S21: Grundsteinlegung oder Grabsteinlegung?

Die Rede Prof. Heiner Monheim, Professor fĂŒr Raumentwicklung und Landesplanung an der UniversitĂ€t Trier und MitbegrĂŒnder vom ökologischen Verkehrsclub VCD, am 19. September bei der 339. Stuttgarter Montagsdemo der Demokratiebewegung gegen das urbane und verkehrsindustrielle Umbauprogramm „Stuttgart 21“. Die Rede trug den Titel „Grundsteinlegung oder Grabsteinlegung? Warum es noch lange nicht zu spĂ€t ist fĂŒr einen Umstieg 21!“
Die letzte Woche hat uns drei bahnpolitisch bedeutsame Ereignisse beschert, an die man sich noch lange erinnern wird.
Neuer ICE 4: Erst wurde der ICE 4, die neue und grundlegend verĂ€nderte Generation der FernverkehrszĂŒge vorgestellt, mit bemerkenswerten VerĂ€nderungen zu den VorgĂ€ngermodellen. Und, wie leider so oft bei der Bahn, viel spĂ€ter als geplant.
Grundsteinlegung: Dann wurde am Freitag letzter Woche die sog. Grundsteinlegung fĂŒr den Kellerbahnhof vorgenommen, auch mit viel Presse-Tamtam und hysterischer Erregung darĂŒber, dass Herr Kretschmann, Herr Kuhn und Herr Hermann sich entschuldigen lieĂen. Manche haben das als Feigheit interpretiert, andere als Mut.
Rechnungshofgutachten: Und schlieĂlich hat der Bundesrechnungshof dem Parlament seinen kritischen Bericht zur âRealisierung des GroĂprojekts Stuttgart 21â vorgelegt, in dem er der Bundesregierung und vor allem dem Verkehrs- und Finanzministerium massive VersĂ€umnisse in der Kostenkontrolle und Unsauberkeiten in der Finanzierung vorwirft. Der parallele Bericht zur Kostenentwicklung liegt leider noch nicht vor, aber er wird wohl die neue GröĂenordnung von 10 Mrd. ⏠beinhalten, die dann belegt, dass das Projekt vollends aus dem Ruder lĂ€uft und nun wirklich ein Fass ohne Boden zu werden droht. Die bisherigen KostentrĂ€ger werden sich wie die Kesselflicker streiten, wer die Mehrkosten tragen soll und am Ende wird es wohl zu einem so noch nie dagewesenen Rechtstreit zwischen Stadt, Land, Bund und DB kommen.
Ăber die drei aktuellen Ereignisse will ich ihnen ein paar Nachdenklichkeiten prĂ€sentieren.
Prolog
S21 ein lokales Thema? Nein, das geht die ganze Republik an: Ich beginne mit meiner mehrfach hier bei Montagsdemonstrationen vorgetragenen Kritik, dass der Rest der Republik immer wieder so tut, als handele es sich hier allein um ein lokales Problem, weil die Stuttgarter sich ĂŒber eine neuen Bahnhof stritten. Angesichts der finanziellen Dimensionen ist schon lange klar: dieses Projekt hat Auswirkungen bis in den letzten Winkel von Deutschland. Es nimmt der Bahn den nötigen finanziellen Spielraum, zu gleichen Zeit die vielen dringenden BaumaĂnahmen an anderen Stellen anzugehen. Die Bilanzen sind eh schon verhagelt durch die Misere im Personenfernverkehr und bei der GĂŒterbahn. Da wird zu wenig Geld verdient. Umso mehr monopolisiert S21 weiter Kapital und Personal und in Köln, Hannover, MĂŒnchen, NĂŒrnberg, Mainz, Hamburg und an vielen anderen Stellen kommen wichtige Bahnprojekte nicht recht voran.
Also, liebe Frau Merkel, die ZukunftsfĂ€higkeit Deutschlands beweist sich nicht daran, ob S21 zu Ende gebaut wird, sondern ob das Deutsche Bahnnetz endlich angemessen ausgebaut und modernisiert wird. Und dafĂŒr wĂ€re es dringend nötig, in Stuttgart pragmatisch, realistisch und undogmatisch jetzt das Beste aus der Situation zu machen. Umschwenken, Umsteigen, oben bleiben und viel schneller als bisher geplant das Netz leistungsfĂ€hig machen, nicht durch ein groĂes Loch mit vielen Röhren sondern durch viele kleine MaĂnahmen. Deswegen brauchen wir nicht nur Eure Montagsdemos in Stuttgart, die weltweit einzigartig sind, sondern wir brauchen an vielen anderen Bahnbrennpunkten einen vergleichbaren Aufstand gegen verfehlte Bahnpolitik.
