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Deutsche Syrien-Interessen und der erste Hauptsatz internationaler Machtpolitik

In den Köpfen der politischen Eliten ist die Überzeugung tief verwurzelt, dass Staaten, die sich nicht „adĂ€quat“ an internationalen KampfeinsĂ€tzen beteiligen, auf dem machtpolitischen Parkett auch nichts zu melden haben. Etwas ĂŒberspitzt formuliert handelt es sich hierbei um ein derart felsenfest verankertes GedankengebĂ€ude, dass man es als eine Art ersten Hauptsatz internationaler Machtpolitik in etwa so zusammenfassen könnte: „Die Machtposition eines Staates verhĂ€lt sich direkt proportional zu seiner Bereitschaft, sich an internationalen MilitĂ€reinsĂ€tzen zu beteiligen.“

Die UrsprĂŒnge dieses GedankengebĂ€udes lassen sich mindestens bis Anfang der 1990er zurĂŒckverfolgen. Seither dient es hĂ€ufig als „Richtschnur“, wenn es um die BegrĂŒndung geht, weshalb ein deutsches MilitĂ€rengagement erforderlich sei. (1)

In diesem Zusammenhang wird besonders seit dem „denkwĂŒrdigen“ Auftritt von BundesprĂ€sident Joachim Gauck bei der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz Anfang 2014 gern davon gesprochen, Deutschland mĂŒsse seiner internationalen „Verantwortung“ gerecht werden – auch und gerade militĂ€risch. Auch dahinter verbirgt sich recht unverhohlen die Forderung, den machtpolitischen Aufstieg Deutschlands durch ein verstĂ€rktes militĂ€risches Engagement zu forcieren. Auch und gerade die jĂŒngste Entscheidung der Bundesregierung, in den Syrien-Krieg zu ziehen, scheint nicht unwesentlich von derlei Überlegungen „inspiriert“ worden zu sein.

Afghanistan: Ohne Kriegsbeteiligung kein Einfluss

WĂ€hrend Deutschland aus bekannten GrĂŒnden lange der (Wieder)Eintritt in die Riege der GroßmĂ€chte verwehrt wurde, eröffnete sich Anfang der 1990er Jahre die Chance, dies zu Ă€ndern. Auch ĂŒber die „Teilnahmebedingung“ am exklusiven Club der GroßmĂ€chte war man sich völlig im Klaren. So hieß es bereits in den im November 1992 erlassenen Verteidigungspolitischen Richtlinien: „Wenn die internationale Rechtsordnung gebrochen wird oder der Frieden gefĂ€hrdet ist, muß Deutschland auf Anforderung der Völkergemeinschaft auch militĂ€rische SolidarbeitrĂ€ge leisten können. QualitĂ€t und QuantitĂ€t der BeitrĂ€ge bestimmen den politischen Handlungsspielraum Deutschlands und das Gewicht, mit dem die deutschen Interessen international zur Geltung gebracht werden können.“ (2)

In den Folgejahren sollte dieses GedankengebĂ€ude maßgeblich die Überlegungen in Regierungskreisen mitbestimmen. (3) Ganz augenscheinlich war dies im Falle der deutschen Teilnahme am seit 2001 laufenden Afghanistan-Krieg der Fall, die der damalige Außenminister Joschka Fischer mit folgenden Worten begrĂŒndete: „Auch hier haben wir im Rahmen unserer Entscheidungsbefugnisse Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Die Entscheidung ‚Deutschland nimmt nicht teil‘ wĂŒrde auch eine SchwĂ€chung Europas bedeuten und wĂŒrde letztendlich bedeuten, dass wir keinen Einfluss auf die Gestaltung einer multilateralen Verantwortungspolitik hĂ€tten. Genau darum wird es in den kommenden Jahren gehen.“ (4) Noch deutlicher wurde Rainer Arnold, bis heute SPD-Verteidigungsexperte im Bundestag. Auf die Frage, weshalb die Bundeswehr am Hindukusch kĂ€mpfe, antwortete er: „Wir wollen in den internationalen Gremien mitreden und das bringt Verpflichtungen mit sich. Friedenssicherung, StabilitĂ€t und Wahrung von Menschenrechten gehört in unseren Verantwortungsbereich.“ (5)

