Das mit NRW
Hannelore Kraft hat versucht, entsprechend den Vorgaben der Berliner SPD-Zentrale, eine groĂe Koalition mit der CDU anzufĂŒhren. Jetzt wird sie sich einer unterordnen. Weil sie nichts anderes kann.
Eine kleine Denkschrift ĂŒber Republik, Verfassung und Demokratie, 20 Jahre nach dem Ende von West- und Ostdeutschland.
Heute, kurz nach Mitternacht, erschien auf der Webseite der „Bild“ (1) ein Interview der LandesverbandsfĂŒrstin der SPD in Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft. In dem mit einem grausamen, grausamen Foto geschmĂŒckten Foto geschmĂŒckten Willensportrait legte diese ausfĂŒhrlich dar, warum sie nicht nur LandesverbandsfĂŒrstin, sondern gern LandesfĂŒrstin wĂ€re. Ihr Interview nahmen die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen der Informationsdienste, „Spiegel“ (2) und „Focus“ (3), zum AnlaĂ zu berichten, Kraft habe mit Neuwahlen „gedroht“.
Das kommt davon, wenn LĂŒgner ĂŒber LĂŒgner schreiben.
Zuerst einmal gilt es einen Blick in die Landesverfassung von Nordrhein-Westfalen (4). Nur zur Erinnerung: wird diese gebrochen, muss der Verfassungsgerichtshof fĂŒr das Land Nordrhein-Westfalen einschreiten. Er kann nach Artikel 63 die Landesregierung und ihre Minister wegen „vorsĂ€tzlicher oder grobfahrlĂ€ssiger Verletzung der Verfassung oder eines anderen Gesetzes“ ihrer Ămter entheben. Zwar muss die Anklage zuerst durch die „Mehrheit von zwei Dritteln der anwesenden Mitglieder des Landtags“ erhoben werden. Doch kann der Antrag auf Erhebung dieser Anklage von „einem Viertel der Mitglieder des Landtags gestellt werden“.
Jetzt zum Artikel 35:
„(1) Der Landtag kann sich durch eigenen BeschluĂ auflösen. Hierzu bedarf es der Zustimmung der Mehrheit der gesetzlichen Mitgliederzahl.“
Woher sollte nun diese Mehrheit im NRW-Landtag kommen? Die NRW Linke wird schwerlich einem Antrag zur Neuwahl zustimmen, damit SPD und BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen endlich alleine regieren können. Der CDU wiederum kann an einer Neuwahl nicht gelegen sein, ebenso wenig der FDP, die sogar um ihren Wiedereinzug fĂŒrchten mĂŒsste.
Lesen wir nun die Aussage der SPD-Landesvorsitzenden Hannelore Kraft in der „Bild am Sonntag“, nachdem deren Redaktion am Ende des Interviews ihre wohl geplante Fangfrage untergebracht hat (1):
„BamS: Wie zuversichtlich sind Sie, dass es in NRW zu einer Koalition von SPD und Union kommt?
Kraft: Die GesprĂ€che werden von unserer Seite mit aller Ernsthaftigkeit gefĂŒhrt, aber es ist völlig offen, ob wir uns am Ende auf die Bildung einer gemeinsamen Regierung verstĂ€ndigen werden..
BamS: Wenn alle Verhandlungen scheitern, gibt es Neuwahlen. FĂŒr wie wahrscheinlich halten Sie diese Option?
Kraft: An Neuwahlen denke ich jetzt nicht. Aber das hĂ€ngt davon ab, mit welcher Ernsthaftigkeit die CDU die GesprĂ€che fĂŒhrt.“
Der geneigte Leser von Radio Utopie erkennt nun zwei Dinge:
1. Hannelore Kraft kann nicht mit Neuwahlen drohen. Und darĂŒber nachzudenken, tja, das tun wir doch alle mal.
2. Die „Bild“-Zeitung lĂŒgt. Neuwahlen gibt es nicht, wenn alle Verhandlungen gescheitert sind, sondern wenn der Landtag dies mit der Mehrheit der gesetzlichen Mitglieder so entscheidet.
Nur zur Erinnerung: „Spiegel“ („Kraft droht CDU mit Neuwahlen“) und Focus („Kraft droht mit Neuwahlen“) belĂŒgen hier ihre Leser mit einer LĂŒge der „Bild“-Zeitung. Das schimpft sich „Presse“. Seit Jahrzehnten geht das schon so.
