Wall Street und CIA
Die Central Intelligence Agency ist ein Geschöpf zur Wahrung langfristiger Wirtschaftsinteressen der Wall Street. Die Verbindung fÀllt recht offensichtlich aus, wenn man sich vor Augen hÀlt, wer an der Schaffung der CIA im Jahre 1947 und ihrer nachfolgenden Entwicklung entscheidend beteiligt war.
Von Lars Schall
Der nachfolgende Artikel ist ein Auszug aus dem Buch âMordanschlag 9/11. Eine kriminalistische Recherche zu Finanzen, Ăl und Drogenâ, das alsbald im Schild Verlag erscheinen wird. Ausgangspunkt des Textes âWall Street und CIAâ ist der vorangehende Nachweis, dass sich die CIA spĂ€testens seit 1977 fĂŒr das PhĂ€nomen des globalen Peak Oil zu interessieren begann.
Wall Street und CIA
Wenn sich die CIA fĂŒr Peak Oil interessiert, lĂ€sst das insofern aufhorchen, da der Auslandsgeheimdienst der U.S.A., jene Central Intelligence Agency, zur Wahrung langfristiger Wirtschaftsinteressen der Wall Street kreiert wurde. Die Verbindung fĂ€llt recht offensichtlich aus, wenn man sich vor Augen hĂ€lt, wer an der Schaffung der CIA im Jahre 1947 und ihrer nachfolgenden Entwicklung an entscheidender Stelle beteiligt war.
Der VorgĂ€nger der CIA, das Office of Strategic Services (OSS), wurde im Laufe des Zweiten Weltkriegs mit Hilfe von FĂŒhrungspersonal der Wall Street-Investmentbank Dillon Reed ins Leben gerufen. Das Hauptquartier des OSS lag im New Yorker Finanzdistrikt (i). MaĂgeblich beeinflusst wurde seine GrĂŒndung ferner durch das Special Operations Executive (SOE), einer Abteilung des britischen Geheimdienstes, die ihrerseits dem Ministerium fĂŒr WirtschaftskriegsfĂŒhrung zugeordnet war (ii). Chef des OSS war von 1942 bis 1945 William Joseph Donovan, MitbegrĂŒnder der bis heute bestehenden Wall Street-Anwaltskanzlei Donovan, Leisure, Newton, and Irvine. Von 1945 bis 1947 bestand zunĂ€chst eine Rumpforganisation des OSS unter dem Namen Central Intelligence Group als Teil des AuĂenministeriums unter dem verantwortlichen General H. S. Vandenberg fort. FĂŒr die Umsetzung solch ambitionierter PlĂ€ne, wie sie in der Grand Area-Strategie und der âPolitik der offenen TĂŒrâ des Council on Foreign Relations im Zuge der von der Rockefeller-Stiftung finanzierten âWar and Peace Studiesâ zum Ausdruck kamen, bedurfte es jedoch eines weitaus gröĂeren Nachrichtendienstes, als es die Central Intelligence Group darstellte, und also wurde die CIA nicht zuletzt auf Betreiben von Investmentbankern wie James V. Forrestal und Ferdinand Eberstadt durch den am 26. Juli 1947 verabschiedeten âNational Security Actâ aus der Taufe gehoben. (iii)
Die enge Liaison zwischen Wall Street und CIA kann kaum als reiner Zufall abgetan werden. SchlieĂlich stammten in den ersten zwei Dekaden ihrer Existenz alle âsieben der bekannten stellvertretenden Direktoren der CIA (âŠ) aus denselben New Yorker Anwalts- und Finanzkreisen; sechs von ihnen wurden darĂŒber hinaus im New York Social Register gefĂŒhrt.â (iv)
Dazu wollte ich etwas mehr von Peter Dale Scott erfahren, dem womöglich herausragendsten CIA-Chronisten ĂŒberhaupt auf der Welt, der die letztgenannten Fakten recherchierte.
Lassen Sie uns ĂŒber die CIA reden, aber den Fokus auf Finanzen halten. In Ihrem Buch âThe Road to 9/11â weisen Sie darauf hin, dass die meisten der SchlĂŒsselfiguren dieser Organisation einen Hintergrund in der Hochfinanz und dem Investmentbanking haben. WĂ€re es eine Ăbertreibung, wenn man annehmen wĂŒrde, dass die CIA mehr oder weniger geschaffen wurde, um langfristige Interessen der Wall Street in der Welt abzuschirmen, und dass sie auf diese Weise bis heute aktiv ist?
