Stark wie der Tod
OH, GAZA. Stark wie der Tod ist die Liebe.
Ich mochte Gaza. Das ist ein Wortspiel. Im biblischen Lied der Lieder (8,6) heiĂt es: Liebe ist stark wie der Tod. Die feminine Form des hebrĂ€ischen Wortes fĂŒr „stark“ lautet asa. Asa ist auch der hebrĂ€ische Name fĂŒr Gaza.
Ich habe viele glĂŒckliche Stunden in Gaza verbracht. Ich hatte dort viele Freunde. Vom Linken Dr. Haidar Abd al-Shafi bis zum Islamisten Mahmoud az-Zahar, der jetzt AuĂenminister der Hamas ist.
Ich war dort, als Jasser Arafat, dessen Familie aus Gaza stammte, nach Hause kam. Sie setzten mich bei seinem Empfang an der Grenze in Rafah in die erste Reihe und noch am selben Abend empfing Arafat mich im Hotel am Strand von Gaza und wies mir bei der Pressekonferenz einen Platz an seiner Seite auf dem Podium an.
Ăberall im Gazastreifen begegneten mir die Menschen freundlich, in den FlĂŒchtlingslagern ebenso wie in den StraĂen von Gaza-Stadt. Ăberall sprachen wir ĂŒber Frieden und ĂŒber die Stellung Gazas im kĂŒnftigen Staat PalĂ€stina.
NA GUT, aber wie steht es mit der schrecklichen erz-terroristischen Organisation Hamas?
In den frĂŒhen 1990er Jahren schickte MinisterprĂ€sident Jitzchak Rabin 415 bekannte Islamisten aus Gaza in den Libanon. Die Libanesen lieĂen sie jedoch nicht herein, deshalb vegetierten die Exilierten ein Jahr lang unter freiem Himmel an der Grenze dahin.
Wir protestierten gegen die Vertreibung und errichteten gegenĂŒber dem BĂŒro des MinisterprĂ€sidenten in Jerusalem ein Zeltlager. Wir blieben dort 45 Tage und NĂ€chte; an einigen Tagen schneite es. Im Lager waren Juden und Araber, darunter israelische arabische Islamisten. Die langen Tage und NĂ€chte verbrachten wir mit politischen GesprĂ€chen. WorĂŒber? NatĂŒrlich ĂŒber Frieden.
Die Islamisten waren freundliche Menschen. Sie begegneten meiner Frau Rachel mit Ă€uĂerster Höflichkeit.
Als die Exilierten endlich nach Hause zurĂŒckkehren durften, wurde fĂŒr sie im gröĂten Saal in Gaza ein Empfang gegeben. Ich wurde gemeinsam mit einer Gruppe von GefĂ€hrten eingeladen. Man bat mich zu sprechen (natĂŒrlich auf HebrĂ€isch) und danach war ich zu einem Festessen eingeladen.
Alles das erzĂ€hle ich, um die damalige AtmosphĂ€re zu beschreiben. Bei allem, was ich in meiner Rede sagte, betonte ich, ich sei ein israelischer Patriot. Ich trat fĂŒr Frieden zwischen zwei Staaten ein. Vor der Ersten Intifada (sie begann am 9. Dezember 1987) war Gaza kein Ort finsteren Hasses. Weit entfernt.
Massen von Arbeitern passierten jeden Morgen die GrenzĂŒbergĂ€nge, um in Israel zu arbeiten. Ebenso HĂ€ndler, die ihre Waren in Israel verkauften, die auf dem Weg nach Jordanien durch Israel fuhren oder die ihre Waren in israelischen HĂ€fen verschifften.
WIE IST es uns – dem Staat Israel – also gelungen, Gaza zu dem zu machen, was es heute ist?
Im Sommer 2005 beschloss der damalige MinisterprĂ€sident Ariel Scharon, alle Verbindungen zum Gazastreifen abzubrechen. „Arik“, der im Grunde seines Herzens Soldat war, entschied, dass die Kosten fĂŒr die Besetzung des Gazastreifens höher seien als der Nutzen davon. Er zog Armee und Siedler aus dem Gazastreifen zurĂŒck und ĂŒbergab ihn – ja, wem? Niemandem.
Warum niemandem? Warum nicht der PLO, die bereits die anerkannte palĂ€stinensische Behörde war? Warum nicht im Rahmen einer Vereinbarung? Weil Arik die PalĂ€stinenser, die PLO und Arafat hasste. Er wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Also ĂŒberlieĂ er den Gazastreifen einfach sich selbst.
Aber die Natur hat eine Abneigung gegen das Leere. In Gaza entstand eine palĂ€stinensische Behörde. Demokratische Wahlen wurden abgehalten und die Hamas gewann sie in ganz PalĂ€stina. Die Hamas ist eine religiös-nationalistische Partei, die ursprĂŒnglich vom israelischen Geheimdienst (Schin Bet) gefördert wurde, damit sie die PLO untergrabe. Als die PLO die Wahlergebnisse nicht akzeptierte, ĂŒbernahm die Hamas mit Gewalt die Macht in Gaza. So entstand die gegenwĂ€rtige Situation.
