Wird im Bundestag erneut die Legalisierung „privaten“, kommerziellen Krieges vorbereitet?
Deutsche Soldaten und Polizisten im „Urlaub“: Kommerzielle Söldner in Kriegsgebieten. Das ist nichts Neues. Nur ist es immer noch illegal. Das Parlament wollte dies schon einmal Ă€ndern – mit mehr als fragwĂŒrdigen Methoden.
Gestern wartete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit einer sensationellen EnthĂŒllung auf: laut dem Bericht verdingen sich aktive und ehemalige Polizisten und Soldaten der Republik, darunter Elitesoldaten des Kommandos SpezialkrĂ€fte K.S.K., nach Ende ihrer Dienstzeit bzw im „Urlaub“ oder in ihrer „Freizeit“ als Söldner fĂŒr „private“ kommerzielle „Sicherheitsunternehmen“ im Kriegsgebiet Afghanistan und in Einsatzgebieten internationaler FlottenverbĂ€nde mit vom Bundestag genehmigten KampfauftrĂ€gen vor dem Horn von Afrika, also z.B. Somalia, Jemen und Oman.
Nun will bei allen Verantwortlichen, angefangen von Mr. Hase Thomas de Maiziere, ĂŒber die Superhasen im Verteidigungsausschuss, des Heuchelns wieder mal kein Ende nehmen. Warum hatte ihnen denn niemand was gesagt? (Unterstehende Artikel sind zu beachten). Die berĂŒhmten „Wehr- und Sicherheitsexperten“ von S.P.D. und BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen, Rainer Arnold und Omid Nouripour, hakten sich unter, trockneten sich gegenseitig die KrokodilstrĂ€nen und spielten wieder einmal Fahrradkette. Da hĂ€tten nun seit Jahren Elitesoldaten der Bundeswehr, wie vom K.S.K., parallel zu ihrem Job beim Dienstherren Bundesrepublik Deutschland, oder direkt nach Beendigung dieses ArbeitsverhĂ€ltnisses, bei bewaffneten in- und auslĂ€ndischen Söldner-Truppen angeheuert. Ach, wie gut das Niemand wusste. Am Ende hĂ€tte man noch was tun mĂŒssen. Wie gut, dass man jetzt wenigstens entsetzt tun konnte.
Aber nicht nur den bekannten PflegefĂ€llen des weltweit berĂŒhmten Ruheraums der Demokratie (dem Bundestag) war irgendwie wieder einmal alles entgangen auĂer das Gehalt. Angefangen vom Bundesministerium der Verteidigung, allerlei GeneralstĂ€ben ohne MaĂ, sowie dem nicht minder berĂŒhmten MilitĂ€rischen Abschirmdienst M.A.D. oder dessen groĂen Bruder B.N.D. („Bin Nicht da“) war wohl allen etwas auf die Mattscheibe geflogen – ganz zu schweigen vom Zaunpfahl-Opfer Hans-Peter Friedrich und seinen Vorratsdatenspeicherungs-Rufmaschinen im Bundesinnenministerium. Nur so ist wohl zu erklĂ€ren, das allen Beteiligten und Verantwortlichen (was fĂŒr ein schmutziges Wort) bis jetzt völlig entgangen ist, dass Soldaten und Polizisten der Republik in ihrer „Freizeit“, im „Urlaub“, nach Ende oder in ihrer aktiven Dienstzeit auf profitabler Erlebnis-Safari durch Kriegs- und Kampfgebiete tourten.
ErklĂ€rungsversuch des Bundesverteidigungsministeriums fĂŒr die eigene Unkenntnis: die Soldaten wĂŒrden ĂŒber ihre „Pflichten und Gesetze bei Aufenthalten im Auslandâ belehrt, aber nicht in ihrer Freizeit oder im Urlaub ĂŒberwacht“, so die Botschaft aus dem MilitĂ€rministerium. Eine dreiste Heuchelei. Der Berufsförderungsdienst (B.F.D.) der Bundeswehr finanziert Schulungen, Ausbildungen und Seminare, die Zeitsoldaten nach Absolvierung ihres Dienstes in der Bundeswehr den Einstieg in die zivile Arbeitswelt erleichtern sollen – namentlich in die „Sicherheitsbranche“. (Steuergelder in Millionenhöhe: staatliche Förderung fĂŒr Ausbildung zum Söldner).
Es muss leider davon ausgegangen werden, dass das „Leak“ der F.A.S. eine Farce ist. Es erinnert an die veröffentlichten Berichte ĂŒber „geheime“ DrohneneinsĂ€tze der U.S.A., die gezielt eine landesweite Diskussion ĂŒber ihre LegalitĂ€t verursachen sollen, mit dem strategischen Ziel fĂŒr diese illegale, seit Jahren ohne rechtliche Konsequenzen angewandte operative Praxis schlicht eine gesetzliche Grundlage zu schaffen.
Das wÀre nicht der erste Versuch.
