Total Defence

Schwedens Mobilmachung von MilitÀr und Gesellschaft

Fast zweieinhalb Jahre tĂŒftelte eine parteiĂŒbergreifende „Verteidigungskommission“ an einem schwedischen Weißbuch, mit dem das Konzept der „Umfassenden Verteidigung“ („total defence“) fĂŒr den militĂ€rischen Bereich ausbuchstabiert werden sollte. Das Mitte Mai 2019 veröffentlichte Papier gilt als Grundlage fĂŒr die MilitĂ€rhaushalte der Jahre 2021 bis 2025, die massiv aufgestockt werden sollen. Zusammen mit seinem bereits vor einiger Zeit veröffentlichten „zivilen Pendant“ seien beide als „zwei Teile eines einheitlichen Gesamtkonzepts zu verstehen.“ (Weißbuch 2019: S. 1[1])

Die Folgen sind weitreichend: HierĂŒber wird nicht nur auf Basis Ă€ußerst schwammiger Annahmen einer DĂ€monisierung Russlands das Wort geredet und die Bevölkerung auf umfassende Maßnahmen sowie die daraus abgeleitete RĂŒstungsmaßnahmen eingeschworen schwört. Noch schwerer wiegt, dass nahezu die gesamte schwedische Bevölkerung zur Teilnahme an der „Umfassenden Verteidigung“ verpflichtet wird, deren ziviler Pfeiler wiederum systematisch auf die Zuarbeit zum militĂ€rischen Teil ausgerichtet wird. Nicht zuletzt dies dĂŒrfte der Grund sein, weshalb das Konzept hierzulande teils als vorbildlich bewertet wird, handelt es sich bei der „Umfassenden Verteidigung“ doch im Wesentlichen um eine Blaupause fĂŒr die großangelegte zivile und militĂ€rische Mobilmachung gegen Russland: „Letztlich erfordert die Umfassende Verteidigung Schwedens eine glaubwĂŒrdige FĂ€higkeit zur KriegsfĂŒhrung, die sowohl militĂ€rische wie auch zivile Verteidigungskomponenten beinhaltet.“ (Weißbuch 2019: S. 2)

MilitÀrische Mobilmachung

Am 9. Januar 2017 beauftragte die schwedische Regierung die Verteidigungskommission, bis spĂ€testens zum 14. Mai 2019 ein Verteidigungs-Weißbuch vorzulegen. Punktgenau an diesem Tag wurde dieser Bericht dann auch veröffentlicht, der die kĂŒnftige schwedische MilitĂ€rpolitik maßgeblich beeinflussen dĂŒrfte. Schließlich waren in seine Erstellung Abgeordnete aller acht im Reichstag vertreten Parteien ebenso eingebunden, wie Vertreter des Verteidigungs-, Außen- und Finanzministeriums sowie der StreitkrĂ€fte.[2]

Das Weißbuch beginnt mit einer dĂŒsteren LageeinschĂ€tzung: Die Sicherheitslage habe sich „verschlechtert“, sie sei durch „InstabilitĂ€t und Unvorhersehbarkeit“ geprĂ€gt (Weißbuch 2019: S. 1). Die Schuld an dieser misslichen Lage wird vor allem einem Land in die Schuhe geschoben: „Russlands fortdauernde Aggression gegen die Ukraine und die illegale Annexion der Krim verletzen das Gewaltverbot, das in der UN-Charta verankert ist. [
] Russlands Handlungen in Georgien 2008, in der Ukraine seit 2014 und in Syrien seit 2015 unterstreichen seine Bereitschaft, sowohl in Europa als auch darĂŒber hinaus militĂ€rische Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele einzusetzen.“ (Weißbuch 2019: S. 1)