Peter Dale Scott: Nun, ich denke, dass die CIA, die 1947 geschaffen wurde â in den öffentlichen Debatten ging es um die Notwendigkeit fĂŒr einen Geheimdienst auĂerhalb der jeweiligen Einrichtungen der Armee, der Marine und der neuen unabhĂ€ngigen Luftwaffe â das gleiche Gesetz, das die Luftwaffe schuf, schuf die CIA -, aber hinter den Kulissen wollten Leute von der Wall Street und der Finanzwelt die gleiche Kontrolle ĂŒber die Geheimdienste wiedererlangen, die sie wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs durch das OSS hatten. Wir könnten ein ganzes Interview nur darĂŒber fĂŒhren, aber die amerikanischen Finanzinvestitionen in Europa wurden vom OSS geschĂŒtzt, es wurden wichtige Entscheidungen getroffen, um Fabriken, StaudĂ€mme etc. nicht anzugreifen, und das war das OSS. Truman hat immer versucht, eine Person zu bekommen, die nicht von der Wall Street war, um die CIA anzufĂŒhren, und das traf zu, bis Allen Dulles von der Wall Street die Leitung unter Eisenhower ĂŒbernahm, aber darunter waren fast alle von Truman ernannten stellvertretenden Direktoren Leute von der Wall Street. Sie mĂŒssen sich die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg vorstellen: eine weitestgehend zerstörte Weltwirtschaft, man hatte private Geheimdienst-Unternehmen, etwas, das sich die World Commerce Corporation nannte, mit lauter Ex-Kriegszeit-Geheimdienstlern aus England und Amerika, die mit privaten Ressourcen versuchten â und jetzt hören wir möglicherweise mit beschlagnahmten Finanzmitteln der SS in Deutschland oder Ăsterreich (v) -, den Welthandel in einer Weise anzuschieben, dass Amerika und GroĂbritannien ihn dominieren wĂŒrden.
In seinem Buch âAmerican War Machineâ kommt Peter Dale Scott auf einen konkreten Einsatz von Nazi-Finanzmitteln durch das umrissene Milieu zu sprechen, indem er auf den âmysteriösenâ E. P. Barry verweist, in spĂ€teren Zeiten Investitionspartner des frĂŒheren OSS-Mitarbeiters und GrĂŒnders von Drogenbanken, die mit der CIA verbunden waren, Paul Helliwell, und von Bruce Rappaport, einem Ălmann und EigentĂŒmer der wichtigen Schweizer (Drogen-)Banken Inter Maritime Bank und Banque de Commerce et de Placements (BCP), dem Tochterunternehmen der berĂŒhmtesten Drogenbank der 1980er Jahre: der pakistanischen Bank of Credit and Commerce International (BCCI). Ăberdies war E. P. Barry wohl auch ein enger VerbĂŒndeter von William Casey, dem CIA-Direktor von 1981 bis 1987. (vi)
Scott schreibt: âEine von sehr wenigen Sachen, die ĂŒber Barry bekannt sind, ist, dass er wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs im OSS war und dass Donovan ihn gegen Ende des Krieges zum Leiter der OSS-Gegenspionage (X-2) in Wien ernannte.
Die OSS-X-2 oder -Gegenspionage war die geheimste und am höchsten klassifizierte der OSS-Abteilungen und diejenige, deren genaue Mission darin bestand, den deutschen Sicherheitsdienst (SD) zu durchdringen. Laut einem OSS-Report von 1946: ,Eine gleichermaĂen interessante X-2-AktivitĂ€t war die Untersuchung von RSHA (SD) Finanztransaktionen â (Operation Safehaven). Im Laufe dieser Untersuchungen nahm die Dritte US-Armee einen SD-Major ,auf mehrere Reisen nach Italien und Ăsterreich, und als Resultat dieser vorausgehenden Reisen wurden ĂŒber $500.000 an Gold und auch Juwelen gesichert.â Einiges von dem unter der Oberaufsicht von Barry gesicherten Nazi-Golds wurde daraufhin benutzt, um US-Geheimdienstoperationen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Deutschland zu finanzieren.â (vii)
Jenseits derartiger Dinge bewahrte die Zugehörigkeit zum New York Social Register ohnehin nicht davor, fragwĂŒrdige Allianzen einzugehen:
âZwischen 1945 bis 1947 konspirierten Elemente in der US-Armee, um Kontakte mit frĂŒheren deutschen Anti-Kommunisten in Europa and ihrem deutschen Kommandanten Reinhard Gehlen aufrechtzuerhalten. FĂŒnf MĂ€nner waren beteiligt, von denen drei (William J. Donovan, Allen Dulles und Frank Wisner) ReprĂ€sentanten der Wall Street-Oberwelt und auch des New York Social Register waren, das die Mitglieder der New Yorker High Society listete.â (viii)
Unter besagtem Reinhard Gehlen, der an den Planungen der âOperation Barbarossaâ, dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion im Sommer 1941, involviert war und im Zuge des Stalingrad-Desasters zum Chef der Ostspionage (âAbteilung Fremde Heere Ostâ) avancierte, wurde zunĂ€chst die âOrganisation Gehlenâ und dann der Bundesnachrichtendienst in Pullach aufgebaut â mit freundlicher Hilfe der CIA. Als weitere Beispiele fĂŒr die dubiose NĂ€he zwischen âOSS/CIA â Wall Streetâ einerseits und faschistischem Personal andererseits, dĂŒrfen dem interessierten Leser Stichworte wie die âRattenlinieâ (âRatlineâ), âPaperclipâ, âMK Ultraâ und âGladioâ gegeben werden. Die âNew York Timesâ berichtete ĂŒbrigens im November 2010 unter der Ăberschrift âNazis Were Given âSafe Havenâ in U.S., Report Saysâ von einer 2006 abgeschlossenen, aber vier Jahre lang geheimgehaltenen Untersuchung des Office of Special Investigations (OSI) des US-Justizministeriums ĂŒber die Schaffung eines âsicheren Hafensâ in den Vereinigten Staaten fĂŒr fĂŒhrende Nazis und deren Kollaborateure durch US-Ministerien und insbesondere der CIA (ix). So war man sich beispielsweise keineswegs zu schade dafĂŒr, jemanden wie Otto von Bolschwing, einem fleiĂigen Handlanger von Adolf Eichmann bei der Ausarbeitung der âEndlösung der Judenfrageâ, nach dem Zweiten Weltkrieg Einlass in die U.S.A. zu gewĂ€hren und fĂŒr die CIA arbeiten zu lassen. Ende der 1960er Jahre wurde von Bolschwing gar der Vorsitzende der Hightech-RĂŒstungsfirma Trans-International Computer Investment Corporation, die GeheimauftrĂ€ge vom Pentagon ausfĂŒhrte. Es gibt zahlreiche andere Beispiele fĂŒr Nazi-Verbrecher, die vom CIA und weiteren US-Behörden im Dienste der ânationalen Interessenâ jahrzehntelang verdeckt verwendet wurden.
Dass die CIA primĂ€r zur Absicherung von langfristigen Wall Street-Interessen geschaffen wurde, zeigte sich wĂ€hrend der FrĂŒhphase ihrer Existenz besonders deutlich im Zuge der âOperation Ajaxâ 1953 im Iran. Schauen wir sie uns derhalben kurz genauer an; sie besaĂ Vorbildfunktion fĂŒr Ă€hnliche Operationen der Zukunft. DarĂŒber hinaus ist sie ein Beispiel dafĂŒr, dass die Erfolgsaussichten demokratischer Bewegungen mithin gerade von den U.S.A., dem vermeintlichen Sinnbild moderner Demokratie, zunichte gemacht werden.
Anfang der 1950er Jahre regierte im Iran der populĂ€re Premier Mohammad Mossadegh. Noch als Oppositionspolitiker brachte Mossadegh 1951 ein Gesetz zur Verstaatlichung der iranischen Erdölfelder im Parlament ein. Hintergrund hierfĂŒr war die strikte Ablehnung des britisch gefĂŒhrten AIOC-Konzerns (aus dem spĂ€terhin BP hervorging), die Gewinnanteile, die durch das ĂlgeschĂ€ft im Iran erzielt wurden, mit dem Gastgeberland neu zu verhandeln. GroĂbritannien war seit den 1910er Jahren, insbesondere durch die âweiseâ Vorausschau des damaligen ersten Lords der AdmiralitĂ€t, Winston Churchill, verstĂ€rkt in Persien tĂ€tig geworden, nachdem dort am 26. Mai 1908 bei Masjid-i-Sulaiman riesige Erdölvorkommen entdeckt worden waren. Verantwortlich hierfĂŒr zeichnete sich der australische GeschĂ€ftsmann William Knox DâArcy. Sogleich horchte der britische Geheimdienst auf und schickte seine VertrauensmĂ€nner Sidney Reilly und Lord Strathcona in die Region, um VerkaufsgesprĂ€che mit DâArcy aufzunehmen (x). Was Churchill betraf, so âblickte (dieser) mit Sorge und Misstrauen auf die internationale Situation. Er fĂŒrchtete eine russische Expansion im Nahen Osten und misstraute dem Plan der Deutschen, eine Bahn von Berlin nach Bagdad zu bauen.â (xi)
