Die HSH und der Hedgefonds Cerberus

Ein LehrstĂŒck ĂŒber Moral und Kompetenz in der deutschen Politik

Am Mittwoch verkĂŒndeten der Hamburger Senat und die schleswig-holsteinische Landesregierung, dass die skandaltrĂ€chtige HSH Nordbank verkauft wird. Der Deal wird den Steuerzahler nicht nur mindestens 13 Mrd. Euro kosten, er wirft auch ein grelles Schlaglicht auf die Moral und die Sachkompetenz der politischen Elite in Deutschland.

Beim Hamburger Senat handelt es sich seit 2015 um eine Koalition aus SPD und GrĂŒnen, die schleswig-holsteinische Landesregierung wird seit 2017 von der CDU, den GrĂŒnen und der FDP gestellt. Alle vier Parteien waren sich in dieser Woche darin einig, die HSH Nordbank an ein Konsortium angelsĂ€chsischer Investoren zu verkaufen.

Schwergewicht unter den GeschĂ€ftspartnern ist mit einem Anteil von knapp ĂŒber 40 Prozent der US-Hedgefonds Cerberus, der sich nach langjĂ€hrigen AktivitĂ€ten im Automobil, Waffen-, Pharma- und Immobilienbereich seit einiger Zeit auf den Bankensektor konzentriert.

Cerberus wurde 1992 in New York vom Princeton-Absolventen Stephen Feinberg gegrĂŒndet und hat sich den Ruf erworben, sein GeschĂ€ft mit besonders harten Methoden zu betreiben. In den USA gilt Cerberus als „Geier-Hedgefonds“, dessen öffentlichkeitsscheue FĂŒhrung vor allem dort ihr Geld macht, wo andere in Schwierigkeiten stecken.

Absolut hemmungslos

ZunĂ€chst engagierte sich Cerberus im WaffengeschĂ€ft, kaufte diverse RĂŒstungsunternehmen auf und wurde unter dem Namen „Freedom Group“ zum bedeutendsten HandfeuerwaffenhĂ€ndler der USA. Mit der Übernahme von „DynCorp“ entstand ab 2010 ein „Sicherheits- und MilitĂ€runternehmen“, das weltweit Söldnerarmeen unterhĂ€lt und seine AuftrĂ€ge hauptsĂ€chlich von der US-Regierung bekommt.

Dabei helfen Cerberus seine hervorragenden Beziehungen in Washington: John Snow, von 2003 bis 2006 unter George Bush jr. Finanzminister, sitzt ebenso im Vorstand wie Dan Quale, von 1989 bis 1993 US-VizeprĂ€sident. Im Wahlkampf 2017 wurden sowohl an Donald Trump als auch an Hillary Clinton großzĂŒgige Wahlspenden gezahlt.

2007 ĂŒbernahm Cerberus vom damaligen Stuttgarter Autokonzern Daimler-Chrysler den Bereich Chrysler, feuerte 30.000 Arbeiter und Angestellte, trieb den Konzern in die Insolvenz – und ließ sich dafĂŒr durch ein Bail-out mit US-Steuergeldern entschĂ€digen.

2010 ĂŒbernahm der spanische Konzern Grifols die Firma Talecris, die Cerberus vier Jahre zuvor zusammen mit einem Partner von der Bayer AG gekauft und umbenannt hatte. Cerberus verdiente an dem Deal $ 1,8 Mrd., was vor allem darauf zurĂŒckzufĂŒhren war, dass man die Armut im amerikanisch-mexikanischen Grenzbereich ausgenutzt hatte, um billig an Spenden heranzukommen und die Preise anschließend durch eine Verknappung des Angebots (und der Inkaufnahme der unzureichenden Versorgung vieler auf Blutplasma angewiesenen Patienten) in die Höhe getrieben hatte.

In Deutschland hat sich Cerberus vor allem wegen seiner GeschĂ€fte im Immobilienbereich hervorgetan. Zusammen mit Goldman Sachs hat der Hedgefonds 2004 fĂŒr 405 Mio. Euro vom rot-roten Berliner Senat 75.000 Wohnungen gekauft, was der damalige SPD-Finanzsenator Theo Sarrazin als „beachtlichen Erfolg“ bezeichnet hatte – ein Urteil, dass die Mieter der Wohnungen wohl kaum teilen dĂŒrften.

Ahnungslose Politiker …?

Auch bei wohlwollender Betrachtung fĂ€llt es schwer, Cerberus‘ GeschĂ€ftspraktiken nicht als abstoßend und menschenverachtend einzustufen. Kein Wunder also, wenn die fĂŒr den Verkauf der HSH Nordbank zustĂ€ndigen Politiker diesen Deal am liebsten so schnell wie möglich unter den Teppich kehren wĂŒrden. Bevor ihnen das gelingt, sollte man jedoch noch folgende Tatsachen festhalten:

Der Deal wurde auf schleswig-holsteinischer Seite von der grĂŒnen Finanzministerin Monika Heinold und ihrem ebenfalls grĂŒnen StaatssekretĂ€r Philipp Nimmermann verhandelt. Auf Hamburger Seite war es der SPD-Finanzsenator Peter Tschentscher, der die Details im Pakt mit Cerberus aushandelte.

Heinold ist von Beruf Erzieherin und hat vor ihrer politischen Karriere in einer KindertagesstĂ€tte der Arbeiterwohlfahrt gearbeitet. Tschentscher ist promovierter Mediziner und hat sich offensichtlich ab 2010 als Vorsitzender des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Elbphilharmonie fĂŒr sein Amt als Finanzsenator empfohlen.

Man darf damit rechnen, dass es nicht lange dauern wird, bis beide wegen der von Cerberus beabsichtigten Entlassungen in die Kritik geraten werden. Vermutlich werden sie sich dann auf ihre Ahnungs- und Hilflosigkeit gegenĂŒber den Finanzprofis von der Wall Street berufen. Vorgemacht hat ihnen das die schleswig-holsteinische MinisterprĂ€sidentin Heide Simonis, die sich 2002 zwar zur Aufsichtsratschefin der Landesbanken hat kĂŒren lassen, sich nach dem darauffolgenden Desaster aber immer wieder auf ihre NaivitĂ€t in Finanzangelegenheiten berief.

Noch aufschlussreicher allerdings ist ein Blick auf die andere Seite des Verhandlungstisches, und zwar auf die Liste der Berater, die in Deutschland fĂŒr Cerberus tĂ€tig sind. Dort findet man neben diversen ehemaligen Industrie- und Finanzmanagern den Ex-Bundesverteidigungsminister Volker RĂŒhe von der CDU und seinen Amtsnachfolger, den Ex-SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping.

Wie viel beide fĂŒr ihre Dienste erhalten, ist nicht bekannt, nur soviel: Bereits 2007 zahlte Cerberus seinen Beratern in Deutschland 125.000 Euro pro Jahr plus PrĂ€mien, falls eine ihrer Ideen umgesetzt werden sollte.

Ob RĂŒhe oder Scharping zum Kauf der HSH Nordbank eigene Ideen hinzugesteuert haben, ist bisher nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, dass der SPD-Landesvorsitzende und stellvertretende Parteivorsitzende der SPD, Ralf Stegner, nach dem Deal mit Cerberus verkĂŒndete, man hege „keinerlei Sympathie fĂŒr die KĂ€ufer“. Ob das auch fĂŒr sein persönliches VerhĂ€ltnis zum Parteigenossen Scharping gilt, ließ Stegner offen.

Ernst Wolff, 1.MĂ€rz 2018

Quelle: http://www.antikrieg.com/aktuell/2018_03_01_diehsh.htm

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