Wie ĂŒblich wird dabei die – nicht unbetrĂ€chtliche – westliche Verantwortung an den benannten Krisen geflissentlich ausgeblendet. Und genauso wenig hĂ€lt man sich mit der Frage auf, ob die Annahmen, auf denen die spĂ€teren VorschlĂ€ge aufsatteln, einen PlausibilitĂ€tstest bestehen wĂŒrden. So erscheint der an den Tag gelegte Alarmismus mit Blick auf das russische MilitĂ€rpotenzial doch reichlich ĂŒbertrieben: „Die militĂ€rstrategische Lage hat sich in den letzten Jahren aufgrund politischer Entwicklungen und der gestiegenen russischen militĂ€rischen FĂ€higkeiten verschlechtert. [
] Bislang wurde dem Ausbau der russischen militĂ€rischen FĂ€higkeiten nicht mit entsprechenden Maßnahmen zur Erhöhung der westlichen militĂ€rischen KapazitĂ€ten begegnet.“ (Weißbuch 2019: S. 1)

Auf noch wackligerem Grund fußt die anschließende Aussage, Russland sei nicht nur in der Lage, sondern auch Willens zu einem Angriff auf Schweden oder einen seiner Nachbarn. „[Ein] bewaffneter Angriff auf Schweden kann ebenso wenig ausgeschlossen werden, wie die Anwendung von oder die Drohung mit Gewalt gegen Schweden.“ Gleiches gelte fĂŒr die NachbarlĂ€nder, weshalb das „Konzept der Umfassenden Verteidigung entwickelt und konzipiert wird, um einem militĂ€rischen Angriff auf Schweden zu begegnen.“ (Weißbuch 2019: S. 2)

Nicht zuletzt weil davon auszugehen sei, dass die USA im Versuch sich mit China anzulegen kĂŒnftig wohl weniger Ressourcen fĂŒr NATO-Maßnahmen gegen Russland bereitstellen wĂŒrden[3], mĂŒsse der Landesverteidigung, also möglichen Auseinandersetzungen mit Russland, kĂŒnftig oberste PrioritĂ€t eingerĂ€umt werden. Ähnlich wie in Deutschlands „Konzeption der Bundeswehr“ sollen die FĂ€higkeiten fĂŒr militĂ€rische AuslandseinsĂ€tze zwar durchaus aufrechterhalten werden – aber nur so weit als möglich, der Fokus liegt auf Russland: „Die Verteidigungskommission gelangt zu dem Ergebnis, dass Schweden sein aktives Engagement und seine Teilnahme an internationalen Operationen fortsetzen sollte [
]. Die Verteidigungskommission betont, dass die Teilnahme an internationalen MilitĂ€reinsĂ€tzen auf der Basis der Ressourcen und KapazitĂ€ten erfolgen muss, die fĂŒr die schwedischen StreitkrĂ€fte zur Verteidigung Schwedens entwickelt werden.“ (Weißbuch 2019: S. 8)

Darauf hin schlĂ€gt das Weißbuch eine Reihe von Maßnahmen vor, die beiden wichtigsten sind sicherlich die massive Aufstockung der StreitkrĂ€fte und des MilitĂ€rhaushaltes. Bis 2024 solle der Umfang der schwedischen Armee von aktuell 60.000 auf 90.000 Personen anwachsen (einschließlich der Heimatschutzgarde und Zivilangestellter). Unter Berufung auf Russland und die vermeintliche Notwendigkeit, die Armee aufzustocken, fĂŒhrte das Land bereits im MĂ€rz 2017 nach nur sieben Jahren die Wehrpflicht wieder ein. Schon im Februar 2019 tauchten Berichte auf, es sei geplant, die Zahl der eingezogenen Wehrpflichtigen in den kommenden Jahren deutlich zu erhöhen.[4] Auch im Weißbuch wird dies nun mit der BegrĂŒndung angekĂŒndigt, der angestrebte Aufwuchs der Armee sei nur so zu bewerkstelligen: „Das bedeutet, dass 8.000 Wehrpflichtige jĂ€hrlich eingezogen werden, ein Anstieg von den 4.000, die heute hinzukommen.“ (Weißbuch 2019: S. 7)

