Stabilisieren, deregulieren, liberalisieren, privatisieren: So funktionieren die Strukturanpassungsprogramme des IWF
Die Aufgabe des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IWF) bestand nach seiner GrĂŒndung in den Vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunĂ€chst darin, den US-Dollar als neue globale LeitwĂ€hrung zu stabilisieren. Nach der Auflösung des Bretton-Woods-Systems in den Siebziger Jahren ĂŒbernahm er weltweit die Rolle des Kreditgebers letzter Instanz. Seit dem Ausbruch der Eurokrise ist er vor allem als Mitglied der Troika und Verfechter der AusteritĂ€tspolitik in Erscheinung getreten.
Wichtigstes Mittel zur Durchsetzung seiner Politik sind seit Beginn der Achtziger Jahre die Strukturanpassungsprogramme mit den Schwerpunkten Stabilisierung, Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung. Obwohl diese MaĂnahmen die Armut, den Hunger und den Analphabetismus gefördert und die soziale Ungleichheit rund um den Globus verschĂ€rft haben, glauben viele Menschen in den Industriestaaten immer noch, dass ihre Durchsetzung rechtmĂ€Ăig, notwendig und die damit verbundenen Entbehrungen fĂŒr die Menschen in den betroffenen LĂ€ndern unvermeidlich seien.
Das liegt vor allem daran, dass es dem IWF mit UnterstĂŒtzung von Politik und Medien gelungen ist, sein Handeln falsch darzustellen und groĂe Teile der Weltöffentlichkeit auf diese Weise hinters Licht zu fĂŒhren. Um einmal schonungslos zu illustrieren, wie die Strukturanpassungsprogramme des IWF in Wirklichkeit aussehen und welche konkreten Folgen sie fĂŒr die betroffenen Menschen haben, hier ein â zugegebenermaĂen leicht vereinfachendes â Beispiel:
Am Anfang steht die Korruption
Man stelle sich ein kleines, relativ wohlhabendes Dorf irgendwo in Afrika vor, dessen Schule bei einem Sturm zerstört wurde. Seine Einwohner beschlieĂen, eine neue Schule bauen zu lassen. In der Gemeindekasse befindet sich eine angesparte RĂŒcklage von 50.000 Dollar, ein erster Kostenvoranschlag belĂ€uft sich auf 100.000 Dollar.
Die Gemeinde beauftragt den BĂŒrgermeister, die Angelegenheit zu ĂŒbernehmen. Der BĂŒrgermeister geht zur örtlichen Bank und beantragt einen Kredit ĂŒber weitere 50.000 Dollar. Da dieser Betrag durch das Vermögen in der Dorfkasse gedeckt ist, willigt die Bank ein. Der BĂŒrgermeister, der bereits bei seiner Wahl durch Bestechung nachgeholfen hat, reibt sich die HĂ€nde, denn er wittert eine gĂŒnstige Gelegenheit, Geld in die eigene Tasche zu stecken. Er sucht einen befreundeten Fuhrunternehmer auf und zweigt fĂŒr ihn und sich selbst jeweils 25.000 Dollar von der Gesamtsumme ab. AnschlieĂend arbeiten beide einen Finanzierungsplan aus, aus dem hervorgeht, dass der Bau der neuen Schule 50.000 Dollar teurer als geplant wird.
Der Dorfgemeinschaft, die von Finanzen nichts versteht, bleibt trotz aufkeimender Zweifel am BĂŒrgermeister und am Fuhrunternehmer nichts anderes ĂŒbrig als dem Plan zĂ€hneknirschend zuzustimmen.
Der BĂŒrgermeister macht daraufhin einen zweiten Abstecher zur Bank und beantragt einen weiteren Kredit ĂŒber 50.000 Dollar. Diesmal allerdings ohne Erfolg: Die Bank verlangt nĂ€mlich Sicherheiten, die der BĂŒrgermeister nicht bieten kann. Daraufhin geht er zu mehreren weiteren Banken â und wird von allen mit derselben BegrĂŒndung nach Hause geschickt.