Die sogenannte âBagdadbahnâ, die der deutsche Historiker Golo Mann als âetwas GroĂartig-Kompaktes und ganz im Sinn der schönsten TrĂ€ume von 1848â bezeichnete, scheint bei der britischen FĂŒhrungsschicht in der Tat arge Gedanken freigesetzt zu haben. (xii) Der US-amerikanische Finanzhistoriker Stephen Zarlenga gibt in seinem Buch âDer Mythos vom Geldâ dazu zum Besten, dass die deutsche Industrie durch Verwirklichung der von der Reichsbank finanzierten Bagdadbahn âmit noch weiter östlich gelegenen MĂ€rkten direkt verbunden werden und auf diese Weise die ĂŒberlegene Seemacht GroĂbritannien umgehenâ hĂ€tte können. âHjalmar Schacht, eine der SchlĂŒsselfiguren im Finanzwesen Deutschlands des 20. Jahrhundertsâ, und ĂŒbrigens mit Owen D. Young zusammen der wesentliche Ideengeber dessen, was heute die Weltbank in Washington D.C. ist (die ehemalige Internationale Bank fĂŒr Wiederaufbau und Entwicklung, IBRD), âbemerkte, dass die Finanzierung der Bagdadbahn den EnglĂ€ndern ,ein Dorn im Augeâ war. Und Francis Neilson, ehemaliger Abgeordneter des britischen Parlaments und Autor des Buches The Makers of War, vertritt die Ansicht, dass sich die Altherrenriege der englischen Industrie nicht imstande sah, der deutschen Konkurrenz in industrieller Hinsicht Paroli zu bieten.
1907 erhielt der allgemein geachtete amerikanische Diplomat Henry White den Auftrag, die britische Haltung zu ermitteln. Er traf sich mit seinem Freund Alfred Balfour:
Balfour (etwas abfĂ€llig): ,Wir sind wahrscheinlich Narren, dass wir keinen Grund finden, um den Deutschen den Krieg zu erklĂ€ren, bevor sie zu viele Schiffe bauen und uns unseren Handel streitig machen.â
White: ,Wenn Sie es mit dem deutschen Handel aufnehmen wollen, mĂŒssen Sie sich eben mehr anstrengen.â
Balfour: ,Das wĂŒrde bedeuten, dass wir eine Senkung unseres Lebensstandards hinnehmen mĂŒssten. Vielleicht wĂ€re es fĂŒr uns einfacher einen Krieg zu fĂŒhren.â Und dann, als Reaktion auf Whites Schock nach dieser Aussage: ,Geht es denn um richtig oder falsch? Vielleicht geht es nur darum, dass wir unsere Vormachtstellung behaupten.ââ (xiii)
Damit Kehrtwende zurĂŒck zu den in dieser Ăra gerade entdeckten iranischen Ălquellen bei Masjid-i-Sulaiman und den Sorgen von Winston Churchill, dem damaligen ersten Lord der AdmiralitĂ€t:
âAuch im eigenen Land gab es Druck, denn der eigenwillige Admiral Fisher bestand darauf, die britische Flotte von Kohle auf Ăl umzustellen. Da GroĂbritannien noch keine eigene Ălquelle hatte â das Nordseeöl war noch nicht entdeckt â, wĂŒrde die Frage der Belieferung immer kritisch bleiben, und Churchill wollte sich weder auf das amerikanische Ăl noch auf Shell mit seinen hollĂ€ndischen Verbindungen verlassen mĂŒssen. Mittlerweile konkurrierten folgende Ălkonzerne miteinander: Royal Dutch/Shell, Gulf, Texaco und Standard Oil Company. Die Vorstellung, Zugriff auf diese Ălquelle in Persien zu haben, gefiel Churchill, und deshalb ĂŒberredete er die britische Regierung, sich mit 50 Prozent am Unternehmen von DâArcy zu beteiligen. Die Anglo-Persian Oil Company, ein VorlĂ€ufer der British Petroleum (BP), wurde im Sommer 1914 mit königlicher Zustimmung gegrĂŒndet, just zu der Zeit, als die ersten Anzeichen eines neuen Krieges auftauchten. Die Anglo-Persian Oil Company war im Vergleich zu den anderen Ălkonzernen also kein privates Unternehmen, sondern ein Regierungskonzern, der die Aufgabe hatte, die Royal Navy mit Ăl zu versorgen.â (xiv)
Dies zur GrĂŒndung des AIOC-Konzerns, der sich weigerte, die Gewinnbeteiligungen Anfang der 1950er Jahre im Iran neu zu verhandeln.
