Die zweite Schlacht von Trafalgar
DIESE WOCHE fand eine mĂ€chtige Schlacht auf den Wellen des Mittelmeeres statt. Sie wird als Ăquivalent von Salamis oder Trafalgar in die Geschichte eingehen.
In einem gewagten Manöver fing die Marine des Staates Israel den Feind ab: Er bestand aus der Jacht Marianne und den 18 Menschen an Bord. Israelische Marinekommandos kaperten das Schiff und schleppten es in den Hafen von Aschdod.
Der Admiral, der diese glorreiche Aktion kommandierte, ist bisher in aller Bescheidenheit anonym geblieben. Deshalb können wir ihn nicht mit einer SÀule im Zentrum Tel Avivs ehren, wie Admiral Horatio Nelson mit der NelsonsÀule auf dem Trafalgar Square in London geehrt wurde. Zu schade.
MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu lobte allerdings den Mut der Sieger in glĂŒhenden Worten und drĂŒckte Dankbarkeit und Bewunderung der Nation fĂŒr ihre furchtlose Tat aus.
ICH WĂRDE ja in diesem Stil weiterschreiben, aber selbst Sarkasmus hat seine Grenzen.
Die ganze Angelegenheit war ein MeisterstĂŒck an Dummheit.
Vor fĂŒnf Jahren versuchten einige Boote Gasa zu erreichen. Das sollte ein symbolischer Akt der UnterstĂŒtzung der belagerten Enklave sein – und die israelische Marine lieĂ sie passieren. Niemand hat die Angelegenheit je wieder erwĂ€hnt.
Dann kam die „tĂŒrkische Flotilla“: Einige Boote wurden von dem gröĂeren tĂŒrkischen Schiff Mavi Marmara angefĂŒhrt. An Bord waren Hunderte tĂŒrkischer und internationaler Friedensaktivisten. Dieses Mal waren Netanjahu und seine Ergebenen entschlossen, der Welt zu zeigen, dass Israel die Wellen beherrsche. Er befahl einen Angriff auf die Flotilla.
Israelische Marinekommandos wurden aus einem Hubschrauber auf das Deck der Marmara hinuntergelassen und im anschlieĂenden Wirrwar wurden neun TĂŒrken (darunter einer, der auch amerikanischer StaatsbĂŒrger war) getötet. Ein zehnter erlag spĂ€ter seinen Verletzungen. Alle waren unbewaffnet, aber sie leisteten gewaltfreien Widerstand.
Die anderen Boote wurden ohne gewaltsamen Widerstand gekapert. Alle wurden in den Hafen von Aschdod gebracht.
Die internationale Reaktion war enorm. FĂŒr viele wurde die Marmara zum Symbol von israelischer BrutalitĂ€t. Die Propaganda-Katastrophe zwang Netanjahu, alle Aktivisten und die Schiffsbesatzung aus der Haft zu entlassen und nach Hause zu schicken.
Dadurch ergab sich aus dem, was ein unbedeutender, schnell vergessener Zwischenfall hĂ€tte sein können, ein groĂartiger Sieg fĂŒr die Aktivisten. Die ganze Welt horchte auf. Die Blockade von Gasa wurde zum Mittelpunkt des internationalen Interesses.
NOCH SCHLIMMER waren die politischen Konsequenzen. Die TĂŒrkei wurde zum Feind.
Viele Jahre lang war die TĂŒrkei – und besonders die tĂŒrkischen StreitkrĂ€fte – zuverlĂ€ssige VerbĂŒndete Israels. Die beiden nicht arabischen MĂ€chte im Nahen Osten knĂŒpften geheime Beziehungen an. WĂ€hrend der Regierung David Ben-Gurions wurde eine „Theorie der Peripherie“ zum Eckpfeiler von Israels Regionalpolitik. Dieser Politik entsprechend schloss Israel inoffiziell eine Allianz mit den nicht arabischen Staaten, die die arabische Welt umgaben: der kemalistischen TĂŒrkei, dem Iran des Schah, Ăthiopien, dem Tschad und so weiter.
Israel verkaufte den TĂŒrken Waffen. Gemeinsame Armee-Manöver wurden abgehalten. SchlieĂlich wurden offene diplomatische Beziehungen hergestellt.
Das alles endete mit der Marmara-AffĂ€re (auĂer dem militĂ€rischen Teil, der im Geheimen fortgesetzt wird). GefĂŒhle wurden aufgewĂŒhlt. Die tĂŒrkische Ăffentlichkeit reagierte mit Wut. Israel weigerte sich, die hohen Wiedergutmachungen fĂŒr die leidtragenden Familien zu zahlen. (Verhandlungen darĂŒber sind immer noch im Gange.)