Was nun…? Dem BĂŒrgermeister bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss sich an den Kreditgeber letzter Instanz wenden – den IWF. Als er dessen MittelsmĂ€nner kontaktiert, erlebt er eine groĂe Ăberraschung: Sie interessieren sich ĂŒberhaupt nicht dafĂŒr, ob er oder sein Partner seriös sind und ob der Kredit besichert ist oder nicht, sondern bewilligen das Geld sofort. Allerdings mit einer kleinen, aber entscheidenden EinschrĂ€nkung: Sie werden vor der Auszahlung der Summe noch ein Team ins Dorf schicken, das sich dort umsehen und dem BĂŒrgermeister anschlieĂend ein paar âVorschlĂ€geâ machen wird.
Die drei VorschlĂ€ge des IWF â alles zum Besten der Dorfbewohner
Wenige Tage spĂ€ter erscheint das Team des IWF, schaut sich um und schlĂ€gt dem BĂŒrgermeister anschlieĂend folgende MaĂnahmen vor:
1. Einer internationalen GroĂbank soll erlaubt werden, neben der örtlichen Bank, die die bescheidenen Vermögen der Dorfbewohner verwaltet und hin und wieder Kredite vergibt, eine eigene Filiale zu eröffnen und dort eine bunte Palette verschiedenster Finanzprodukte anzubieten. Offizielle BegrĂŒndung des IWF: Die Konkurrenz im Finanzwesen soll auf diese Weise belebt und den Dorfbewohnern so ein breiteres Spektrum an Anlagemöglichkeiten als bisher geboten werden.
2. Auf dem Wochenmarkt, auf dem die Bauern der Gegend an jedem Samstag ihr GemĂŒse und ihr GeflĂŒgel feilbieten, soll ab sofort ein Stand fĂŒr einen groĂen internationalen Nahrungsmittelkonzern reserviert werden. Das Argument des IWF: Die entstehende Konkurrenz wird den Wettbewerb fördern und den Dorfbewohnern so langfristig niedrigere Preise bescheren.
3. Der Brunnen in der Mitte des Dorfes soll einem international tĂ€tigen Investor ĂŒbergeben werden. Dieser Investor verfĂŒgt nach Aussagen des IWF ĂŒber groĂes Knowhow im Bereich Wasser und kann daher effizienter und wirtschaftlicher als ein öffentlicher Betrieb arbeiten.
Hoch erfreut darĂŒber, dass der IWF weder ihn, noch seinen korrupten Partner, den Bauunternehmer, auf ihre SeriositĂ€t hin ĂŒberprĂŒft, will der BĂŒrgermeister sofort einwilligen, doch der IWF stellt noch eine kleine, aber ihm sehr wichtige Zusatz-Bedingung: Der BĂŒrgermeister muss die VorschlĂ€ge selber als âLetter of intentâ (AbsichtserklĂ€rung) an den IWF richten, damit dieser sie anschlieĂend offiziell âakzeptierenâ kann.
Auch das tut der BĂŒrgermeister, und damit nimmt die Sache ihren Lauf: Der Kredit wird ausgezahlt â allerdings wiederum an eine kleine Zusatz-Bedingung gebunden: Sollte das Dorf in Zahlungsschwierigkeiten geraten, so muss es den IWF vor allen anderen GlĂ€ubigern des Dorfes auszahlen.
Die Folgen sind verheerend
ZunĂ€chst einmal brĂŒstet sich der IWF damit, dass er die Finanzsituation des Dorfes durch den Kredit âstabilisiertâ und den Bau der neuen Schule damit erst ermöglicht habe. Die Dorfbewohner jubeln ebenfalls, schlieĂlich freuen sie sich, dass ihre Kinder demnĂ€chst eine neue Schule besuchen können. Doch schon bald kommt es zu einer Reihe von Ereignissen, die das Leben in ihrem Dorf nachhaltig verĂ€ndern.