Am 4. Dezember 2008 hatte ein von Dutzenden Abgeordneten der C.D.U., der C.S.U. und S.P.D. eingebrachter Antrag mit der Drucksache 10846 dem Bundestag vorgelegen. In diesem wurde die gemeinsame „groĂe Koalition“ der Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel u.a. zu folgendem aufgefordert:
„1. die Registrierung von privaten militĂ€rischen Sicherheitsunternehmen einzufĂŒhren und diese zur Mitteilung ihrer VertragsabschlĂŒsse zu verpflichten;
2. ein Lizenzierungssystem fĂŒr militĂ€rische Dienstleistungen von Unternehmen einzufĂŒhren;
3. eine Selbstregulierung (!) der privaten militÀrischen Sicherheitsunternehmen durch einen Verhaltenskodex (!) zu fordern;
4. zu bekrĂ€ftigen, dass AuslandseinsĂ€tze privater militĂ€rischer Sicherheitsunternehmen im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland an dieselben Regeln gebunden sind, wie sie fĂŒr AuslandseinsĂ€tze der Bundeswehr (Parlamentsvorbehalt) und deutscher PolizeikrĂ€fte gelten;
5. zu prĂŒfen, ob beim Einsatz privater militĂ€rischer Sicherheitsunternehmen klare Haftungsbedingungen einschlieĂlich klarer Regeln fĂŒr die Verfolgung von Straftaten im Einsatzgebiet gelten, gegebenenfalls solche klare Haftungsbedingungen bzw. Strafverfolgungsregeln zu schaffen. Dabei sollte der
auftraggebende Staat bei Verletzung seiner Aufsichtspflicht mithaften;“
Im Eingangstext hatten die noblen Herren und Damen Abgeordnete festgestellt:
„Diese Privatisierung militĂ€rischer Funktionen kann langfristig zu einem fundamentalen Wandel im VerhĂ€ltnis zwischen MilitĂ€r und Nationalstaat fĂŒhren. Das Gewaltmonopol des Staates könnte in Frage gestellt werden, gegebenenfalls ganz aufgegeben werden.“
Als Reporter von Tagesschau.de in einem vor fĂŒnf Jahren noch denkbaren Anfall von Journalismus nicht nur von diesem Antrag berichteten, sondern dass einer der unterzeichnenden Abgeordneten von diesem gar nichts wusste, verschwand der Antrag kurz vor der nach Mitternacht angesetzten Abstimmung wie von Zauberhand wieder von der Tagesordnung des Deutschen Bundestages. (5. Dezember 2008, FĂ€lschten Regierungsfraktionen die Unterschriften von Abgeordneten unter zurĂŒckgezogenes Söldner-Gesetz?)
Der Artikel von Tagesschau.de verschwand im öffentlich-rechtlichen Off. Nun – nicht ganz.
Hohe Damen und Herren: wagen Sie doch einfach einen neuen Versuch. Wir ersuchen Sie geradezu darum.
(…)
Artikel zum Thema
13.04.2013 Offiziell wieder automatische Sturmgewehre und PanzerfĂ€uste fĂŒr Somalia
18.02.2013 Uganda: Korruption des permanenten Kriegszustands
24.05.2011 Nach Libyen Luft- und Seeblockade vor Somalia
21.01.2011 Gratulation, Herr Hoyer â Blackwater bietet Ihren Elitetruppen in Somalia das FĂŒnffache!
19.01.2011 AMISOM-Massaker in Mogadischu â zwölftausend SpezialkrĂ€fte-ĂberlĂ€ufer
22.08.2010 US-Aussenministerium-Ablassbrief: Blackwater wÀscht sich rein
25.05.2010 Steuergelder in Millionenhöhe: staatliche Förderung fĂŒr Ausbildung zum Söldner
22.05.2010 Kriegseinsatz ehemaliger deutscher Bundeswehrsoldaten gegen Bundeswehrsoldaten in Somalia
14.04.2010 Deutsche Spezialeinheiten agieren offiziell ab 1.Mai in Uganda und Somalia
14.10.2009 Sauhaufen EU NAVFOR lĂŒgt mal wieder was das Zeug hĂ€lt
04.10.2009 Somalia: US-Waffen fĂŒr Regierung und AufstĂ€ndige
17.09.2009 Anti-Piraterie-Mission vor Somalia: Hausen wie die Vandalen
11.09.2009 Waffentransporte nach Ost-Afrika
07.09.2009 Somalia: Regierung will mit AufstÀndischen kooperieren
07.09.2009 Fregatte BRANDENBURG: Nachrichtensperre fĂŒr die Besatzung
07.09.2009 Bundeswehr-Macht Schlagzeilen
06.09.2009 Bundeswehr-Oberst befahl offenbar nach BND-Behauptungen Luftangriff auf sichtbare Menschenmenge: 125 Tote
22.06.2009 MilitĂ€reinsatz vor Somalia âWas juristisch legal ist, muss nicht ethisch legitimiert seinâ
05.05.2009 Die Hansa Stavanger-Farce I: Die „Piraten“-Bucht von Harardhere
19.12.2008 Parlamentskammern beschliessen BKA-Gesetz und Kriegseinsatz in Afrika
16.12.2008 Ostafrika: SĂŒd-Sudan, Uganda und Kongo ziehen unter âLRAâ-Tarnkappe Truppen zusammen
07.12.2008 Die Iran-Situation: Bundesregierung will Parlamentsvollmacht fĂŒr „Kampfeinsatz vor Somalia“
04.12.2008 LĂŒgenorgie von Regierung, Marine und Kriegspresse ĂŒber kommende Somalia-Intervention
20.11.2008 Iran, das BKA und die „Piraten“-Farce von Afrika
11.08.2008 Nach Irakkrieg II jetzt Somaliakrieg II: kleine Chronologie fĂŒr den BimbesbĂŒrger
12.01.2007 Der kommende Ostafrika-Krieg
Quellen:
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bundeswehr-aktive-soldaten-arbeiten-illegal-fuer-sicherheitsunternehmen-12164557.html
http://www.n-tv.de/politik/Deutschen-Soldaten-sind-illegal-im-Einsatz-article10553106.html