In dem Maße allerdings, wie der Afghanistan-Krieg zunehmend aus dem Ruder lief und in der Bevölkerung immer unbeliebter wurde, sank der Enthusiasmus fĂŒr großangelegte EinsĂ€tze mit zahlreichen Bodentruppen auch in der Bundesregierung spĂŒrbar. Diese Entwicklung gipfelte zunĂ€chst in der Formulierung des Schwarz-Gelben Koalitionsvertrages aus dem Jahr 2009, Deutschland werde sich in MilitĂ€rfragen von einer „Kultur der ZurĂŒckhaltung“ leiten lassen. (6)

Zeitweise ZurĂŒckhaltung: Libyen und Syrien

Ein entscheidendes Ereignis fand im MĂ€rz 2011 statt, als die Bundesregierung entschied, sich bei der Abstimmung ĂŒber die UN-Resolution 1973 zu enthalten (7) und damit faktisch einer Teilnahme an einem Krieg gegen Libyen eine Absage zu erteilen. Große Teile des außen- und sicherheitspolitischen Establishments sahen darin eine direkte Folge der primĂ€r von Außenminister Guido Westerwelle propagierten „Kultur der militĂ€rischen ZurĂŒckhaltung“ – und damit war fĂŒr sie „der Gipfel des Zumutbaren ĂŒberschritten.“ (8)

In den Chor der zahlreichen Kritiker stimmte auch der ehemalige Außenminister Joschka Fischer ein, der dabei folgendermaßen argumentierte: „Mir bleibt da nur die Scham fĂŒr das Versagen unserer Regierung und – leider! – auch jener roten und grĂŒnen OppositionsfĂŒhrer, die diesem skandalösen Fehler anfĂ€nglich auch noch Beifall spendeten. [
] Die deutsche Politik hat in den Vereinten Nationen und im Nahen Osten ihre GlaubwĂŒrdigkeit eingebĂŒĂŸt, der Anspruch der Bundesrepublik auf einen stĂ€ndigen Sitz im Sicherheitsrat wurde soeben endgĂŒltig in die Tonne getreten, und um Europa muss einem angst und bange werden.“ (9)

Doch allen BemĂŒhungen zum Trotz sollte sich das Libyen-Debakel kurze Zeit spĂ€ter bei der Frage, ob sich Deutschland an einem möglichen Krieg gegen Syrien beteiligen wĂŒrde, der seit 2012 im Raum stand, wiederholen. Einer der fĂŒhrenden Kritiker des deutschen Agierens war seinerzeit unter anderem auch Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik: „Bundestag und Bundesregierung sollten sich darauf vorbereiten, dass die Frage einer deutschen Beteiligung an einem internationalen MilitĂ€rengagement in Syrien von PartnerlĂ€ndern innerhalb wie außerhalb der NATO an sie herangetragen werden könnte, und bereits frĂŒhzeitig die deutsche Rolle dabei konkret festlegen. Ein schlichtes ‘Ohne uns‘ wĂŒrde die moralische GlaubwĂŒrdigkeit deutscher Außenpolitik massiv unterminieren und die Partner der Bundesrepublik (erneut) fragen lassen, welche Lasten Deutschland denn in der internationalen Politik zu schultern bereit sei.“ (10)

Vor dem beschriebenen Hintergrund sah ein großer Teil der sicherheitspolitischen Elite spĂ€testens 2012 Handlungsbedarf – ein radikaler Kurswechsel musste her. Und die Grundlagen hierfĂŒr sollten in dem Projekt „Neue Macht – Neue Verantwortung“ gelegt werden, dessen Leitung wohl nicht von ungefĂ€hr mit Markus Kaim einem scharfen Gegner der „Kultur der militĂ€rischen ZurĂŒckhaltung“ ĂŒbertragen wurde. (11)

Neue Macht – Neue Verantwortung

Mit dem Anspruch, „Elemente einer außenpolitischen Strategie fĂŒr Deutschland“ sowie eine „neue Definition deutscher Staatsziele“ zu erarbeiten, versammelte das Projekt Neue Macht – Neue Verantwortung zwischen November 2012 und September 2013 etwa 50 „außen- und sicherheitspolitische Fachleute aus Bundestag, Bundesregierung, Wissenschaft, Wirtschaft, Stiftungen, Denkfabriken, Medien und Nichtregierungsorganisationen.“ (12)

