Die Kissinger-Story

ICH SCHREIBE dieses (Gott möge mir verzeihen) am Jom Kippur.

Genau vor 43 Jahren, in eben diesem Augenblick, gingen die Sirenen.

Wir saßen im Wohnzimmer, von dem aus man auf eine von Tel Avivs Hauptstraßen hinuntersieht. Die Stadt war vollkommen still. Keine Autos. Überhaupt kein Verkehr. Ein paar Kinder fuhren auf ihren FahrrĂ€dern umher. Das war am Jom Kippur, dem heiligsten Tag im Judentum, erlaubt. Damals wie heute.

Meine Frau Rachel und unser Gast Professor Hans Kreitler waren ins GesprĂ€ch vertieft. Der Professor war ein bekannter Psychologe und wohnte in der NĂ€he, deshalb konnte er zu Fuß kommen.

Und dann wurde die Stille von einer Sirene zerrissen. Einen Augenblick lang dachten wir, es wĂ€re ein Irrtum, aber dann stimmten eine weitere und noch eine weitere Sirene ein. Wir traten ans Fenster und sahen einen Aufruhr. Die Straße, die noch ein paar Minuten zuvor vollkommen leer gewesen war, begann sich mit MilitĂ€r- und zivilen Fahrzeugen zu fĂŒllen.

Und dann ging das Radio an, das wegen Jom Kippur geschwiegen hatte: Krieg war ausgebrochen.

VOR EIN PAAR Tagen wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, im Fernsehen ĂŒber die Rolle Henry Kissingers in diesem Krieg zu sprechen. Ich war einverstanden, aber im letzten Augenblick wurde die Sendung abgesetzt, weil der Sender die dafĂŒr vorgesehene Zeit der Darstellung, wie Juden an der Klagemauer Gott um Vergebung bitten, widmen musste. In diesen Netanjahu-Zeiten hat Gott natĂŒrlich Vorrang.

Statt also im Fernsehen zu sprechen, werde ich jetzt hier meine Gedanken ĂŒber diesen Gegenstand niederschreiben.

Henry Kissinger hat mich immer fasziniert. Einmal nahm mich meine Freundin Jael, die Tochter Mosche Dajans – natĂŒrlich als der große Mann nicht zu Hause war, denn er war mir feind – mit in seine große Bibliothek voller ungelesener BĂŒcher und forderte mich auf, mir eines als Geschenk auszusuchen. Ich wĂ€hlte ein Buch Kissingers und es hat mich sehr beeindruckt.

Wie Schimon Peres und ich wurde Kissinger 1923 geboren. Er war ein paar Monate Ă€lter als wir beide. Seine Familie verließ Nazi-Deutschland fĂŒnf Jahre spĂ€ter als meine und ging ĂŒber England in die USA. Wir mussten beide sehr frĂŒh zu arbeiten anfangen, aber er setzte sein Studium fort und wurde Professor, wĂ€hrend ich Armer nicht einmal die Grundschule abschloss.

Ich war von der Klugheit seiner BĂŒcher beeindruckt. Er nĂ€herte sich der Geschichte ohne SentimentalitĂ€t und beschĂ€ftigte sich besonders mit dem Wiener Kongress, in dem nach dem Sturz Napoleons einige kluge StaatsmĂ€nner das Fundament fĂŒr ein stabiles absolutistisches Europa legten. Kissinger hob die Bedeutung ihrer Entscheidung hervor, den Vertreter des besiegten Frankreichs Talleyrand einzuladen. Ihnen war klar, dass Frankreich zum neuen System gehören mĂŒsse. Um den Frieden zu sichern, dachten sie, sollte niemand aus dem neuen System ausgeschlossen werden.

Leider ließ der Kissinger, der an der Macht war, die Klugheit des Kissingers, der Professor gewesen war, außer Acht: Er schloss die PalĂ€stinenser aus.

DAS THEMA, ĂŒber das ich im Fernsehen sprechen sollte, war eine Frage, die die israelischen Historiker seit diesem schicksalhaften Jom Kippur faszinierte und umtrieb: Wusste Kissinger von dem bevorstehenden Ă€gyptisch-syrischen Angriff? Hatte er Israel wegen seiner schĂ€ndlichen eigenen PlĂ€ne nicht gewarnt?

Nach dem Krieg wurde Israel von einer einzigen Frage zerrissen: Warum hatte unsere von MinisterprĂ€sidentin Golda Meir und Verteidigungsminister Mosche Dajan gefĂŒhrte Regierung alle Zeichen eines bevorstehenden Angriffs ignoriert? Warum hatte sie die Armee-Reservisten nicht rechtzeitig einberufen? Warum hatte sie keine Panzer zu unseren StĂŒtzpunkten am Sueskanal geschickt?

Als die Ägypter angriffen, wurde die Stellung nur schwach von zweitklassigen Soldaten gehalten. Die meisten Soldaten waren wegen des hohen religiösen Feiertags nach Hause geschickt worden. Die Stellung war leicht zu ĂŒberrennen.

