Demokratie-Begriff erreicht Informationsindustrie

Aktuelles Feuilleton Verfassung, Demokratie

"Demokratie? Bin ich nicht für zuständig": Im Berliner "Tagesspiegel" rutscht ein erstaunlicher Artikel durch die Euro-Zensur.

In einem für dieses Tagschläfer-Blatt so unerwarteten demokratischen Anfall darf im "Tagesspiegel" der Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, Harald Welzer, das schreiben, was unabhängige Medien wie Radio Utopie der gleichgeschalteten Informationsindustrie (ehemals "Presse") , der gleichgeschalteten Parteien-Gilde ("Politik"), der ganzen ebenfalls fürs Rumsitzen, Rausreden und Lügen bezahlten Kaste der Akademiker, sowie der gesamten gleichgeschalteten Horde verblödeter Barbaren (ehemals: Gesellschaft) seit Jahren ins Ohr brüllen.

"Die Institutionen versagen, die Politik verabschiedet sich. Unser System verdampft, weil der Markt allein das Geschehen reguliert. Und alle schauen zu."

Jetzt müsste ich eigentlich schreiben "Wir haben immer gesagt...". Und dann: "Erst heute wurde bekannt...". Aber lassen wir das.

"Und kein Philosoph oder Linguist entlarvt das Marktgefasel als Werfen von ideologischen Nebelkerzen, kein Politikwissenschaftler, keine Soziologin beschreibt den historisch beispiellosen Raubzug, der vor ihren Augen stattfindet, kein Historiker seine Folgen für die künftigen Blockierungen einer gestaltenden Bildungs-, Wissenschafts-, Umwelt-, Sozial- oder Gesundheitspolitik."

Wissen Sie, welches Wort da fehlt? "bezahlt". Versuchen Sie heraus zu finden, wo es hingehört. Und dann versuchen Sie heraus zu finden, von wem all diese Leute fürs Rumsitzen, Rausreden und Lügen bezahlt wurden.

"Weiß eigentlich jemand, woran Demokratien scheitern? Nein."

Ich widerspreche da Harald Welzer gern. Sie scheitern an fehlenden Demokraten, die über so etwas wie Hoden verfügen. Nun, sagen wir Rückgrat. Das gefällt dann auch den GenossInnen und FreundInnen und KollegInnen und allen anderen HochverräterInnen, die seit Gründung der "Europäischen Union" vor fast 20 Jahren in einem nie öffentlich ausgesprochenen oder erwähnten Pakt und Stillhalteabkommen von SPD, Grünen, DGB-Kapitalschaften, PDS / Linke GmbH und Banken für die Errichtung eines transstaatlichen und erklärtermaßen auf die Erzwingung einer "europäischen Einigung" ausgerichteten Finanzsystems den Staatsstreich gegen die europäischen Demokratien und ihre Verfassungen geplant, organisiert und betrieben haben.

"Dabei sind moderne Gesellschaften womöglich viel stärker durch höchst systemkonform aussehende suprastaatliche Akteure gefährdet als durch Terroristen."

Ich fühle mich irgendwie so inspiriert. Ich stehe auf der Mauer einer Schutz- und Trutzburg. Es geht mir irgendwie so müde, so müde. Ich stütze mich auf mein Instrument / Keule / Schwert / whatever und sehe sie langsam und vorsichtig die Treppe hoch schleichen. Nur mal gucken. Die Köpfe recken sich, um einen Blick durch die Mauer-Scharten zu erhaschen.
Da höre ich mich selbst reden. "Ihr könnt jetzt kommen. Die bösen Leute sind weg."

"Es ist erschütternd, wie ganze Gesellschaften inklusive ihrer Deutungseliten dabei zuschauen, wie sie entdemokratisiert werden. Die Verantwortungslosigkeit liegt dabei vielleicht gar nicht so sehr bei den Politikern oder der Kanzlerin, die wie Laborratten durch ein verhaltenswissenschaftliches Experiment gejagt werden und unter Stress den Ausgang immer an der falschen Stelle suchen."

Hier liegt ein kleines Mißverständnis vor. Diese Laborratten haben weiße Kittel an und rennen durch die Labore. Weil sie Angst vor dem bekommen haben, mit dem sie auf dem Planet der Menschen experimentiert haben.

"Es steht zu befürchten, dass Demokratien unter Stress genau daran scheitern: nicht an der abgelaufenen Halbwertzeit der Macht wie im Fall von Diktaturen, sondern an einer kollektiven Haltung von Unzuständigkeit."

Ein schöner Satz. Ein guter Satz.

"Wenn niemand die Demokratie für seine eigene Angelegenheit hält, hat sie sich schon erledigt."

Nun, ich würde es etwas anders formulieren. Wenn keiner mehr die Demokratie für seine Angelegenheit hält, muss es eben ein Niemand tun.

(...)

Kleine Auswahl von seit Gründung von Radio Utopie Anfang 2007 geschriebener Artikel:
13.12.2011 Den grünen Euro-Finanzimperialisten ist das Grundgesetz nicht “europatauglich” genug
06.12.2011 Sigmar Gabriel und Heribert Prantl kriechen aus ihren Pyramiden
05.12.2011 Die nächste Verräterpartei: die Piratenpartei
05.11.2011 SPD-ex-Kanzler Schröder ruft EU-Antidemokraten zum Angriff auf das Grundgesetz auf
26.08.2011 Die Schatten-Fraktion des Deutschen Bundestages
27.03.2010 DIE GRIECHENLAND-KRISE (III): Das “nächste Lehman Brothers” – die Entstaatlichung der Staaten
07.10.2008 Der finanzielle Reichstagsbrand: Chronologie eines kalten Staatsstreichs durch eine inszenierte Krise

Quelle (und zum Lesen sehr zu empfehlen): http://www.tagesspiegel.de/kultur/demokratie-bin-ich-nicht-fuer-zustaendig/5976282.html