Wenige Tage nach der Vergabe des Kredites reiben sich die Dorfbewohner in der FrĂŒhe die Augen, denn der Brunnen in der Mitte des Dorfes ist abgedeckt und verschlossen. Davor steht ein Schild, dass das Wasser ab sofort gegen Bezahlung in einem Laden an der Ecke erhĂ€ltlich ist. In anderen Worten: Die Vergabe des Brunnens an den Investor hat dazu gefĂŒhrt, dass die Dorfbewohner von nun an fĂŒr ein Gut, das ihnen bisher kostenlos zur VerfĂŒgung stand, zahlen mĂŒssen. Und nicht nur das: Ab sofort sind sie bei der Befriedigung ihres Menschenrechtes auf Wasser von der Preisgestaltung des Investors abhĂ€ngig, dessen Interesse es natĂŒrlich ist, möglichst hohen Profit zu erzielen â das Ergebnis der Privatisierung.
Einige Wochen spĂ€ter erfolgt der nĂ€chste Schock: Die ersten GemĂŒse- und GeflĂŒgelbauern auf dem Markt mĂŒssen ihre StĂ€nde schlieĂen. Der Grund: Der internationale Nahrungsmittelkonzern hat sie durch Dumpingpreise in den Ruin getrieben. Sobald aber die letzten GemĂŒse- und GeflĂŒgelbauern ihre Betriebe geschlossen haben, erhöht der Nahrungsmittelkonzern seine Preise so krĂ€ftig, dass nur noch die wohlhabenden Dorfbewohner sich Fleisch und GemĂŒse leisten können. Das Prinzip der âLiberalisierungâ des Handels, also der Schaffung einheitlicher Wettbewerbsbedingungen fĂŒr Kleinbauern und GroĂkonzerne, hat so auf direktem Weg zum Ruin der bĂ€uerlichen Betriebe und geradewegs in die AbhĂ€ngigkeit von auslĂ€ndischen Nahrungsmittelkonzernen gefĂŒhrt. (Diese Politik hat im groĂen Stil dazu gefĂŒhrt, dass sĂ€mtliche afrikanische LĂ€nder, die frĂŒher Selbstversorger waren, heute Nahrungsmittel importieren mĂŒssen.)
Drei Monate spĂ€ter erleben die Dorfbewohner die nĂ€chste böse Ăberraschung: Die kleine Bank, bei der sie bisher ihre Sparkonten unterhielten, muss schlieĂen, weil sie mit den extrem gĂŒnstigen Konditionen der Filiale der GroĂbank nicht mithalten konnte. Sobald sie aber ihre Schalter geschlossen hat, verschlechtern sich die Konditionen der GroĂbankfiliale ganz rapid, so dass nur noch die wohlhabenden unter den Dorfbewohnern sich den Luxus eines Bankkontos (und dazu den Erwerb riskanter Papiere) erlauben können. Die âDeregulierung des Finanzwesensâ hat also zum Zusammenbruch des lokalen Bankwesens und direkt in die AbhĂ€ngigkeit von auslĂ€ndischen Geldgebern gefĂŒhrt.
Das Fazit: WĂ€hrend der BĂŒrgermeister und der Bauunternehmer die 25.000 Dollar, die sie den Dorfbewohnern gestohlen haben, unbehelligt behalten konnten, haben die StrukturanpassungsmaĂnahmen die Dorfbewohner dazu verurteilt, durch höhere Lebensmittelpreise, die AbhĂ€ngigkeit von einer auslĂ€ndischen Bank und den Verlust des Menschenrechts auf Wasser, gekoppelt mit der finanziellen AbhĂ€ngigkeit von einem Investor, fĂŒr die Korruption ihrer Finanz- und Wirtschaftselite aufzukommen.
Der IWF wÀscht seine HÀnde in Unschuld
Als sich nun einige empörte Dorfbewohner zusammentun und öffentlich gegen die Politik des IWF protestieren, verweisen dessen Vertreter auf den Letter of Intent des BĂŒrgermeisters und verkĂŒnden mit Unschuldsmienen, man habe doch nur nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und ausschlieĂlich solche MaĂnahmen durchgesetzt, die der demokratisch gewĂ€hlte Vertreter der Dorfbewohner dem IWF aus freien StĂŒcken angeboten habe …
22. September 2015
Artikel ebenfalls veröffentlicht auf antkrieg.com
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