Wille zur Macht

Autor: Bernhard Klaus

Von studierenden Reservisten zu studierten Lobbyisten

Unter dem Titel „Vom Mythos der Reife“ hat Charlotte Wiedemann kĂŒrzlich in der taz anschaulich darauf hingewiesen, dass im Bereich „Sicherheitspolitik“ die öffentliche Meinung und die veröffentlichte Meinung der Leitmedien, des Parlaments und der vermeintlichen Expert*innen weit auseinander klaffen. WĂ€hrend eine klare Mehrheit der Wahlberechtigten AuslandseinsĂ€tze ablehne, kenne „die begleitende öffentliche Beschallung nur eine Richtung: Wer ernst genommen werden will, muss zu auswĂ€rtigen EinsĂ€tzen der Bundeswehr stehen, das beweise Pragmatismus und einen als ‚gesund‘ apostrophierten Willen zur Macht“.

Wiedemann spricht in diesem Zusammenhang von einem „außen- und sicherheitspolitischen Establishment“, andere etwas selbstbewusster oder neutraler von einer „sicherheitspolitischen Community“. Durchforstet man das Internet nach diesem Begriff, stĂ¶ĂŸt man schnell auf einige Institutionen, die sicherlich dazugehören (wollen), darunter die Deutsche Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik (DGAP), die Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik (BAKS) oder das Institut fĂŒr Sicherheitspolitik der UniversitĂ€t Kiel (ISPK). Andere Organisationen, die zweifellos dazugehören, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), der German Marshall Fund (GMF) oder die MĂŒnchner Sicherheitskonferenz, benutzen den Begriff zurĂŒckhaltender. Besonders gerne sprechen der Bundesverband Sicherheitspolitik an Hochschulen (BSH) und dessen Hochschulgruppen von der „sicherheitspolitischen Community“, fĂŒr deren informelle Mitgliedschaft sich die Beteiligten ganz offenbar bewerben wollen.

Der BSH ging aus der „Bundesarbeitsgemeinschaft studierender Reservisten“ hervor, die 1985 noch unter dem deutlich militĂ€rischer anmutenden KĂŒrzel BAGStudRes gegrĂŒndet wurde. Hintergrund war damals offenbar der NATO-Doppelbeschluss, die damit erstarkte Friedensbewegung und die vermeintliche linke Hegemonie in den Hochschuldebatten. Nachlesen kann man das gut in der Ausgabe 3/2015 des „ADLAS“, dem „Magazin fĂŒr Außen- und Sicherheitspolitik“, herausgegeben vom BSH. Es handelt sich dabei um eine JubilĂ€umsausgabe zum 30-jĂ€hrigen Bestehen des BSH (bzw. des BAGStudRes), die einige RĂŒckblicke bis in die Zeit der GrĂŒndung enthĂ€lt. Einer der Beteiligten von damals berichtet unter dem Titel „Ein Anfang im Streit“ (mit der Friedensbewegung), wie der Verband seinerzeit tatsĂ€chlich auf die Initiative studierender Reservisten zurĂŒckging, jedoch von Anfang an vom Reservistenverband und auch vom Verteidigungsministerium unterstĂŒtzt wurde. FĂŒr seinen Beitrag zur GrĂŒndung erhielt der Autor von Manfred Wörner, Verteidigungsminister bis 1988, das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Bronze.

