Der Fall des Soldaten A

ALLES MÖGLICHE wurde ĂŒber den Vorfall, der Israel erschĂŒttert, so scheint es, bereits gesagt, geschrieben, verkĂŒndet, bestĂ€tigt und abgestritten.

Alles außer der Hauptsache.

BEI DEM Vorfall handelt es sich um „den Soldaten von Hebron“. Die MilitĂ€r-Zensur gestattet nicht, dass sein Name genannt wird. Nennen wir ihn also „Soldat A“.

Es geschah im Stadtteil Tel Rumeida der Stadt Hebron im besetzten SĂŒd-Westjordanland, wo eine Gruppe Ă€ußerst extremer rechter Siedler inmitten von etwa 160.000 PalĂ€stinensern lebt, die schwer von der israelischen Armee geschĂŒtzt werden. GewalttĂ€tige VorfĂ€lle gibt es im Übermaß.

Am fraglichen Tag griffen zwei dort ansÀssige PalÀstinenser einige Soldaten mit Messern an. Auf beide wurde sofort geschossen. Einer war tot, der andere lag schwer verwundet am Boden.

Der Ort war voller Menschen. SanitĂ€ter kĂŒmmerten sich um den verwundeten Soldaten (aber nicht um den PalĂ€stinenser), einige Offiziere und Soldaten standen gemeinsam mit einigen der Siedler herum.

Sechs Minuten spĂ€ter erschien Soldat A auf der Szene. Er sah vier Minuten lang um sich, nĂ€herte sich dem verwundeten Angreifer und schoss ihm ganz aus der NĂ€he kaltblĂŒtig eine Kugel in den Kopf. Die Autopsie zeigte, dass es tatsĂ€chlich der Schuss gewesen war, der den PalĂ€stinenser getötet hatte.

Als Ausklang zeigt die Kamera, wie Soldat A einem der Siedler die Hand schĂŒttelt, und zwar dem berĂŒchtigten Baruch Marzel, dem FĂŒhrer der verbotenen Partei des verstorbenen Meir Kahane, der vom Obersten Gerichtshof als Faschist bezeichnet worden war.

BIS DAHIN gibt es ĂŒber die Tatsachen keine Diskussion. Aus einem einfachen Grund: Der ganze gewalttĂ€tige Vorfall wurde von einem ortsansĂ€ssigen PalĂ€stinenser aus der NĂ€he auf Video aufgenommen. Die israelische Menschenrechts-Gruppe B’Tselem hat viele PalĂ€stinenser fĂŒr genau solche FĂ€lle mit Kameras ausgestattet.

(B’Tselem ist ein biblischer Name und bedeutet „Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes“. Nach Genesis 1,27 schuf Gott den Menschen „Ihm zum Bilde“. Das ist einer der menschlichsten Verse der Bibel, denn er besagt, dass alle Menschen ohne Unterschied nach dem Bilde Gottes geschaffen sind.)

Die Kamera spielt bei diesem Vorfall die zentrale Rolle. In der gegenwĂ€rtigen intifada wurden viele arabische Angreifer bei derartigen VorfĂ€llen getötet. Der starke Verdacht besteht, dass viele von ihnen hingerichtet wurden, nachdem sie schon „neutralisiert“ waren. Mit diesem Wort werden in der Sprache der Armee arabische Angreifer bezeichnet, die kein Unheil mehr anrichten können, weil sie bereits tot, schwer verwundet oder gefangen genommen worden sind.

GEMÄSS israelischen Armeebefehlen ist Soldaten nicht erlaubt, feindliche Angreifer zu töten, sobald diese keine Gefahr mehr darstellen. Andererseits glauben viele Politiker und Armee-Offiziere, dass „ein Terrorist“, der einen Angriff verĂŒbt hat, „nicht am Leben gelassen werden sollte“. Das war ein informeller Befehl des verstorbenen MinisterprĂ€sidenten Jitzchak Schamir (der frĂŒher selbst ein ĂŒberragender Terrorist gewesen war).

Die Armee-FĂŒhrung hat diese Vorschrift jedoch niemals angenommen. Als zu der Zeit, als Schamir MinisterprĂ€sident war, der Chef von Schin Bet zwei gefangen genommene Bus-EntfĂŒhrer getötet hatte, wurde er vor Gericht gestellt und wurde schließlich vom PrĂ€sidenten Israels begnadigt. Er wurde aus dem Amt entlassen.