Was jetzt passieren wird, ist folgendes: Hannelore Kraft wird Ministerin unter einem CDU-LandesfĂŒrsten. Daraufhin verliert die CDU/CSU-FDP-Bundesregierung ihre Mehrheit im Bundesrat. Die Regierung wird instabil. Alles ruft im Bund nach Neuwahlen. Dies wird scheitern, da es nicht noch einmal gelingen wird, vor aller Augen verfassungswidrig das Bundesparlament aufzulösen, wie nach der NRW-Wahl 2005.
Und dann wird Krafts SPD-BundesfĂŒrst Sigmar Gabriel Bundesminister unter einer CDU-Kanzlerschaft. Und das wird wieder nobody fĂŒr möglich gehalten haben. (28.MĂ€rz, Gabriel schliesst SPD-MinisterprĂ€sidentin Kraft aus: grosse Koalition in NRW und Bund)
Das war einfach ĂŒberhaupt nicht abzusehen. (19.MĂ€rz, Gabriel bietet Merkel praktisch neue groĂe Koalition an)
Daran hat einfach niemand gedacht. (18.MĂ€rz, NRW-Wahl wird zu neuer Bundesregierung fĂŒhren)
Warum auch? (11.MĂ€rz, Ăber die drohende CDU-SPD-Koalition und die Kunduz-AffĂ€re)
Den Menschen in der Berliner Republik wird eine Demokratie nur vorgekaukelt. In Wirklichkeit handelt es sich um ein gigantisches Betrugssystem, welches sich um jedwede Moral, Werte und Ethik ĂŒberhaupt nicht kĂŒmmert. Was neu ist – und zeigt, wie verfallen diese Machtstruktur der etablierten Betrugsmechanismen bereits sind: seit der „groĂen“ Koalition unter Frank-Walter Steinmeier / Franz MĂŒntefering und Angela Merkel / Wolfgang SchĂ€uble hat man sich in SPD und CDU auch angewöhnt, sich um geltende Gesetze und die Verfassung einen Dreck zu scheren. Man musste sich das angewöhnen, weil man mit demokratischen Mitteln in der gemeinsam exekutierten Agenda zur Zersetzung, Zerteilung und letztlichen Auflösung der Bundesrepublik Deutschland in der 1992 gegrĂŒndeten neuen kapitalistischen Sowjetunion namens „EuropĂ€ische Union“ (EU) einfach nicht mehr weiterkam.
SPD und CDU sind in dieser Schmierenkomödie, als Krododil und Seppl des selben Puppenspielers, darauf angewiesen, dass die Bevölkerung einfach nicht merkt, was hier seit der Wiedervereinigung gespielt wird.
Die CDU hat ohne viel Federlesens eine DDR-Blockpartei assimiliert. Die CDU hat sich aus höchsten Wirtschaftskreisen bestechen lassen, das weiss jeder, der sich noch an die SpendenaffĂ€re um den 16 Jahre lang (seit 1990 mit uneingeschrĂ€nkter Macht) waltenden Kanzler Helmut Kohl (CDU) erinnert. Trotzdem fĂŒhrt die CDU die SPD jeden Tag aufÂŽs Neue vor, als eine Partei, die tendenziell der Umsetzung ihres eigenen Parteiprogramms verdĂ€chtig sei. Diese lĂ€Ăt sich das genĂŒĂlich gefallen,weil sie nichts weniger will als das. Man treibt die eigenen, an die Grenze des medizinisch bewertbaren Schwachsinn verblödeten FuĂtruppen gegenseitig in die Schlacht und funkt sich dann in den parteiinternen GeneralstĂ€ben ĂŒber das Niemandsland fröhliche LiebesgrĂŒĂe zu. Auch dieses Prinzip mĂŒsste dem einen oder anderen schon aus geostrategischen AblĂ€ufen bekannt vorkommen. Und genau um diese geht es hier auch, um nichts anderes.
