Attentat in Paris: Peinliches Debakel der Kriegslogiker

Screenshot Google News Deutschland, 21.04.

Kurz vor der PrĂ€sidentschaftswahl: Ein angeblich in Paris von der Polizei erschossener ĂŒblicher AttentĂ€ter, zu dem sich „I.S.“, Massenmedien und Front National bereits bekannt hatten, geht in Belgien zur Polizei. Anschließend wird die Story ausgegeben, der „I.S.“ habe ein weiteres Attentat verhindert.

Nach dem gestrigen Attentat in Paris, zeitgleich vor der letzten TV-Debatte der Kandidaten zur PrĂ€sidentschaftswahl, wurden nach offiziellen Angaben zwei Personen erschossen, ein AttentĂ€ter und ein Polizist. Zum Attentat meldete, nur als ein Beispiel von vielen, der Staatssender „Phoenix“:

PrĂ€sident François Hollande teilte nach einer Krisensitzung im ElysĂ©e-Palast mit, dass die Regierung davon ĂŒberzeugt sei, dass der Angriff einen terroristischen Hintergrund habe. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich ĂŒber sein Propaganda-Sprachrohr Amaq zu dem Anschlag. Die Agentur identifizierte den TĂ€ter als einen KĂ€mpfer namens „Abu Yussef, der Belgier“. Laut Ermittlerkreisen war der 39-jĂ€hrige TĂ€ter bereits im Visier der Polizei.

Wie peinlich: nach dem die blitzschnell lancierte Meldung der Agenturen die Runde macht, geht der angeblich Erschossene und in Paris als Leiche befindliche AttentÀter im belgischen Antwerpen zur Polizei. Und der Erschossene ist Franzose.

Heute nun das.

Die Nachrichtenagentur „afp“ kommt mĂ€chtig ins Schwitzen. Die „afp“-Meldung betitelt „t-online“ allen Ernstes wie folgt (hier ein Screenshot der Meldung in Google News Deutschland, hier ein Tweet):

„IS verhindert offenbar weiteres Paris-Attentat“

Nun die ErklÀrung, bitte bringen Sie ihre Hirnfunktionen in eine aufrechte Position:

„Der Islamische Staat ging bei seinem Bekennerschreiben offenbar von einem anderen AttentĂ€ter aus und fĂŒhrt die Behörden so versehentlich zu „Abu Yussef dem Belgier“.“

Offenbar bemĂŒhen sich die belgischen und französischen Behörden seit gestern, wieder einmal, im WettlĂŒgen mit Massenmedien, Terroristen und Faschisten, vorneweg natĂŒrlich Marine Le Pen.

Das zumindest ist keine Neuigkeit und kommt auch bei deren besten FreundInnen vor – von Washington bis Moskau. (14.04.2017, Syrien-Krieg: Eifriges um-die-Wette-LĂŒgen)

Das Attentat geschah zeitgleich mit der letzten TV Ausstrahlung mit einer Befragung aller Kandidat/innen zur PrĂ€sidentschaftswahl am Sonntag, genauer gesagt: wĂ€hrend der Befragung von Marine Le Pen. „Einige Kandidat/innen“ hatten darauf bestanden, dass es diesmal keine Debatte zwischen ihnen gibt.

Nach den vorhergehenden TV-Debatten waren, sehr zum Leidwesen der Profiteure von Kapitalismus und Krieg, die Umfragen fĂŒr den linksdemokratischen Jean-Luc Melenchon nach oben geschossen. Eine Umfrage sah ihn am 17. April bereits vor Le Pen, die sich Melenchon wĂ€hrend der TV-Debatten erfolgreich zur Brust genommen hatte. (18.04.2017, Analyse: Apparat startet ĂŒbliche Angst-Kampagne, um die französische PrĂ€sidentschaftswahl wieder einzufangen)

Die zugleich dĂŒmmste und mieseste Linke der Welt, die (anti)deutsche, wird – mit innerer Sicherheit- auch das alles wieder als Zufall werten und abermals als Anlass nehmen, sich noch töter zu stellen als die Millionen von Kriegstoten seit 2001.

ErgÀnzung 15.18 Uhr

Wer im Wettbewerb um die dĂŒmmste und mieseste Linke der Welt eifrig mithĂ€lt: Philippe Poutou, der PrĂ€sidentschaftskandidat der „Neuen Antikapitalistischen Partei“ in Frankreich. Poutou adaptierte entsprechend der Logik des Terrorkrieges, den er unterstĂŒtzt, vollstĂ€ndig die von Behörden, „I.S.“ und Massenmedien gestreute Tatversion des gestrigen Attentats in Paris und machte in extremem Zynismus die Diskriminierung von Minderheiten in verarmten Vororten als eine Ursache des Attentates aus.

Derartige Aussagen, in denen gleichzeitig Widerstand gegen Krieg und den im Inneren und Äußeren kriegfĂŒhrenden Staat geheuchelt wird, sind ein weiteres Beispiel dafĂŒr, wie vermeintlich Linke als getarnte Contras der extremen Rechten, dem Kriegsapparat, dem geheimdienstlichen Komplex, der Phobie vor Religionen und Menschen und dem Terrorkrieg insgesamt gezielt in die HĂ€nde spielen.

ErgÀnzung 18.25 Uhr

Nachdem der erste Versuch daneben ging (kennen Sie noch den Pakistani vom Breitscheidplatz? Der heldenhafte Zeuge, der ihn verfolgte und von dem Sie nie wieder was gehört haben?) packen Behörden und Massenmedien nun ihren zweiten Versuch aus, alles als ob nichts geschehen wÀre.

Fragt ja auch keiner nach. Alle singen mit.

Nun ist ebenfalls ein 39-jĂ€hriger Üblicher und zwar aus genau dem ĂŒblichen Vorort, fĂŒr den der „Antikapitalist“ Poutou so viel echtes, echtes MitgefĂŒhl hatte, weil da ja die AttentĂ€ter wohnen.

Karim Cheurfi soll er heißen und wie andere spĂ€ter als AttentĂ€ter ausgemachte und anschließend auf der Flucht oder im Eifer des Gefechts erschossene VerdĂ€chtige schon im Knast gewesen sein. Wie z.B. einer der am 18. April (mit Ansage ĂŒber die Presse, einen Tag vorher) auf Betreiben des Inlandsgeheimdienstes D.C.R.I. festgenommenen VerdĂ€chtigen, der im GefĂ€ngnis seltsamerweise sogar zum Islam bekehrt worden sei.

Und plötzlich war alles schon immer so. Der Innenminister von Belgien habe auch gesagt, der AttentĂ€ter sei Franzose. Es gibt schon ĂŒberall Bilder von ihm – aus „sozialen Medien“, heisst es, sogar mit seinem Sohn auf den Schultern, so ein Schurke!

Aber Moment mal.. woher weiß man eigentlich, dass die Person, die da laut Aussage der Zeugin Ines, die die Nachrichtenagentur „associated press“ und das abkopierende  „Bloomberg“ mittlerweile aus ihren Berichten verschwinden ließen (noch steht der Textabschnitt auf der Nachrichtenagentur, hier schon mal der Archivlink unserer Nachrichtenagentur vom heutigen 21.April) plötzlich nach SchĂŒssen tot auf dem Pflaster vom Champs-ÉlysĂ©es lag, kurz bevor die Polizei alles absperrte und Angestellte aus den umliegenden LĂ€den evakuierte, wirklich Karim Cheurfi ist?

Hm. Na, weil das alle sagen.

Weil vorher jemand sagt, er habe seine Papiere im Auto liegen lassen, aus dem er vorher ausgestiegen sei.

Und wieder: hallo Breitscheidplatz. Hallo Behördenfreundschaft. Hallo „Europa“!

Wie die „BBC“ schreibt, haben die Behörden in Frankreich den Namen Karim Cheurfi noch nicht bestĂ€tigt.

Vielleicht lassen sie sich noch ein bisschen Zeit, bevor sie mit einstimmen.

So ein Chor ist doch eine feine Sache, was?

(…)

Nachtrag: Allen Verletzten und Angehörigen gilt mein MitgefĂŒhl!

Artikel zum Thema:

07.01.2017 Sahra Wagenknecht folgt weiterhin der Logik des Terrorkrieges
In ĂŒber fĂŒnfzehn Jahren weltweitem Terrorkrieg („global war on terror“) hat nicht ein einziger leitender FunktionĂ€r der Partei „P.D.S.“, ab 2007 umbenannt in „Die Linke“, folgenden Satz wörtlich oder sinngemĂ€ĂŸ formuliert: „Ich glaub das nicht, was die Geheimdienste uns da erzĂ€hlen.“ (ĂŒbrigens unser Argument Nr. 2 gegen die sogenannte „Alternative fĂŒr Deutschland“).

10.04.2015 DER TERRORKRIEG: Seine Logik
Dieser Kriegslogik folgen (auch) alle Parteien und Organisationen im Hinterland der kriegfĂŒhrenden Staatsapparate die sich selbst links, sozial, sozialistisch, progressiv, demokratisch, etc, nennen.