Trotz der somit absehbar steigenden Personalkosten soll auch noch in neues GerĂ€t investiert werden, weshalb das Weißbuch eine saftige Erhöhung des MilitĂ€rhaushaltes vorschlĂ€gt. Dabei ist das Budget in den letzten Jahren bereits von 42,3 Mrd. Kronen (2012) auf 50 Mrd. Kronen (2018) angestiegen – in Dollar handelte es sich dabei um eine Erhöhung von 5,06 Mrd. (2012) auf 5,75 Mrd. (2018) oder um 13,6 Prozent.[5] Schon im FrĂŒhjahr 2018 hatte man sich auf nochmalige Steigerungen verstĂ€ndigt: „Dazu beschloss die rot-grĂŒne Regierung, die Verteidigungskosten bis 2020 um jĂ€hrlich 2,7 Milliarden Kronen (270 Millionen Euro) anzuheben.“[6] Doch auch dies genĂŒgt den Autoren des Weißbuchs bei weitem nicht: Bis 2025 sollen 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht werden. In Zahlen soll der Haushalt deshalb um knapp 70 Prozent auf satte 84 Mrd. Kronen in die Höhe schießen! (Weißbuch 2019: S. 10)

Hinzu wĂŒrden dann noch jĂ€hrliche Kosten von 4,2 Mrd. Kronen fĂŒr die Ausgaben im Zusammenhang mit Maßnahmen des „zivilen“ Pfeilers der „Umfassenden Verteidigung“ kommen, wie sie schon lĂ€nger ins Auge gefasst worden seien.

Zivile Mobilmachung

Am 20. Dezember 2017 erschien mit „Resilience, The Total Defence Concept and the Development of Civil Defence 2021-2025“ der zivile Teil der “Umfassenden Verteidigung”. Wie dann auch im spĂ€teren Weißbuch, heißt es bereits darin, das Umfeld sei geprĂ€gt von „InstabilitĂ€t und Unsicherheit“, wobei ein „bewaffneter Angriff auf Schweden nicht ausgeschlossen werden kann.“ (Resilience 2017: S. 1[7])

Gleich am Anfang wird unmissverstĂ€ndlich klargestellt, dass es sich bei der „Umfassenden Verteidigung“ um ein wahrhaft holistisches Konzept handelt, in das alle gesellschaftlichen Akteure eingebunden sind: „Sollte die Regierung die höchste Alarmstufe ausrufen, werden alle gesellschaftlichen Teilbereiche zur Umfassenden Verteidigung gezĂ€hlt, die aus der militĂ€rischen und der zivilen Verteidigung besteht. Dementsprechend sind das Parlament, die Regierung, Regierungsbehörden, die Kommunen, private Unternehmen, freiwillige Verteidigungsorganisationen ebenso wie Einzelpersonen alle Teil der Umfassenden Verteidigung.“ (Resilience 2017: S. 1)

Nach dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges, bemĂ€ngelt der Bericht, seien „große Teile der frĂŒheren Umfassenden Verteidigung aufgelöst worden, nicht zuletzt die auf der zivilen Seite.“ (Resilience 2017: S. 2) Dies gelte es rĂŒckgĂ€ngig zu machen, denn: „Schwedens Konzept der Umfassenden Verteidigung basiert auf dem Willen der Bevölkerung, ihr Land zu verteidigen, ihrer Bereitschaft dazu in Friedenszeiten und ihrer WiderstandsfĂ€higkeit und ihrem Widerstand im Krieg.“ (Resilience 2017: S. 4) Jeder Einzelne sei aufgefordert, ausreichend VorrĂ€te anzulegen, um eine Krisensituation ĂŒberstehen zu können: „Die Kommission ist der Ansicht, dass ein ausreichender Zugang zu Nahrung, Trinkwasser, Energie und Arzneimitteln wesentlich fĂŒr die FĂ€higkeit zur Umfassenden Verteidigung im Falle einer schweren Krise oder eines Kriegs ist.“ (Resilience 2017: S. 5)