IN ALL dieser Zeit hÀtten wir noch alles zum Guten wenden können.
Der Gazastreifen hĂ€tte zu einer blĂŒhenden Insel werden können. Optimisten sprachen von einem möglichen „zweiten Singapur“. Sie sprachen ĂŒber einen Hafen von Gaza; die hereinkommenden Waren sollten entweder dort oder in einem neutralen Hafen im Ausland kontrolliert werden. Israel baute und nutzte einen Flughafen mit entsprechender Sicherheitskontrolle in Gaza und zerstörte ihn dann wieder.
Und was tat die israelische Regierung? NatĂŒrlich genau das Gegenteil.
Die Regierung unterwarf den Gazastreifen einer strengen Blockade. Alle Verbindungen zwischen dem Gazastreifen und der AuĂenwelt wurden abgeschnitten. Lebensmittel konnten nur durch Israel eingefĂŒhrt werden. Israel erhöhte oder senkte nach Lust und Laune die Einfuhr von lebensnotwendigen GĂŒtern. Die AffĂ€re mit dem tĂŒrkischen Schiff Mavi Marmara, das nahe dem Strand von Gaza blutig gestĂŒrmt wurde, verdeutlichte die vollkommene Isolation.
Die Bevölkerung in Gaza ist nun auf etwa zwei Millionen angewachsen. Die meisten sind FlĂŒchtlinge aus Israel, die im Krieg von 1948 vertrieben wurden, und ihre Nachkommen. Ich kann nicht sagen, dass ich an der Vertreibung unschuldig war: Meine Armee-Einheit kĂ€mpfte im SĂŒden PalĂ€stinas. Ich habe gesehen, was geschah. Ich habe darĂŒber geschrieben.
Die Blockade zog einen magischen Kreis. Hamas und die kleineren (und extremeren) Organisationen fĂŒhrten Widerstandshandlungen (oder „Terrorakte“) aus. Als Reaktion verschĂ€rfte die israelische Regierung die Blockade. Die Bewohner von Gaza reagierten mit weiteren Gewaltakten. Die Blockade wurde schlimmer. Und so weiter bis zu den Ereignissen dieser Woche und diese eingeschlossen.
Wie steht es mit der SĂŒdgrenze des Gazastreifens? Ăgypten kooperiert bizarrerweise bei der Blockade durch Israel. Und nicht allein wegen der gegenseitigen Sympathie zwischen dem Ă€gyptischen MilitĂ€rdiktator Abd al-Fatah as-Sisi und den Machthabern Israels. Es gibt auch politische GrĂŒnde: Das Regime as-Sisi hasst die verbotene Opposition im Inland, die MoslembrĂŒder, und betrachtet sie als die Mutterorganisation der Hamas.
Auch die PLO-Regierung im Westjordanland arbeitet mit der Blockade durch Israel gegen die Hamas zusammen. Die Hamas ist der Hauptkonkurrent der PLO innerhalb des palÀstinensischen politischen Rahmens.
Darum ist der Gazastreifen fast vollkommen isoliert und hat kaum Freunde. Die einzigen Freunde sind ein paar Idealisten in aller Welt, die viel zu schwach sind, um etwas zu bewirken. Und natĂŒrlich die Hisbollah und der Iran.
JETZT herrscht eine Art Gleichgewicht. Die Organisationen in Gaza fĂŒhren Gewaltakte aus, die dem Staat Israel allerdings keinen wirklichen Schaden tun. Die israelische Armee hat keine Lust, den Gazastreifen wieder zu besetzen. Und dann haben die PalĂ€stinenser eine neue Waffe entdeckt: den gewaltfreien Widerstand.
Vor vielen Jahren kam ein arabisch-amerikanischer Aktivist und SchĂŒler Martin Luther Kings nach PalĂ€stina, um diese Methode zu predigen. Er fand keine Abnehmer und kehrte in die USA zurĂŒck. Dann zu Beginn der Zweiten Intifada setzten die PalĂ€stinenser die Methode versuchsweise ein. Die israelische Armee antwortete mit Beschuss. Die Welt sah ein Bild, auf dem ein kleiner Junge in den Armen seines Vaters erschossen wurde. Die Armee wies die Verantwortung zurĂŒck, wie sie es immer tut. Der gewaltfreie Widerstand starb mit dem Jungen. Die Intifada forderte viele Opfer.
Die Wahrheit ist, dass die israelische Armee keine Antwort auf den gewaltfreien Widerstand hat. In solchen Kampagnen haben die PalÀstinenser alle Karten in der Hand. Die öffentliche Meinung in der Welt verurteilt Israel und lobt die PalÀstinenser. Also antwortet die Armee mit Beschuss, um die PalÀstinenser dazu zu bringen, mit Gewalt zu reagieren. Damit kann die Armee umgehen.