Begleitet von Streiks, Unruhen und der Ermordung des bis dato herrschenden Generals Rasmara, wurde das eingebrachte Verstaatlichungsgesetz bezĂŒglich der iranischen Ălquellen schlieĂlich verabschiedet und Mossadegh zum neuen Premierminister ernannt. Obwohl das Gesetz EntschĂ€digungsleistungen zugunsten der Briten vorsah, hieĂ die Konsequenz, dass auf dem internationalen Markt kaum noch iranisches Ăl abgesetzt werden konnte. Den Ausfall, den AIOC im Iran zu beklagen hatte, kompensierte der Konzern, indem er kurzerhand die Produktionsraten im Irak und in Kuweit erhöhte (beide LĂ€nder waren Post-Weltkrieg-Eins-Geschöpfe GroĂbritanniens und nach wie vor intakter Teil der britischen InteressensphĂ€re). DarĂŒber hinaus erhielt die AIOC sĂ€mtliche UnterstĂŒtzung der ĂŒbrigen Ălgiganten und der britischen Regierung, was unter anderem zur Einfrierung iranischer Auslandskonten fĂŒhrte. Die Vereinten Nationen wollten sich des Streitfalls derweil nicht annehmen, obschon Mossadegh persönlich nach New York gereist war, um fĂŒr die legitimen iranischen Interessen zu werben. Nachdem der britische Auslandsgeheimdienst bereits den Direktor des US-amerikanischen Pendants, Allen Dulles, von der Notwendigkeit eines Coups im Iran ĂŒberzeugen konnte, versuchte der britische Premier Winston Churchill auf diplomatischer Ebene den amtierenden US-PrĂ€sidenten Dwight D. Eisenhower âdavon zu ĂŒberzeugen, dass Mossadegh letztlich dem Kommunismus in Iran TĂŒr und Tor öffnen wĂŒrde.â (xv) Die Propaganda, die alsbald einsetzte, war denn auch klare âKalte-Kriegs-Rhetorikâ, die immer wieder in den folgenden Jahrzehnten auftauchte, wo englische und amerikanische Wirtschaftsinteressen auf dem Spiel standen.
Trotz der erheblichen EinbuĂen, die der Iran aufgrund der ExportausfĂ€lle am Ălmarkt zu verzeichnen hatte, gewann Mossadegh im August 1953 ein Volksreferendum, das ihn mit weitreichenden Kompetenzen ausstattete. Der mĂ€chtigste Mann der iranischen StreitkrĂ€fte, Mohammed Reza Pahlewi, wurde in den königlichen PalĂ€sten unter Hausarrest gestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren Churchills BemĂŒhungen in der Pennsylvania Avenue schon von Erfolg gekrönt gewesen: PrĂ€sident Eisenhower hatte einen Putschplan bewilligt, der von Kermit Roosevelt jr., einem ranghohen Mitarbeiter der CIA, in die Tat umgesetzt werden sollte. CIA-Direktor Allen Dulles stellte hierfĂŒr eine Summe von circa einer Million US-Dollar bereit, wĂ€hrend sein Bruder, der amtierende AuĂenminister John Foster Dulles, den US-Botschafter in Teheran anwies, kraft der freigemachten Finanzmittel bereitwillige Iraner anzuwerben. (xvi)
Interessant ist nun, dass der Preis der AIOC-Aktie zu steigen begann, sobald die oberste Ebene aus Politik und Geheimdiensten in den U.S.A. und GroĂbritannien den Coup im Iran beschlossen hatte. Dies war mitnichten dem Zufall geschuldet, wie die Ăkonomen Arindrajit Dube, Ethan Kaplan und Suresh Naidu in ihrer wissenschaftlichen Studie âCoups, Corporations, and Classified Informationâ (âCoups, Konzerne und geheime Informationenâ) darlegen. Ihr im April 2011 veröffentlichtes Papier zeigt unter anderem am Beispiel Iran, dass RegierungsumstĂŒrze, die von den U.S.A. unterstĂŒtzt wurden, nicht bloĂ multinationalen Konzernen zugute kamen, sondern auch bestens informierten Insidern an der Börse, die aus âTop-Secretâ eingestuften PlĂ€nen Geld fĂŒr sich herauszuschlagen wussten. (xvii)
Im Juli 1953 reiste Kermit Roosevelt jr. in den Iran ein und organisierte mit General Fazlollah Zahedi die geplante âOperation Ajaxâ, bei der iranische Offiziere und Zivilisten eingesetzt wurden. Der eingeweihte General Mohammed Reza Pahlewi, nachfolgend der Welt als Schah von Persien bekannt geworden, floh nach Italien und wartete von dort aus die weitere Entwicklung ab. Drei Tage nach der Flucht des Schahs begann der Staatsstreich mit SchieĂereien vor dem Haus von Mossadegh. Die von General Zahedi befehligten Truppen obsiegten, der Schah kehrte zurĂŒck, und am 28. Oktober 1954 wurde ein Nachfolgevertrag unterschrieben, der die eingefĂŒhrte Verstaatlichung des persischen Ăls rĂŒckgĂ€ngig machte. Der Gewinnanteil an den Erdöleinnahmen betrug fĂŒr den Iran fortan 25 Prozent (zuvor 20 Prozent), der Rest ging an ein internationales Konsortium, dem neben AIOC/BP (xviii) weitere namhafte Vertreter des ĂlgeschĂ€fts angehörten: Standard Oil of New Jersey/Esso und Mobil Oil, die spĂ€ter zu ExxonMobil fusionierten; Standard Oil of California, woraus spĂ€ter Chevron wurde; Texaco, woraus durch den Zusammenschluss mit Chevron wiederum ChevronTexaco wurde (xix); Gulf Oil; sowie Royal Dutch/Shell und die in den 1920er Jahren gegrĂŒndete Compagnie Francaise des PĂ©troles, ein VorlĂ€ufer von Total Elf Aquitaine.