Mag man rein zivilen Vorbereitungsmaßnahmen auf Krisensituationen noch positiv gegenĂŒberstehen, handelt es sich aber bei dem schwedischen Konzept nicht um eine Alternative, sondern um eine ErgĂ€nzung der militĂ€rischen Komponente, das sich, auch wenn andere denkbare Krisenszenarien (zB Hochwasser) angesprochen werden, recht eindeutig primĂ€r gegen Russland richtet. Und es ist dann konsequenterweise das Verteidigungsministerium, dem im Krisenfall auch das Oberkommando ĂŒber alle zivilen Anstrengungen im Rahmen der „Umfassenden Verteidigung“ zufallen soll: „Die Kommission schlĂ€gt weiter vor, dass ein Ministerium die gesamte Verantwortung fĂŒr die Koordination der Anstrengungen im Zusammenhang mit der Umfassenden Verteidigung ĂŒbertragen werden soll. Die Kommission schlĂ€gt vor, dass die Koordination der Umfassenden Verteidigung beim Verteidigungsministerium liegen sollte.“ (Resilience 2017: S. 3)

Als ErgĂ€nzung zu „Resilience“ veröffentlichte die Regierung im FrĂŒhjahr 2018 die BroschĂŒre „If Crisis or War Comes“, die an sĂ€mtliche schwedischen Haushalte verteilt wurde.[8] Sie versteht sich einerseits als praktische Handreichung, welche ĂŒberlebenswichtigen GĂŒter in jedem Haushalt bevorratet sein sollten, um möglichst unbeschadet ĂŒber eine Krisen- oder Kriegssituation zu kommen. Per praktischer Checkliste lassen sich dabei in den Kategorien „Nahrung“, „Wasser“, WĂ€rme“, Kommunikation“ und „Sonstiges“ einzelne Posten abhaken, um so mit einem guten GefĂŒhl auf den Ernstfall vorbereitet zu sein (War 2018: S. 10f.)

Gerade auf den gesicherten Zugang zum staatlichen Radiosender P4 wird besonders Wert gelegt, um nicht gegnerischen Falschinformationen aufzusitzen – Kapitulation ist schließlich keine Option: „Sollte Schweden von einem anderen Land angegriffen werden, werden wir niemals aufgeben. Alle Nachrichten in diese Richtung, dass der Widerstand endet, sind falsch.“ (War 2018: S. 12)

Gleichzeitig wird allerdings mit einiger Klarheit festgehalten, dass die zivilen Verteidigungskomponenten vor allem auch zur „Verbesserung“ der militĂ€rischen Seite beizutragen haben: „Im Falle eines Krieges oder einer Kriegsdrohung muss die zivile Verteidigung Schwedens in der Lage sein, die bewaffneten KrĂ€fte zu unterstĂŒtzen.“ (War 2018: S. 8)

Und schließlich wird noch klargestellt, dass es im Zweifelsfall nicht die Option gibt, sich nicht vor den Karren der „Umfassenden Verteidigung“ spannen zu lassen: „In Schweden existiert eine Pflicht, zur Umfassenden Verteidigung beizutragen. Das bedeutet, dass jeder, der hier lebt und zwischen 16 und 70 Jahren ist, dazu aufgefordert werden kann, auf verschiedene Arten zu helfen. Jeder ist verpflichtet, etwas beizutragen und jeder wird benötigt. Die Pflicht, zur Umfassenden Verteidigung beizutragen, umfasst drei Möglichkeiten:

– Einberufung in die StreitkrĂ€fte;
– Zivile Einberufung in eine Behörde unter Kontrolle der Regierung;
– Allgemeiner Nationaler Dienst, der es beinhaltet, in Organisationen zu dienen, die im Falle eines Krieges oder Kriegsdrohungen funktionieren mĂŒssen.“ (War 2018: S. 9)

