Apokalypse oder Reset – was erwartet uns 2016?

Die meisten Menschen werden in diesen Tagen des Jahreswechsels von einem GefĂŒhl unbestimmter Zukunftsangst beherrscht. Sie spĂŒren, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt angekommen ist, an dem es so wie es bisher nicht weitergehen kann. Höchste Zeit also, einmal Bilanz zu ziehen und eine Standortbestimmung vorzunehmen.

Wie sind wir in die gegenwÀrtige Lage geraten?

Die Welt, in der wir leben, hat sich in den vergangenen Jahren von Grund auf verĂ€ndert. Der alles entscheidende Wendepunkt war die Krise von 2007 / 2008. Nach ĂŒber drei Jahrzehnten der Deregulierung des Finanzsektors hatte ausufernde Spekulation zu riesigen Schuldenblasen gefĂŒhrt. Der Zusammenbruch des kreditgetriebenen US-amerikanischen HĂ€usermarktes ließ eine davon zerplatzen und trieb internationale Großbanken, Versicherungen und Konzerne rund um den Globus in den Ruin.

Anschließend zwangen die hinter diesen Institutionen stehenden Investoren die Politik, die bankrotten Unternehmen nicht abzuwickeln, sondern im Zuge der grĂ¶ĂŸten Vermögensumverteilung in der Geschichte der Menschheit mit Hilfe von Steuergeldern am Leben zu erhalten. Den arbeitenden Menschen, die die fĂŒr diesen „Bail-out“ notwendigen Summen erwirtschaftet hatten, wurde erklĂ€rt, das Ganze geschehe zu ihren Gunsten, denn die geretteten Unternehmen seien „too big to fail“ („zu groß, um sie zusammenbrechen zu lassen“).

Obwohl die Politik damals hoch und heilig versprach, die FinanzmĂ€rkte zu bĂ€ndigen oder zumindest in die Schranken zu weisen, geschah – nichts. Im Gegenteil: Unter dem Vorwand, die Wirtschaft wieder ankurbeln zu wollen, begannen die wichtigsten Zentralbanken der Welt nach der Krise, Unsummen an Geld zu drucken und sie genau denen, die den Zusammenbruch zu verantworten hatten, zu immer niedrigeren ZinssĂ€tzen zur VerfĂŒgung zu stellen. Diese wiederum stecken das billige Geld seitdem nicht in die lahmende Wirtschaft, sondern in den viel lukrativeren, aber auch riskanteren Finanzsektor und blĂ€hen ihn auf diese Weise sogar noch weiter auf. Da sie seit 2008 sicher sein können, dass Großinvestoren im Notfall wieder als „too big to fail“ gelten und erneut gerettet werden, ist ihre Risikobereitschaft heute grĂ¶ĂŸer als vor 2008.

Die Langzeitfolgen der letzten Krise tragen die arbeitenden Menschen

Auch die Langzeitfolgen der Rettung von 2007 / 2008 wurden nicht etwa den dafĂŒr Verantwortlichen in Rechnung gestellt, sondern auf die arbeitenden Menschen abgewĂ€lzt: Um die durch die Bankenrettung entstandenen Löcher in den Staatskassen zu stopfen, mĂŒssen sie seit der Krise im Rahmen der „AusteritĂ€tspolitik“ Massenarbeitslosigkeit, niedrigere Löhne und Renten, höhere Steuern und geringere Sozialleistungen in Kauf nehmen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist ein unaufhaltsamer Anstieg der sozialen Ungleichheit, die inzwischen ein historisches Ausmaß angenommen hat: 2015 verfĂŒgten weniger als einhundert Menschen ĂŒber ein grĂ¶ĂŸeres Vermögen als die HĂ€lfte der Menschheit.

Das von den Zentralbanken praktizierte Gelddrucken bei kontinuierlicher Zinssenkung hat zu immer grĂ¶ĂŸeren Blasen an den Aktien-, Anleihe- und ImmobilienmĂ€rkten und zu einer vollstĂ€ndigen Verzerrung der ökonomischen RealitĂ€t gefĂŒhrt. Waren diese MĂ€rkte frĂŒher ein Gradmesser fĂŒr den Zustand der Realwirtschaft, so spiegeln sie heute in erster Linie das Ausmaß der Manipulation durch die Zentralbanken wider.

