bildauswertung der LUNA-Drohne im Auftrag der Bundeswehr verbessert, wĂ€hrend diese in Afghanistan eingesetzt wurde. Das Institut fĂŒhrte in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Forschungsvorhaben fĂŒr das Bundesministerium fĂŒr Verteidigung (BMVg) durch, die auf die ZusammenfĂŒgung verschiedener (optischer) Datenquellen (Sensor Data Fusion), die automatische Auswertung (Situationserkennung) und Lagebilderstellung fĂŒr menschliche Operateure (Mensch-Maschine-Schnittstellen) abzielen. Nahezu inhaltsgleiche Projekte wurden parallel im Rahmen der zivilen Sicherheitsforschung finanziert und hatten die automatisierte Klassifikation von Booten aufgrund der Erfassung durch Radar, Sensorbojen, Drohnen und Satelliten zum Gegenstand.
Es sollte zum Beispiel errechnet werden, wie hoch bei einzelnen Booten die âWahrscheinlichkeit fĂŒr FlĂŒchtlinge an Bordâ ist. Dabei hat das Institut auch mit dem RĂŒstungsunternehmen Thales zusammengearbeitet, das Bodenradare herstellt, die von der Bundeswehr zum Beispiel in Mali eingesetzt werden. Sie können nach Herstellerangaben Fahrzeuge und Personen auf Dutzende Kilometer verfolgen und aufgrund ihres Verhaltens eigenstĂ€ndig als Bedrohung klassifizieren. Auch die Software fĂŒr âintelligente VideoĂŒberwachungâ des öffentlichen Raums, die mit dem neuen baden-wĂŒrttembergischen Polizeigesetz erstmals ermöglicht und zur Zeit in einem Pilotprojekt in Mannheim erprobt wird, stammt vom Fraunhofer-IOSB. Hier stellt sich die Frage, ob die repressive Gesetzgebung nicht in erster Linie einen Standortvorteil bei der Entwicklung neuer Ăberwachungstechnologien schaffen soll. Baden-WĂŒrttemberg jedenfalls will sich hier offenbar ganz vorne positionieren. Im August 2018 hat die Landesregierung ein weiteres Förderprogramm âKĂŒnstliche Intelligenz Baden-WĂŒrttembergâ angekĂŒndigt. Damit will sie an den Hochschulstandorten Freiburg, Heidelberg, Hohenheim, Konstanz, Mannheim, Ulm und Karlsruhe mit sechs Millionen Euro insgesamt zehn Juniorprofessuren mit Ausstattung »im Bereich Methoden und Anwendungen der kĂŒnstlichen Intelligenz« finanzieren.
Deutliche Worte
BegrĂŒndet wird die Notwendigkeit einer intensivierten KI-Forschung meist mit entsprechenden ForschungsaktivitĂ€ten in den USA und China, denen man hier nicht alleine das Feld ĂŒberlassen dĂŒrfe. Dies gelte um so mehr, als die KI aktuell als sogenannte disruptive Technologie verstanden wird, in der es jederzeit zu âSprunginnovationenâ kommen könne, die gegenwĂ€rtige Produkte, Systeme und damit auch MachtverhĂ€ltnisse durcheinanderwirbeln könnten. So wird zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Internationale Politik gewarnt, Deutschland laufe bislang »den Entwicklungen hinterher«. Ein Land, das diese ignoriere, werde âan Relevanz verlierenâ. In einem ergĂ€nzenden Interview wird die ehemalige StaatssekretĂ€rin des BMVg, Katrin Suder, die 2017 federfĂŒhrend am Aufbau des Kommandos Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr beteiligt war, deutlicher: âWer es schafft, die beste KI zu entwickeln, hat einen Verteidigungs- oder gar Angriffsvorteil.â
Startups und Strategen
Um jederzeit die Nase vorn zu haben, sieht der Koalitionsvertrag âzur Sicherstellung technologischer InnovationsfĂŒhrerschaftâ vor, noch in diesem Jahr eine âAgentur fĂŒr disruptive Innovationen in der Cybersicherheit und SchlĂŒsseltechnologienâ aufzubauen â unter FederfĂŒhrung des Bundesinnenministeriums und des BMVg. Schon im vergangenen Jahr hat die Bundeswehr in Berlin ihren »Cyber Innovation Hub« (CIH) eröffnet, der als âSchnittstelle zwischen Startupszene und Bundeswehrâ fungieren soll: âDer Hub identifiziert innovative Technologien in der internationalen Startupszene und entwickelt und validiert diese fĂŒr die Bundeswehr.â Denn Startups gelten als zentrales Element jener Ursuppe der KI-Forschung, in der Sprunginnovationen erwartet werden. So heiĂt es auf der Startseite der Cyber-Valley-Initiative: âMit einem neuen Modell der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft wird Cyber Valley ein befruchtendes Ăkosystem fĂŒr den Technologietransfer im Bereich der kĂŒnstlichen Intelligenz schaffen.â Denn bei der Entwicklung âintelligenterâ Systeme sei âder Weg von der Grundlagenforschung bis zur Kommerzialisierung oft sehr kurzâ. Im Umfeld der Forschung entstehende Startups seien Motoren dieser Entwicklung.
Dieser Artikel erschien zunĂ€chst in der Antikriegsbeilage der Tageszeitung âjunge Weltâ vom 1.9.2018.
Veröffentlichung am 3.9.2018 auf Informationsstelle Militarisierung e.V.