Der geschickte Politiker Recep Tayyip Erdogan nutzte den Zwischenfall dafĂŒr, die Fronten zu wechseln und den tĂŒrkischen Einfluss auf arabische LĂ€nder, die zum ehemaligen Osmanischen Reich gehört hatten, wiederherzustellen.
Was hat Israel bei dem Zwischenfall gewonnen? Gar nichts.
HAT DIE israelische Regierung irgendwelche SchlĂŒsse aus diesem Debakel gezogen?
Wie wĂ€re das möglich? FĂŒr sie war es ĂŒberhaupt kein Debakel, sondern eine bewundernswerte Demonstration von Israels Heldenmut und Entschlossenheit. Der Zwischenfall in dieser Woche war das unvermeidliche Ergebnis. Es wird noch mehr derartige Ergebnisse geben.
Um die Ergebnisse einer feindlichen Begegnung abzuwĂ€gen, muss man die Frage stellen, was jede der beiden Seiten ursprĂŒnglich erreichen wollte.
Die Organisatoren der Flotillas wollten eine Provokation veranstalten, um die Aufmerksamkeit der Welt auf die schÀndliche Blockade zu lenken. Von ihrem Standpunkt aus diente die Reaktion Israels ihrem Zweck auf wunderbare Weise.
Netanjahu möchte die Blockade aufrechterhalten und so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Von diesem Standpunkt aus waren die Angriffe konterproduktiv. Sie waren, kurz gesagt, dumm.
DIE WICHTIGSTE Frage ist natĂŒrlich: Warum um Gottes willen gibt es diese Blockade ĂŒberhaupt? Welchem Zweck dient sie?
Offiziell ist ihr Zweck der, zu verhindern, dass Waffen in den Gasastreifen geschmuggelt werden, mit denen die Hamas dann Israel angreifen wĂŒrde.
Wenn es darum geht – wozu dann das ganze Drama? Boote, die angeblich Medizin und Nahrungsmittel nach Gasa bringen sollen, können mit allseitigem EinverstĂ€ndnis in ihren AbgangshĂ€fen durchsucht werden. Die Organisatoren können sich dieser Forderung nicht widersetzen, ohne Verdacht zu erregen.
Die andere Möglichkeit ist, die Boote auf hoher See aufzuhalten, zu durchsuchen und weiterfahren zu lassen. Eine solche MaĂnahme ist recht ĂŒblich.
Die israelische Regierung hat diese Möglichkeiten nicht genutzt und damit den Verdacht erregt, dass der Zweck der Blockade ein ganz anderer ist: Der Zweck ist zu verhindern, dass irgendwelche Lieferungen Gasa erreichen, sodass das ĂŒbervölkerte Gebiet vollkommen von den Lieferungen, die aus Israel kommen, abhĂ€ngig ist. Israel lĂ€sst nur das Lebensnotwendigste passieren.
Der geheime Zweck ist, die 1,8 Millionen Bewohner, deren Mehrheit Nachkommen von FlĂŒchtlingen aus Israel sind, am Rande des Verhungerns dahinvegetieren zu lassen, um sie dazu aufzustacheln, die Machthaber der Hamas zu stĂŒrzen. Wenn das der Fall ist, war es ein elender Misserfolg. Im Gegenteil, unter dem grausamen Druck schlieĂen sich die Einwohner nur umso enger der Hamas an. SchlieĂlich ist die Hamas kein auslĂ€ndischer Eindringling, sondern sie besteht aus BrĂŒdern und Söhnen der Bewohner.
Auch wenn wir die Frage beiseitelassen, ob die Blockade nach dem Völkerrecht legal sei, so hat sie doch ganz gewiss nicht das gehalten, was Israel sich davon versprochen hat. Die Regierung der Hamas sitzt anscheinend so fest im Sattel wie eh und je.
DA DAS SO ist, könnte man die entgegengesetzte Möglichkeit vorschlagen: Warum sollte man nicht die Blockade ganz und gar aufheben? (Huch!)
Ich kann mir eine Situation vorstellen, in der die Grenzen und der Zugang zum Meer offen sind. Nahrungsmittel, Medizin, Baumaterialien und alles andere auĂer Waffen flieĂt aus allen Richtungen in den Gazastreifen – ĂŒbers Meer und ĂŒber Land von Ăgypten und Israel.
Warum sollen die Bewohner von Gasa keinen Hafen bauen oder einen schwimmenden Hafen bekommen? Warum sollen sie ihren Flughafen nicht wieder in Betrieb nehmen? Die schönen GebÀude, die sie einmal in der NÀhe von Dahaniya gebaut haben, wurden von unseren StreitkrÀften zerstört. Warum sollte man sie nicht wieder aufbauen?