Noch dramatischer ist die Entwicklung im Bereich der Derivate (reine Finanzprodukte, die mit der Realwirtschaft nichts zu tun haben). Obwohl sie das globale Finanzsystem bereits zweimal (1998 und 2007 / 2008) existenziell bedroht haben, haben ihr Umfang (der wegen mangelnder Regulierung nur annÀhernd geschÀtzt werden kann) und damit auch ihr Gefahrenpotential seit der letzten Krise weiter zugenommen.

Das globale Finanzsystem gleicht einem DrogenabhÀngigen

Durch die nach 2007 / 2008 zur StĂŒtzung des Weltfinanzsystems ergriffenen Maßnahmen ist eine AbhĂ€ngigkeit entstanden, die es so noch nie gegeben hat: Damit die Aktien-, Anleihen- und ImmobilienmĂ€rkte nicht in sich zusammenbrechen und das gesamte System mit in den Abgrund reißen, mĂŒssen Investoren unablĂ€ssig mit neuem Geld zu immer gĂŒnstigeren ZinssĂ€tzen versorgt werden. Dabei ist klar, dass die kontinuierliche Erhöhung der Geldmenge irgendwann zur vollstĂ€ndigen Geldentwertung und damit in eine Hyperinflation fĂŒhren muss. Die EuropĂ€ische Zentralbank zum Beispiel hĂ€lt nicht nur an dieser Strategie fest, sondern weitet sie derzeit sogar noch aus. Der Grund dafĂŒr, dass sie tagtĂ€glich 2 Mrd. Euro ins System pumpt, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand des Systems: Ohne diese Manipulation könnte es in der gegenwĂ€rtigen Form nicht aufrecht erhalten werden.

Da die Senkung der Zinsen bereits die Nullgrenze erreicht hat und nun immer weiter in den Minusbereich vordringt, werden bereits Maßnahmen getroffen, um den arbeitenden Menschen den RĂŒckzug aus dem bestehenden Geldsystem abzuschneiden: Die drastische EinschrĂ€nkung des Bargeldverkehrs und ein geplantes Bargeldverbot sind nichts anderes als Barrieren, die errichtet werden, um eine Flucht der breiten Masse aus den Bankkonten hin zum Bargeld zu verhindern. Auch das „Bail-in“ (die Heranziehung der Einlagen von Sparern und KleinaktionĂ€ren im Fall eines Bankzusammenbruchs), das ab dem 1. Januar 2016 fĂŒr alle Banken im Euroraum gilt, ist im Grunde nichts anderes als die Vorbereitung einer umfassenden Enteignung arbeitender Menschen fĂŒr den Fall, dass die Banker sich erneut an den FinanzmĂ€rkten verspekulieren.

Sieben Jahre nach der Krise von 2008 markiert 2015 einen Wendepunkt: Die bisherigen Maßnahmen zeigen wie bei einem DrogensĂŒchtigen immer weniger Wirkung und mĂŒssen daher in immer höheren Dosen verabreicht werden. Dennoch bleibt die Wirkung zunehmend aus. DafĂŒr treten immer stĂ€rkere Nebenwirkungen auf, die das Spiel zunehmend gefĂ€hrlicher machen. Anders ausgedrĂŒckt: Das Finanzsystem ist an einem Punkt angekommen, an dem die bisherigen Maßnahmen großenteils ausgereizt sind und eine Umkehr das System als Ganzes zum Einsturz bringen wĂŒrde. Die Realwirtschaft wiederum kann sich nicht erholen, da die Renditen dort nicht annĂ€hernd so hoch sind wie auf den FinanzmĂ€rkten. Schlimmer noch: Die höchsten Gewinne sind in den kommenden Monaten genau da zu erzielen, wo sie den grĂ¶ĂŸten sozialen Schaden anrichten – im Bereich der WĂ€hrungsspekulation in den SchwellenlĂ€ndern.

Wie lange kann es so weitergehen?

