Seehofers Sondersendung: Die Machtdeflation des Systems Merkel setzt sich fort
Das Interview vom CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer gestern im ZDF Heute Journal darf man sich wirklich nicht entgehen lassen. Es ist das Dokument einer dramatischen Machtdeflation des System Merkel, das keine Alternative mehr hat, als seinem Verfall entgegen zu sehen.
Horst Seehofer wirkt am Montag Abend regelrecht erschöpft. Er wirkt so erschöpft, daĂ er die ĂŒblichen Floskeln und Benimmregeln im Laufe des Interviews einfach beiseite wirft und einigermaĂen frank und frei ausspricht, was er bezĂŒglich der Situation der Union aus CDU und CSU denkt. NatĂŒrlich geht es dabei immer auch um die Situation des die eigenen MitgliedslĂ€nder zerstörenden Staatenbundes „EuropĂ€ischen Union“, als dessen Interessen-Proxy CDU und CSU (wiederum Teil der EU-„EuropĂ€ischen Volkspartei“) agieren und dieser Funktion alle anderen politischen Inhalte untergeordnet haben, ĂŒbrigens genauso wie alle anderen Bundestagsparteien als Teil ihrer EU-Einheitsparteien, „Sozialdemokratische Partei Europas, „EuropĂ€ische GrĂŒne Partei“, „EuropĂ€ische Linke“, etc, (die „EuropĂ€ische Piratenpartei“ ist ĂŒbrigens derzeit in Vorbereitung).
Seehofer fordert in dem Interview mit dem zunehmend fassungslosen Claus Kleber, der seine Chance auf das erste echte Interview seines Lebens wittert und auch nutzt, einen Sondergipfel der Leiter der Berliner Regierungsparteien CDU, CSU und FDP und versucht zuerst auch noch mĂŒde die eigenen Aussagen zu dementieren, nicht einmal mehr mit Merkel zu telefonieren, geschweige denn an KoalitionsausschĂŒssen teilnehmen zu wollen. Dabei fragt man sich, ob der CSU-Vorsitzende nicht begreifen will oder kann oder schlicht so tut als wĂŒsste er nicht, daĂ Madame Alternativlos im Kanzleramt mit Norbert Röttgen eine weitere Alternative zu sich abgeschossen hat.
Waren der RĂŒcktritt des hessischen MinisterprĂ€sidenten Roland Koch (CDU), der RĂŒcktritt des BundesprĂ€sidenten Horst Köhler (CDU) und die Nominierung des niedersĂ€chsischen MinisterprĂ€sidenten Christian Wulff (CDU) fĂŒr das BundesprĂ€sidentenamt im Sommer 2010 noch eine Rochade, meiner EinschĂ€tzung nach unter Einwilligung aller Beteiligten, so diente die Idee Norbert Röttgen als CDU-Landesvorsitzenden zum Spitzenkandidaten einer von Anfang an fĂŒr die CDU verlorenen Wahl in NRW auszurufen, zu nichts als einer gezielten politischen Hinrichtung, mit der Win-Win-Strategie, im Falle eines Wahlsieges Röttgen wenigstens einvernehmlich nach DĂŒsseldorf abzuschieben, wie Anfang 2010 den CDU-MinisterprĂ€sidenten GĂŒnther Oettinger von Baden-WĂŒrttemberg nach BrĂŒssel.
Röttgen lieĂ sich, fĂŒr mich wirklich unfassbar, auf diese eigene politische Hinrichtung ein, die in dem Augenblick begann, als er seiner Kandidatur in NRW zustimmte. Sein Konterversuch in letzter Sekunde, daĂ ja auch ĂŒber Merkel und die Euro-Politik in NRW abgestimmt wĂŒrde, mithin die Finanzdiktatur aus Deutschland ĂŒber halb Europa, musste Röttgen dann auch noch zurĂŒckziehen. Ein Debakel.
Das Fazit der NRW-Wahl werden die Kollegen (die Strategen des Kanzleramtes) als einen Erfolg fĂŒr Merkel darstellen. Sie hatte wieder einen Konkurrenten beiseite geschafft und sich selbst als Madame Alternativlos bewiesen.
DiesbezĂŒglich muss jetzt endlich mal begriffen werden: in dem System Merkel geht es nur um Kontrolle. Und Kontrolle, so die Philosophie dieses Systems und damit unserer Gegner, erlangt man durch Machtbeweise. Diese Machtbeweise wiederum bestehen entsprechend in der DemĂŒtigung derer, die man kontrollieren will, weil nur Demut die Kontrolle des zu kontrollierenden Objektes gewĂ€hrleistet. Jeder Folterer in den GeheimgefĂ€ngnissen weltweit agiert nach diesem Prinzip. Genauso tun es FunktionĂ€re in MilitĂ€r und Parteien.
Nach solcher Logik baut das System Merkel auf der DemĂŒtigung aller potentiellen „GefĂ€hrder“ ihrer Position, ihrer Macht und des um sie herum errichteten Systems auf. Und das sind nicht nur ranghohe FunktionĂ€re der eigenen Partei, sondern natĂŒrlich auch die eigene Partei, alle anderen Parteien (wenn sie nicht Teil dieser Machtarchitektur sind) und alle entsprechend „gefĂ€hrdenden“ WĂ€hler und „KrĂ€fte“ innerhalb der Gesellschaft.
In letzter Konsequenz basiert damit das System Merkel auf der DemĂŒtigung des Volkes. Und nicht nur dieses Volkes, sondern jedes Volkes. Zu nichts anderem nĂŒtzt das ganze ĂŒber die europĂ€ischen Demokratien verhĂ€ngte Spardiktat, die brutale Diktatur der Banken ĂŒber die Menschen in Europa: zur Unterwerfung durch DemĂŒtigung. Zu nichts anderem nĂŒtzten auch die MaĂnahmen des Merkel voran gegangenen Systems Schröder im Inland, die Hartz-Gesetze, die Lohnsenkungen, die Entstaatlichung / „Privatisierung“, die Entfesselung der KapitalmĂ€rkte. Der gleichen Logik der Kontrolle durch DemĂŒtigung – Bespitzelung, Spionage, EinschrĂ€nkungen von BĂŒrgerrechten, bis hin zum versuchten MilitĂ€reinsatz im Inneren – folgte die spĂ€ter unter dem Innenminister der groĂen Koalition von SPD, CDU, CSU, Wolfgang SchĂ€uble, vollzogene Entdemokratisierung, die erst der Berliner FrĂŒhling, mit massenhaften Verfassungsbeschwerden und schlieĂlich 100.000 fĂŒr „Freiheit statt Angst“ demonstrierenden BĂŒrgerrechtlern am 11. Oktober 2008 vor dem Brandenburger Tor, zum Stehen brachte.
Exakt diesen Kreuzzug, den Wolfgang SchĂ€uble als damaliger Innenminister Merkels gegen das Grundgesetz als der Schutzmacht der WĂŒrde des Menschen fĂŒhrte, exekutiert er nun als Merkels Finanzminister. Und er exekutiert, als elementarer Baustein des System Merkel, diesen Kreuzzug nun gegen alle Menschen in den europĂ€ischen Demokratien.
Horst Seehofer hat gestern als gedemĂŒtigter Handlanger dieses Systems Merkel ein klein wenig Dampf abgelassen. Das ist gestern passiert. Ob diese Sondersendung des CSU-Vorsitzenden irgendeine relevante Ănderung des auf Entdemokratisierung und EntsouverĂ€nisierung nicht nur Deutschlands, sondern auch Frankreichs, Polens, Tschechiens, Griechenlands, Italiens, Spaniens, und eben der jeweiligen dort agierenden Parteien programmierten Systems Merkel herbei fĂŒhren wird, darf bezweifelt werden. Seehofer verliert, genau wie die CSU, dramatisch an Bedeutung, ja an Substanz. Die politischen Akteure in der Republik Deutschland und den europĂ€ischen Demoratien sind sowieso nicht in irgendwelchen Parteien zu finden; die hampeln und stolpern nur hinterher und reden dazu wirres Zeug.
Die wirkliche Konfrontation spielt sich zwischen zwei ganz anderen „Parteien“ ab: denjenigen, die die Menschen kontrollieren und ausplĂŒndern wollen, aus welchen Motiven auch immer, und denjenigen, fĂŒr die der sterbende britische Schriftsteller Harold Pinter in seiner Nobelpreisrede am 7. Dezember 2005 sprach:
„Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als BĂŒrger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufĂ€llt. Sie ist in der Tat zwingend notwendig.
Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben â die WĂŒrde des Menschen.“
Wer kann nun, fast sechseinhalb Jahre spĂ€ter, sagen, daĂ er diesen Worten gerecht wurde? Wer kann sagen, zur Bestimmung der Gesellschaft durch ihre Menschen mit eben jener unbeirrbaren, heftigen intellektuellen Entschlossenheit beigetragen zu haben, von der Harold Pinter als einer der vielen KĂŒnstler der Welt sprach, die sich in den letzten 10 Jahren fĂŒr ihre Mitmenschen aktiviert haben um diesen Kreuzzug gegen die Menschlichkeit aufzuhalten, anstatt faul, feige und korrupt sich an von Konzernen und Monopolen kontrollierten Privilegien des „geistigen Eigentums“ zu klammern? Wer kann heute in Deutschland sagen, daĂ er fĂŒr die Interessen des Volkes eintritt, anstatt fĂŒr die Interessen seiner Kontrolleure, der PlĂŒnderer und Manipulatoren?
Die Machtdeflation des Systems Merkel wird sich fortsetzen. Zeitzeugen gilt es, nichts zu verpassen, wenn sie schon nichts dazu beigetragen haben.