Einen großen Raum nimmt in der JubilĂ€umsausgabe auch die Umbenennung 2005 und die damit einhergehende Öffnung fĂŒr „Ungediente“ ein, die wohl auch einen tiefer greifenden Kulturwandel in der Institution einleitete. Ein Autor beschreibt recht anschaulich, dass sich die Hochschulgruppen zunĂ€chst auch unter dem neuen Namen als Teil der Reservistenkameradschaft verstanden, „im Schwerpunkt der militĂ€rischen Aus- und Weiterbildung widmete[n]“ und sich in Kasernen fernab der Uni „[b]ei Schnitzel und Bier“ trafen. „[M]it dem sicherheitspolitischen Diskurs an Hochschulen hatte dies wenig gemein“, so der Autor rĂŒckblickend, der auch beschreibt, was sich in der Folge geĂ€ndert habe: „Wir veranstalteten VortrĂ€ge und Diskussionsrunden in SeminarrĂ€umen der UniversitĂ€t und suchten den Kontakt zu FakultĂ€ten, Uni-Verwaltung und anderen Institutionen“. Mittlerweile entstĂŒnden „neue Gruppen [
] wie selbstverstĂ€ndlich aus der Mitte der Studierenden“.

TatsĂ€chlich weckt die Außendarstellung des BSH heute kaum noch Assoziationen mit der kĂ€mpfenden Truppe. In Sachen „Gender-Balance“ scheint der BSH besser aufgestellt als viele Organisationen der Friedensbewegung. Auf der Homepage finden sich v.a. Gruppenfotos von jungen Menschen in AnzĂŒgen und KostĂŒmen, die im VerhĂ€ltnis zum Alter der Abgebildeten wahlweise ambitioniert oder albern wirken. Die Fotos stammen von regelmĂ€ĂŸig durchgefĂŒhrten Veranstaltungen wie der „Aufbauakademie Sicherheitspolitik“, dem Seminar „Wirtschaft & Sicherheit“ und der „Simulation UN Mission HQ“. Bei den Grund- und Aufbauakademien werden in Berlin Denkfabriken und Regierungsinstitutionen besucht, die UN-Simulation („Wie plane ich eine UN-Mission?“) findet im Rahmen der Generalstabsausbildung an der FĂŒhrungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und also gemeinsam mit zukĂŒnftigen Stabsoffizieren statt. DarĂŒber hinaus organisiert der BSH Exkursionen. Die erste „internationale sicherheitspolitische Exkursion“ fĂŒhrte im April 2019 fĂŒr einige Tage ins Baltikum, wo u.a. das NATO-Exzellenzzentrum Cyber in Tallinn und die deutsche Luftwaffe in Ämari (Estland) besucht wurden. Eine zweite internationale Exkursion war 2020 nach Albanien, Kosovo und Serbien vorgesehen, fiel jedoch Corona-bedingt aus. FĂŒr die An- und Abreise hĂ€tten die Beteiligten selbst aufkommen mĂŒssen, weitere Kosten mussten sie jedoch nicht tragen. Die Exkursionen veranstaltet der BSH gemeinsam mit dem Reservistenverband und den Jugendoffizieren der Bundeswehr, die vom BSH und seinen Hochschulgruppen gerne auch auf Veranstaltungen an der UniversitĂ€t oder anderswo eingeladen werden.

Die formellen Beziehungen zum Verband der Reservisten der Bundeswehr (VdRBw) scheinen nebulös. WĂ€hrend die BAGStudRes durchaus als studentischer FlĂŒgel des Reservistenverbandes bezeichnet werden konnte, wird vom BSH zwar oft von „Kooperation“ mit dem VdRBw gesprochen, dieser wird aber in der Satzung des BSH nicht erwĂ€hnt. Wenn der BSH eine Postadresse angibt, so ist dies die GeschĂ€ftsstelle des VdRBw in der Zeppelinstraße 7A in Bonn. Weiteren Aufschluss gibt die bereits genannte JubilĂ€umsausgabe des ADLAS, die auch ein Interview mit Marc Cieszewski enthĂ€lt, Organisationsleiter Sicherheitspolitische Hochschularbeit des VdRBw und „damit UnterstĂŒtzer, die gute Seele und das GedĂ€chtnis des BSH“. Aus dem Interview geht hervor, dass er regelmĂ€ĂŸig FinanzantrĂ€ge des BSH und seiner Hochschulgruppen bearbeitet. Das weckt durchaus den Eindruck, als wĂŒrde der BSH – der an vielen Stellen den ehrenamtlichen Charakter seiner TĂ€tigkeit betont – wesentlich von der GeschĂ€ftsstelle des VdRBw aus gefĂŒhrt. Dieser jedenfalls bezeichnet seine „Kooperation“ mit dem BSH als zentrales Element seiner „sicherheitspolitischen Hochschularbeit“.

