Kunduz: Journalist enthüllt Einzelheiten des deutschen Kriegsverbrechens

Afghanistan: Ein Journalist des "Guardian" schafft es, Familienangehörige von Opfern des vom deutschen Militär befohlenen Luftangriffs zu interviewen. Was er berichtet, ist entsetzlich.

Am 11.September war der Artikel von Ghaith Abdul-Ahad im britischen "Guardian" (1) erschienen. Am heutigen Sonntag nun veröffentlichte "Schall und Rauch" (2) eine Übersetzung. Auszüge:

" "Wir erkannten keinen einzigen der Toten als wir ankamen", sagte Omar Khan, der Anführer des Dorfes Eissa Khail. "Es war wie wenn eine chemische Bombe eingeschlagen hätte, alles war verbrannt. Die Leichen sahen so aus", dabei krallte er seine Finger an beiden Händen um die Verunstaltung zu zeigen. "Sie sahen aus wie verbrannte Baumstämme oder Holzkohle.“

"Die Dorfbewohner stritten sich um die Leichen. Die Leute sagten das ist mein Bruder, das ist mein Cousin, aber niemand konnte wirklich jemand erkennen." So schritt der Ältestenrat ein und brachte alle Leichen und Körperteile an eine Stelle zur Verteilung. Die Menschen wurden aufgefordert zu sagen wie viele Verwandte jede Familie verloren hatte.

Eine Warteschlange bildete sich. Einer nach dem anderen der Hinterbliebenen gab die Namen der vermissten Brüder, Vettern, Söhne und Neffen an, und jeder wiederum erhielt seine Quote an Leichen. Es spielte keine Rolle, wer wer war, alle waren ohnehin bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Wichtig war, dass sie einen Körper zum begraben hatten und für den sie beten konnten..

Jan Mohammad, ein alter Mann mit weissen Bart und grüne Augen sagte wütend: "Ich rannte, rannte um meinen Sohn zu finden, weil mich niemand per Anhalter mitnahm. Ich konnte ihn nicht finden."

Er stützte den Kopf auf dem Tisch und begann mit dem Kopf gegen seine Hände zu stossen. Als er den Kopf hob waren seine Augen rot und Tränen rollten über seine Wangen: "Ich konnte meinen Sohn nicht finden, so nahm ich ein Stück Fleisch mit mir nach Hause und ich nannte es meinen Sohn. Ich sagte meiner Frau wir hätten ihn gefunden, aber ich liess nicht seine Kinder oder jemand anders es sehen. Wir haben das Fleisch begraben, wie wenn es mein Sohn wäre." "

Zwei Zeugen sagen gegenüber dem "Guardian" aus, dass am Freitag (04.09.) letzter Woche der Luftangriff gegen 01.00 Uhr nachts erfolgte. Das widerspricht den Behauptungen von Isaf-Kommandeur Oberst Georg Klein. Dieser hatte von einem Angriffsbefehl auf die Menschenmenge rund um die Tanklaster um 02.30 Ortszeit gesprochen.

Derweil versucht die Kriegs, Militär- und Regierungslobby alles, um Klein zu halten. Bundesinnenminister Schäuble nahm die wiederholte Vorlage der Fraktionsführer von "Die Linke" im Bundestag, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, dankbar auf und rechtfertigte den Massenmord des deutschen Militärs in Afghanistan mit der Behauptung von "Terrorgefahr" in Deutschland (3). Gysi und Lafontaine hatten nach dem Massenmord mehrfach genau davor gewarnt (4,5,6) ohne ein einziges rationales Argument dafür vorzubringen, warum und wer ein Attentat in Deutschland verüben sollte, wegen einem Krieg des deutschen Militärs in Afghanistan, den die Deutschen ablehnen.

Der oberste deutsche Militär, Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, stellte sich derweil hinter Isaf-Kommandeur Klein und verkündete im deutschen Militärfernsehen, er gehe davon aus dass der Befehl zum Massenmord

"erst nach sorgfältiger Beurteilung der Gesamtlage und in der Absicht getroffen wurde, erheblichen Gefahren für die eigenen und verbündeten sowie für die afghanischen Sicherheitskräfte zuvorzukommen."

