Bericht: David Sheen und Max Blumenthal in Berlin

Zwei linke, progressive, jĂŒdische Intellektuelle zu Gast in Berlin. Das soll schon mal vorkommen im 21. Jahrhundert. Ein Bericht von der heutigen Veranstaltung mit David Sheen und Max Blumenthal im Cafe Coop, Berlin-Mitte.
Vor der VolksbĂŒhne, 11 Uhr. Gleich beginnt die Veranstaltung mit David Sheen und Max Blumenthal, zwei der hervorragendsten und herausragendsten Intellektuellen auf der WeltbĂŒhne der Ăffentlichen Meinung.
Eine Gruppe von Leuten steht vor dem GebÀude. Noch kein Einlass? Mitnichten.
Bundestagsabgeordnete Inge Höger, eine Linke der „Linksfraktion“ im Bundestag, erlĂ€utert, was passiert ist: auf Druck der Parlamentsabgeordneten Volker Beck (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen, Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe), Petra Pau (Die Linke) und dem ehemaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe (SPD, Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft e.V.), die kurz vor der Veranstaltung einen Brief an die VolksbĂŒhne verfasst hatten, zog der geschĂ€ftsfĂŒhrende Direktor der VolksbĂŒhne, Thomas Walter, die Zusage den Roten Salon fĂŒr die Veranstaltung zur VerfĂŒgung zu stellen kurzfristig zurĂŒck. Formale BegrĂŒndung: es gĂ€be keinen rechtsgĂŒltigen Vertrag mit den Veranstaltern.
NatĂŒrlich eine politische Entscheidung. Die Besucherinnen und Besucher der – vorerst verhinderten Veranstaltung – reagieren vor der verschlossenen VolksbĂŒhne entsprechend unwirsch und spenden David und Max, die derzeit auf Tour in der Republik sind und erst gestern Abend von der ZurĂŒcknahme der Zusage durch die VolksbĂŒhne erfuhren, fĂŒr ihr nun folgendes Statement reichlich Beifall. David Sheen zeigt sich not amused darĂŒber, dass deutsche Politiker einem Juden aus Israel erzĂ€hlen wollen, was er ĂŒber seine eigene Regierung und deren Handlungen zu sagen hat – namentlich ĂŒber deren Kriegsverbrechen im Feldzug gegen die aufstĂ€ndische palĂ€stinensische Kolonie Israels, dem Gazastreifen. David beschreibt genau zwei Wege, wie man die Lehren aus der Shoa begreifen könne: A) Nie wieder gegen irgendwen oder B) Nie wieder gegen Juden. David macht klar, dass fĂŒr ihn ganz klar Ersteres gilt.
AnschlieĂend spricht Max Blumenthal ĂŒber die Versuche des Simon Wiesenthal Centers, ihn, einen jĂŒdischen Aktivisten, mit nicht eben feinen Methoden zum Schweigen zu bringen. Angesichts der vielen menschenverachtenden ĂuĂerungen aus der Lobby der israelischen Regierung, wie die Aussage des stellvertretenden ParlamentsprĂ€sidenten Moshe Feiglin, man solle die aufstĂ€ndischen PalĂ€stinenser in Gaza „konzentrieren“ und „auslöschen“, sei es aber fĂŒr ihn keine Option dazu zu Schweigen, so Max Blumenthal.
ErgĂ€nzung 11. November: ein Mitschnitt der Reden vor der VolksbĂŒhne:
Kurzfristig hatte nach der Absage das Antikriegscafe Coop seine RĂ€ume zur VerfĂŒgung gestellt. So gehen also die Besucherinnen und Besucher zusammen mit MdB Höger, David und Max ein paar Meter durch Berlin-Mitte. Ein paar technische Vorkehrungen, schon wird im Coop der Vortrag vom kleinen, rappelvollen Veranstaltungsraum auch nach oben ĂŒbertragen, bei Kaffee, WLAN und einer Menge netter Leute.
David referiert als Erster. Er berichtet ĂŒber einen besorgniserregenden Ruck innerhalb der israelischen Gesellschaft nach ganz rechtsauĂen. Nach Mord an „Arabern“, auch israelischen StaatsbĂŒrgern zu rufen, ist in Israel mittlerweile genauso in den Mainstream eingesickert, wie sich offen als Rassist zu bekennen. Rassismus sei eine Art „Werte“ zu vertreten, zitiert David den Internet-Post einer Israelin, als ein Beispiel von ungezĂ€hlten anderen. DemgegenĂŒber sehe sich die israelische Friedensbewegung, die auch fĂŒr die Gleichberechtigung nichtjĂŒdischer israelischer StaatsbĂŒrger und ein Ende der Besatzung PalĂ€stinas einsetzt, massiven Bedrohungen und Verfolgung bis hin zu Angriffen vor deren Wohnorten ausgesetzt. Faschistische Gangs machten regelrecht Jagd auf alle, die ihn nicht passten, „Araber“, PalĂ€stinenser, Linke.
„Das passiert an der sogenannten Heimatfront“, so David Sheen.
David, der sich u.a. mit dem Schicksal afrikanischer FlĂŒchtlinge und Asylsuchender in Israel auseinandersetzt, beschreibt die Politik der israelischen Regierung gegenĂŒber diesen FlĂŒchtlingen, nach dem Motto „Mache ihr Leben so elendig, bis sie in ihre Deportation einwilligen“. Sogar Hunderten von FlĂŒchtlingen, die aus unterschiedlichen GrĂŒnden zum Judentum konvertieren wollten (etwa aufgrund einer privaten Beziehung), wurde dies verweigert. David berichtet, wie die Knesset-Abgeordnete Miri Regev, die ehemalige Sprecherin des israelischen MilitĂ€rs, die afrikanischen FlĂŒchtlinge auf einer rassistischen Demonstration als „Krebs“ der israelischen Gesellschaft bezeichnete (einer Aussage der anschlieĂend die Mehrheit der Israelis zustimmt), um sich anschlieĂend fĂŒr diesen Vergleich zu entschuldigen – bei Krebsopfern. Sie habe, so die Knesset-Abgeordnete Regev, die „Infiltratoren“, die afrikanischen Asylsuchenden, nicht mit Menschen vergleichen wollen. AnschlieĂend beförderte sie Premier Netanyahu zur Belohnung zur Vorsitzenden des Innenausschusses der Knesset, u.a zustĂ€ndig fĂŒr eben diese afrikanischen Asylsuchenden.
„Dort sind wir heute angelangt . Welche Auswirkungen hat das auf die israelische Gesellschaft?“, so David.
David berichtet, fĂŒr Zuschauerinnen und Zuschauer der etablierten Medien in Deutschland, schwer Glaubhaftes und schwer ErtrĂ€gliches. Unleugbare Beweise fĂŒr seine schier unglaublichen Aussagen liefert Davids Youtube Kanal, auf dem der jĂŒdische Dissident und Filmemacher entsprechende VorfĂ€lle dokumentiert:
Nicht einmal, sondern Dutzende Male seien er und andere linke Aktivisten bei Demonstrationen und Veranstaltungen in aller Ăffentlichkeit als „Araber-Liebhaber“ beschimpft worden, die allesamt durch „Araber-Gangs“ vergewaltigt gehörten. Kein einziger Passant hĂ€tte derartigen vulgĂ€ren und menschenverachtenden Beschimpfungen der eigenen MitbĂŒrger durch Rechtsradikale widersprochen. Vielmehr hĂ€tten sich die Schaulustigen und Zeugen solcher VorfĂ€lle jedes einzelne Mal darĂŒber amĂŒsiert gezeigt.
Aufnahmen David Sheens von einer rassistisch-nationalistischen Demonstration in Tel Aviv vom 5. Oktober. Mit freundlichen GrĂŒĂen an den emanzipatorischen Vorreiter der Pro-Euro-EuropĂ€ischen (antiafrikanischen? proĂŒberuntervorderhinterasiatischen?) SexualitĂ€t Volker Beck.