Zwar ist auch in dieser BroschĂŒre die Rede von verschiedenen KatastrophenfĂ€llen, dass das Ganze aber primĂ€r wenn nicht gar ausschließlich auf Auseinandersetzungen mit Russland abzielt, ist mehr als eindeutig. Ein starker Hauch von Kaltem Krieg durchzieht somit wie ein roter Faden das gesamte Konzept der „Umfassenden Verteidigung“. Spiegel Online etwa schrieb: „Die Regierung in Stockholm verteilt eine InfobroschĂŒre an sĂ€mtliche Haushalte im Land: Auf 20 Seiten erfahren die Schweden, wie sie sich im Falle von Krisen und Krieg zu verhalten haben. [
] Es ist das erste Mal seit mehr als 50 Jahren, dass die Regierung eine solche BroschĂŒre an sĂ€mtliche Haushalte verteilen lĂ€sst. [
] Die aktuelle Veröffentlichung wurde von der Regierungsbehörde Swedish Civil Contingencies Agency erstellt, die zum Verteidigungsministerium gehört; der Auftrag dazu kam von der Regierung. Das Heft wird zu einem Zeitpunkt in Umlauf gebracht, an dem in Schweden intensiv ĂŒber das Thema Sicherheit diskutiert wird. Hintergrund sind die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 sowie jĂŒngere VorfĂ€lle, bei denen russische Flugzeuge und U-Boote in schwedisches Gebiet vorgedrungen sein sollen.“[9]

Vorbild Schweden?

Viele der den schwedischen Papieren zugrunde liegenden Annahmen lassen sich trefflich hinterfragen. Wie begrĂŒndet sich beispielsweise die Aussage, die militĂ€rische Bedrohung durch Russland nehme zu, wenn es die NATO ist, die seit Jahren massiv die RĂŒstungshaushalte aufstockt. Die Ausgaben des MilitĂ€rbĂŒndnisses (in die diejenigen, der „neutralen“ Staaten ja ĂŒberhaupt nicht mit einfließen) stiegen zuletzt von 917 Mrd. Dollar (2017) auf 988 Mrd. Dollar (2018) an[10], wĂ€hrend das ohnehin im Vergleich geringe russische Budget von 66,5 Mrd. Dollar (2017) auf 61,4 Mrd. Dollar (2018) gesenkt wurde.[11]

Es fĂ€llt schwer zu glauben, dass Russland angesichts dieser Zahlen eine ernsthafte militĂ€rische Bedrohung darstellt. Doch selbst wenn dies der Fall wĂ€re: Dass eine Möglichkeit existiert, dass Schweden oder eines der NachbarlĂ€nder angegriffen wird, macht dies beileibe nicht wahrscheinlich – im Gegenteil, seine MilitĂ€rpolitik auf dieser Annahme zu begrĂŒnden entbehrt jeglicher PlausibilitĂ€t.[12] TatsĂ€chlich tragen die zahllosen Maßnahmen zur AufrĂŒstung der NATO-Ostflanke, in die Schweden trotz seiner vermeintlichen NeutralitĂ€t knietief eingebunden ist, zur Gefahr bewaffneter Auseinandersetzungen massiv bei.

Es drĂ€ngt sich deshalb der Verdacht auf, dass die Bevölkerung mit der „Umfassenden Verteidigung“ in ihrer Alltagserfahrung vor allem auf die Akzeptanz des Neuen Kalten Krieges, die damit einhergehende DĂ€monisierung Russlands und daraus abgeleitete RĂŒstungsmaßnahmen eingeschworen werden soll. Außerdem mag sich „Zivile Verteidigung“ zunĂ€chst einmal gut anhören, aber nur solange geflissentlich ausgeblendet wird, dass sie in der Praxis nicht zuletzt auch der Zuarbeit zur „militĂ€rischen Verteidigung“ dient. Nicht zuletzt hierzulande dĂŒrfte dies den Reiz des schwedischen Gesamtverteidigungskonzeptes (unter FĂŒhrung des MilitĂ€rs) ausmachen, da es sich doch deutlich von der bereits 2016 verabschiedeten „Konzeption zivile Verteidigung“ unterscheidet, die nicht vom Verteidigungs-, sondern vom Innenministerium angefertigt wurde.[13]