Gewaltfreier Widerstand ist eine sehr schwierige Methode. Sie erfordert enorme Willenskraft, strenge Selbstbeherrschung und moralische Ăberlegenheit. Derartige Eigenschaften sind in der indischen Kultur zu finden, die Gandhi hervorbrachte, und in der Gemeinde der Schwarzamerikaner um Martin Luther King. In der muslimischen Welt gibt es eine solche Tradition nicht.
Darum ist es doppelt erstaunlich, dass die Demonstranten an der Grenze zu Gaza diese Kraft in ihren Herzen fanden. Die Ereignisse des Schwarzen Montags, des 14. Mais, ĂŒberraschten die Welt. Massen unbewaffneter Menschen: MĂ€nner, Frauen und Kinder, hielten den israelischen ScharfschĂŒtzen stand. Sie zogen keine Waffen. Sie „stĂŒrmten den Zaun“ nicht. Das war eine LĂŒge, die der riesige israelische Propagandaapparat verbreitete. Sie standen da, setzten sich den ScharfschĂŒtzen aus und wurden getötet.
Die israelische Armee ist ĂŒberzeugt, dass die Bewohner von Gaza die PrĂŒfung nicht bestehen werden, dass sie zu sinnlosen Gewalttaten zurĂŒckkehren werden. Am letzten Dienstag schien sich diese EinschĂ€tzung als richtig zu erweisen. Eine der Organisationen in Gaza fĂŒhrte eine „Racheaktion“ durch und schoss mehr als hundert Raketen auf Israel ab, die allerdings keinen wirklichen Schaden anrichteten. Es war eine sinnlose Geste. Gewaltaktionen haben keine Chance, Israel zu verletzen. Sie versehen nur die israelische Propaganda mit neuer Munition.
Wenn man an gewaltfreien Kampf denkt, sollte man sich an Amritsar erinnern. Das ist der Name der indischen Stadt, in der im April 1919 Soldaten unter britischem Kommando zehn Minuten lang das mörderische Feuer auf indische gewaltfreie Demonstranten richteten. Dabei töteten sie wenigstens 379 Menschen und verletzten etwa 1200. Der Name des Kommandierenden Colonel Reginald Dyer ging zu seiner ewigen Schande in die Geschichte ein. Die britische Ăffentlichkeit war schockiert. Viele Historiker glauben, das sei der Anfang vom Ende der britischen Herrschaft in Indien gewesen.
„Der schwarze Montag“ an der Grenze zu Gaza weckt Erinnerungen an dieses Ereignis.
WIE WIRD das enden?
Die Hamas hat eine Hudna fĂŒr 40 Jahre angeboten. Eine Hudna ist ein heiliger Waffenstillstand, den kein Moslem brechen darf.
Ich habe schon ĂŒber die Kreuzfahrer geschrieben, die sich fast 200 Jahre lang (also lĂ€nger als wir bisher) in PalĂ€stina gehalten haben. Sie schlossen einige Hudnas mit den ihnen feindlichen muslimischen Staaten in ihrer Umgebung. Die Araber hielten sich streng daran.
Die Frage ist: Kann die israelische Regierung eine Hudna annehmen? WĂŒrde sie das wagen, nachdem sie die Massen ihrer AnhĂ€nger aufgestachelt und ihnen tödlichen Hass gegen die Menschen in Gaza im Allgemeinen und die Hamas im Besonderen eingeimpft hat?
Wenn die Bewohner des Gazastreifens erstickt werden, keine Medizin bekommen und ihnen Nahrungsmittel, Trinkwasser und ElektrizitĂ€t fehlen, wird unsere Regierung dann nicht der Illusion auf den Leim gehen zu glauben, dass die Hamas schlieĂlich zusammenbrechen werde?
NatĂŒrlich wird das nicht geschehen. Wie wir in unserer Jugend sangen: „Kein Volk wird die SchĂŒtzengrĂ€ben seines Lebens aufgeben!“
In Jahrhunderten haben die Juden selbst bewiesen: Es gibt keine Grenze fĂŒr das, was ein Volk erdulden kann, wenn seine bloĂe Existenz auf dem Spiel steht.
Das kann uns die Geschichte lehren.
MEIN HERZ ist bei den Menschen in Gaza.
Ich möchte sie in meinem eigenen und dem Namen meines Landes Israel um Verzeihung bitten.
Ich sehne mich nach dem Tag, an dem sich alles Ă€ndert, dem Tag, an dem eine weisere Regierung einer Hudna zustimmt, die Grenze öffnet und den Menschen von Gaza ermöglicht, in die Welt zurĂŒckzukehren.
Auch jetzt liebe ich Gaza mit der Liebe, von der die Bibel sagt, sie sei stark wie der Tod.
2. Juni 2018
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
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