David Sheen berichtet ĂŒber weitere, in der Republik ignorierte, höchst bedenkliche und gefĂ€hrliche Entwicklungen in Israel: staatlich geförderte Gruppen, die gegen „Rassenschande“ vorgehen, so David wörtlich, in direkter Referenz zu entsprechender staatlicher Politik des faschistischen Deutschland zwischen 1933 und 1945. David fĂŒhrt dazu ein Beispiel aus diesem Sommer an. Zwei Israelis hatten sich verliebt und heirateten. Ihr „Verbrechen“, in den Augen der in der Regierung vertretenen Rechtsextremen: die Eltern des BrĂ€utigams waren muslimische,die der Braut jĂŒdische Israelis. Das Hochzeitspaar musste ein Sicherheitsteam engagieren, um sich wĂ€hrend ihrer Hochzeit vor einer Demonstration israelischer Rechtsextremisten zu schĂŒtzen. Auf dieser verglichen u.a. ein ehemaliger Knesset-Abgeordneter und Rabbi die Heirat der Beiden – eine Heirat! – mit dem Holocaust und sprach von einer „Fortsetzung der Gaskammern“ durch das Brautpaar.
Sehen Sie selbst:
Max Blumenthal schlieĂt sich den Berichten von David Sheen an. Er bezeichnet die israelische Regierungspolitik als gezielt auf einen Vertreibung der „Araber“ in Israel und der PalĂ€stinenser in besetzten PalĂ€stina gerichtet, bis hin zum Genozid – einen Vorwurf, den u.a. der PrĂ€sident der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas in der Allgemeinen Versammlung der Vereinten Nationen gegen die israelische Regierung erhoben hat. Max antwortet auf den gegen ihn, von deutschen Politikern und Bundestagsabgeordneten, gerichteten Vorwurf des Antisemitismus: Volker Beck höchstselbst habe sich antisemitisch verhalten. Er stĂŒtze die israelische Regierung in ihrem Versuch, die jĂŒdische Kirche auf eine Vertretung der rechtsextremen Regierung Israels und des Zionismus zu reduzieren und versuche ihm, einen Juden aus den Vereinigten Staaten von Amerika, verbieten zu wollen in Berlin zu sprechen.
Max berichtete ĂŒber die Erfolge der Boykottbewegung gegen Israel, die „BDS“ („Boycott, Divestment and Sanctions“). Wer diese versuche kleinzureden oder als rassistisch und antisemitisch zu diffamieren, sei selbst genau das, was er oder sie der Bewegung vorwerfe, so Blumenthal, selbst Sohn eines Beraters von Hillary Clinton. Max referiert ĂŒber einen Protagonisten und Erfinder des im deutschen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts entstandenen Zionismus, Max Nordau, einen Eugeniker und Rassisten (Autor von „Entartung“, 1892) und umschreibt die AbsurditĂ€t der Parallelen zur heutigen israelischen Gesellschaft und deren Lobbyisten in Deutschland im 21. Jahrhundert. In den U.S.A. seien Juden, vor allem WeiĂe, privilegiert, so Max Blumenthal. Im Zweifel könnten er und andere Juden immer auf den Vorwurf des Antisemitismus zurĂŒckgreifen. Andere WeiĂe seien auf diese Option geradezu „neidisch“, so Blumenthal. Max fordert die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung ausdrĂŒcklich auf, sich nicht zum Schweigen bringen zu lassen, sondern gegen die rechtsextreme israelische Regierung und deren Handlungen einzustehen und sich fĂŒr eine andere Politik einzusetzen, auch in Berlin.
Wie Bundestagsabgeordnete Inge Höger mir im Coop mitteilte, handelt es sich bei der morgigen Veranstaltung um 11.00 Uhr im Bundestag mit David Sheen und Max Blumenthal nicht um eine Veranstaltung der Linksfraktion. Insofern könne diese auch nicht einfach durch den FĂŒhrer ihrer Fraktion wieder abgesagt werden, obwohl die Berliner Morgenpost in ĂŒblicher, höchst seriöser Berichterstattung entsprechendes berichtet hatte. Es bleibt also abzuwarten, wer morgen gegen David und Max im Bundestag den ersten Stein wirft, oder ob die Veranstaltung am angekĂŒndigten Ort stattfindet.
Mir jedenfalls war es eine groĂe Freude die beiden in Berlin begrĂŒĂen zu dĂŒrfen. Sie könnten eigentlich gleich hier bleiben, wie u.a. Zehntausende Israelis, die von ihrem Saftladen die Nase voll haben.
