Wer zum Teufel sind wir?

VOR JAHREN hatte ich ein freundschaftliches GesprÀch mit Ariel Scharon.

Ich sagte zu ihm: „Ich bin in erster Linie Israeli. Erst danach bin ich Jude.“

Er antwortete hitzig: „Ich bin in erster Linie Jude und erst danach bin ich Israeli!“

Das mag sich nach einer ĂŒberflĂŒssigen Debatte anhören. Aber in Wirklichkeit ist eben das die Frage, die im Zentrum all unserer Grundprobleme steht. Sie liegt der Krise zugrunde, die jetzt Israel in StĂŒcke reißt.

DER UNMITTELBARE Grund fĂŒr diese Krise ist das Gesetz, das in der letzten Woche von der rechten Mehrheit in der Knesset in aller Eile verabschiedet wurde. Es trĂ€gt den Titel: „Grundlegendes Gesetz: Israel ist der Nationalstaat des jĂŒdischen Volkes“.

Es ist ein Verfassungsgesetz. Als Israel im Krieg von 1948 gegrĂŒndet wurde, fĂŒhrte es keine Verfassung ein. Es gab Schwierigkeiten mit der religiösen Gemeinschaft der Orthodoxen, die die Einigung auf eine gemeinsame Formulierung unmöglich machten. Stattdessen verlas David Ben-Gurion eine „UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung“. Darin wurde verkĂŒndet: „Wir grĂŒnden den jĂŒdischen Staat, nĂ€mlich den Staat Israel“.

Die ErklÀrung wurde nicht zum Gesetz. Der Oberste Gerichtshof nahm seine Prinzipien an, ohne dass er eine Rechtsgrundlage gehabt hÀtte. Das neue Dokument hingegen ist ein verbindliches Gesetz.

Was ist an dem neuen Gesetz, das auf den ersten Blick wie eine Abschrift der ErklĂ€rung wirkt, nun also das Neue? Es enthĂ€lt zwei wichtige Auslassungen: in der ErklĂ€rung war von einem „jĂŒdischen und demokratischen“ Staat die Rede und allen BĂŒrgern des Staates wurde ohne Unterschied von Religion, Volkszugehörigkeit und Geschlecht vollkommene Gleichberechtigung zugesagt.

Beides ist verschwunden. Keine Demokratie. Keine Gleichberechtigung. Ein Staat der Juden fĂŒr die Juden von den Juden.

DIE ERSTEN, die aufschrien, waren die Drusen.

Die Drusen sind eine kleine, aber starke Minderheit. Sie schicken ihre Söhne in die israelische Armee und Polizei und betrachten sich als „BlutsbrĂŒder“. Plötzlich sind sie all ihrer Rechte und ihres ZugehörigkeitsgefĂŒhls beraubt.

Sind sie Araber oder nicht? Muslime oder nicht? Das kommt darauf an, wer wo zu welchem Zweck spricht. Sie drohen mit Demonstrationen, damit, dass sie die Armee verlassen und allgemein rebellieren werden. Benjamin Netanjahu versucht sie zu bestechen, aber sie sind eine stolze Gemeinschaft.

In der Hauptsache geht es jedoch nicht um die Drusen. Im neuen Gesetz werden die 1,8 Millionen Araber, die israelische BĂŒrger sind, vollkommen ignoriert, auch die Beduinen und die Christen unter ihnen. (Niemand denkt auch an die Hunderttausende europĂ€ischer Christen, die mit ihren jĂŒdischen Ehepartnern und anderen Verwandten vor allem aus Russland eingewandert sind.)

Die arabische Sprache mit all ihrem Glanz, die bisher eine der beiden Amtssprachen war, wurde auf einen bloßen „besonderen Status“ herabgestuft – was das auch bedeuten mag.

(Alles das bezieht sich auf das eigentliche Israel, nicht auf die etwa fĂŒnf Millionen Araber im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen, die ĂŒberhaupt keine Rechte haben.)

