Warum sind Russland und China (und der Iran) vorrangige Feinde der herrschenden Elite der Vereinigten Staaten von Amerika?
Ist es nicht merkwĂŒrdig, dass die vorrangigen Feinde der Vereinigten Staaten von Amerika noch immer Russland und China sind, obwohl der Kalte Krieg schon lange vorbei ist? Das ist eine gute Frage, ĂŒber die man angesichts Vladimir Putins Besuch bei Xi Jinping in Peking nachdenken sollte.
Es besteht kein Zweifel, dass Russland und China in den Augen der imperialen Elite der Vereinigten Staaten von Amerika diesen Paria-Status innehaben. In den letzten Monaten haben wir gesehen, wie die Vereinigten Staaten von Amerika versucht haben, Russland nach Osten zu stoĂen und auseinanderzureiĂen. Zur gleichen Zeit durchquerte Obama Ostasien und versuchte, eine antichinesische militĂ€rische und wirtschaftliche Allianz im Westpazifik mit Japan als Angelpunkt zusammenzuheften. Es fĂ€llt in der Tat ins Auge, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sich mit Neonazismus in der Ukraine und japanischem Militarismus am anderen Ende Asiens verbĂŒndet haben.
Das geschieht trotz der betrĂ€chtlichen Ănderungen, die sowohl in Russland als auch in China stattgefunden haben, wobei keiner von den beiden noch behaupten wĂŒrde, an einem antikapitalistischen Kreuzzug interessiert zu sein. Das einzige Land, das ihnen bezĂŒglich der Schmach nahekommt, mit der sie vom Westen ĂŒberhĂ€uft werden, ist der Iran. Warum bleiben diese LĂ€nder, besonders Russland und China, die Feinde des Westens? Da der Kampf gegen den Kommunismus sowjetischer PrĂ€gung lange vorbei ist, ist der Grund dafĂŒr sicher kein ideologischer.
Dieses RĂ€tsel findet seine Antwort in einer Andeutung Jean Bricmonts in seinem Buch Humanitarian Imperialism (HumanitĂ€rer Imperialismus). Er beobachtet, dass die Hauptströmung der politischen Entwicklung in den letzten 100 Jahren nicht die Niederlage des Faschismus oder der Fall des Kommunismus sowjetischer PrĂ€gung war, sondern der Kampf gegen den Kolonialismus des Westens. Und dieser Kampf ist bei weitem nicht vorbei, denn der gröĂte Teil der Welt unterliegt nach wie vor der totalen oder teilweisen Beherrschung durch den Westen, ein Zustand, den Sartre und Nkrumah als Neokolonialismus bezeichneten. Die kolonialisierten Völker der Welt, die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der Menschen leben noch immer unter den schlechtesten materiellen Bedingungen. UrsprĂŒnglich beschrieb Nkrumah den Neokolonialismus folgendermaĂen:
Das Ergebnis des Neokolonialismus ist, dass auslĂ€ndisches Kapital fĂŒr Ausbeutung benutzt wird statt fĂŒr die Entwicklung der weniger entwickelten Teile der Welt. Investitionen steigern unter dem Neokolonialismus die Kluft zwischen den reichen und den armen LĂ€ndern der Welt, anstatt sie zu schmĂ€lern. Der Kampf gegen Neokolonialismus richtet sich nicht gegen den Ausschluss des Kapitals der entwickelten Welt vom Einsatz in weniger entwickelten LĂ€ndern. Er ist darauf gerichtet, die Finanzmacht der entwickelten LĂ€nder daran zu hindern, so eingesetzt zu werden, dass sie die weniger entwickelten LĂ€nder in die Armut treibt.
In der Welt nach dem Kalten Krieg hat die Herrschaft des Westens zunehmend die Form von direkter militĂ€rischer Aktion durch die Vereinigten Staaten von Amerika angenommen, mit deren weltumspannendem Imperium von MilitĂ€rbasen, dem Sturz aufsĂ€ssiger Regierungen oder der âIntegrationâ von deren MilitĂ€r mit dem Westen, wie es zur Zeit in Afrika mit hohem Tempo betrieben wird.
Wie passen Russland und China in diese Strömung der Geschichte?
Vor der Bolschewistischen Revolution sah Lenin den Ersten Weltkrieg als einen Krieg unter den groĂen europĂ€ischen KolonialmĂ€chten, in dem England und dessen Alliierte gegen Deutschland und dessen Alliierte antraten, in dem es um koloniale Beute und imperiale Macht ging. Oder wie gesagt wurde, England gehörte die Welt und Deutschland wollte sie haben. Dieser Krieg unter Imperialisten fĂŒhrte die Bolschewistische Revolution 1917 herbei, mit der einfachen Forderung nach âBrot, Land und Frieden,â und auch eine deutsche sozialistische Revolution, welche aber scheiterte und die Bolschewiken zwang, im eigenen Bereich zu bleiben.
