Anzeige gegen Evo Morales, Drohungen gegen Abgeordnete in Bolivien

Autoren: Vilma GuzmĂĄn und Harald Neuber

De-facto-Regime wirft Morales nach Interviews „Terrorismus“ vor und will ihn inhaftieren. Massive Drohungen gegen MAS-Abgeordnete

Inmitten der anhaltenden Proteste gegen den Putsch in Bolivien und der massiven Repression seitens der SicherheitskrÀfte haben AnhÀnger der De-facto-Regierung unter Senatorin Jeanine Áñez Anzeige gegen PrÀsident Evo Morales erstattet.

Der Parlamentsabgeordnete der Partei Unidad DemĂłcrata, Rafael Quispe, und Rechtsanwalt Omar DurĂĄn haben beantragt, ein Verfahren wegen „Terrorismus, bewaffnetem Aufstand, öffentlicher Aufforderung zur Begehung eines Verbrechens“ und anderer Straftaten gegen Morales einzuleiten. Damit soll er strafrechtlich verantwortlich gemacht werden fĂŒr den Widerstand gegen den Staatsstreich sowie fĂŒr die Toten und Verletzten infolge der EinsĂ€tze dagegen von Polizei und MilitĂ€r.

Seit seiner Ankunft in Mexiko habe Morales durch Interviews mit Medien und Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken „Hass, Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Aufruhr befördert“, heißt es laut der Nachrichtenagentur Fides in der Anzeige. Morales‘ Verhalten habe zu Toten gefĂŒhrt, bei den Protestierenden seien zudem Waffen und Geld gefunden worden. All dies sei „typisch fĂŒr das Verbrechen des bewaffneten Aufstands, des Aufruhrs, der Verschwörung“, sagte Quispe gegenĂŒber der Presse. Den Staatsanwalt von La Paz, William Alave, forderte er auf, die Ermittlungen zu beschleunigen, weil er sonst selbst Delikte wie die Vertuschung von Straftaten und Pflichtverletzung begehe. Der Kongressabgeordnete sagte weiter, dass Morales, wenn er nach Bolivien zurĂŒckkehre, direkt ins Chonchocoro-GefĂ€ngnis gehen werde. Rechtsanwalt DurĂĄn ergĂ€nzte, die Anzeige umfasse zehn Verbrechen im Zusammenhang mit Terrorismus.

Verfolgt man die zahlreichen Interviews mit Agenturen wie Reuters oder Efe und Zeitungen aus aller Welt sowie die Tweets des PrĂ€sidenten seit seiner Ankunft in Mexiko, ist jedoch festzustellen, dass Morales nicht nur wiederholt zum Dialog und zur Befriedung des Landes aufgerufen, sondern auch seine Bereitschaft bekundet hat, daran aktiv mitzuwirken. So zuletzt in GesprĂ€chen mit BBC Mundo und Al Jazeera am 16. und 17. November. Er suche nach einer legalen Möglichkeit, zurĂŒckzukehren und an der Seite der Menschen zu sein, die sich gegen die Diktatur, den Putsch wehren, sagte er gegenĂŒber Al Jazeera. Es gehe darum, den Frieden im Land wiederherzustellen. „Ich weiß nicht, warum sie solche Angst vor Evo haben. Sie wollen nicht, dass ich mich beteilige, das ist in Ordnung. Alles fĂŒr das Leben, fĂŒr die Demokratie. Ich ziehe meine Kandiatur zurĂŒck, aber sie sollen mich meine Amtszeit beenden lasse, verstehen Sie?“.

Vergangene Woche hatte Áñez PrĂ€sident Morales damit gedroht, dass er sich bei seiner RĂŒckkehr in das Land vor der Justiz werde verantworten mĂŒssen, und zwar wegen Wahlbetrugs. Allerdings sind auch vier Wochen nach den PrĂ€sidentschaftswahlen noch keine dokumentierten Belege fĂŒr die behaupteten WahlfĂ€lschungen, die den Putsch begrĂŒnden sollen, öffentlich zugĂ€nglich gemacht geworden.

Der Innenminister der De-facto-Regierung, Arturo Murillo, hatte bereits am Sonntag die Schaffung eines „Spezialapparates der Staatsanwaltschaft“ angekĂŒndigt, um Abgeordnete der Bewegung zum Sozialismus (MAS) von PrĂ€sident Morales festnehmen zu lassen. „Es gibt Senatoren und Abgeordnete die zum Aufstand aufrufen“, so Murillo, der angab, bereits ĂŒber schwarze Listen mit Namen politischer Gegner zu verfĂŒgen. Zugleich behauptete er, hinter den Protesten gegen den Putsch stĂŒnde die organisierte KriminalitĂ€t. „Der Drogenhandel unterstĂŒtzt das alles“, sagte der rechtsgerichtete Politiker: „Wir sehen uns kriminellen Gruppen gegenĂŒber.“ Zuvor hatte Murillo den PrĂ€sidialamtsminister aus dem Morales-Kabinett offen bedroht: „Er sollte anfangen zu rennen“, sagte Murillo, der Juan RamĂłn Quintana „jagen“ will. Er sei „ein Tier, das sich vom Blut der Menschen ernĂ€hrt“.

Unter dem Eindruck der Kriminalisierung und massiven Bedrohung sagte die PrĂ€sidentin des bolivianischen Senats, Eva Copa, eine geplante Sitzung der Plurinationalen Legislativen Versammlung – des Zweikammerparlaments – am Dienstag ab. Die MAS-Abgeordneten haben in beiden Kammern eine solide Zwei-Drittel-Mehrheit und wollten selbst Neuwahlen ansetzen sowie das Wahlgericht neu besetzen. Vertreter des De-facto-Regimes waren diesem Ansinnen entschieden entgegengetreten, hatten mit Festnahmen der Abgeordneten gedroht und wollen nun per Dekret Neuwahlen unter eigener Kontrolle anberaumen.

Veröffentlichung am 20.11.2019 auf Portal amerika21.de