Als er die CIA im Jahre 1958 verlieĂ, ging Kermit Roosevelt jr. ĂŒbrigens zu Gulf Oil, das groĂen wirtschaftlichen Nutzen aus dem Staatsstreich im Iran zog. Zwei Jahre spĂ€ter wurde Roosevelt zum stellvertretenden Vorsitzenden des Unternehmens ernannt.
Die langfristigen Wirtschaftsinteressen der Wall Street schienen durch die Intervention der CIA gesichert, wobei es nicht sonderlich schwer fĂ€llt, folgende Verbindung herzustellen: Ein BegĂŒnstigter des Staatsstreiches von 1953 waren Standard Oil-Firmen. Standard Oil gehörte zur Klientel der Kanzlei Sullivan and Cromwell (ebenso die Hausbank der Familie Rockefeller, die Chase Bank). Partner bei Sullivan and Cromwell war Allen Dulles. Und Allen Dulles wiederum verfĂŒgte ĂŒber beste geschĂ€ftliche und persönliche Beziehungen zu Standard Oil beziehungsweise der Familie Rockefeller, deren Hausbank zu den gröĂten der New York Fed gehörte (und heute als J.P. Morgan Chase noch immer gehört).
Ein nĂ€herer Blick auf das leitende Personal im Laufe der Geschichte der CIA zeigt, dass der âNational Security Actâ, aus dem die CIA hervorging, von Clark Clifford geschrieben wurde. Clifford war Berater von PrĂ€sident Harry S. Truman und Verteidigungsminister der U.S.A. unter Lyndon B. Johnson. Welcher Profession ging Clifford ansonsten nach? âWall Street-Rechtsanwalt und Bankier.â (xx) Bei der Ausarbeitung des âNational Security Actâ folgte Clifford Vorgaben der BrĂŒder John Foster und Allen Dulles. John Foster wurde US-AuĂenminister unter Eisenhower, Allen bekleidete zur gleichen Zeit ab 1953 die Funktion des CIA-Direktors, nachdem er sich wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs als OSS-Agent von der Schweiz aus um US-amerikanische Investitionen im Dritten Reich gekĂŒmmert hatte (zum Beispiel I.G. Farben, xxi) und spĂ€terhin zeitweise PrĂ€sident des Council on Foreign Relations gewesen war. Welcher Profession gingen die Dulles-BrĂŒder ansonsten nach? âPartner bei Sullivan and Cromwell, der â bis heute â mĂ€chtigsten Anwaltskanzlei der Wall Streetâ (xxii), zu deren Klienten in der Epoche des Zweiten Weltkriegs beispielsweise das mit Nazis GeschĂ€fte machende Finanzinstitut Brown Brothers Harriman & Co. zĂ€hlte. Eine wichtige Abteilung innerhalb der CIA war in ihrer Anfangsphase das Office of Policy Coordination (OPC). Der erste Chef des OPC hieĂ Frank Wisner. Welcher Profession ging Wisner ansonsten nach? âWall Street-Rechtsanwalt.â(xxiii) Ein weiterer wichtiger Mann in der Geschichte der CIA war William Casey. Unter Ronald Reagan erfĂŒllte er die Funktion des Director of Central Intelligence, unter Richard Nixon saĂ er zuvor der Securities and Exchange Commission (SEC) vor, die fĂŒr die Aufsicht des Wertpapierhandels in den U.S.A. zustĂ€ndig zeichnet, das heiĂt zum Beispiel fĂŒr alles, was mit dem Bereich âInsiderhandelâ zusammenhĂ€ngt. Welcher Profession ging William Casey ansonsten nach? âWall Street-Rechtsanwalt und BörsenhĂ€ndler.â (xxiv) In der Zeit von William Casey als CIA-Direktor war Stanley Sporkin der General Councel der CIA, nachdem er zuvor ĂŒber zwanzig Jahre lang ebenfalls in leitender Position bei der SEC tĂ€tig war. Welcher Profession ging Sporkin nach seiner Zeit bei der CIA nach? âWall Street-Rechtsanwaltâ in der Kanzlei Weill, Gottschall, and Menges (xxv). Sein Nachfolger als General Councel der CIA war David Doherty, der spĂ€terhin zur New York Stock Exchange wechselte, um dort als Executive Vice-President zu arbeiten (xxvi). John Deutch, der CIA-Direktor von 1995 bis 1996, wechselte im direkten Anschluss in den Vorstand