1. Neue ICE Generation
Mit viel âPressetamtamâ wurde der ICE 4 der Ăffentlichkeit vorgestellt. Er soll HoffnungstrĂ€ger einer neuen Bahnpolitik werden. Nun, geplant war der âRoll outâ eigentlich viel frĂŒher. Trotzdem könnte in einem Punkt der ICE 4 Meilenstein einer spĂ€ten Einsicht werden. Warum das?
Begrenzte Geschwindigkeit: Die Höchstgeschwindigkeit wird begrenzt. Endlich. Denn Deutschland als polyzentrisches Land mit vielen StĂ€dten und kurzen AbstĂ€nden von HBF zu HBF war anders als Frankreich, Russland, China, USA, Saudi-Arabien oder Canada nie prĂ€destiniert fĂŒr ZĂŒge mit 300 km/h und die entsprechenden Bolzstrecken. Die Zeit des âhöher, schneller, weiterâ passt sowieso nicht zu den Herausforderungen moderner Klimapolitik. SpĂ€te Einsicht hat die Konstrukteure jetzt motiviert, die Geschwindigkeitsauslegung zurĂŒckzunehmen. Das spart nebenbei auch Energie und Gewicht und Infrastrukturkosten. Und ermöglicht so, die parasitĂ€re, monopolistische Fixierung auf wenige Bolzstrecken aufzugeben. Es war ja paradox genug, dass auf manchen wichtigen Relationen die sog. Hochgeschwindigkeitsbahn sehr viel langsamer war als die gute alte Bahn vor 30 oder 50 Jahren.
Damit wird Bahnbau wieder flexibler und braucht weniger Tunnels und BrĂŒcken: Statt teurer Tunnels kann der Bahnbau jetzt wieder kostengĂŒnstiger, landschaftlich und stĂ€dtebaulich besser integriert gestaltet werden. Dann kriegt man fĂŒr das gleiche Geld deutlich mehr Netz. Und muss nicht immer gleich unter die Erde oder an den Stadtrand mit den Schienen wie beim TGV in Frankreich. Tunnels nur noch da, wo es echte Vorteile bringt, so wie beim Gotthard oder Brenner Basistunnel unter den Alpen oder bei den vielen Rhein-, Mosel- oder Neckarschleifen, wenn richtige Berge den Weg versperren. Ob diese Botschaft allerdings auch in Stuttgart gehört wird? Der Slogan âoben bleibenâ hat ja einen vielfachen, sehr ernsten Hintergrund.
Oben ist flexibler: Oben kann man flexibel an den KapazitĂ€ten arbeiten. Mit ein paar Ăberwerfungsbauwerken wie im Konzept K21 kann man ohne zusĂ€tzliche Gleise die KapazitĂ€t trotzdem erweitern. Unten ist man eingemauert, ein fĂŒr alle male. Da ist kein Platz mehr fĂŒr Verkehrswende, fĂŒr eine Bahnrenaissance. Da regiert der Flaschenhals. Und macht den unterirdischen Bahnknoten Stuttgart zum Ă€rgerlichen Engpass.
Oben mehr KapazitĂ€t als unten: Und zwar im doppelten Sinne: erstens wegen der GleiskapazitĂ€t. Die ist nachher kleiner als beim alten Hauptbahnhof und erst recht kleiner, als wenn der Hauptbahnhof wie bei K21 noch weiter ertĂŒchtigt worden wĂ€re. Zweitens wegen der BahnsteigkapazitĂ€t. Der viel gerĂŒhmte Architekt Ingenhoven hat eben nicht bedacht, welche Menschenmassen auf einem solchen Bahnknoten hin- und her wogen und wie wenig Platz neben seinen SĂ€ulen dann noch bleibt. Mit dem Beginn einer Verkehrswende wĂŒrden aber in Deutschland und damit auch in der Region Stuttgart drei oder viermal mehr Menschen Bahn fahren und dann da unten im Keller zwischen Nahverkehr, Regionalverkehr und Fernverkehr umsteigen sollen. Auf elend langen Wegen. Mit schlecht funktionierenden Rolltreppen und AufzĂŒgen. Und auf schmalen RestflĂ€chen. Was fĂŒr ein Albtraum fĂŒr die kĂŒnftigen FahrgĂ€ste, zumal die Alten, die dann schnell zum Opfer der Ellenbogengesellschaft werden. Welche ein Unterschied zu den groĂzĂŒgigen Bahnhofkonstruktionen der GrĂŒnderzeit, gerade bei den berĂŒhmten Kopfbahnhöfen wie Frankfurt, Leipzig oder Stuttgart. Da gab es groĂe Hallen, viel Platz fĂŒr die Menschen und kurze Wege zu ebener Erde. Kein Labyrinth von Auf- und AbgĂ€ngen.