Der israelische Geheimdienst wusste natĂŒrlich von der massiven Bewegung der Ă€gyptischen Einheiten in Richtung Kanal. Er verkannte sie als bedeutungsloses Manöver, als ein Manöver, das Israel erschrecken sollte.

Um das zu verstehen, muss man bedenken, dass die israelische Armee nach dem unglaublichen Sieg erst sechs Jahre zuvor, als sie alle Nachbar-Armeen in sechs Tagen zerschmettert hatte, abgrundtiefe Verachtung fĂŒr die Ă€gyptischen StreitkrĂ€fte empfand. Die Idee, dass sie es wagen könnten, eine so folgenreiche Operation durchzufĂŒhren, schien ganz abwegig zu sein.

Dazu kam noch die allgemeine Verachtung fĂŒr Anwar al-Sadat, den Mann, der ein paar Jahre zuvor die Macht vom legendĂ€ren Gamal Abd-al-Nasser geerbt hatte. In der Gruppe „freier Offiziere“, die, von Nasser gefĂŒhrt, 1952 die unblutige Revolution in Ägypten gemacht hatten, wurde Sadat als der am wenigsten Intelligente betrachtet und deshalb ĂŒbereinstimmend zu Nassers Vertreter ernannt.

In Ägypten, einem Land unzĂ€hliger Witze, gab es auch hierĂŒber einen Witz. Darin hieß es: Immer wenn in der Versammlung des Rates der freien Offiziere ein Thema zur Sprache kam und alle ihre Ansichten darlegten, stand Sadat als Letzter auf und fing zu sprechen an. Nasser legte dann einen Finger an seine Stirn, drĂŒckte leicht dagegen und sagte: „Setz dich, Anwar, setz dich.“

Im Laufe der sechs Jahre zwischen den Kriegen ĂŒbermittelte Sadat Golda einige Male, dass er zu Friedensverhandlungen auf der Basis des RĂŒckzugs Israels von der besetzten Sinaihalbinsel bereit sei. Golda wies das voller Verachtung zurĂŒck. (TatsĂ€chlich hatte Nasser selbst kurz vor seinem Tod einen solchen Schritt beschlossen. Ich spielte bei der Übermittelung dieses Angebots an unsere Regierung eine kleine Rolle.)

ZurĂŒck ins Jahr 1973: Fast im letzten Augenblick wurde Israel von einem gut aufgestellten Spion, der kein Geringerer als Nassers Schwiegersohn war, gewarnt. Er gab das genaue Datum des bevorstehenden Angriffs, aber die falsche Uhrzeit an. Statt Mittag kĂŒndigte er den frĂŒhen Abend an. Es war ein Unterschied von einigen schicksalhaften Stunden. In Israel wurde spĂ€ter darĂŒber debattiert, ob der Mann ein Doppelagent gewesen sei und absichtlich die falsche Uhrzeit gesagt habe. Es war zu spĂ€t, man konnte ihn nicht mehr fragen – er war unter mysteriösen UmstĂ€nden gestorben.

Als Golda Kissinger ĂŒber die bevorstehende Ă€gyptische Aktion informierte, warnte er sie davor, einen prĂ€ventiven Angriff durchzufĂŒhren, der Israel ins Unrecht setzen wĂŒrde. Golda vertraute Kissinger, anders als der israelische Stabschef David („Dado“) Elasar.

Kissinger verzögerte auch das Informieren seines Chefs PrÀsident Nixons um zwei Stunden.

WAS FÜR ein Spiel spielte Kissinger?

FĂŒr ihn war das Hauptziel Amerikas, die Sowjetunion aus der arabischen Welt zu vertreiben, sodass die USA die einzige Macht in der Region blieben.

In seiner Welt der „Realpolitik“ war dieses das fĂŒr ihn einzige Ziel von Bedeutung. Alle Beteiligten, darunter wir armen Israelis, waren nur Bauern auf dem riesigen Schachbrett.

Ein großer Krieg, der jedoch unter Kontrolle war, war fĂŒr ihn die praktische Möglichkeit, alle in der gesamten Region von den USA abhĂ€ngig zu machen.

Als die Angriffe Ägyptens und Syriens zu Beginn erfolgreich waren, geriet Israel in Panik. Dajan, der sich in dieser Krise als das erwies, was er wirklich war, nĂ€mlich ein Trottel, sprach von der „Zerstörung des Dritten Tempels“. (Damit schloss er unseren Staat den beiden jĂŒdischen Tempeln des Altertums an, die von den Assyrers bzw. den Römern zerstört worden waren.) Die ArmeefĂŒhrung unter Dado bewahrte einen kĂŒhlen Kopf und plante ihre Gegenbewegungen mit bewundernswerter Genauigkeit.

Aber schon bald ging die Munition aus und Golda wandte sich verzweifelt an Kissinger. Er setzte die „LuftbrĂŒcke“ mit Nachschub in Gang. Er schickte Israel gerade so viel, wie es fĂŒr seine Verteidigung brauchte. Nicht mehr.

Die Sowjetunion konnte nicht eingreifen. Kissinger war Herr der Situation.

MIT BEMERKENSWERTER Widerstandskraft (und den von Kissinger gelieferten Waffen) drehte die israelische Armee den Spieß um, schlug die Syrer weit hinter ihre Ausgangslinie zurĂŒck und nĂ€herte sich Damaskus. An der SĂŒdfront ĂŒberquerten israelische Einheiten den Sueskanal und hĂ€tten eine Offensive in Richtung Kairo unternehmen können.

Es war ein recht verworrenes Bild: Eine Ă€gyptische Armee war noch östlich vom Kanal und so gut wie eingeschlossen, aber sie war noch in der Lage, sich zu verteidigen, wĂ€hrend die israelische Armee hinter ihrem RĂŒcken, westlich vom Kanal, auch in einer gefĂ€hrlichen Lage war, denn sie lief Gefahr, von ihrem Heimatland abgeschnitten zu werden. Alles in allem war es ein klassischer „Kampf mit verkehrten Fronten“.

Wenn der Krieg seinen Lauf genommen hÀtte, hÀtte die israelische Armee vor den Toren von Damaskus und Kairo stehen können und die Àgyptische und die syrische Armee hÀtten um einen Waffenstillstand zu Israels Bedingungen gebeten.

An dieser Stelle betrat Kissinger die Szene.

DER ISRAELISCHE Vormarsch wurde auf Befehl Kissingers hundertundeinen Kilometer vor Kairo angehalten. Dort errichtete man ein Zelt und stÀndige Waffenstillstandsverhandlungen begannen.

Ägypten wurde von dem hohen Offizier Abd-al-Rani Gamassi vertreten, der schon bald die Sympathien der israelischen Journalisten gewann. Der israelische Vertreter war der ehemalige Chef des MilitĂ€rnachrichtendienstes, Angehöriger der Regierung und Reservegeneral Aharon Jariv.

Jariv wurde bald abberufen, um seinen Sitz im Kabinett wieder einzunehmen. Er wurde von dem sehr beliebten aktiven Armeegeneral Israel Tal ersetzt. Dieser wurde Talik genannt und ich war mit ihm befreundet.

Talik war dem Frieden zugetan und ich drĂ€ngte ihn oft, er solle die Armee verlassen und FĂŒhrer des israelischen Friedenslagers werden. Er weigerte sich, weil seine alles beherrschende Leidenschaft der Gedanke war, den Merkava zu schaffen, einen original israelischen Panzer, der seiner Mannschaft ein Maximum an Sicherheit bieten wĂŒrde.

Unmittelbar nach dem Kampf traf ich mich regelmĂ€ĂŸig mit Talik zum Mittagessen in einem bekannten Restaurant. Passanten wunderten sich wohl ĂŒber diese beiden – den bekannten Panzer-General und den vom gesamten Establishment gehassten Journalisten -, wie sie so miteinander plauderten.

Talik erzĂ€hlte mir – natĂŒrlich im Vertrauen -, was geschehen war: Eines Tages hatte ihn Gamassy beiseitegenommen und ihm erzĂ€hlt, dass er neue Instruktionen erhalten habe: Anstatt nur ĂŒber einen Waffenstillstand zu reden, konnte er ĂŒber einen Frieden zwischen Israel und Ägypten verhandeln.

Talik war außerordentlich erregt, flog nach Tel Aviv und eröffnete Golda Meir die Neuigkeit. Aber Golda blieb kĂŒhl. Sie sagte Talik, er solle auf alle GesprĂ€che ĂŒber Frieden verzichten. Als sie sah, dass er aufs Äußerste bestĂŒrzt war, erklĂ€rte sie ihm, sie habe Kissinger versprechen mĂŒssen, dass alle FriedensgesprĂ€che ausschließlich unter der Schirmherrschaft der USA gefĂŒhrt werden wĂŒrden.

Und so geschah es: Eine Waffenstillstandsvereinbarung wurde unterzeichnet und eine Friedenskonferenz wurde – offiziell unter der gemeinsamen Schirmherrschaft der USA und Sowjetrusslands – nach Genf einberufen.

Ich flog nach Genf, um zu sehen, was geschehen wĂŒrde. Kissinger war dort, um die Bedingungen zu diktieren, aber sein sowjetischer Amtskollege Andrei Gromyko war eine harte Nuss. Nach ein paar RedebeitrĂ€gen wurde die Konferenz ohne Ergebnis vertagt. (FĂŒr mich war es eine bedeutsame Veranstaltung, weil ich dort den britischen Journalisten Edward Mortimer kennenlernte, der fĂŒr mich ein Treffen mit dem PLO-Vertreter in London Said Hamami arrangierte. So kam das erste israelisch-PLO-Treffen zustande. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Der Jom-Kippur-Krieg kostete viele Tausende Israelis, Ägypter und Syrer das Leben. Kissinger erreichte sein Ziel. Die Sowjets verloren die arabische Welt an die Vereinigten Staaten.

Bis Vladimir Putin des Weges kam.

15. Oktober 2016

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler