Sparpaket nicht gestoppt: Was ist los mit den sozialen Bewegungen?
HeiĂer Herbst blieb aus
Berlin – Am 26. November das „Sparpaket stoppen! Bundestag belagern!“, so lautete der Aufruf des Berliner BĂŒndnisses „Wir zahlen nicht fĂŒr Eure Krise“.
Die Absicht: Am letzten Tag der Haushalteberatungen in die Bannmeile des Bundestags einzudringen und den Abgeordneten rote Karten fĂŒr ihre höchst unsozialen KĂŒrzungen zu Lasten von ausschlieĂlich armen Menschen zu zeigen, wĂ€hrend die Profiteure der Krise weiterhin belohnt werden. Doch dazu kam es nicht.
Seit Monaten mobilisierte ein BĂŒndnis aus Gewerkschaften, Linkspartei, linken Gruppen, SchĂŒler, Studierenden, Erwerbslosen hin auf den Tag „X“. Angesichts der Breite der unterstĂŒtzenden Organisationen und vielen Einzelpersonen waren die Erwartungen groĂ und wurden nicht im Ansatz erfĂŒllt.
„Ohne die Beteiligung der SchĂŒler wĂ€re die Aktion ein totales Desaster geworden“, so das Urteil eines Erwerbslosenaktivisten gegenĂŒber dem Freitag (27.November http://www.freitag.de/politik/1047-rote-karten-an-der-siegessaeule).
Mehrere Tausend Menschen hatten zunĂ€chst an einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor teilgenommen, spĂ€ter setzte sich dann ein Demonstrationszug in Richtung GroĂer Stern in Bewegung. Ein Drittel der etwa 2.000 bis 3.000 Teilnehmer waren Berliner SchĂŒler, die dem Aufruf des BĂŒndnisses „Bildungsblockaden einreiĂen“ gefolgt waren. Bei dieser fĂŒr Berliner VerhĂ€ltnisse sehr geringen Resonanz konnte von einer Bundestagsbelagerung nicht im Ansatz die Rede sein. Zudem verhinderte der massive Polizeieinsatz jeden Versuch, auch nur in die NĂ€he des Bundestags zu gelangen. So konnte Schwarz-Gelb auch ihr KĂŒrzungspaket beschlieĂen, ohne etwas von den Protestaktionen mit zubekommen. Die roten Karten wurden dann schlieĂlich an der SiegessĂ€ule, weit ab vom Regierungsviertel gezeigt.
Auch die fĂ€lschlicherweise verkĂŒndete Durchsage, Teilnehmerinnen und Telnehmer hĂ€tten die CDU-Bundesparteizentrale besetzt, fĂŒhrte nur dazu, dass EinsatzkrĂ€fte der Polizei sehr schnell die Parteizentrale abriegelten, so dass es erst gar nicht zu einer Besetzung kommen konnte und gut 800 Aktivistinnen und Aktivisten allenfalls den Verkehr fĂŒr einige Zeit lahm legen konnten. Eine Besetzung hatte zu keinem Zeitpunkt stattgefunden.
Nach der abgesagten Bankenblockade (18. Oktober) in Frankfurt am Main, der „Kaumbeteiligung“ der Belagerung des Landesparteitages der CDU-NRW in Bonn am 6. November, sollte der der „Tag X“ der Höhepunkt des heiĂen Herbst der sozialen Bewegungen sein. Doch mit dem am Freitag einsetzenden Winter, blieb dieser Tag dann doch sehr kalt. Die radikale Linke blieb auch diesmal wieder weitgehend unter sich, obwohl die eher gemĂ€Ăigte Partei „DIE LINKE“ den Tag als wichtig proklamierte und Gregor Gysi als Top-Act ins Rednerpult schickte. Aber auch ihr gelang es nicht, nennenswerte Mitgliederbeteiligung zu mobilisieren.
Was ist los mit den sozialen Bewegungen?
Warum finden die Aufrufe der sozialen Bewegungen so wenig Resonanz bei den Betroffenen? An einer abnehmenden Protestkultur kann es kaum liegen, denn die Proteste gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs oder den Castortransport zeigen ein anderes Bild. Es mögen viele GrĂŒnde zur Verteidigung angefĂŒhrt werden: der einsetzende Winter, die HeterogenitĂ€t von Erwerbslosen, die Separation von Hartz IV-Beziehern, die mit HĂ€me angefĂŒhrte Behauptungen, wonach es den Betroffenen noch nicht schlecht genug zu gehen scheint, ein dominanter Einfluss linker Gruppierungen, ein schier ĂŒberschaubare und zum Teil konkurrierender Aktivistengruppen, kaum Beteiligung der Gewerkschaften und vieles mehr.
Sie erklĂ€ren aber keineswegs das Fernbleiben der Menschen, die von den KĂŒrzungen unmittelbar betroffen sind. Unsere europĂ€ischen Nachbarstaaten zeigen jedoch ein anderes Bild, wenn es um Einschnitte im Sozialbereich geht. Einzig die Demonstration der Erwerbslosen „Krach schlagen statt Kohldampf schieben. Mindestens 80 Euro fĂŒr Lebensmittel sofort!“ am 10. 10. in niedersĂ€chsischen Oldenburg schien ein Erfolg, auch medial – fĂŒr die sozialen Bewegungen und besonders fĂŒr die Erwerbslosenbewegung zu sein. Aber auch hier: 3.000 Teilnehmer sind fĂŒr die herrschende Klasse nicht mal im Ansatz ein Bedrohungspotential, dass sie zu VerĂ€nderungen in ihrer Politik bewegt.
Dennoch zeigte dieser Protest, dass es nicht um Beliebigkeit von Themen geht, sondern die Konzentration auf das Wesentliche, nÀmlich die Existenzsicherung von Produzenten und Konsumenten versus Preisdiktat der Billigdiscounter, somit um die ErnÀhrung mit Sozialleistungen sowie die Bedingungen und des Einkommen der Erzeuger deren BeschÀftige geht. Somit um die soziale Frage.
Was also lernen vom scheinbar erfolgreichen Protest gegen Stuttgart21, dem Castor-Transport oder unseren europÀischen Nachbarn? Gibt es ein Crossover zwischen den verschiedenen Protesten und ihrem gesellschaftlichen Hintergrund?
DarĂŒber diskutierten anlĂ€sslich der linken Literaturmesse (19. November) Martin Behrsing vom Erwerbslosenforum Deutschland, Michael PrĂŒtz (Berliner BĂŒndnis »Wir zahlen nicht fĂŒr eure Krise«), Paul Sandner (Schmetterling-Verlag und Aktivist der Bewegung gegen Stuttgart 21) sowie Michael Wilk (Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden und aktiv in der Anti-AKW-Bewegung). Auch hier stellte sich sehr schnell heraus, die soziale Frage verbindet die verschiedenen Bewegungen nicht.
Die erfolgreichen Proteste gegen Stuttgart21, den Castor-Transporten oder Anti-Nazi-Demonstrationen werden eher von der bĂŒrgerlichen Mittelschicht getragen und haben keineswegs eine linke Perspektive, sondern sind allenfalls radikal-demokratisch (Paul Sander). Dies erklĂ€rt auch den derzeitigen Sympathieaufschwung fĂŒr BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen. Auch eine Betrachtung der Protestbewegungen und BĂŒrgerinitiativen seit den 70iger Jahren zeigt immer wieder auf, erfolgreicher Protest fand nur dann statt, wenn sich die bĂŒrgerliche Mitte beteiligte und die soziale Frage nicht im Vordergrund stand. Es scheint, das Auslassen der sozialen Frage ist eine psychologische Abwehrhaltung, um der Angst gegen den Verlust der eigenen Klasse zu begegnen. Mithin scheinen die Verleugnungen der realen Armut von vielen Vertretern der bĂŒrgerlichen intellektuellen Schicht erklĂ€rbar und erklĂ€rt auch, warum es sozialen Bewegungen kaum gelingt, nennenswerten Protest zu mobilisieren. Deklassierte resignieren eher als sich zu wehren. Es kommt somit drauf an, in wie weit es den sozialen Bewegungen gelingen kann, exponierte Vertreter der bĂŒrgerlichen Mitte fĂŒr das Anliegen der Deklassierten zu gewinnen, um die soziale Frage als das solidarisch verbindende Element weiter Teile unser Gesellschaft in den Vordergrund zu rĂŒcken, ohne sich von der bĂŒrgerlichen Mitte vereinnahmen zu lassen.
Kontakt: Martin Behrsing 0160/99278357 (Erwerbslosen Forum Deutschland)