Heraus kam dabei ein gleichnamiger Bericht, dessen Kernaussage lautete: Deutschland muss seinem Potenzial entsprechend kĂŒnftig eine fĂŒhrende Weltmachtrolle spielen, hierfĂŒr sei es aber zwingend erforderlich, mehr – auch und gerade militĂ€rische – „Verantwortung“ zu ĂŒbernehmen: „Gefragt sind mehr Gestaltungswillen, Ideen und Initiativen. Deutschland wird kĂŒnftig öfter und entschiedener fĂŒhren mĂŒssen. [
] Bisher hat Deutschland jedoch, zumindest im VerhĂ€ltnis zu seiner Wirtschaftskraft, seinem geopolitischen Gewicht und seinem internationalen Ansehen, eher selektiv und zögerlich Gestaltungsangebote gemacht oder Initiativen ergriffen. Noch ist Deutschland eine Gestaltungsmacht im Wartestand. [
] Auf der militĂ€risch-operativen Ebene dagegen mĂŒssen die EuropĂ€er sich darauf einstellen, dass die USA nicht nur seltener eine FĂŒhrungsrolle einnehmen, sondern sich ĂŒberhaupt weniger an gemeinsamen Missionen beteiligen wollen. Europa und Deutschland mĂŒssen daher Formate fĂŒr NATO-Operationen entwickeln, bei denen sie weniger auf US-Hilfe angewiesen sind. Das verlangt mehr militĂ€rischen Einsatz und mehr politische FĂŒhrung. Vor allem muss Europa mehr Sicherheitsvorsorge in der eigenen Nachbarschaft betreiben; das ist Europas ureigene Verantwortung. Deutschland muss dazu einen seinem Gewicht angemessenen Beitrag leisten.“ (13)

Lautsprecher Gauck

DurchgefĂŒhrt wurde das „Projekt Neue Macht – Neue Verantwortung“ von der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie dem German Marshall Fund, dessen Leiter zu Beginn des Unterfangens Thomas Kleine-Brockhoff war. Über ihn bestand eine direkte Verbindung zwischen dem Projekt und dem BundesprĂ€sidenten, da Kleine-Brockhoff im Sommer 2013 von Joachim Gauck als neuer Leiter seiner Stabsstelle Planung und Reden verpflichtet wurde. (14)

Insofern ist es nicht allzu ĂŒberraschend, dass die „legendĂ€re“ Rede von Joachim Gauck bei der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz Anfang 2014, als er – assistiert von Verteidigungsministerin von der Leyen und Außenminister Steinmeier – nicht weniger forderte, als die als leidig empfundene Kultur der militĂ€rischen ZurĂŒckhaltung endgĂŒltig zugunsten einer militĂ€risch unterfĂŒtterten ambitionierten Weltmachtpolitik ad acta zu legen, sich bis hin zu wortgleichen Formulierungen beim „Projekt Neue Macht – Neue Verantwortung“ bediente: „Deutschland ist ĂŒberdurchschnittlich globalisiert und profitiert deshalb ĂŒberdurchschnittlich von einer offenen Weltordnung – einer Weltordnung, die Deutschland erlaubt, Interessen mit grundlegenden Werten zu verbinden. [
] Die Beschwörung des Altbekannten wird kĂŒnftig nicht ausreichen! Die Kernfrage lautet doch: Hat Deutschland die neuen Gefahren und die VerĂ€nderungen im GefĂŒge der internationalen Ordnung schon angemessen wahrgenommen? Reagiert es seinem Gewicht entsprechend? [
] Ich meine: Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner frĂŒher, entschiedener und substantieller einbringen. [
] Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein. [
] Auch wer nicht handelt, ĂŒbernimmt Verantwortung. Es ist trĂŒgerisch sich vorzustellen, Deutschland sei geschĂŒtzt vor den Verwerfungen unserer Zeit – wie eine Insel. Denn Deutschland ist so tief verwoben mit der Welt wie wenige andere Staaten. Somit profitiert Deutschland besonders von der offenen Ordnung der Welt. Und es ist anfĂ€llig fĂŒr Störungen im System. Eben deshalb können die Folgen des Unterlassens ebenso gravierend wie die Folgen des Eingreifens sein – manchmal sogar gravierender.“ (15)

Eine prĂ€gnante Zusammenfassung des Kerns der Gauck-Rede und des dahinterstehenden Projektes Neue Macht – Neue Verantwortung lieferte Albrecht von Lucke: „Was Gaucks Rede [
] so problematisch macht, ist die Tatsache, dass sie sich einfĂŒgt in den konzertierten Versuch, einen Paradigmenwechsel in der deutschen Außenpolitik herbeizufĂŒhren. Und zwar in zweierlei Hinsicht: erstens den Wechsel von einer Kultur der ZurĂŒckhaltung zu einer ‚Kultur der KriegsfĂ€higkeit‘ (Josef Joffe), und zweitens den Wechsel von einer Kultur der Werte zu einer Kultur der Interessen.“ (16)

„Gestaltungsmacht in Syrien“ – Mission Accomplished?