In jedem Fall scheint ein Interesse zu bestehen, auch die deutsche Bevölkerung noch stĂ€rker in die BemĂŒhungen gegen Russland einzubinden, als dies bislang der Fall ist. Um dies zu fördern, werden teils beachtliche argumentative KlimmzĂŒge unternommen, so etwa, wenn die FAZ ausgerechnet John Lennons „Imagine“ ausmostet, um VorzĂŒge und Notwendigkeit eines Gesamtverteidigungskonzeptes schwedischer PrĂ€gung zu untermauern: „In Schweden, da sind sich Regierung und Opposition einig, soll sich kĂŒnftig jeder BĂŒrger und jede BĂŒrgerin an der Verteidigung des Landes beteiligen. [
] ‘Stell dir vor es gibt keine Staaten mehr, (
) nichts, wofĂŒr man morden oder sterben mĂŒsste‘, sang John Lennon in seinem berĂŒhmten Lied ‚Imagine‘. Was aber, wenn die Staatsgrenzen nicht so deutlich sind, wenn Krieg nicht Mord und Tod durch Soldaten, sondern Lahmlegung der Zivilgesellschaft bedeutet? Genau das scheint heute realistischer denn je zu sein. [
] Gerade weil die Bedrohungen sich immer mehr gegen die Zivilgesellschaft richten, mĂŒssten also selbst Pazifisten das Konzept einer Gesamtverteidigung mit resilienter ziviler Komponente gutheißen. BĂŒrger, die mit Wasser und Thunfisch zur Verteidigung beitragen und ihre VorrĂ€te auch untereinander teilen, wĂ€hrend sich die StreitkrĂ€fte auf das vorwiegend militĂ€rische konzentrieren: dem sollte in Deutschland, wie in Schweden, jede Partei ohne Probleme zustimmen können. John Lennon hĂ€tte der Idee gewiss auch etwas abgewinnen können.“[14]

Anmerkungen

[1] Von dem Weißbuch existiert nur eine 10seitige englische Zusammenfassung, aus der im Folgenden zitiert wird. Siehe The Swedish Defence Commission’s white book on Sweden’s Security Policy and the Development of the Military Defence 2021-2025, The Swedish Defence Commission secretariat – unofficial summary, 14.05.2019.

[2] Swedish Defence Commission: https://www.government.se/government-of-sweden/ministry-of-defence/defence-commission/

[3] „Entwicklungen in Asien, besonders Chinas rasche Entwicklung und sein bestimmteres Auftreten, wird von zunehmender Bedeutung fĂŒr die schwedische Außen- und Sicherheitspolitik sein. Die chinesische militĂ€rische AufrĂŒstung und seine wachsende globale Macht haben zur Folge, dass die USA sich mit ihrer MilitĂ€r- und Sicherheitspolitik auf Asien konzentrieren werden.“ (Weißbuch 2019: S. 2)

[4] Orange, Richard: Sweden’s first new conscripts prepare to repel Russian invaders, The Telegraph, 03.02.2019.

[5] Die Daten stammen von Sipri: https://www.sipri.org/databases/milex

[6] Rötzer, Florian: Schweden: MilitÀr fordert Verdopplung des Verteidigungsbudgets, Telepolis, 26.02.2018.

[7] Resilience, The Total Defence Concept and the Development of Civil Defence 2021-2025, The Swedish Defence Commission secretariat – inofficial summary, 20.12.2017.

[8] „If Crisis or War Comes“, The Swedish Civil Contingencies Agency 2018.

[9] Schweden bereitet seine BĂŒrger auf den Ernstfall vor, Spiegel Online, 20.05.2018.

[10] Defence Expenditure of NATO Countries (2011-2018), NATO Press Release, 14.03.2019.

[11] Sipri a.a.O.

[12] Siehe zur Kritik der “Russland-Szenarien” zB Bryen, Stephen: Did RAND get it right in its war game exercise? Asia Times, 13.03.2019.

[13] Konzeption zivile Verteidigung, BMI, 24.08.2016.

[14] Braw, Elisabeth: Wir mĂŒssen vorbereitet sein, FAZ, 23.04.2018.

Veröffentlicht auf Informationsstelle Militarisierung e.V. am 17.5.2019

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