Provokation gegen „Kissinger-Professur“ in Bonn

Mitglieder der GrĂŒnen Hochschulgruppe zeigen Ex-Außenminister der USA Kissinger ihre Hintern. Akademiker kritisieren Hochschulleitung

Der Konflikt um die Einrichtung einer von der Bundesregierung finanzierten Professur zu Ehren des ehemaligen Sicherheitsberaters und Außenministers der USA, Henry Kissinger, an der UniversitĂ€t Bonn erfasst nun auch die Uni- und Lokalpolitik. Die GrĂŒne Hochschulgruppe sorgte mit einem Protestplakat fĂŒr mediales Aufsehen: Mitglieder der Gruppe ließen sich nackt, von hinten und an eine Wand gelehnt fotografieren. „KISSinger MY ASS“, heißt es provokativ darunter, also etwa: „KĂŒss meinen Arsch, Kissinger“. Vorbild fĂŒr das Motiv ist ein Foto von Mitgliedern der sogenannten Kommune I, das 1967 in der Wohnung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger entstand.

Die Leitung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t hatte Ende Mai vergangenen Jahres bekanntgegeben, eine nach Kissinger benannte Stiftungsprofessur „fĂŒr Internationale Beziehungen und Völkerrecht“ einzurichten. Dagegen hatten sich bereits lokale Initiativen, Nichtregierungsorganisationen sowie Wissenschaftler ausgesprochen. Auch studentische Vertretungen haben Namensgebung und Finanzierung des geplanten Lehrstuhls in deutlichen Worten beanstandet. Die Entscheidung zur Einrichtung der Stiftungsprofessur sei „völlig unverstĂ€ndlich“, heißt es in einer ErklĂ€rung des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Uni Bonn. „Gegen Kissinger werden bis heute schwere Anschuldigungen erhoben, fĂŒr Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich zu sein“, erklĂ€rt das Gremium. Auch das Studierendenparlament bezeichnet es in einem Mehrheitsbeschluss als „fraglich, ob Henry Kissinger aufgrund der von ihm verantworteten Politik als Vorbild fĂŒr Wissenschaft und Lehre des Völkerrechts geeignet ist“. FĂŒr Kritik sorgt ĂŒberdies die Finanzierung des Lehrstuhls durch das Bundesverteidigungsministerium mit einer viertel Million Euro. Amerika21.de hatte als erstes deutsches Medium ĂŒber den Fall berichtet.

Die UniversitĂ€tsleitung um Rektor JĂŒrgen Fohrmann zeigt sich bislang uneinsichtig und verteidigt das umstrittene Projekt stoisch. Der maßgeblich verantwortliche Professor Matthias Herdegen versuchte kritische Nachfragen mit kopierten Ausschnitten aus alten Pressemitteilungen abzutun (siehe ErklĂ€rung am Ende des verlinkten Textes). UnterstĂŒtzung bekommt die UniversitĂ€tsleitung von CDU, SPD und Liberalen im Stadtrat. Sie lehnten es Mitte Dezember ab, sich hinter die kritische Resolution des Studierendenparlaments zu stellen. Vorgeschoben wurde die formale BegrĂŒndung, man könne sich nicht in universitĂ€re Belange einmischen.

GegenĂŒber amerika21.de bekrĂ€ftigte der emeritierte Soziologe und Lateinamerika-Kenner Klaus Meschkat seine Kritik an der Bonner UniversitĂ€t. „Die Herren, die die Ehrung von Henry Kissinger durch die UniversitĂ€t Bonn zu verantworten haben, könnten und mĂŒssten“ von den Verstrickungen Kissingers in Verbrechen gegen die Menschlichkeit wissen. Dies gelte auch fĂŒr das zustĂ€ndige Ministerium in Nordrhein-Westfalen, auf dessen uneingeschrĂ€nkte Zustimmung sich der Referent des Rektors beruft. „Die Tatsache, dass Henry Kissinger 1938 mit seiner jĂŒdischen Familie aus Nazideutschland fliehen musste, lĂ€sst seine spĂ€tere Komplizenschaft mit rechtsextremen Gewaltregimes erstaunlich erscheinen, ist aber kaum geeignet, ihn zu entschuldigen“, sagte Meschkat. Kissingers Biographie wie auch seine möglichen Verdienste um Maßnahmen entspannungsfördernder Außenpolitik etwa im VerhĂ€ltnis USA-China könnten bei einem möglichen internationalen Prozess gegen ihn vielleicht als mildernde UmstĂ€nde gewĂŒrdigt werden. „Seine Verstrickung in Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen wird dadurch nicht aufgehoben“, so Meschkats ResĂŒmee.

Quelle: http://amerika21.de/2014/01/96663/lehrstuhl-kissinger-bonn