Bei einem weiteren Vorfall in letzter Zeit wurde ein junges MĂ€dchen von der Kamera gezeigt, wie sie durch die Straßen rannte und eine Schere schwang. Sie wurde aus kurzer Entfernung von einem Polizisten erschossen.

In allen diesen besonderen FĂ€llen spielte die Kamera die ausschlaggebende Rolle. (Vielleicht sollte das göttliche Gebot ergĂ€nzt werden und dann lauten: „Du sollst nicht töten, wenn eine Kamera in der NĂ€he ist!“)

Der Kommandeur des Soldaten A fragte ihn an Ort und Stelle, warum er den verwundeten PalĂ€stinenser erschossen habe. Soldat A antwortete spontan: „Er hat meinen Kameraden verwundet, darum hat er den Tod verdient.“

Kurz darauf merkte er, dass das die falsche Antwort gewesen war, deshalb ergĂ€nzte er: „Er hat sich bewegt und neben ihm lag ein Messer, dadurch habe ich mich bedroht gefĂŒhlt.“ Es stellte sich jedoch heraus, dass ein anderer Soldat das Messer schon weggestoßen hatte.

SpĂ€ter nannte Soldat A einen weiteren Grund, an dem er bisher festgehalten hat: „Ich sah eine Wölbung unter seiner Jacke und dachte, er hĂ€tte einen SprengstoffgĂŒrtel um. Ich habe geschossen, um zu verhindern, dass er alle Umstehenden tötet.“ Das ist Ă€ußerst unwahrscheinlich, da die Kamera deutlich zeigt, dass alle anderen in der NĂ€he ganz gelassen dastanden. Der Verwundete war bereits durchsucht worden. Darum kĂŒndigte die MilitĂ€rpolizei an, dass gegen den Soldaten A wegen Mordes ermittelt werden wĂŒrde. Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon und Generalstabschef Gadi Eizenkot sicherten zu, der Fall werde mit Ă€ußerster Genauigkeit untersucht.

EIN RIESIGER Sturm brach los. Im ganzen Land griffen Rechte, Siedler, Politiker und ihresgleichen den Armeekommandeur in einer Sprache an, die man bis dahin noch nie gehört hatte.

Der Erziehungsminister Naftali Bennett, der FĂŒhrer der extrem rechten Partei „JĂŒdisches Heim“, griff den Verteidigungsminister, der einmal Generalstabschef gewesen war und ein moderater Likud-Rechter ist, wild an.

Der gegenwĂ€rtige Generalstabschef Gadi Eizenkot ließ sich nicht beirren. Er wiederholte die Armeebefehle und unterstĂŒtzte die Aktionen der MilitĂ€rpolizei gegen den Mob der Denunzianten, die die sozialen Medien mit Tausenden von Nachrichten ĂŒberschwemmten und den Armeekommandeur verfluchten. Benjamin Netanjahu unterstĂŒtzte zuerst den Verteidigungsminister ein wenig und verfiel dann in Schweigen.

Das war nur der Anfang. Die Eltern von Soldat A griffen den Armeekommandeur in den Medien an, er habe ihr Kindchen „im Stich gelassen“, die Angehörigen der Armee des Soldaten A verfluchten nach Belieben ihre Kommandeure und die MilitĂ€rpolizei. Überall im Land erscholl der Schrei, Soldat A sei ein „Held“.

Demonstrationen von Soldaten und Zivilpersonen fanden auf dem ArmeegelĂ€nde vor dem MilitĂ€rgericht statt. Minister und Knesset-Abgeordnete kamen in den Gerichtssaal, um ihre SolidaritĂ€t mit dem „Helden“ zu zeigen. Der Mob verlangte sowohl vom Armeechef als auch vom Verteidigungsminister, sie sollten zurĂŒcktreten.

ICH MÖCHTE ein paar persönliche Bemerkungen hinzufĂŒgen.

Im Krieg 1948 war ich Kampfsoldat in einer Kommandoeinheit, die mit dem ehrenvollen Titel „Simsons FĂŒchse“ belohnt worden war. Ich nahm an 50 Gefechten teil. Ich schrieb zwei BĂŒcher ĂŒber diese Erfahrung. Das erste In den Feldern der Philister schrieb ich wĂ€hrend des Krieges und darin beschrieb ich die Schlachten. Alles, was ich dort geschrieben habe, war die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, aber es war doch nicht die ganze Wahrheit. Das zweite Buch Die Kehrseite der Medaille wurde unmittelbar nach dem Krieg veröffentlicht und darin beschrieb ich die dunklen Seiten des Krieges, darunter auch Kriegsverbrechen.

Aufgrund dieser Erfahrung wage ich zu behaupten: Jeder, der Soldat A einen Helden nennt, beleidigt die Hunderttausende anstĂ€ndiger Kampfsoldaten, die von damals bis heute in der israelischen Armee dienten und dienen. Unter ihnen gab es wahre Helden (wie die vier in Marokko geborenen Soldaten, die ihr Leben wagten, um mich, als ich verwundet worden war, aus dem GeschĂŒtzfeuer in Sicherheit zu bringen).

Ein Held ist ein Soldat, der sein Leben wagt, um einen Kameraden zu retten oder um eine andere wesentliche Mission zu erfĂŒllen. Einer, der einen verwundeten Feind erschießt, ist kein Held, und wenn man ihn so nennt, ist das eine Beleidigung fĂŒr alle anstĂ€ndigen Soldaten, die unter harten – manchmal unmöglichen – UmstĂ€nden versuchen, ihre Menschlichkeit zu wahren.

Ein anstÀndiger Soldat braucht keine Armeebefehle, um zwischen Erlaubtem und Verbotenem, zwischen anstÀndig und kriminell, zwischen einem Helden und einem erbÀrmlichen Feigling zu unterscheiden. Er kennt den Unterschied.

MANCHE mögen sich ĂŒber meine Haltung der Armee gegenĂŒber wundern.

Ich bin Pazifist. Ich verabscheue Krieg und Gewalt. Aber ich bin kein Einfaltspinsel. Ich weiß, dass jedes Land eine Armee braucht, nicht nur in Kriegszeiten, sondern auch in Friedenszeiten.

Eine Armee ist eine Tötungsmaschine. Aber nach dem furchtbaren DreißigjĂ€hrigen Krieg im 17. Jahrhundert setzte die Menschheit den Grausamkeiten Grenzen. Kurz gesagt: Gewalt ist erlaubt, wenn sie dem Zweck des Krieges dient, aber sie ist absolut verboten, wenn sie gegen Hilflose wie Gefangene und Verwundete eingesetzt wird.

Wie es einige von uns vorhergesehen haben, haben 50 Jahre Besetzung unsere Armee auf vielerlei Weise korrumpiert. Es ist nicht mehr die Armee, in der ich einmal gedient habe. Es ist keine Armee, auf die ich stolz sein kann. Sie Àhnelt mehr einer Kolonial-Polizeimacht als einer Armee. Deren Pflicht ist es, unseren Staat inmitten seiner turbulenten Nachbarschaft zu verteidigen.

AuslĂ€nder mögen sich ĂŒber die Tatsache wundern, dass der Armeekommandeur in Israel im Allgemeinen gemĂ€ĂŸigter ist, als es Regierung und Politiker sind. Aus historischen GrĂŒnden war das schon immer so. Ich tadele das Armeekommando fĂŒr viele Fehler und Untaten, aber ich muss es in diesem Fall fĂŒr seine CharakterstĂ€rke loben.

DIE HAUPTSACHE bei diesem Vorfall, die niemand auszusprechen wagt, ist, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte Israels zu Zeugen einer ausgewachsenen Meuterei geworden sind.

Man kann es nicht anders bezeichnen.

Eine Gruppe von Soldaten, die von einem großen Teil der politischen Szene unterstĂŒtzt werden, meutert gegen ihre Kommandeure. Das ist eine starke Bedrohung der Staatsstruktur, eine Herausforderung fĂŒr das, was von unserer Demokratie ĂŒbrig geblieben ist.

Die FĂ€ulnis, die in den besetzten Gebieten begann, breitet sich im ganzen Land aus. Sie hat sich jetzt in der einzigen Institution manifestiert, die bisher von allen (jĂŒdischen) Israelis geliebt wurde: der Armee.

9. April 2016

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

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