Ebenfalls am Freitag gab das Verteidigungsministerium in Berlin indirekt zu, dass vor dem Bombardement der beiden Tanklaster "höhere Stellen in Afghanistan mit der Möglichkeit eines Luftschlags befasst gewesen sein" mussten. (3)

Laut Aussagen des Bundestagsabgeordneten Winkelmeier waren die in unmittelbarer Nähe des deutschen Militärstützpunktes an einem "vorgetäuschten" Checkpoint "entführten" Tanklaster der Isaf, während ihrer ganzen Fahrt um den Stützpunkt herum unter Luftbeobachtung. Noch 30 Stunden nach dem Luftangriff, am Samstag Morgen, wurde direkt am Ort der Bombardierung der "New York Times"-Journalist Stephen Farrell durch einen Trupp Bewaffneter entführt (angeblich "Taliban"), obwohl nach den Aussagen von Verteidigungsminister Franz Jung seit Freitag Mittag Aufklärer der "Bundeswehr" sich vor Ort befanden. Am Mittwoch dem 2.September, nicht einmal 48 Stunden vor der “Entführung” der beiden Tanklaster fast in Sichtweite des deutschen Militärstutzpunktes, war der Vize-Chef des afghanischen Geheimdienstes NDS, Abdullah Laghmani, bei einem gezielten Attentat ermordet worden. U.a. in der britischen Presse gab es Berichte, nach denen der Paschtune Laghmani von einem tadschikischen Flügel im NDS beseitigt worden sein könnte. Laut Aussagen von deutschen Militäroffizieren in Kabul arbeitet die deutsche Auslandsspionage des "Bundesnachrichtendienstes" (BND) eng mit dem afghanischen NDS zusammen, der aus den "Sicherheitsstrukturen" von Milizen der "Nordallianz" übernommen wurde. (7)

Laut einem Bericht der "Washington Post" vom Samstag dem 5., einen Tag nach der Bombardierung, stützte sich Oberst Klein bei seinem Angriffsbefehl ausschliesslich auf "seinen lokalen Geheimdienstchef". Dieser behauptete, er habe via Telefon von einer afghanischen Quelle in der Nähe der entführten Tanklaster die sichere Bestätigung erhalten, dass es sich bei der um diese Tanklaster versammelte Menschenmenge ausschliesslich um "Taliban" handeln würde (8).

Im Juli 2007 hatte der jahrelang völlig am Parlament vorbei betriebene deutschen Militärgeheimdienst "Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr" (ZNBw) (an welchen auch Truppenteile für psychologische Kriegführung ("Operative Information") angeschlossen waren) behauptet, sämtliche Unterlagen der Jahre 1999 bis 2003 versehentlich vernichtet zu haben. Das Parlament beschwerte sich ein bisschen, nichts passierte, das ZNBw wurde dem Auslandsgeheimdienst BND angegliedert. Dementsprechend kann man mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen, dass mit dem "lokalen Geheimdienstchef" von Isaf-Kommandeur Oberst Georg Klein der örtliche Resident des BND gemeint ist.

Heute nun meldete sich Oberst Klein zu Wort, dem ein Verfahren wegen Kriegsverbrechen droht. Klein, in einer dem würdigen Anlass sorgfältig ausgewählten Zeitung, wörtlich (9):

""In den mehr als fünf Monaten habe ich eine große Verantwortung getragen, die mir mehrfach schwierige Entscheidungen abgefordert hat..Ich habe mir jede einzelne dieser Entscheidungen - auch bei angeforderten Luftunterstützungen - niemals leichtgemacht, um diese auch im Nachhinein vor meinen Soldatinnen und Soldaten, den afghanischen Menschen und meinem Gewissen verantworten zu können."

Mord kann man nicht nur vor seinem Gewissen verantworten. In Deutschland muss man das auch vor Gericht tun - selbst wenn man deutscher Soldat und die Opfer Afghanen sind.

(...)

Quellen:
(1) http://www.guardian.co.uk/world/2009/sep/11/afghanistan-airstrike-victims-stories
(2) http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2009/09/ich-nahm-etwas-fleisch-nach-hause-und.html
(3) http://www.rp-online.de/public/article/politik/deutschland/757074/Deckung-von-ganz-oben.html
(4) http://www.radio-utopie.de/2009/09/06/ein-kriegsverbrechen-schon-warnt-gysi-wieder-vor-bin-laden/
(5) http://www.radio-utopie.de/2009/09/04/lafontaine-unterstuetzt-erneut-rassistische-kriegsalibis-und-terror-kampagnen-der-regierungsbehoerden/
(6) http://www.radio-utopie.de/2009/09/10/samstag-morgen-entfuehrung-eines-nyt-reporters-5-kilometer-vom-deutschen-isaf-stuetzpunkt-entfernt/
(7) http://www.radio-utopie.de/2009/09/10/samstag-morgen-entfuehrung-eines-nyt-reporters-5-kilometer-vom-deutschen-isaf-stuetzpunkt-entfernt/
(8) http://www.radio-utopie.de/2009/09/06/bundeswehr-oberst-befahl-offenbar-nach-bnd-behauptungen-luftangriff-auf-sichtbare-menschenmenge-125-tote/
(9) http://www.zeit.de/newsticker/2009/9/13/iptc-bdt-20090911-369-22364260xml