Flexiblere Zugkompositionen: Doch zurĂŒck zum neue ICE. Er hat auch Symbolcharakter fĂŒr ein neues Bahnzeitalter. Denn er erlaubt endlich wieder flexiblere Zugkompositionen. Nicht jeder ICE muss gleich lang sein, mit maximaler KapazitĂ€t. Es darf auch kĂŒrzere ICE-ZĂŒge geben. Das erlaubt die RĂŒckkehr zu wirtschaftlichen Zugkonzepten. Wenn man dann noch die spĂ€te Einsicht beachtet, dass beim IC nun auch DoppelstockzĂŒge in unterschiedlichen LĂ€ngen verkehren, dann könnte man fast hoffen, dass nun bald auch der Inter Regio wiedergeboren wird. Und dass es dann vorwĂ€rts geht mit der Bahn und nicht rĂŒckwĂ€rts wie in den letzten Jahren, in denen trotz gigantischer Milliardeninvestitionen der Personenfernverkehr immer weniger Erfolg hatte.
Abschied von der sturen Dogmatik: Jedenfalls symbolisieren dieses neuen Zugkonzepte den Anfang vom Abschied von der sturen Bahndogmatik eines Herren Mehdorn, dem jede FlexibilitĂ€t abging. Doppelstocktraktion war lange âbĂ€â, weil die DDR so fuhr. Dann war sie âbĂ€â, weil das nur Nahverkehr war. Und jetzt darf auch die Fernbahn DoSto fahren und breite TĂŒren haben? Man staunt ĂŒber so viel FlexibilitĂ€t des Managements. Könnte die Bahn nicht auch flexibel genug werden, sich vom Dogma des âAugen zu und durchâ bei S21 zu verabschieden. Flexibler werden, Umstiegsoptionen suchen, kreativ fragen, was man mit dem bisher Gebauten sinnvoll machen kann? DafĂŒr haben die Initiativen gegen S21 ja zahlreiche Ideen entwickelt, die helfen können, dass in die bisherigen BaumaĂnahmen doch noch tiefer Sinn kommt, fĂŒr die Verkehrs- und Stadtentwicklung in Stuttgart, ohne dessen Funktion als Bahnknoten zu ruinieren.
2. Grundsteinlegung oder Grabsteinlegung
Der Festakt am Freitag war schon sehr speziell. Eigentlich hĂ€tte man sich dafĂŒr einen Kellerraum aussuchen sollen, denn der neue Bahnhof wird ja ein Kellerbahnhof. Der Architekt, Herr Ingenhoven hat in seiner Rede betont, dass dieser Bahnhof symbolisch sei fĂŒr die neue Bahn? Na, prost Mahlzeit! Noch ein paar solcher Projekte kann sich die Republik nicht leisten. Und so schlecht war die alte Bahn, von der er sich offenbar mit Grausen abwendet, nicht mit ihren als âKathedralen des Fortschrittsâ gestalteten Hauptbahnhöfen. NatĂŒrlich oben, natĂŒrlich reprĂ€sentativ, natĂŒrlich stĂ€dtebaulich integriert, natĂŒrlich nicht vom Autoverkehr umtost sondern optimal mit StraĂenbahnen verknĂŒpft, mit wunderbaren SchmuckplĂ€tzen gestaltet und in enger Symbiose mit dem benachbarten Hauptpostamt, Telegraphenamt und edlen Hotels. Das war alte Bahnkultur, von der sich Herr Ingenhoven ein StĂŒck abschneiden könnte.
Warum diese Radikaloperation in Zeiten behutsamer Stadterneuerung? Der eigentliche Vorwurf aber geht an Herrn Prof. Heimerl, den geistigen Vater von S21. Er hĂ€tte wissen mĂŒssen, dass es viel wichtiger ist, das Bahnhofsumfeld endlich vom gigantischen Autoverkehr zu befreien, um anstelle der vielspurigen AutostraĂen stĂ€dtebauliche Integration zu ermöglichen. Und er hĂ€tte bei seinen Kollegen StĂ€dtebauern nachfragen sollen, warum bestandsorientierte, behutsame Stadterneuerung so wichtig ist, ein wirkliches Markenzeichen deutscher Stadtentwicklung seit den 1980er Jahren. Dann hĂ€tte er eine solche Radikaloperation am offenen Herzen nicht erfunden und sich der behutsamen Politik der kleinen Schritte gewidmet.
Warum dominieren die Interessen der Bau- und Immobilienpolitik die Bahnpolitik? Ein Grund fĂŒr die Begeisterung fĂŒr solche GroĂprojekte war und ist der Druck von Spekulationsinteressen und Bauwirtschaftsinteressen im Bahnmanagement. Es geht um gewinnbringende Bodenspekulation mit den FiletgrundstĂŒcken der Bahn und um MilliardenauftrĂ€ge fĂŒr die Monopolisten unter den Tunnelbauern. Das hat Winfried Wolf in seinen Reden auf Euren Montagsdemos immer wieder belegt, auch mit Zitaten des frĂŒheren Bahnchefs DĂŒrr und von Winne Herrmann, dem DĂŒrr von Tokyos und New Yorks unterirdischen Bahnhöfen und darĂŒber errichteten Konsumtempeln vorgeschwĂ€rmt hatte. Die Bahn als Bodenspekulant war in den 1990er Jahren Hauptmotiv fĂŒr die BörsenplĂ€ne der Bahnchefs, allen voran Mehdorn.
Wo bleibt der Dialog der GrĂŒnen? An die hohe Politik, zumal die GrĂŒne, geht der Appell, sich endlich wieder dialogfĂ€hig zu zeigen, statt sich immer nur rituell hinter dem angeblich bindenden Votum der Volksabstimmung zu verstecken. Was hĂ€tte denn dagegen gesprochen, wenn die Herren Kretschmann, Herrmann und Kuhn offen ĂŒber ihre Nöte im Umgang mit dem Projekt gesprochen hĂ€tten. Jeder mit einer eigenen, ehrlichen Rede. Alle drei hĂ€tten dem Bund und der DB Verhandlungen anbieten können, wie man jetzt endlich schneller, kostengĂŒnstiger, risikoĂ€rmer aus der verfahrenen Situation rauskommt.
Werden Feuerwehr und Rechnungshof zum Stolperstein? MĂŒssen denn erst die Feuerwehr mit ihren Monita in Sachen Brandschutz, Rauchabzug, Rettungswege und der Rechnungshof mit seinen Monita in Sachen sparsame HaushaltsfĂŒhrung und akribische Kostenkontrolle durch den Bund der Sturheit Einhalt gebieten? Und am Ende ein unsĂ€glicher Rechtsstreit zwischen Bund, Land, Stadt und DB, wer die ungedeckten 3,5 Mrd. denn nun zahlen soll? Man wird ja schwerlich den UN-GeneralsekretĂ€r oder den AuĂenminister Steinmeier (beides berĂŒhmte UnterhĂ€ndler fĂŒr komplizierte Konfliktsituationen) herbeirufen können, um einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu suchen oder gar Herrn GeiĂler aufs Neue bemĂŒhen.
GroĂe Risiken bei S21: Denn so fröhlich, wie die Grundsteinleger am Freitag getan haben, ist die Lage keineswegs. Es gibt riesige Risiken. Der nĂ€chste Wassereinbruch wird schon noch kommen. Im Berg gibt es viele Ăberraschungen. Die Preise werden weiter steigen und die Kosten explodieren. Die Fertigstellung wird sich immer wieder verzögern. Die Pendler werden weiter leiden.
Die Rolle der Kanzlerin: An die Kanzlerin, die mit ihrem âUkasâ, S21 mĂŒsse gebaut werden, weil sich daran die ZukunftsfĂ€higkeit Deutschlands beweise, geht der Appell, sich auf ihre Rolle als Klimakanzlerin und Energiewendekanzlerin zu besinnen. Die ZukunftsfĂ€higkeit deutscher Verkehrspolitik erweist sich an der QualitĂ€t des ganzen Bahnsystems. Da ist vieles marode. Da sind tausende von Projekten nötig, um das Netz leistungsfĂ€hig zu machen. Da braucht es viele neue S-Bahnen, viele neue Bahnhöfe, viele Weichen und Ăberholgleise, viele GĂŒterbahnanschlĂŒsse, also ein Zukunftsprogramm Bahn. Stattdessen S21 fĂŒr das Hauptproblem deutscher Bahnentwicklung zu stilisieren, ist fatal. Man muss aufhören, gerade da, wo die Bahnsysteme einigermaĂen gut funktionieren, zu investieren (in Wahrheit sind das ja oft eher Desinvestitionen wie bei S21 oder in Leipzig), sondern man muss vor allem da investieren, wo Bahnen fehlen, wo Strecken reaktiviert werden mĂŒssen, wo wirklich neue Bahnhofe nötig sind. Also in eine groĂe FlĂ€chenbahn statt in eine kleine Korridorbahn.
3. Die Rolle des Rechnungshofs
Klare Monita des BRH: Bislang reagierten der Bund und seine Fachressorts immer eher genervt auf die Monita des Bundesrechnungshofes. Angesichts der finanziellen Dimensionen des Lochs in der Finanzierung und des dramatischen Ăberschreitens der bislang hoch gehaltenen Kostendeckel wird man das nicht nur als lĂ€stig abtun können.
Parlament muss AufklĂ€rung fordern: Das Parlament, das den Bericht erhalten hat, wird den beiden hauptzustĂ€ndigen Ministern fĂŒr Finanzen und fĂŒr Verkehr und digitale Infrastruktur intensive Fragen stellen mĂŒssen. Bei diesen Dimensionen reicht es nicht aus, mit irgendwelchen Buchungstricks zwischen den verschiedenen Töpfen von Bundesmitteln, EU-Mitteln-, Landesmitteln und Stadtmitteln zu jonglieren. Aus dem bisher im Haushalt vorgesehenen, gedeckelten Bundesbetrag von 500 Mio. ⏠sind mittlerweile 1,65 Mrd. ⏠geworden. Bislang wurde immer so getan, als sei S21 am Ende ein eigenwirtschaftliches Projekt der Bahn. Der von Herrn Grube nach seinem Amtsantritt festgelegte Kostendeckel von 4,5 Mrd. ist ja lĂ€ngst gesprengt. Bei den absehbaren 10 Mrd. zum Stand 2016, die der BRH annimmt, fliegen nun auch Bund, Land und Kommune sĂ€mtliche anderen Deckel âum die Ohrenâ.
Am Anfang ein âGoldprojekt mit höchster Gewinnerwartungâ: Anfangs hoffte Herr DĂŒrr ja auch auf riesige Erlöse aus den Immobilien, die so nie realisiert werden könnten. Und jetzt droht eine immer gröĂere FinanzierungslĂŒcke. Nun gut, bakrott gehen können Bund, Land und Stadt deswegen nicht. Aber ihre sonstigen HandlungsspielrĂ€ume können sich dramatisch verengen. Das gilt erst Recht fĂŒr die DB, deren Gewinnerwartungen in den letzten Jahren ohnehin stark zusammengeschmolzen sind.
âSchwarze Peter Spielâ wird nicht klappen: Wenn sich Herr Dobrindt jetzt zurĂŒcklehnt und reklamiert, die Bahn solle selber sehen, wo sie das nötige Geld herbekommt, ist das ein sehr mehrwĂŒrdiges Verhalten des âEigentĂŒmersâ, der das verĂ€nderte Schienennetz in Stuttgart ja als Teil der Schienenwege des Bundes betrachtet. Und ob das berĂŒhmte âmir gĂ€bet nixâ von Stadt und Land als Reaktion auf die gigantische LĂŒcke ausreicht, darf bezweifelt werden. Vielleicht sind die Herren Kretschmann, Hermann und Kuhn ja auch deswegen nicht zur Grundsteinlegung gekommen, weil sie Angst hatte, dass sie beim Blick in das tiefe Loch (Bauloch und Finanzloch) eine öffentliche Ohnmacht ereilt hĂ€tte.
Epilog
Auch ich komme zu dem Ergebnis, dass es im öffentlichen Interesse ist, diese Risiken klar zu erkennen und die Eigendynamik der weiteren Eskalation zu beenden. Es braucht ein Moratorium, die berĂŒhmte âSprechklauselâ muss gezogen werden, die verschiedenen Möglichkeiten fĂŒr einen Umstieg auf eine kleinere, schnellere, fĂŒr die Bahnnetzentwicklung bessere, preiswertere Lösung mĂŒssen schnell â unter Einbeziehung der vielen kreativen Ideen aus dem Bereich der Initiativen â erörtert werden. Die damit verbundenen Risiken gegenĂŒber den bereits beauftragten Firmen und ihren Baulosen sind ĂŒberschaubar. Die Risiken einer weiteren Kostenexplosion bei Fortsetzung wie bisher sind nicht ĂŒberschaubar. Man braucht jetzt politischen Mut. Und notfalls einen Moderator, der allen Beteiligten hilft, ĂŒber ihren Schatten zu springen.