Als erster großer „Testfall“ der „Gauck-Doktrin“ galt die Ukraine, wo Deutschland bei Regime Change und Neuordnung des Landes tatsĂ€chlich eine fĂŒhrende Rolle ĂŒbernahm. Aber auch darĂŒber hinaus konnten seither aus Sicht des neuen Leiters der Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik, Karl-Heinz Kamp, in vielen Bereichen bahnbrechende „Fortschritte“ erzielt werden: „Was fĂŒr eine erstaunliche Entwicklung: Als Anfang 2014 BundesprĂ€sident Gauck, Außenminister Steinmeier und Verteidigungsministerin von der Leyen ein grĂ¶ĂŸeres deutsches Engagement in internationalen Krisen und Konflikten versprachen, war die Skepsis groß. [
] Heute reibt man sich erstaunt die Augen: Das vermeintlich ‚machtvergessene‘ Deutschland hat sich zum zentralen außenpolitischen Akteur in Europa entwickelt [
] Die Bundeskanzlerin wurde zum Dreh- und Angelpunkt in der Ukraine-Krise und sorgte dafĂŒr, dass der GesprĂ€chsfaden zu Moskau nicht abriss. Deutsche StreitkrĂ€fte leisten ihren Beitrag zur Verbesserung der Verteidigungs- und AbschreckungsfĂ€higkeit der Nato, die nach dem Neo-Imperialen Schwenk des Kreml unabdingbar geworden war. [
] Waffen werden an die Peschmerga geliefert, um wenigstens zu versuchen, das Ausbreiten islamistischer Gewalt zu verhindern. [
] Die Bundeswehr zeigt heute ein Charakteristikum, das man vor einer Dekade noch gar nicht auszusprechen wagte – sie ist kampferprobt oder wie es Englisch dramatischer heißt: combat hardened. [
] Von der Militarisierung der Gesellschaft schwadroniert heute nur noch der politische Rand. Stattdessen wĂ€chst die Einsicht, dass die Bundeswehr ein Instrument verantwortlicher Außen- und Sicherheitspolitik ist. Sie kann dazu beitragen, Krisen zu mildern und Konflikte zu lösen.“ (17)

Und auch der Einsatz in Syrien scheint sich auf dieser WellenlĂ€nge zu bewegen. Dieser Gedanke drĂ€ngt sich jedenfalls auf, wenn Markus Kaim wohlwollend und ganz im Duktus von Neue Macht – Neue Verantwortung feststellt: „Das Einschneidende ist, dass sich Deutschland ĂŒber das militĂ€rische Engagement ĂŒber die nĂ€chsten Jahre als Gestaltungsmacht im Nahen und Mittleren Osten profiliert. Das ist neu fĂŒr die deutsche Politik, das kannten wir so bisher nicht. [
] Deutschland verpflichtet sich im Verbund mit anderen LĂ€ndern, sich fĂŒr lange Zeit militĂ€risch und vor allem politisch in der Region zu engagieren.“ (18)

Auch der Politikprofessor Christian Hacke betont den machtpolitischen Mehrwert, sich an einem Kriegseinsatz in Syrien zu beteiligen, als er sich in einem Interview im Deutschlandfunk folgendermaßen Ă€ußerte: „Deutschland wird militĂ€risch-politisch seinen Handlungsspielraum enorm vergrĂ¶ĂŸern können. Das ist eigentlich das Wichtige. [
] Ich glaube, das ist eines der Hauptmomente der Kritik: Was ist eigentlich die Gesamtstrategie? Und hier hat gerade die Bundesrepublik eigentlich doch immer nur sehr kleinteilig sich gezeigt. Nicht nur zögerlich, sondern wir haben schon ja kein GefĂŒhl in Deutschland fĂŒr den Zusammenhang zwischen Politik auf der einen Seite und militĂ€rischem Engagement wie ich‘s grade angedeutet habe: dass Krisendiplomatie nur so stark ist wie sie militĂ€risch gedeckt ist. Und in unserem pazifistischen Umfeld ist hier eben Lernbedarf notwendig – mehr Realismus und ich denke dann werden wir insgesamt vorankommen mit Blick auf eine militĂ€rische Gesamtstrategie oder militĂ€risch-politische Gesamtstrategie. Außenminister Steinmeier wird sicherlich – auch durch diese MilitĂ€reinsĂ€tze – seinen diplomatischen Spielraum dort Frieden zu schaffen vielleicht Waffenstillstand zu schaffen sicherlich gestĂ€rkt werden. Also, dieser Einsatz hat eine eminent politische Bedeutung und stĂ€rkt unser Land dort und als Zentralmacht in Europa auch und wirkt als Katalysator fĂŒr die anderen EuropĂ€er wie die Italiener und auf die Briten zum Beispiel.“ (19)

Hacke trifft den Nagel auf den Kopf: Wer „Gestaltungsmacht“ sein will und seine Rolle als „Zentralmacht“ gestĂ€rkt sehen möchte, der kommt, so die omniprĂ€sente Sichtweise, nicht um die Beteiligung an derartigen KriegseinsĂ€tzen herum – wie (un-)sinnig sie dabei jeweils konkret auch sein mögen, ist dabei weitgehend unerheblich.

Politik gegen die Bevölkerung

Ob allerdings die Bevölkerung den Überlegungen der Verantwortungsmilitaristen allzu viel abgewinnen kann, ist mehr als fraglich. Positiv stimmen zum Beispiel die Ergebnisse einer reprĂ€sentativen Umfrage vom April und Mai 2014 zur Haltung der Bevölkerung in dieser Frage: „Verglichen mit den Ergebnissen einer Ă€hnlichen Untersuchung der amerikanischen Rand-Corporation aus dem Jahr 1994 haben sich die VerhĂ€ltnisse umgekehrt. Damals plĂ€dierten 62 Prozent fĂŒr ein grĂ¶ĂŸeres deutsches Engagement. Heute sind es noch 37 Prozent. Damit wird klar: Eine deutliche Mehrheit steht den PlĂ€doyers von BundesprĂ€sident Joachim Gauck, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Steinmeier, Deutschland möge sich weltweit mehr engagieren, erst mal skeptisch gegenĂŒber.“ (20)

Was konkret den Syrien-Einsatz anbelangt, stellt sich das Bild auf den ersten Blick nicht ganz so eindeutig dar. So meldete der DeutschlandTrend Anfang Dezember 2015, 58% der deutschen Bevölkerung wĂŒrden einen MilitĂ€reinsatz gegen den IS befĂŒrworten, lediglich 37% seien dagegen. Allerdings sprachen sich laut derselben Umfrage lediglich 34% fĂŒr eine deutsche Beteiligung an LuftschlĂ€gen und nur 22% fĂŒr deutsche Bodentruppen aus. (21)

Wie belastbar diese Zahlen sind, ist dazu noch umstritten. Denn kurz darauf erschienen die Ergebnisse einer reprĂ€sentativen Forsa-Umfrage, denen zufolge nĂ€mlich mit 49% eine Mehrheit der Bevölkerung einen MilitĂ€reinsatz ablehnen und nur 44% ihn befĂŒrworten wĂŒrden. (22)

Egal, welcher der beiden Umfragen man Glauben schenken will: Festzuhalten bleibt, dass es innerhalb der Bevölkerung fĂŒr den militĂ€rinterventionistischen Kurs der Bundesregierung keine klare Mehrheit gibt. Worum es nun gehen muss ist es, dieser Politik weiter den Legitimationsboden zu entziehen und ein Mittel hierfĂŒr ist es, die aktuelle Verantwortungsrhetorik auf ihren (macht)politischen Kern hin abzuklopfen: „Deutschland, so heißt es, hat ‚FĂŒhrungsverantwortung‘ zu ĂŒbernehmen. Eine ‚Kultur der ZurĂŒckhaltung‘, wie sie in Bonner Zeiten verstanden wurde, ist mit einer derart gewachsenen außenpolitischen ‚Verantwortung‘ nicht mehr vereinbar. [
] Berlin sagt ‚Verantwortung ĂŒbernehmen‘, meint aber ‚Macht ausĂŒben‘.“ (23)

Nicht zuletzt am Beispiel Syrien wird deutlich, was „Verantwortung ĂŒbernehmen“ in der Praxis schlussendlich bedeutet: Destabilisieren – AufrĂŒsten – Bombardieren!