Netanjahu verteidigt dieses Gesetz wie ein Löwe gegen die zunehmende Kritik von innen. Er hat öffentlich erklĂ€rt, dass alle jĂŒdischen Kritiker des Gesetzes Linke und VerrĂ€ter (das sind ohnehin Synonyme) seien, „die vergessen haben, was es bedeutet, Jude zu sein“.

UND GENAU darum geht es.

Vor Jahren forderten meine Freunde und ich den Obersten Gerichtshof auf, die Eintragung unter „NationalitĂ€t“ in unseren Ausweisen von „jĂŒdisch“ in „israelisch“ abzuĂ€ndern. Das Gericht lehnte ab und behauptete, es gebe keine israelische Nation. Das offizielle Register kennt fast hundert Nationen, aber keine israelische.

Die seltsame Situation entstand mit der Entstehung des Zionismus im spĂ€ten 19. Jahrhundert. Es war eine jĂŒdische Bewegung, die dazu entworfen worden war, die JĂŒdische Frage zu lösen. Die Siedler in PalĂ€stina waren Juden. Das ganze Projekt war eng mit der jĂŒdischen religiösen Tradition verbunden.

Als aber eine zweite Generation von Siedlern aufwuchs, fĂŒhlte sie sich unbehaglich, wenn sie nur einfach Juden – wie Juden in Brooklyn oder Krakau – sein sollten. Sie empfanden sich als etwas Neues, Anderes, Besonderes.

Die Extremstem waren die Angehörigen einer kleinen Gruppe junger Dichter und KĂŒnstler, die 1941 eine Organisation grĂŒndeten und dann den Spitznamen „Kanaaniter“ bekamen. Sie verkĂŒndeten, wir seien eine neue hebrĂ€ische Nation. In ihrer Begeisterung gingen sie bis zum Äußersten und erklĂ€rten, sie hĂ€tten nichts mit den Juden im Ausland zu tun und es gebe keine arabische Nation – Araber seien einfach nur HebrĂ€er, die den Islam angenommen hĂ€tten.

Dann kam die Nachricht vom Holocaust, die Kanaaniter gerieten in Vergessenheit und alle wurden reumĂŒtig zu Superjuden.

Oder doch nicht ganz. Ohne dass wir viel nachdachten, machte meine Generation in ihrer Umgangssprache einen deutlichen Unterschied: es hieß jĂŒdische Diaspora und hebrĂ€ische Landwirtschaft, jĂŒdische Geschichte und hebrĂ€ische Battaillone, jĂŒdische Religion und hebrĂ€ische Sprache.

Als die Briten noch hier waren, nahm ich an Dutzenden von Demonstrationen teil, bei denen wir schrien: „Freie Einwanderung! HebrĂ€ischer Staat!“ Ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur bei einer einzigen Demonstration irgendjemand „jĂŒdischer Staat!“ geschrien hĂ€tte.

Warum war also in der UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung von einem „jĂŒdischen Staat“ die Rede? Es war eine Bezugnahme auf die UN-Resolution. Darin wurde die Teilung PalĂ€stinas in einen arabischen und einen jĂŒdischen Staat verfĂŒgt. Die StaatsgrĂŒnder stellten einfach fest, dass wir den in der Resolution genannten jĂŒdischen Staat nun errichtet hĂ€tten.

Der legendĂ€re Vorfahr des Likud Vladimir Jabotinsky schrieb eine Hymne, in der es hieß: „Ein HebrĂ€er ist ein FĂŒrstensohn“.

TATSÄCHLICH ist es ein ganz natĂŒrlicher Prozess. Eine Nation ist eine territoriale Einheit. Sie ist durch Landschaft, Klima, Geschichte und Nachbarn bedingt.

