Eurodrohne: Milliardengrab mit Ansage beschlossen

Anfang Februar knickte die SPD beim Treffen des Koalitionsausschusses ein und gab grĂŒnes Licht, die Gelder fĂŒr die Entwicklung einer waffenfĂ€higen Eurodrohne freizugeben (siehe IMI-Standpunkt 2021/12). Dementsprechend war es leider auch keine Überraschung, dass die Gelder fĂŒr die Drohne in den Sitzungen von Verteidigungs- und Haushaltsausschuss am 14. April 2021 bewilligt und der Weg fĂŒr die Entwicklung der Drohne damit endgĂŒltig geebnet wurde.

Allerdings ist das Verhalten der SPD in dieser Frage – gelinde gesagt – inkonsequent: Schließlich hatte sie Ende letzten Jahres nicht nur die Bewaffnung der Heron-TP-Drohne mit Verweis auf weiteren Diskussionsbedarf auf Eis gelegt, sondern auch selber kritisiert, dass die Eurodrohne erhebliche Kostenrisiken in sich birgt.

Das jedenfalls wurde in einem Schreiben des von ihr gefĂŒhrten Finanzministeriums kurz vor dem ursprĂŒnglichen Abstimmungstermin ĂŒber die Eurodrohne am 24. MĂ€rz 2021, der dann verschoben wurde, deutlich bemĂ€ngelt. Die SPD-Argumentation ist daher mindestens insofern widersprĂŒchlich, weil das Finanzministerium ungeachtet der mannigfaltigen Risiken dennoch die Zustimmung zum Bau der Eurodrohne – zudem einer bewaffnungsfĂ€higen – befĂŒrwortet und in den von ihm ebenfalls soeben veröffentlichten Eckwerten des Bundeshaushaltes sogar eine Art GarantieerklĂ€rung fĂŒr die Finanzierung derartiger Großprojekte in den Raum stellt.

Pyrrhussieg in der Kostenfrage

Es ist ja nicht so, dass man es nicht hĂ€tte wissen können: Schließlich kalkulierten die Hersteller der Eurodrohne schon lĂ€nger mit einem Preis von 10 Mrd. Euro fĂŒr die bestellten 21 Systeme (Ă  3 Drohnen). Im September letzten Jahres wurde dann allerdings gemeldet, es sei gelungen, den Preis deutlich zu drĂŒcken. Freigegeben wurde nun ein deutscher Anteil von 3,8 Mrd. Euro fĂŒr 7 Systeme (Ă  3 Drohnen) bei einer Gesamtsumme von 7,6 Mrd. Euro (der vergleichsweise hohe Anteil hĂ€ngt damit zusammen, dass die deutsche Industrie von der Drohne auch ĂŒberproportional profitiert).

Allerdings neigen derlei Großprojekte samt und sonders zu KostenĂŒberschreitungen und schon jetzt hat sich das Projekt ganz erheblich verzögert, was es ebenfalls nicht gĂŒnstiger machen dĂŒrfte. So war der Auslieferungstermin ursprĂŒnglich auf 2025 angesetzt, dann war von 2027 oder 2028 die Rede und in einer Antwort auf eine Linken-Anfrage vom 18. MĂ€rz 2021 gab VerteidigungsstaatssekretĂ€r Thomas Silberhorn an, dass der „der Lieferplan die Auslieferung erster Systeme im Jahr 2029 vorsieht.“

Die vermeintliche Preissenkung wurde buchstĂ€blich teuer erkauft, wie inzwischen auch aus dem SPD-Finanzministerium kritisiert wird. So wurde diversen Medien ein Schreiben von FinanzstaatssekretĂ€rin Bettina Hagedorn zugespielt, nach dem in ihrem Hause „auch nach Austausch mit dem Verteidigungsministerium erhebliche Bedenken an der Beschaffungsmaßnahme verbleiben.“ Um die Auftragnehmer, Airbus, Dassault und Leonorado, von ihren Preisvorstellungen abzubringen, sollen zahlreiche obligatorische Absicherungen gekippt worden sein. Zu den ZugestĂ€ndnissen der Regierungsverhandler hieß es etwa bei tagesschau.de: „So erließen sie den Unternehmen, die die ‚Eurodrohne‘ liefern sollen, umfangreiche HaftungsbeschrĂ€nkungen und gewĂ€hrten Haftungsfreistellungen. Selbst die GewĂ€hrleistungspflicht der Unternehmen soll nur zwölf statt wie sonst ĂŒblich 24 Monaten gelten. [
] Besonders pikant: Die Auftragnehmer können laut Vertrag die Arbeit einstellen, sobald 110 Prozent der vereinbarten Kosten angefallen sind. DarĂŒber hinaus gehende Kostenrisiken in der Entwicklung oder dem Bau der Drohnen, wie sie bei solchen Großprojekten nicht unĂŒblich sind, liegen bei den auftraggebenden Staaten.“