Die Bolschewiken waren todernst. Sie nahmen Russland und dann den Rest der UdSSR heraus aus der westlichen EinflussphĂ€re, aus dem Bereich der westlichen KolonialmĂ€chte, und sie brachten industrielle Entwicklung in ihr rĂŒckstĂ€ndiges Land. Das Scheitern einer Revolution in Europa und der militĂ€rische Ăberfall nach dem Ersten Weltkrieg auf Russland durch den Westen einschlieĂlich der Vereinigten Staaten von Amerika bedeuteten, dass die Sowjetunion nicht lĂ€nger auf den Westen blicken konnte in Hinblick auf Fortschritt in Richtung âSozialismus.â Und aufgrund Lenins Auffassung, dass die kolonialisierten LĂ€nder gegen den Imperialismus rebellieren mĂŒssen, um voranzukommen und sich zu entwickeln, machten die Bolschewiken sich auch die Sache des Antikolonialismus zu eigen â von Afrika ĂŒber Lateinamerika ĂŒber Asien und, am wichtigsten, bis nach China.
Am Ende wurde Russland zu einer GroĂmacht und es blieb ĂŒber 70 Jahre lang auĂerhalb des Einflussbereichs des Westens, fast drei Generationen lang. Sozialismus und Kommunismus wurden sicher nicht erreicht, was immer man darunter verstehen will. Und das ist etwas, was die meisten linksgerichteten oder âprogressivenâ westlichen Intellektuellen bis zum heutigen Tag verwirrt, besonders die Trotzkisten und ihre in der Vergangenheit stecken gebliebenen ideologischen WeggefĂ€hrten. Diese Auffassung verfehlt allerdings den wesentlichen Gesichtspunkt des Kampfes gegen den Kolonialismus. Eine stolze UnabhĂ€ngigkeit, ein Entkommen aus der Armut und ein Abbruch nahezu aller institutionellen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Westen wurden zu vollendeten Tatsachen in Russland. Wenige Russen studierten im Ausland und wenige Menschen aus dem Westen studierten in Russland. Zwischen den beiden gab es keine Beziehungen aus alten Schultagen.
Dann kam der Zweite Weltkrieg, ein Versuch Deutschlands, Europa zu erobern und die Sowjetunion zu vernichten. Aus diesem Krieg kam eine weitere groĂe Revolution, nĂ€mlich die Befreiung Chinas. China hatte vieles versucht, um der DemĂŒtigung zu entkommen, die ihm vom Westen zugefĂŒgt worden war, darunter einen Versuch von Sun Yat-Sen und seinen AnhĂ€ngern, eine chinesische Demokratie nach westlichem Muster zu errichten. Einer dieser AnhĂ€nger war Mao Tsetung. Mit dem Scheitern Suns und dem Sieg Lenins erblickte Mao seine Chance, und auch er ĂŒbernahm eine leninistische Parteistruktur, aber mit Schwerpunkt auf der Landbevölkerung. Mao Tsetung formulierte es im Juli 1949 folgendermaĂen: âDie Russen machten die Oktoberrevolution … und die revolutionĂ€re Energie … der arbeitenden Menschen Russlands, bis dato verborgen und ungesehen vom Ausland, brach aus wie ein Vulkan, und die Chinesen und die gesamte Menschheit fingen an, die Russen in einem neuen Licht zu sehen. Dann, und erst dann traten die Chinesen in eine völlig neue Ăra in ihrem Denken und ihrem Leben ein.â
1946 hatte China Japan besiegt und 1949 errang die chinesische sozialistische Revolution den Sieg. Und dann schloss China das Tor zum Westen und baute seine UnabhĂ€ngigkeit auf. Die Beziehungen zum Westen wurden nahezu zwei Generationen lang völlig abgebrochen. Nachdem seine UnabhĂ€ngigkeit von Mao sichergestellt und eine Basisentwicklung erreicht worden war, konnte China âdas Tor öffnen,â aber von einer Position der StĂ€rke aus. Dengs Reformen verwandelten China in eine groĂe Wirtschaftsmacht. China ist heute das zweitmĂ€chtigste Land auf dem Planeten und unterhĂ€lt wieder Beziehungen mit dem Westen â aber zu seinen eigenen Bedingungen, wie auch Russland.