von Citigroup, der nominell zweitgröĂten Bank der U.S.A. (xxvii). Dort fand sich auch Nora Slatkin ein, ehemals Exekutivdirektion der CIA (xxviii). Vor seinem Engagement als Exekutivdirektor der CIA in den Jahren 2001 bis 2004 fungierte A. B. âBuzzyâ Krongard wiederum als stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bankerâs Trust und als Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Alex. Brown (die Ă€lteste Investmentbank der U.S.A., Alex. Brown & Sons, gegrĂŒndet 1800, befindet sich seit 1999 im Besitz der Deutsche Bank AG). (xxix)
Was jener Alvin Bernard Krongard mit einem bemerkenswerten Vorgang bezĂŒglich der 9/11-AnschlĂ€ge zu tun gehabt haben könnte, dazu siehe den Artikel âInsiderhandel 9/11âŠungelöstâ.
Quellen:
i Vgl. Michael C. Ruppert: âCrossing the Rubiconâ, a.a.O., Seite 57.
ii Vgl. F. William Engdahl: âMit der Ălwaffe zur Weltmachtâ, a.a.O., Seite 22, 123 â 124.
iii Peter Dale Scott macht darauf aufmerksam, dass âthis new agency, based on the precedent and personnel of the OSS, had been urged on Washington by the War-Peace-Studies Project of the Council on Foreign Relations in the early 1940s. It was reinforced by a report commissioned in 1945 by navy secretary James V. Forrestal. The report was written by Ferdinand Eberstadt, who like Forrestal was a private Wall Street banker from the investment bank Dillon Read.â Aus Peter Dale Scott: âThe Road to 9/11â, a.a.O., Seite 12.
Des Weiteren ist zu beachten, dass aus dem National Security Act nicht nur die CIA, sondern auch der Joint Chiefs of Staff und der National Security Council hervorgingen. Seither steht dem US-PrĂ€sidenten ein National Security Advisor zur Seite, der den National Security Council anfĂŒhrt. Was die CIA betrifft, so ist auch der 18. Juni 1948 von Bedeutung, da an diesem Tage der National Security Council der âAgencyâ kraft der âDirective on Office of Special Projectsâ die Befugnis zur DurchfĂŒhrung sogenannter âcovert operationsâ verlieh, ââŠwhich are conducted or sponsored by this Government against hostile foreign states or groups or in support of friendly foreign states or groups but which are so planned and executed that any US Government responsibility for them is not evident to unauthorized persons and that if uncovered the US Government can plausibly disclaim any responsibility for them. Specifically, such operations shall include any covert activities related to: propaganda, economic warfare; preventive direct action, including sabotage, anti-sabotage, demolition and evacuation measures; subversion against hostile states, including assistance to underground resistance movements, guerrillas and refugee liberation groups, and support of indigenous anti-communist elements in threatened countries of the free world. Such operations shall not include armed conflict by recognized military forces, espionage, counter-espionage, and cover and deception for military operations.â Vgl. hierzu U.S. Department of State: Foreign Relations of the United States, 1945 â 1950, veröffentlicht unter: http://www.state.gov/www/about_state/history/intel/290_300.html. Siehe Punkt 292: National Security Council Directive on Office of Special Projects, Sektion 5.
iv Peter Dale Scott: âThe Road to 9/11â, a.a.O., Seite 12.
v Vgl. Amy B. Zegart: âFlawed by Design. The Evolution of the CIA, JCS, and NSC,â Stanford University Press, Seite 189.
vi Vgl. Peter Dale Scott: âAmerican War Machine. Deep Politics, the CIA Global Drug Connection, and the Road to Afghanistanâ, Rowman & Littlefied, Lanham, 2010, Seite 163.
vii Ebd., Seite 164. Zum Sachverhalt, inwiefern faschistische KrĂ€fte nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv mit Geheimdiensten und DrogenhĂ€ndlern zusammenarbeiteten, möchte ich ferner empfehlen Henrik Kruger: âThe Great Heroin Coup: Drugs, Intelligence & International Fascismâ, South End Press, Boston, 1980.
viii Peter Dale Scott: âThe Road to 9/11â, a.a.O., Seite 12.
ix Vgl. Eric Lichtblau: âNazis Were Given âSafe Havenâ in U.S., Report Saysâ, veröffentlicht in The New York Times am 13. November 2010 unter: http://www.nytimes.com/2010/11/14/us/14nazis.html
x Vgl. F. William Engdahl: âMit der Ălwaffe zur Weltmachtâ, a.a.O., Seite 42.
xi Colin J. Campbell: âĂlwechsel!â, Deutscher Taschenbuch Verlag, MĂŒnchen, 2007, Seite 130.
xii Golo Mann: âDeutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhundertsâ, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 9. Auflage 2003, Seite 518.
xiii Stepen Zarlenga: âDer Mythos vom Geldâ, a.a.O., Seite 450
xiv Colin J. Campbell: âĂlwechsel!â, a.a.O., Seite 130.
xv Vgl. Wilfried von Bredow: âSpĂ€tfolgen. Der Putsch im Iran 1953â, veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 12. Februar 2009. Hierbei handelt es sich um eine Rezension des Buches âIm Dienste des Schah. CIA, MI6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Ostenâ von Stephen Kinzer, Weinheim 2009.
xvi Vgl. Rainer Traub: âIm Namen der Demokratieâ, veröffentlicht am 29. Juli 2008 in âSpiegel Spezial Geschichteâ, Nr. 3, Seite 57.
xvii Vgl. Arindrajit Dube, Ethan Kaplan und Suresh Naidu: âCoups, Corporations, and Classified Informationâ, NBER Working Paper No. 16952, veröffentlicht April 2011, online abrufbar unter: http://www.nber.org/papers/w16952
xviii Aus British Petroleum wurde nach der Ăbernahme durch Amaco (zuvor Standard Oil of Indiana) zunĂ€chst BP Amaco, um heutzutage nur noch unter dem Akronym BP zu firmieren.
xix FĂŒr ChevronTexaco gilt Ă€hnliches: der Beisatz Texaco wurde in der Zwischenzeit wieder fallen gelassen, seither heiĂt das fusionierte Unternehmen nur noch Chevron.
xx Vgl. Michael C. Ruppert: âCrossing the Rubiconâ, a.a.O., Seite 53.
xxi Siehe zu den diversen US-amerikanischen Finanz- und Wirtschaftsinvestionen wie I.G. Farben, aber auch der Rolle von Sullivan and Cromwell, der Chase Bank, Standard Oil-Firmen sowie Allen Dulles insbesondere Charles Higham: âTrading with the Enemy. The Nazi-American Money Plot 1933 â 1949â, iUniverse Inc., Lincoln, 1983, 2007.
xxiiPeter Dale Scott: âThe Road to 9/11â, a.a.O., Seite 12. Scott schreibt ebd. zur Rolle von Allen Dulles bezĂŒglich des âNational Security Actâ: âAs CIA director Richard Helms narrates in his memoirs, Allen Dulles (âŠ) was recruited in 1946 âto draft proposals for the shape and organization of what was to become the Central Intelligence Agency in 1947.â Dulles promptly formed an advisory group of six men, all but one of whom were Wall Street investment bankers or lawyers. In 1948, Forrestal appointed Dulles chairman of a committee, along with two other New York lawyers, to review CIAâs performance. âThe three lawyers conferred for close to a year in one of the board rooms at J.H. Whitney,â another Wall Street investment firm.â
xxiii Ebd., Seite 13.
xxiv Vgl. Michael C. Ruppert: âCrossing the Rubiconâ, a.a.O., Seite 54.
xxv Vgl. ebd., Seite 54 â 56.
xxvi Vgl. ebd., Seite 56.
xxvii Vgl. ebd.
xxviii Vgl. Nafeez M. Ahmed: âGeheimsache 09/11. HintergrĂŒnde ĂŒber den 11. September und die Logik amerikanischer Machtpolitikâ, Goldmann Verlag, MĂŒnchen, 2004, Seite 462. Ahmed beruft sich hierbei auf einen Bericht von Mike Ruppert unter: http://www.copvcia.com/stories/july_2001/part_2.html
xxix Ebd.
Original Artikel erschienen auf LarsSchall.com