Wenn also „sicherheitspolitisch interessierte“ und „ehrenamtlich engagierte“ Studierende des BSH an den Hochschulen die „sicherheitspolitische Debatte“ vorantreiben wollen oder Kommiliton*innen zu Exkursionen einladen, ist davon auszugehen, dass die entsprechenden AntrĂ€ge ĂŒber einen Schreibtisch in der GeschĂ€ftsstelle des VdRBw gehen, dem gegenĂŒber das BMVg weisungsbefugt ist. Da diese Veranstaltungen dann wiederum hĂ€ufig Jugendoffiziere und andere Bundeswehrangehörige als Referent*innen vorsehen, erscheinen die engagierten, mittlerweile ĂŒberwiegend „ungedienten“ Studierenden des BSH eher als zivile Camouflage eines letztlich vom Verteidigungsministerium und der Armee selbst in die Hochschulen getragenen Diskurses. Das erklĂ€rt auch, wo eigentlich die Finanzmittel herkommen, mit denen der BSH die GrĂŒndung und Arbeit der Hochschulgruppen anschiebt. „Materielle und immaterielle Ressourcen“ erhĂ€lt der BSH – bei dem die Mitgliedschaft kostenlos ist – außerdem vom „Netzwerk Außen- und Sicherheitspolitische Bildung“ e.V., ĂŒber den er regelmĂ€ĂŸig in seinem Newsletter („BSH-News“) unter der Rubrik „Förderverein“ berichtet. So auch in der Ausgabe III/2019: „Das Vorstandsteam besteht aus dem Vorsitzenden Dr. Michael Seibold (Volkswagen Financial Services AG) und den Stellvertretenden Vorsitzenden Fabian Fischbach (PricewaterhouseCoopers GmbH), Jan Fuhrmann (Deutscher Bundestag), Sebastian Nieke (Bundesakademie fĂŒr Sicherheitspolitik) sowie dem Schatzmeister Sebastian Hoffmeister (Bundesministerium des Innern, fĂŒr Bau und Heimat)“.

Denn dass sich „neue Gruppen wie selbstverstĂ€ndlich aus der Mitte der Studierenden“ grĂŒnden, scheint zumindest nur ein Teil der Wahrheit zu sein. Auf der Homepage des BSH jedenfalls sind die „vier Schritte“ zur GrĂŒndung solcher Gruppen beschrieben, es wird eine Mustersatzung angeboten, „Bereitstellung von Werbematerial, IT-Struktur und generelle UnterstĂŒtzung durch den Bundesverband“ sowie finanzielle UnterstĂŒtzung bereits der ersten Veranstaltung in Aussicht gestellt. Mit Stand vom September 2020 gibt der BSH die Zahl der Hochschulgruppen mit 26 an, in fĂŒnf weiteren StĂ€dten gĂ€be es Initiativen zur GrĂŒndung. Allerdings scheinen einige Gruppen schon vor der Pandemie nicht mehr sehr aktiv gewesen zu sein. Es ist durchaus anzunehmen, dass auch BSH-Gruppen unter verkĂŒrzten Studienzeiten und Bologna-Reformen leiden und das „Engagement“ deshalb manchmal nur kurz wĂ€hrt. Die letzte Ausgabe des ADLAS jedenfalls erschien mit der Nummer 1/2018 mit einem Schwerpunkt zu Atomwaffen unter dem Titel „Strahlende Zukunft“.

veröffentlicht am: 1. Dezember 2020 auf Informationsstelle Militarisierung (IMI)