Sehenden Auges wurden also mit dem Kampfdrohnenprojekt völlig unkalkulierbare finanzielle Risiken eingegangen – und das, wo noch nicht einmal die Grundfinanzierung in der aktuellen Bundeswehrplanung abgesichert ist.

Blankofinanzierung?

Laut dem Schreiben von FinanzstaatssekretĂ€rin Hagedorn sei ein weiterer Punkt problematisch, nĂ€mlich dass fĂŒr die Eurodrohne nach 2025 jĂ€hrlich ein dreistelliger Millionenbereich erforderlich sei. Es sei allerdings völlig unklar, woher diese Gelder stammen sollen, fĂŒr sie sei „eine Haushaltsvorsorge nicht erkennbar.“ Trotzdem heißt es schlussendlich in dem Schreiben aus dem Finanzministerium, dass „das Projekt dem Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zur Entscheidung vorgelegt“ wird. Als BegrĂŒndung wird kurz und bĂŒndig geschrieben: „um das multinationale europĂ€ische Vorhaben nicht zu gefĂ€hrden“.

Das Agieren des Finanzministeriums, die Kostenrisiken der Eurodrohne derart massiv zu kritisieren, sie aber gleichzeitig durchzuwinken, ist vorsichtig formuliert widersprĂŒchlich. Zumal das Scholz-Ministerium am 24. MĂ€rz die „Eckwerte des Regierungsentwurfs des Bundeshaushalts 2022 und des Finanzplans 2021 bis 2025“ veröffentlichte. Neben einer deutlichen Erhöhung des MilitĂ€rhaushaltes fĂŒr das kommende Jahr wird darin auch eine Art finanzielle GarantieerklĂ€rung fĂŒr eine Reihe von RĂŒstungsgroßprojekten vorgeschlagen:

„Es besteht Einvernehmen innerhalb der Bundesregierung, dass bestimmte Großvorhaben zum Schließen von FĂ€higkeitslĂŒcken gemĂ€ĂŸ dem FĂ€higkeitsprofil der Bundeswehr und damit zur Wahrnehmung bereits eingegangener internationaler Verpflichtungen finanziert werden und dem Verteidigungshaushalt ermöglicht wird, die insoweit verabredeten FĂ€higkeitsziele zu erreichen. Dies gilt insbesondere fĂŒr Vorhaben im Rahmen der deutsch-französischen und deutsch-norwegischen RĂŒstungskooperationen, die Schließung der FĂ€higkeitslĂŒcke zur luftgestĂŒtzten, signalerfassenden AufklĂ€rung (PEGASUS), die Nachfolge des Kampfflugzeugs TORNADO, den Ersatz der veralteten Flottendienstboote, die Beschaffung von Luftfahrzeugen zur U-Boot-Abwehr sowie eines Taktischen Luftverteidigungssystems. Die Umsetzung eines Teils dieser Vorhaben wird mit den Eckwerten bereits ermöglicht.“

Als eines der wesentlichen Projekte der „deutsch-französischen RĂŒstungskooperationen“ gab das SPD-Finanzministerium damit faktisch eine GarantieerklĂ€rung, diese ungeachtet aller Kostenrisiken bis 2025 (und faktisch aus darĂŒber hinaus) finanzieren zu wollen. Die SPD scheint sich sicher zu sein, dann nicht mehr in der Regierung zu sitzen und so die leidige Angelegenheit vom Tisch zu haben – mit ihrer Entscheidung, die Gelder fĂŒr den Bau der Eurodrohne freigeben zu wollen, trĂ€gt sie aber dennoch dafĂŒr – und fĂŒr die daraus dann resultierenden vermeintlichen SachzwĂ€nge – die volle Verantwortung.

Veröffentlicht am 14.4.2021 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)

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