Es geht nicht um NRW. Es geht nicht um die Interessen eines deutschen Bundeslandes. Es geht auch nicht eine Sekunde lang darum, was irgendein normaler Untertan sich vorstellt. Es geht hier um die Fortsetzung eines Plans von Irren, die sich fĂŒr normal halten, weil sie die Macht dazu haben, weil sie nicht untersucht werden durch ein Parlament, eine Justiz und eine wache Ăffentlichkeit. So ein System zur Kontrolle von Machthabern und mĂ€chtigen Kreisen nennt man im Original des US-Machtbereichs „Checks & Balances“. Bei uns nennt man das „Gewaltenteilung“ und alles – wirklich alles – ist in Gefahr, wenn die nur durch eine Verfassung garantierten Regeln dieser Teilung der Gewalten ausser Kraft gesetzt werden.
Und nun muss sich jeder nur eine Minute lang einmal in Ruhe ĂŒberlegen, wer das die letzten Jahre ununterbrochen versucht und wer das die letzten Jahre ununterbrochen verhindert hat.
Wie verkommen SPD und CDU auch in den LandesverbĂ€nden Nordrhein-Westfalen sind, zeigt folgende Posse: die Parteien planen allen Ernstes, gegen die Landesverfassung Personen im PrĂ€sidium des Landesparlamentes zu belassen, die nicht einmal mehr dem Parlament angehören. Das Argument der „Rechtsexperten“ – mutmasslich Juristen, die ihre Ausbildung in Westdeutschland erhielten und gelernt haben, jedes Verfassungswerk mit aller Kraft zu verachten (5):
„Zwar schreibt die Verfassung verbindlich die Neuwahl des PrĂ€sidiums vor. Aber es sind keine Sanktionen fĂŒr den Fall vorgesehen, dass das Parlament sich daran nicht hĂ€lt. So könnten nach der Auffassung von Rechtsexperten der CDU und der SPD die derzeitige LandtagsprĂ€sidentin Regina van Dinther (CDU) und ihr Stellvertreter Edgar Moron (SPD) erst mal im Amt bleiben – obwohl beide dem neuen Landtag gar nicht mehr angehören.“
Nochmal zur Erinnerung: die NRW-Landesregierung und ihre Minister können wegen „vorsĂ€tzlicher oder grobfahrlĂ€ssiger Verletzung der Verfassung oder eines anderen Gesetzes“ angeklagt und durch den MĂŒnsteraner Verfassungsgerichtshof ihrer Ămter enthoben werden. Das gilt zwar nicht fĂŒr den PrĂ€sidenten des Landtags und sein PrĂ€sidium; aber nach Artikel 75 der Landesverfassung (4) entscheidet der Verfassungsgerichtshof
„ĂŒber die Auslegung der Verfassung aus AnlaĂ von Streitigkeiten ĂŒber den Umfang der Rechte und Pflichten eines obersten Landesorgans oder anderer Beteiligter, die durch diese Verfassung oder in der GeschĂ€ftsordnung eines obersten Landesorgans mit eigenen Rechten ausgestattet sind“
Diese Voraussetzungen fĂŒr eine Befassung von MĂŒnster sind bezĂŒglich der Wahl des PrĂ€sidenten des Landesparlamentes ganz ohne Zweifel gegeben. Man kann also SPD und CDU in NRW nur raten, es nicht zu weit zu treiben.
Der Landesverband der Linken steht in NRW in einer absurden Situation; in einer Situation, vor der Linke schon immer Angst hatten und die sie hassen wie sonst nichts in der Welt: die Demokratie gegen die Bourgeoisie zu verteidigen, die ihnen keine Chance einrĂ€umt und sie den ganzen lieben langen Tag mit FĂŒĂen tritt, seit in Westdeutschland die KPD 11 Jahre nach Hitler zum zweiten Mal verboten und die SPD zum selben Zeitpunkt (Wiederbewaffnung und Nato-Beitritt 1955) gekapert wurde.
Lassen Sie mich, liebe gut gebildeten Leser, diese fĂŒr manche von Ihnen sicherlich empörende These mal belegen.
SPD und die 1983 in das westdeutsche Parlament eingezogenen GrĂŒnen weigern sich in Nordrhein-Westfalen, eine SPD-MinisterprĂ€sidentin Hannelore Kraft mit den Stimmen der die NRW Linken zu wĂ€hlen zu lassen. Kraft hat den Abbruch schon der ersten SondierungsgesprĂ€che damit begrĂŒndet, dass die NRW Linke „nicht regierungs- und koalitionsfĂ€hig“ (1) sei. Linke und GrĂŒne bezeichnen die NRW Linken als „politisch unzuverlĂ€ssig“, wĂ€hrend die SPD „ohne Vorbedingungen“ (6) mit einer CDU verhandelt, gegen die sie angeblich in den Wahlkampf gezogen ist.
Aber was heisst das nun konkret? Warum ist jemand „politisch unzuverlĂ€ssig“ oder „nicht regierungs- und koalitionsfĂ€hig“? Der Informationskonzern „Focus“ (7) fasste es auf seine Weise pragmatisch zusammen:
„Als beinahe ausgeschlossen gilt mittlerweile das Zusammengehen von Rot und Rot, auch wenn die CDU dem WĂ€hler etwas ganz anderes glauben machen will. Die Linken haben von den nordrhein-westfĂ€lischen GrĂŒnen den Titel âChaotentruppeâ geerbt. Die Partei hat sich auferlegt, schon vor der Aufnahme eigentlicher Koalitionsverhandlungen das Votum der eigenen Basis einzuholen. Nicht nur dass SPD-Chefin Kraft solch entscheidungsverlĂ€ngernden MaĂnahmen zuwider sind. So viel Quatschbuden-Demokratie macht die Durchsetzung eines politisch so hoch explosiven Vorhabens wie ein LinksbĂŒndnis praktisch unmöglich.“
Sie verstehen das jetzt: weil der Landesverband der NRW Linken sich gegen den eigenen Landesvorstand durchgesetzt und diesen mit aller politischen Gewalt einer demokratischen Wahl gezwungen, gezwungen hat, vor jeder Unterwerfung als ganz normaler karrieregeiler ProfilĂŒgner aka FunktionĂ€r zur Basis angewackelt zu kommen und vorher um Erlaubnis zu fragen, ob er nach guter alter Tradition alle Wahlversprechen in den Gulli werfen darf (8), deswegen ist diese Partei also eine „Chaotentruppe“?
Wenn Sie das auch so sehen, liebe Leser, dann wird es Zeit sich zu fragen, was Sie eigentlich sind.
Von der DDR gilt es mal folgendes festzuhalten: deren Bevölkerung war es selbst, die in der Lage war, sich zuerst geistig, dann politisch und letztlich auf der StraĂe gegen ihr Regime zu stellen. Aus Strafe fĂŒr diese demokratischen Tugenden wurde sie durch die neuen westdeutschen Machthaber, die sich mit ihrer alten Nomenklatura geeinigt hatte, skrupellos enteignet und bekommt noch 20 Jahre nach der Einheit niedrigere Löhne und Renten. Das finden deshalb alle als völlig normal, weil dieses Land ist in den letzten 20 Jahren in ein gigantisches Umerziehungslager verwandelt worden ist, in welchem den Menschen jede Art von Wert, Moral, Ethik Kultur und Verstand systematisch ausgetrieben wird.
Nun haben ein Irrenhaus und ein Umerziehungslager eines gemeinsam: die Irren / Umerzogenen sind in der Mehrheit. Und Sie dĂŒrfen sich jetzt aussuchen, ob sie gerade den Artikel eines WĂ€rters, eines Onkel Doktors oder eines Insassen hinter sich gebracht haben, dem 84 Millionen tĂ€glich durchÂŽs Kuckucksnest trampeln.
Eines steht jedenfalls fest: ich gehöre zur Minderheit in dieser Einrichtung. Und ich bin verdammt noch mal froh darĂŒber und stolz darauf.
(…)
09.05.2010 Reich und arm dran: Der Ticker zu den blöden Gesichtern in NRW und Berlin
Quellen:
(1) http://www.bild.de/BILD/politik/2010/05/23/nrw-spd-spitzenfrau-hannelore-kraft/ist-ihr-traum-von-der-macht-schon-geplatzt.html
(2) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,696364,00.html
(3) http://www.focus.de/politik/deutschland/nrw-kraft-droht-mit-neuwahlen_aid_511345.html
(4) http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/GB_II/II.2/Gesetze/Verfassung_NRW.jsp
(5) http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/fdp-auch-gegen-jamaika-koalition/
(6) http://www.stern.de/politik/deutschland/regierungsbildung-in-nrw-cdu-und-spd-lassen-sich-zeit-mit-ihren-gespraechen-1568433.html
(7) http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18174/nrw-wahl-sensation-mit-ansage_aid_505900.html
(8) http://www.scharf-links.de/90.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=9761&cHash=cc81d8a232