Die Frage, die sich aufdrĂ€ngt, lautet: Wie lange kann dieses System noch bestehen? Eine prĂ€zise Antwort darauf lĂ€sst sich nicht geben. Einen globalen Schuldenstand von ĂŒber 200 Billionen US-Dollar hat es in der Geschichte der Welt noch nicht gegeben. Auch negative Zinsen waren bisher unbekannt und fĂŒr das Gelddrucken gibt es keine bekannte Obergrenze. Dass es irgendwann zur Hyperinflation fĂŒhren muss, steht fest, aber niemand kann sagen, wie weit die Aktien-, Anleihen- und ImmobilienmĂ€rkte sich noch kĂŒnstlich aufblĂ€hen lassen, bevor die Blasen zerplatzen. Sollten die Zentralbanken an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen, steht noch der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) mit seiner eigenen WĂ€hrung, den „Sonderziehungsrechten“, zum Eingreifen bereit. Diese bereits 2008 in großem Stil eingesetzte WĂ€hrung wird ausschließlich an Staaten vergeben und könnte einen Crash im Ernstfall noch um einige Zeit hinauszögern.

Dennoch ist es angesichts der vielen wirtschaftlichen Krisenherde nicht ausgeschlossen, dass ein unvorhergesehenes Ereignis (ein „black swan“) das gesamte Kartenhaus zum Einsturz bringt. Sollte das geschehen, stĂŒnde die Welt von einem Augenblick auf den anderen vor der grĂ¶ĂŸten Krise aller Zeiten. Das Weltfinanzsystem hat sĂ€mtliche LĂ€nder so eng miteinander verknĂŒpft, dass kein Winkel der Erde von seinem Zusammenbruch und der resultierenden Entwertung des Papiergeldes verschont bliebe.

Die grĂ¶ĂŸte Gefahr lauert nicht in Finanzsektor

Die derzeit grĂ¶ĂŸte Gefahr lauert allerdings weder im Finanzsektor, noch in der Realwirtschaft, sondern im Bereich der Politik. Die politisch Verantwortlichen wissen – genau wie die wirtschaftlich MĂ€chtigen – um die allseits lauernden wirtschaftlichen und finanziellen Gefahren und greifen daher zu zwei in der Vergangenheit bewĂ€hrten Mitteln: Um von den wahren Schuldigen und der eigenen Korruptheit abzulenken, bauen sie Feindbilder auf und bereiten Kriege vor. Die USA als mĂ€chtigstes und gleichzeitig sozial am stĂ€rksten zerrissenes Land setzen zunehmend auf militĂ€rische Gewalt und legen seit LĂ€ngerem die Grundlagen fĂŒr einen Krieg gegen Russland. Ihre Politik gegenĂŒber der Ukraine und den ehemaligen Ostblockstaaten dient der stĂ€ndigen Provokation der Regierung Putin. UnterstĂŒtzt wird sie durch den treuesten VerbĂŒndeten der USA im Nahen Osten, Saudi-Arabien, das seit 2015 dafĂŒr sorgt, dass der Ölpreis, der bereits die Sowjetunion zu Fall gebracht hat, immer weiter sinkt – ein Prozess, den Russlands FĂŒhrung auf Dauer nicht ĂŒberleben kann.

Aber auch die ĂŒbrigen GroßmĂ€chte wie Großbritannien, Frankreich und auch Deutschland bereiten sich immer stĂ€rker auf militĂ€rische Auseinandersetzungen vor. Sowohl Russland, als auch China, das nach einem Fall der russischen Regierung sofort zum nĂ€chsten Angriffsziel der USA wĂŒrde, unternehmen ebenfalls erhebliche RĂŒstungsanstrengungen.

Motor fĂŒr diese internationalen Kriegsvorbereitungen sind allerdings nur vordergrĂŒndig die Lage der Weltwirtschaft und die des globalen Finanzsystems. Entscheidender und fĂŒr die Entwicklung des Weltgeschehens auch ĂŒber das Jahr 2016 wichtigster Faktor auf unserem Planeten ist die exponentielle Zunahme der sozialen Ungleichheit.

Da sich die Welt fest im WĂŒrgegriff der Finanzindustrie befindet und diese nicht einmal zu den geringsten ZugestĂ€ndnissen an die arbeitende Bevölkerung und die Armen bereit ist (man erinnere sich nur an die Ereignisse dieses Jahres in Griechenland), wird sich die soziale Ungleichheit in der vor uns liegenden geschichtlichen Epoche dramatisch verschĂ€rfen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf das Heftigste entladen – in der Form von ArmutsaufstĂ€nden, BĂŒrgerkriegen und riesigen sozialen Verwerfungen.