Die einfache Logik sagt uns, dass die Menschen in Gasa, je mehr sie zu verlieren haben, umso weniger dazu neigen werden, einen weiteren Krieg zu provozieren. Wenn wir wirklich Ruhe und Beschaulichkeit wollen, können wir sie nur auf diese Weise erreichen.
Ja, aber wie steht es mit Waffen? Eine strenge Ăberwachung durch internationale Kontrolleure mĂŒsste erfolgen. Das hat es schon frĂŒher in der Geschichte gegeben. Kein Problem.
HINTER DER Dummheit hinsichtlich der Taktik in dieser Angelegenheit lauert eine viel gröĂere Dummheit hinsichtlich der gröĂeren Strategie.
Die AtmosphĂ€re im Nahen Osten ist voller GerĂŒchte ĂŒber einen gegenwĂ€rtigen geheimen Versuch, einen Waffenstillstand, ja sogar etwas wie eine Allianz zwischen Israel und der Hamas zu schmieden.
Das grĂŒndet sich auf die Abneigung der israelischen Regierung, den Gasastreifen mit seinen 1,8 Millionen palĂ€stinensischer Araber zu erobern. Das ist nicht nur ein Sicherheitsproblem – ein Guerillakrieg der Hamas wĂ€re gewiss -, sondern etwas viel Schlimmeres. Was alle israelischen Regierungen, die rechten wie die linken, erschreckt, ist die Demografie. 1,8 Millionen weitere Araber, die sich fortwĂ€hrend vervielfachen? Ein Albtraum fĂŒr Zionisten!
In allen TrĂ€umen von der Annektierung des Westjordanlandes wird der Gazastreifen immer ausgespart. Es stimmt, er gehört geografisch und historisch zu „Eretz Israel“, aber wer will ihn? Zum Teufel damit!
Unsere gegenwĂ€rtige Regierung, die sich aus extremen Rechten zusammensetzt, möchte am Ende das Westjordanland annektieren, und zwar mit so wenigen arabischen PalĂ€stinensern wie möglich. Aus diesem Grund ist Mahmoud Abbas (Abu Mazen) ein weit gefĂ€hrlicherer Gegner Netanjahus und seinesgleichen als die Hamas. Abbas wird international Anerkennung gezollt. Er genieĂt zunehmend die UnterstĂŒtzung der UNO und der USA.
Nach dieser Logik könnte man erwarten, dass Netanjahu Abbas bekĂ€mpft und die Hamas bei ihrer Schaffung eines Ministaates in Gasa unterstĂŒtzt. Aber er benimmt sich wie ein Kind, das sich zwischen zwei SĂŒĂigkeiten entscheiden soll: Er will beide.
Deshalb versucht er Abbas zu schwĂ€chen und kĂ€mpft gleichzeitig seine ruhmreichen Schlachten auf hoher See gegen die Hamas. Aber er fĂŒhrt auch geheime Verhandlungen mit seinen neuen Freunden Saudi-Arabien und Ăgypten, um einen langfristigen Waffenstillstand („hudna“) mit der Hamas zu schlieĂen.
Das ist kompliziert? Das ist es wirklich.
ETWAS PERSĂNLICHES: Ich wurde gefragt, warum ich nicht auf dem Boot gewesen sei, das in dieser Woche versuchte, die Blockade zu brechen.
Ehrlich gesagt: Ich wĂ€re gern in das Boot gestiegen. Ich liebe das Meer. Ich liebe Boote. Ich hĂ€tte die Gesellschaft des frĂŒheren tunesischen MinisterprĂ€sidenten und des arabischen Knesset-Abgeordneten, die auf dem Boot waren, sehr genossen. Die Blockade brechen hĂ€tte mich sehr gereizt.
Das Problem ist, dass die Organisatoren dieser Flotillas auf einem politischen Programm bestehen, das die Existenz des Staates Israel negiert. Sehr Àhnlich wie die Organisatoren von BDS bestehen sie auf dem Hirngespinst vom Einen Staat.
Ich glaube an Frieden. Frieden bedeutet Frieden zwischen den beiden Staaten Israel und PalĂ€stina. Ich unterstĂŒtze den Kampf der PalĂ€stinenser um UnabhĂ€ngigkeit, das gehört zu meinem Kampf fĂŒr ein friedliches demokratisches Israel.
Deshalb habe ich die Zweite Schlacht von Trafalgar verpasst.
4. Juli 2015
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