Anmerkungen:

1) Cremer, Uli/Achelpöhler, Wilhelm: Syrien? It’s the BĂŒndnisraison, Stupid! GrĂŒne Friedensinitiative, 08.12.2015.

2) Verteidigungspolitische Richtlinien, Bonn, 26.11.1992, Absatz 27.

3) „Diese Aussage ist auch heute noch Richtschnur militĂ€rpolitischen Handelns.“ (Cremer, Uli/Achelpöhler, Wilhelm: Syrien? It’s the BĂŒndnisraison, Stupid! GrĂŒne Friedensinitiative, 08.12.2015)

4) Rede des Bundesaußenministers Joschka Fischer (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen) zur Beteiligung bewaffneter deutscher StreitkrĂ€fte an der BekĂ€mpfung des internationalen Terrorismus, Berlin, 08.11.2001.

5) Gierlichs, Sylvia: TĂ€glich sterben zehn afghanische Polizisten, NĂŒrtinger-Zeitung, 12.06.2008.

6) WACHSTUM. BILDUNG. ZUSAMMENHALT., Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP, 26.10.2009, S. 123.

7) Berichten zufolge plĂ€dierte Außenminister Guido Westerwelle scheinbar sogar fĂŒr eine Ablehnung der Resolution 1973. Siehe Libyen-Enthaltung in der Uno: Wie es zu dem deutschen Jein kam, Spiegel Online, 23.3.2014.

8) Hellmann, Gunther: Berlins Große Politik im Fall Libyen, in: WeltTrends, September/Oktober 2011, S. 19-22, S. 22.

9) Fischer, Joschka: Deutsche Außenpolitik – eine Farce, SĂŒddeutsche Zeitung, 24.3.2011.

10) Kaim, Markus: Interventionsoptionen, in: Internationale Politik, Mai/Juni 2012, S. 72-77, S. 77.

11) Aus Kaims Sicht war das Kernproblem schnell identifiziert: „In der Bezugnahme auf eine Kultur der ZurĂŒckhaltung spiegelt sich das außenpolitische SelbstverstĂ€ndnis der alten Bundesrepublik bis 1990 wieder. [
] Aber die Rahmenbedingungen haben sich geĂ€ndert: Wir haben es heute nicht mehr mit Konflikten wie wĂ€hrend des Kalten Krieges zu tun, sondern in der Regel mit ganz unterschiedlichen innerstaatlichen Konflikten.“ Deutschlands Politik der ZurĂŒckhaltung, Deutsche Welle, 5.3.2013.

12) Neue Macht – Neue Verantwortung. Elemente einer deutschen Außen- und Sicherheitspolitik fĂŒr eine Welt im Umbruch, SWP/GMF, September 2013.

13) Ebd., S. 3; 9; 43.

14) Politik: Kleine-Brockhoff wird Gaucks Planungschef, SĂŒddeutsche Zeitung, 18.7.2013. Dank an Clemens Ronnefeldt, der zuerst auf diese Verbindung hingewiesen hat.

15) Gauck, Joachim: „Deutschlands Rolle in der Welt: Anmerkungen zu Verantwortung, Normen und BĂŒndnissen“, MĂŒnchen, 31.1.2014.

16) Lucke, Albrecht von: Der nĂŒtzliche Herr Gauck, in: BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik 2/2014, S. 5-8, S. 6.

17) Kamp, Karl-Heinz: Deutsche EinsÀtze sind heute NormalitÀt, Der Tagesspiegel, 23.11.2015.

18) „Deutschland wird zur Gestaltungsmacht im Nahen Osten“, Interview mit Markus Kaim, Zeit Online, 02.12.2015.

19) http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2015/11/26/dlf_20151126_2313_19ff7681.mp3

20) Deutschland soll sich weniger einmischen, SĂŒddeutsche Zeitung, 20.5.2014.

21) ARD-DeutschlandTrend vom Dezember 2015.

22) Forsa-Umfrage im Auftrag von „RTL Aktuell“ zur Anti-IS-Mission, Presseportal, 04.12.2015.

23) Hellmann, Gunther: Normativ nachrĂŒsten, in: IP (online), Oktober 2010, S. 4 und 1.

Erstveröffentlichung auf Informationsstelle Militarisierung e.V. am 22. Dezember 2015