Wie wird es weitergehen?

Befindet sich die Welt angesichts dieser Perspektiven – Crash, Krieg, oder BĂŒrgerkrieg – nicht in einer unaufhaltsamen und nicht mehr zu stoppenden AbwĂ€rtsspirale? Ist nicht jeder Versuch, den Lauf der Geschichte positiv beeinflussen zu wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Der Zustand der Welt im Jahr 2016 könnte ein solches Urteil in der Tat nahelegen. Dennoch gibt es mehrere Entwicklungen, die in eine andere Richtung deuten. Sowohl die Manipulationen an den FinanzmĂ€rkten, als auch die Kriegsvorbereitungen, die internationale AufrĂŒstung, die weltweite Brutalisierung der Polizei und die mit Macht vorangetriebene ErklĂ€rung des radikalen Islamismus zum Menschheitsfeind Nr. 1 sind ja kein Zeichen der StĂ€rke der derzeit MĂ€chtigen. Im Gegenteil: Sie belegen ihre SchwĂ€che und ihre Angst vor VerĂ€nderung. SĂ€ĂŸen die Finanzelite und die ihr hörigen Politiker wirklich fest im Sattel, wĂ€ren sie nicht darauf angewiesen, einen riesigen weltumspannenden Medienapparat zu unterhalten, der nur dazu dient, die globale öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Ein Blick auf den Vorwahlkampf in den USA zeigt, wie dort Milliarden von Dollar dafĂŒr ausgegeben werden, eine geradezu hysterische Angst vor dem Islamischen Staat zu schĂŒren. Sinn und Zweck dieser Übung ist es, davon abzulenken, dass die wirklichen Feinde der arbeitenden Bevölkerung an der Wall Street und im Weißen Haus sitzen. Das Gleiche gilt fĂŒr Frankreich nach den TerroranschlĂ€gen von Paris: Obwohl die Ursache fĂŒr die Attentate in den verheerenden sozialen VerhĂ€ltnissen der französischen und belgischen VorstĂ€dte zu suchen ist, wurden sie vom politisch angeschlagenen PrĂ€sidenten zum Anlass fĂŒr eine radikale VerschĂ€rfung der Sicherheitsgesetze und fĂŒr die Ausweitung des Kriegseinsatzes in Syrien genommen – obwohl sonnenklar ist, dass die Terrorgefahr dadurch nicht verringert, sondern erhöht wird.

Allerdings zeigt der Einfluss der Mainstream-Medien auf das Denken der Massen seit 2007 / 2008 erhebliche ErmĂŒdungserscheinungen und hat im Jahr 2015 seinen bisherigen Tiefstand erreicht. Umfragen belegen, dass immer mehr Menschen den verbreiteten Informationen immer weniger Glauben schenken, und dem Verhalten der WĂ€hler im Jahr 2015 kann man entnehmen, dass immer mehr den etablierten politischen KrĂ€ften den RĂŒcken kehren. Allerdings können sie den ihnen aufgezwungenen Meinungen in vielen FĂ€llen keinen klaren eigenen Standpunkt entgegensetzen, da ihnen der politische und wirtschaftliche Durchblick fehlt. Außerdem sind sie durch die Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, weitgehend desillusioniert und resigniert.

Sowohl Desillusionierung, als auch Resignation werden allerdings durch die vor uns liegenden Ereignisse durchbrochen werden: Ob Crash, Krieg oder BĂŒrgerkrieg – wenn es um die eigene Haut geht, dann werden auch die Frustriertesten aufwachen und sich zu regen beginnen. Ihr grĂ¶ĂŸtes Problem wird allerdings die politische Orientierung sein.

Aus diesem Grund bleibt auch 2016 die wichtigste Aufgabe die AufklĂ€rung. Nur wer erkennt, dass nicht islamistischer Terror, sondern das BĂŒndnis aus rĂŒcksichtslosen Spekulanten, korrupten Politikern und den ihn hörigen Journalisten die Menschheit in den Abgrund zu reißen droht, kann sich gegen diese historische Herausforderung zur Wehr setzen. Die Gefahren, vor denen die Welt steht, waren nie so groß wie heute, aber auch die Chancen, die Mehrheit der Menschen zu einem Umdenken zu bewegen, waren – dank der modernen Kommunikationstechnologien – nie grĂ¶ĂŸer.