Bolivien: De-facto-Regierung plant erneute Aufschiebung der Wahl
Autoren: Quincy Stemmler und Harald Neuber
Machthaberin Ăñez zögert Abstimmung hinaus und verweigert Unterschrift unter Wahlgesetz. Kritik an Putsch 2019 wird lauter
Boliviens De-facto-PrĂ€sidentin Jeanine Ăñez will die fĂŒr September geplanten PrĂ€sidentschafts- und Parlamentswahlen um ein bis zwei weitere Monate verschieben. Das verkĂŒndete sie am Dienstag bei einem Auftritt im Departamento Tarija. Kritiker zeigen sich besorgt angesichts einer möglichen dritten Aufschiebung der Wahlen, die ursprĂŒnglich bereits im Mai hĂ€tte stattfinden sollen. Sie wittern eine Strategie, um die Macht des De-facto-Regimes zu zementieren.
Ăñez hatte sich nach dem Sturz des letzten gewĂ€hlten PrĂ€sidenten. Evo Morales, Ende vergangenen Jahres selbst zur InterimsprĂ€sidentin erklĂ€rt. Doch statt neue Wahlen vorzubereiten, revidierte sie weite Teile der AuĂen- und Sozialpolitik der Morales-Regierung. Zugleich kam es zu einer heftigen und andauernden politischen Verfolgung von AnhĂ€ngern der gestĂŒrzten VorgĂ€ngerregierung.
„Wir möchten die Wahlen, aber die erscheinen mir nicht verantwortbar, weil wir nicht ĂŒber die nötigen Mittel verfĂŒgen, um den Bolivianern eine Wahl zu ermöglichen, bei der sie nicht Gefahr laufen, sich anzusteckenâ, so die rechtskonservative Politikerin. Vergangene Woche hatte das Parlament die Wahlen gesetzlich fĂŒr den 6. September festgeschrieben. Dennoch hat Ăñez bisher ihre Unterschrift unter dem Gesetz verweigert.
Der PrĂ€sident des Obersten Wahlgerichts (Tribunal Supremo Electoral, TSE), Salvador Romero, lehnt eine erneute Verschiebung indes entschieden ab: „Es ist wichtig, dass die Regierung das Wahlgesetz endlich verabschiedet“, sagte er. Auch betonte Romero die Bedeutung einer zeitnahen DurchfĂŒhrung von Wahlen fĂŒr eine demokratische Zukunft Boliviens. Deshalb mĂŒsse nun ein Wahlgesetz erlassen werden, um Sicherheit ĂŒber den Wahltermin zu schaffen.
Luis Arce, PrĂ€sidentschaftskandidat der ehemaligen Regierungspartei Bewegung zum Sozialismus (Movimiento al Socalismo, MAS), befĂŒrchtet hinter den Debatten um die Aufschiebung der Wahl eine Strategie zum Ausschluss der MAS von der Abstimmung.
Der Streit um den neuen Wahltermin gewinnt auch vor dem Hintergrund neuer Analysen der Wahlen im Oktober vergangenen Jahres an Brisanz. Es mehren sich die Stimmen, die an der GlaubwĂŒrdigkeit eines Berichts der US-nahen Organisation Amerikanischer Staaten zweifeln, der schlieĂlich zum erzwungenen RĂŒcktritt und Exil des langjĂ€hrigen PrĂ€sidenten Morales gefĂŒhrt hatte. UnabhĂ€ngige Untersuchungen US-amerikanischer Forschungsinstitute ergaben, dass kein Wahlbetrug vorgelegen hatte. Morales wĂ€re demnach der legitime Wahlgewinner gewesen. Vertreter und VerbĂŒndete der MAS bewerteten die Ereignisse von Anfang an als Putsch.
US-amerikanische Wissenschaftler hatten sich Mitte der Woche gegen harsche Kritik und persönliche Angriffe gewehrt, mit der die OAS auf neue Kritik an ihrer Position zu den PrĂ€sidentschaftswahlen Ende 2019 in Bolivien reagiert hat. Damals hatte die US-nahe Regionalorganisation einen mutmaĂlichen Wahlbetrug des damaligen PrĂ€sidenten Evo Morales beklagt und damit einen Putsch gegen den linksgerichteten Politiker unterstĂŒtzt. Die damalige Wahlanalyse der OAS war bei erfahrenen Wahlbeobachtern und Statistikern unmittelbar auf Widerspruch gestoĂen.
Nachdem nun die US-Tageszeitung New York Times eine weitere Gegenstudie zur OAS-Analyse veröffentlichte, reagierte die Organisation mit einer skurrilen Pressemitteilung. In 3.200 Worten griff GeneralsekretĂ€r Luis Almagro die US-Denkfabrik Zentrum fĂŒr Wirtschafts- und Politstudien (Center for Economic and Policy Research, CEPR) an. Zugleich attackierte Almagro die New York Times, deren Berichterstattung er bis zum Jahr 1931 zurĂŒck kritisierte. Vertreter des CEPR wiesen die Angriffe gegenĂŒber amerika21 umgehend zurĂŒck.
„Wir können auf eine mindestens 15 Jahre lange Geschichte der Wahlarbeit zurĂŒckblicken, einschlieĂlich der Analyse von Wahlen in Mexiko, Honduras, Venezuela und Haiti“, sagte CEPR-Analytiker David Rosnick am Mittwoch im Interview mit amerika21. Es sei enttĂ€uschend, dass Almagro sich dafĂŒr entscheidet, glaubwĂŒrdige Forschung als gefĂ€lschte Nachrichten abzutun.
Veröffentlichung am 19.6.2020 auf Portal amerika21.de
