Generalstreik in Bolivien: Putschregierung zum „Dialog“ bereit
Autoren: Quincy Stemmler, Harald Neuber
Ăñez fordert Dialog unter Aufsicht der katholischen Kirche. Proteste nach erneuter Wahlverschiebung und drohendem Ausschluss der Opposition halten an
Der am 3. August als Reaktion auf die erneute Verschiebung der Neuwahlen ausgerufene Generalstreik und die damit verbundenen StraĂenblockaden in Bolivien halten an. WĂ€hrend von Seiten der De-facto-Regierung mittlerweile zaghafte DialogbemĂŒhungen kommen, fordern Vertreter der Protestierenden konkrete Garantien.
Am Samstag hatte De-facto-PrĂ€sidentin Jeanine Ăñez die am Streik beteiligten SozialverbĂ€nde, die Wahlbehörde (TSE), Vertreter der beiden legislativen Kammern sowie alle PrĂ€sidentschaftskandidaten zu GesprĂ€chen eingeladen, „um den Wahltermin zu bestĂ€tigen“. Diese kamen dem Angebot nicht nach mit der BegrĂŒndung, dass Versprechen seitens der Machthaber bislang wiederholt gebrochen worden waren. Ein vorlĂ€ufiger Dialog zwischen TSE und Vertretern des streikenden Gewerkschaftsverbands Bolivianisches Arbeiterzentrum (COB) am selben Tag war bereits ergebnislos geblieben.
Die PrÀsidentschafts- und Parlamentswahlen wurden zuletzt auf den 18. Oktober angesetzt, nachdem sie wegen der Corona-Pandemie bereits vom 3. Mai dann auf den 6. September verschoben worden war. Einzelne Vertreter der TSE stellen nun auch den Oktober-Termin in Frage. Das COB sowie andere Organisationen forderten, dass der alte Wahltermin im September eingehalten werden solle.
Am Mittwoch erklĂ€rte sich nun COB-GeneralsekretĂ€r Juan Carlos Huarachi kompromissbereit: Er werde eine Wahl am 11. Oktober â eine Woche frĂŒher â akzeptieren. „Das Parlament steht nun in der Verantwortung, den Wahltermin gesetzlich festzulegen“, so der Arbeitnehmervertreter. Huarachi kĂŒndigte darĂŒber hinaus an, die Blockaden unverzĂŒglich zu beenden, sollte die Wahlbehörde auf sein Angebot eingehen. „Die geplanten Wahlen sollten sauber und transparent ablaufen â egal wer am Ende gewinnt“, betonte er in einer Pressekonferenz am Mittwoch.
PrĂ€sidentschaftskandidat der Ex-Regierungspartei Bewegung zum Sozialismus (MAS), Luis Arce, sagte, er wĂŒrde einen neuen Wahltermin ebenfalls nur unter der Bedingung annehmen, dass dieser gesetzlich garantiert und von der internationalen Gemeinschaft abgesichert werde.
Am Dienstag dieser Woche wurden nach Angaben der bolivianischen Autobahnverwaltung mehr als sechzig Blockaden von StraĂen registriert, die fĂŒr die Versorgung der StĂ€dte wichtig sind. Die Protestteilnehmer stellen sich entschieden gegen die erneute Verschiebung der Wahlen und fordern nun auch den RĂŒcktritt von Ăñez.
Soziale VerbĂ€nde positionieren sich auf beiden Seiten des Konfliktes: Der Nationale Verband der bolivianischen Genossenschaften forderte das COB auf, die Blockaden binnen 48 Stunden aufzuheben. Andererseits stellte der Verband der Bergbaugenossenschaften des Departamentos La Paz der De-facto-FĂŒhrung, der Wahlbehörde und dem Parlament ein 72-Stunden-Ultimatum fĂŒr eine Lösung des Konflikts. Der Verband der NachbarschaftsrĂ€te der Stadt El Alto, die an den Regierungssitz La Paz angrenzt, will sich ab Donnerstag den Protesten anschlieĂen.
Die De-facto-Regierung macht fĂŒr die Blockaden Evo Morales verantwortlich, der aus dem argentinischen Exil den Wahlkampf der MAS leitet. Sie bat in einem offenen Brief unter anderem an die Vereinten Nationen und die EuropĂ€ische Union um Hilfe gegen die Proteste, ohne die Art dieser erbetenen UnterstĂŒtzung konkret zu definieren. EU-Botschafter LeĂłn de la Torre Krais akzeptierte die Bitte und erklĂ€rte sich bereit, eine schlichtende Rolle zu ĂŒbernehmen. Auch die katholische Kirche solle nach dem Willen der Putschregierung als Vermittlerin agieren.
Die Lage habe ein „unhaltbares Niveau“ erreicht und sich „drastisch verschlechtert“, so die Politikerin Karen Longaric, die das AuĂenministerium kontrolliert. Nach Berichten bolivianischer Medien sind die StĂ€dte des Landes von der Versorgung wichtiger GĂŒter abgeschnitten.
Der Konflikt ist inzwischen zu einer Propagandaschlacht ausgeartet. Die De-facto-Regierung versuche, medizinische HilfsgĂŒter wie Sauerstoffflaschen fĂŒr Covid-19-Patienten mit Absicht ĂŒber blockierte StraĂen nach Santa Cruz und La Paz zu bringen, obwohl andere Routen passierbar gewesen wĂ€ren, schrieb Morales auf Twitter. Dies sei „eine Provokation, die auf Gewalt abzielt“.
Veröffentlicht am 13.8.2020 auf Portal amerika21.de