Die Kommunisten Russlands haben also nicht den Kommunismus erreicht. Aber sie erreichten UnabhĂ€ngigkeit und groĂe wirtschaftliche und militĂ€rische StĂ€rke. Sicher war Chinas Errungenschaft der gröĂte Schlag gegen den Kolonialismus nach dem Zweiten Weltkrieg und der gröĂte antikoloniale Sieg in der Geschichte. Westeuropa und die Vereinigten Staaten von Amerika taten alles, was sie konnten, um die chinesischen Kommunisten zu besiegen, und sie scheiterten. Sie standen auf der falschen Seite der Geschichte â der kolonialen Seite, der Seite von Beherrschung und DemĂŒtigung ganzer Völker.
So finden wir heute diese beiden groĂen MĂ€chte Russland und âChina, vor kurzem einander in die Arme getrieben durch die endlosen KreuzzĂŒge des Westens, die auf ihre Unterminierung gerichtet sind. Zusammen bilden sie ein groĂes Machtzentrum auĂerhalb der Kontrolle des Imperiums der Vereinigten Staaten von Amerika. Auf globale Vorherrschaft ausgerichtet, können die Vereinigten Staaten von Amerika ein derart aufsĂ€ssiges und alternatives Machtzentrum nicht tolerieren. Der Grund dafĂŒr ist, dass ein solches Zentrum eine Alternative fĂŒr andere bildet, die ihre UnabhĂ€ngigkeit vom Westen erreichen wollen. Eine Organisation wie BRICS wĂŒrde nicht existieren, oder falls doch, ohne das âRâ und das âCâ ziemlich bedeutungslos sein.
Der Kampf gegen den Kolonialismus ist aber noch nicht zu Ende. Sicher werden Indien, der gröĂte Teil Lateinamerikas, ein groĂer Teil Ostasiens und der gröĂte Teil Afrikas sich noch aus der Umklammerung des Westens befreien und ihr volles wirtschaftliches Potenzial entwickeln mĂŒssen. (Sie haben die Unterentwicklung sicher nicht ĂŒberwunden, solange sie sich in der Umklammerung des Westens befinden.) Mancherorts haben sich Regierungen entwickelt, die sich gegen die Vereinigten Staaten von Amerika auflehnen, wie in Bolivien, Venezuela und Ecuador. Wo einst die Vereinigten Staaten von Amerika Schlachten gegen aufstĂ€ndische Befreiungsbewegungen fĂŒhrten, kĂ€mpfen sie jetzt, um den Sturz widerspenstiger Regierungen oder FĂŒhrer zu erreichen, wie Bricmont feststellt. Auch das ist ein Kennzeichen des Neo-Imperialismus. Einige wie Mossadegh, Allende oder Chavez waren aufrechte Demokraten, die ihre Völker aus der Armut bringen wollten. Andere waren nicht so demokratisch eingestellt, aber die Ablehnung des Westens ist zum gemeinsamen Nenner derjenigen geworden, die der Westen zu vernichten sucht. Wie die Welt jetzt weiĂ, haben âDemokratieâ und âMenschenrechteâ nichts zu tun mit der neo-imperialen Strategie der Vereinigten Staaten von Amerika. Die beiden kreuzen nur zufĂ€llig den Weg.
Seien wir uns klar ĂŒber diese Ăbersicht. Dieser Ăberblick soll nicht ein Lobgesang auf die kommunistische Natur der groĂen Revolutionen des 20. Jahrhunderts sein. In Wirklichkeit haben diese Revolutionen hinsichtlich der Ziele versagt, die sie sich selbst gesetzt hatten. Sie haben zu keinem Zeitpunkt eine egalitĂ€re Gesellschaft erreicht. Aber sie fanden den Weg zu UnabhĂ€ngigkeit und Entwicklung und jetzt zu fortgeschrittener Entwicklung, auf dem sie sich heute noch immer befinden. Und sie dienen als eine Alternative zum Westen â eine mĂ€chtige wohlgemerkt. In diesem Sinn könnten sie als zufĂ€llige Revolutionen bezeichnet werden. Wenig in der Geschichte geschieht nach einem Drehbuch, egal wer es schreibt. Es kann jedenfalls gesagt werden, dass in Hinblick auf den groĂen Kampf gegen Kolonialismus und fĂŒr menschlichen Fortschritt die russische und die chinesische Revolution auf der richtigen Seite der Geschichte waren. Und sie bildeten die bedeutenden Schritte in diesem Kampf im 20. Jahrhundert.
Zu guter Letzt ist der Iran der dritte der vorrangigen Feinde der Vereinigten Staaten von Amerika und des Westens. Interessanterweise folgte der Iran dem selben Kurs wie China und Russland. Nach dem Sturz des rechtmĂ€Ăig gewĂ€hlten sozialdemokratischen und nationalistischen Mossadegh durch die CIA und die Einsetzung eines brutalen Diktators, des Schah, stĂŒrzte eine Revolution, in diesem Fall unter der FĂŒhrung von Geistlichen und darĂŒber hinaus gewaltfrei, den Schah und kappte die Verbindungen zum Westen. Das geistliche Establishment spielte im Iran die selbe Rolle, die die kommunistischen Parteien in China und Russland gespielt hatten. Sie fĂŒhrten eine Revolution fĂŒr UnabhĂ€ngigkeit und Entwicklung an und haben den Iran 35 Jahre lang weitgehend aus dem Einflussbereich des Westens herausgehalten. Sie werden sich jetzt mit dem Westen weitgehend zu ihren eigenen Bedingungen einlassen, wie es China und Russland gemacht haben. Die Form der Organisation des Befreiungsschlags ist nicht so bedeutsam, noch ist es die Ideologie. Sie kann reichen vom Kommunismus bis zum Islam, und andere Ideologien und Organisationen können genauso gut dienen. Vielleicht beobachten wir einige neue Formen der Organisation in Ecuador, Bolivien und Venezuela. Die Entschlossenheit und Intelligenz, mit denen der Befreiungsschlag ausgefĂŒhrt wird, und das AusmaĂ, in dem die einfachen Menschen ihn unterstĂŒtzen und daraus Nutzen ziehen, sind die entscheidenden Faktoren.
Aber fĂŒr diejenigen auf der Linken, die religiösen Antikrieg-Aktivisten und LibertĂ€ren, die die Jahre hindurch gegen die Kriege des Westens gekĂ€mpft haben, sind das gute Nachrichten. Diejenigen, die gegen den âInterventionismusâ des Westens gekĂ€mpft haben, standen auf der richtigen Seite der Geschichte â bewusst oder öfter auch unbewusst. Ausgehend von den verschiedenen Ideologien, die die antikolonialen Bewegungen im Westen angenommen haben, kann leicht sein, dass die hauptsĂ€chliche Motivation die Seite in uns ist, die menschlich ist, vielleicht unser innerer Bonobo versus unseren inneren Schimpansen.
Nun hat leider die dominierende âprogressiveâ Strömung im Westen weitgehend eine antikoloniale Haltung ĂŒber Bord geworfen. Die Welt wird nicht lĂ€nger gesehen durch die Linse des bei weitem noch nicht beendeten antikolonialen Kampfes, sondern durch die zweifelhaften Kategorien von âMenschenrechtenâ und ârealer, wahrhafter Demokratie.â Typen wie Pussy Riot haben Mao in den Augen der westlichen âProgressivenâ ersetzt. Und viel zu viele âProgressive,â darunter zum Beispiel Juan Cole und Amy Goodman, jubelten ĂŒber den Obama/Hillary-Krieg gegen Libyen, als Gaddafi zerschmettert wurde. In diesen âprogressivenâ Kreisen blieb unerwĂ€hnt, dass Gaddafi Libyen den höchsten Entwicklungsstand von ganz Afrika bescherte, an vorderster Front im Kampf gegen die von den Vereinigten Staaten von Amerika unterstĂŒtzte Apartheid stand, sowohl in SĂŒdafrika als auch in Israel, und einen Pan-Arabismus und Pan-Afrikanismus befĂŒrwortete, der auf UnabhĂ€ngigkeit vom Westen ausgerichtet war.
Mit einem Wort, die âProgressivenâ des Westens betrachten jetzt die VorgĂ€nge auf der Welt durch die falsche Linse, die gleiche, die ihre Beherrscher benĂŒtzen, wenn es ihnen passt. Es ist an der Zeit, zur korrekten Art der Betrachtung dessen zurĂŒckzukehren, was auf der Welt vorgeht. Nur dann wird die antikoloniale und antiinterventionistische Bewegung in der Linken wiederhergestellt werden.
FĂŒr die aufrichtigen LibertĂ€ren ist die Angelegenheit einfacher. Sie haben immer schon die Ansicht vertreten, dass unsere Regierung sich nicht in das Leben anderer LĂ€nder einzumischen hat. FĂŒr sie lag der Schwerpunkt auf der Gegenseite von Neokolonialismus, Neoimperialismus. Sie wollen einfach nicht, dass ihre Regierung sich im Ausland einmischt, glauben nicht, dass das moralisch ist und wollen nicht dafĂŒr bezahlen, also ein bisschen vom guten soliden Ayn-RandÂŽschen Eigeninteresse. Wenn die Progressiven sich aus dem falschen Ruf nach Demokratie und Menschenrechten freispielen, der ihnen angedreht worden ist, dann steht das Tor offen fĂŒr eine sehr breite Antikriegs-, antiimperiale Bewegung. Und der Bedarf an einer solchen Zusammenarbeit ist lebenswichtig, damit wir nicht in einen Weltenbrand stolpern.
Orginalartikel Why Are Russia and China (and Iran) Paramount Enemies for the US Ruling Elite? vom 23.Mai 2014