Als sich Briten in Amerika ansiedelten, hatten sie nach einiger Zeit das GefĂŒhl, sie seien anders als die Briten, die sie auf ihrer Insel zurĂŒckgelassen hatten. Sie wurden zu Amerikanern. Die britischen StrĂ€flinge, die in den entfernten Osten geschickt worden waren, wurden Australier. In zwei Weltkriegen eilten Australier Britannien zur Hilfe, aber sie waren keine Briten. Sie sind eine stolze neue Nation. Ebenso die Kanadier, NeuseelĂ€nder und Argentinier. Und wir eben auch.

Oder wir wÀren es jedenfalls geworden, wenn die offizielle Ideologie das zugelassen hÀtte. Was war geschehen?

Zuerst einmal gab es in den frĂŒhen FĂŒnfzigerjahren die riesigen Einwanderungswellen aus der arabischen Welt und aus Osteuropa. Auf jeden HebrĂ€er kamen zwei, drei, vier neue Einwanderer, die sich als Juden betrachteten.

Dann brauchten wir Geld und politische UnterstĂŒtzung von den Juden im Ausland, besonders denen in den USA. Diese betrachteten sich zwar als vollkommene und wahre Amerikaner (wage ja nicht, dem zu widersprechen, du verdammter Antisemit!), aber sie waren doch froh, irgendwo einen jĂŒdischen Staat zu wissen.

Und dann gab (und gibt!) es eine strikte Regierungspolitik, die darauf aus ist, alles zu judaisieren. Die gegenwĂ€rtige Regierung hat in dieser Hinsicht neue Höhen erklommen. In aktiven – ja geradezu fanatischen – Regierungsaktionen wird versucht, alles zu judaisieren: die Erziehung, die Kultur, sogar den Sport. Die kleine Minderheit der orthodoxen Juden in Israel ĂŒbt enormen Einfluss aus. Ihr Votum in der Knesset entscheidet ĂŒber Netanjahus Regierung.

ALS DER Staat Israel gegrĂŒndet wurde, wurde das Wort „hebrĂ€isch“ durch das Wort „israelisch“ ersetzt. HebrĂ€isch ist jetzt nur noch eine Sprache.

Gibt es nun also eine israelische Nation? NatĂŒrlich gibt es die. Gibt es eine jĂŒdische Nation? NatĂŒrlich gibt es die nicht.

Juden sind Mitglieder eines ethnisch-religiösen Volkes. Sie sind in der Welt zerstreut, gehören vielen Nationen an und die meisten fĂŒhlen sich eng mit Israel verbunden. Wir, die wir hier im Land leben, gehören zur israelischen Nation, die ein Teil des jĂŒdischen Volkes ist.

Es ist sehr wichtig, dass wir das erkennen. Es entscheidet ganz buchstĂ€blich ĂŒber unsere Blickrichtung: Blicken wir in Richtung der jĂŒdischen Zentren in New York, London, Paris und Berlin oder blicken wir in Richtung unserer Nachbarn in Damaskus, Beirut und Kairo? Gehört unser Land zu einer Region, die von Arabern bewohnt wird? Machen wir uns klar, dass Friedenschließen mit den Arabern und besonders den PalĂ€stinensern die Hauptaufgabe dieser Generation ist?

Wir sind in diesem Land nicht Bewohner auf Zeit und wir sind nicht jeden Augenblick bereit, uns unseren jĂŒdischen BrĂŒdern und Schwestern in anderen LĂ€ndern der Erde zuzugesellen. Wir gehören zu diesem Land und wir werden hier noch viele kĂŒnftige Generationen leben. Deshalb mĂŒssen wir zu friedlichen Nachbarn in der Region werden, die ich schon vor 75 Jahren „die semitische Region“ genannt habe.

Das neue Nationen-Gesetz zeigt uns eben durch seine halbfaschistische Natur, wie dringlich diese Debatte ist. Wir mĂŒssen entscheiden, wer wir sind, was wir wollen und wohin wir gehören. Andernfalls ist unser Staat dazu verdammt, dauerhaft ein Staat der Zeitweiligkeit zu sein.

4. August 2018

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler