Trotz staatsanwaltlicher Ermittlungen: Christine Lagarde bewirbt sich erneut um IWF-Chefposten
Christine Lagarde hat in der vergangenen Woche bekannt gegeben, dass sie sich fĂŒr eine zweite Amtszeit als geschĂ€ftsfĂŒhrende Direktorin des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IWF) bewirbt. Regierungsvertreter Frankreichs, Deutschlands, GroĂbritanniens und der USA reagierten auf die AnkĂŒndigung, indem sie die IWF-Chefin mit Lob ĂŒberschĂŒtteten.
Lagarde sei eine âauĂergewöhnliche FĂŒhrungspersönlichkeit mit Visionen und Scharfsinnâ, die in der Lage sei, âdie Weltwirtschaft in den kommenden Jahren zu steuernâ, sagte der britische Schatzkanzler Osborne. Der deutsche Finanzminister SchĂ€uble nannte Lagarde eine âhervorragende Krisenmanagerinâ, wĂ€hrend sein amerikanischer Kollege Jack Lew ihre bisherige Arbeit als âexzellentâ bezeichnete.
Einziges Hindernis auf dem Weg zu einer zweiten Amtszeit könnten juristische Probleme werden, die Christine Lagarde seit 2011 verfolgen und deren HintergrĂŒnde ein bezeichnendes Licht sowohl auf sie selbst, als auch auf die politischen und wirtschaftlichen Kreise werfen, denen sie angehört.
Bereits einen Monat vor ihrer Ernennung zur geschĂ€ftsfĂŒhrenden Direktorin des IWF im Jahr 2011 hatte die französische Justiz Ermittlungen gegen Christine Lagarde aufgenommen. Dabei ging es um folgenden Tatbestand: Der französische GeschĂ€ftsmann und MilliardĂ€r Bernard Tapie hatte im Jahr 1993 seine drei Jahre zuvor erworbenen Mehrheitsanteile am Sportartikelhersteller Adidas fĂŒr umgerechnet 315,5 Mio. Euro an die französische GroĂbank CrĂ©dit Lyonnais verkauft. Ein Jahr spĂ€ter verĂ€uĂerte die CrĂ©dit Lyonnais das Paket fĂŒr 701 Mio. Euro an den GeschĂ€ftsmann Robert Louis Dreyfus. Tapie fĂŒhlte sich daraufhin von seiner langjĂ€hrigen Hausbank ĂŒbervorteilt und klagte auf Schadenersatz.
Die folgenden rechtlichen Auseinandersetzungen zogen sich ĂŒber mehrere Jahre hin. 2005 wurde Tapie von der französischen Justiz eine EntschĂ€digung in Höhe von 135 Mio. Euro zugesprochen. Das Urteil wurde allerdings vor seiner Vollstreckung vom Pariser Kassationsgericht aufgehoben. Hierauf schaltete sich die damalige Finanz- und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde ein und verwies die Angelegenheit im Wahljahr 2007 an ein privates Schiedsgericht, das Tapie ein Jahr spĂ€ter 285 Mio. Euro zuzĂŒglich 118 Mio. Euro Zinsen, also insgesamt 403 Mio. Euro zusprach.
Lagarde segnete das Urteil umgehend ab, obwohl die CrĂ©dit Lyonnais in der Zwischenzeit aufgelöst worden war, so dass die Zahlungen nicht mehr die Bank, sondern den französischen Steuerzahler belasteten. Lagarde setzte sich auch ĂŒber VorwĂŒrfe der BegĂŒnstigung hinweg, die erhoben wurden, weil Tapie 2007 den Wahlkampf von PrĂ€sident Sarkozy, Christine Lagardes langjĂ€hrigem Parteifreund und wichtigstem Förderer, finanziell unterstĂŒtzt hatte.
Das Urteil des Schiedsgerichts bedeutete allerdings noch nicht das Ende der AffĂ€re. Tapie, der fĂŒr seine rĂŒden GeschĂ€ftsmethoden bekannt und wegen Wirtschaftsdelikten mehrmals vorbestraft ist, gab sich mit 403 Mio. Euro nicht zufrieden. Er legte Berufung gegen das Urteil ein und forderte insgesamt zwischen 516 Mio. und 1,1 Mrd. Euro Schadenersatz. Tapie rechnete zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht damit, dass der von ihm im Wahljahr 2012 erneut unterstĂŒtzte Sarkozy gegen den Sozialisten Hollande verlieren und sich das politische Klima in Frankreich somit entscheidend Ă€ndern wĂŒrde.
Die verĂ€nderten politischen VerhĂ€ltnisse hatten fĂŒr Tapie jedenfalls Ă€uĂerst ungĂŒnstige Folgen: Nach lĂ€ngerem juristischem Tauziehen wurde das Urteil gegen ihn im Dezember 2015 aufgehoben. Er wurde zur RĂŒckzahlung der 403 Mio. Euro und zur Ăbernahme aller dem Staat durch das Schiedsverfahren entstandenen Kosten verpflichtet. Auch Lagarde bekam die Ănderung der politischen GroĂwetterlage zu spĂŒren: Der Gerichtshof der Republik â ein spezielles Gericht, das fĂŒr GesetzesverstöĂe französischer Regierungsmitglieder im Rahmen ihres Amtes zustĂ€ndig ist â eröffnete gegen sie ein Verfahren wegen âFahrlĂ€ssigkeitâ im Amt.
Die IWF-Chefin reagierte darauf Ă€hnlich wie auf der Eröffnung des ersten Ermittlungsverfahrens im August 2011: Sie wies alle VorwĂŒrfe gegen sich als âabsolut unbegrĂŒndetâ zurĂŒck. Wie die Reaktionen der westlichen Regierungen zeigen, steht sie mit ihrer Haltung gegenĂŒber den Ermittlungen der französischen Justiz nicht allein da.
Lagarde ist mit ihren rechtlichen Problemen in den Reihen der IWF-FĂŒhrung ĂŒbrigens kein Einzelfall. Sowohl gegen ihren VorgĂ€nger Dominique Strauss-Kahn, als auch gegen dessen VorgĂ€nger Rodrigo Rato wird derzeit gerichtlich ermittelt. Auch in diesen FĂ€llen lohnt es sich, einen kurzen Blick auf die gegen beide erhobenen Anschuldigungen zu werfen.
Dominique Strauss-Kahn, 2011 im Gefolge der allseits bekannten Sex-AffĂ€re um ein New Yorker ZimmermĂ€dchen aus dem Amt geschieden und mittlerweile aus steuerlichen und juristischen GrĂŒnden in Marokko zu Hause, grĂŒndete Anfang 2014 zusammen mit dem wegen zwielichtiger Deals bekannten französisch-israelischen GeschĂ€ftsmann Thierry Leyne den Hedgefonds LSK (Leyne Strauss-Kahn). Beide sammelten nach eigenen Angaben Investorengelder in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar ein, steckten einen groĂen Teil des Geldes aber nicht in den Fonds, sondern in eigene Firmen.
Als die unseriösen GeschÀfte im Herbst 2014 aufzufliegen begannen, legte Strauss-Kahn den Verwaltungsvorsitz des Fonds nieder. Drei Tage spÀter nahm sich sein GeschÀftspartner Thierry Leyne durch einen Sprung aus einem Hochhaus in Tel Aviv das Leben. Wenig spÀter wurde bekannt, dass Investoren allein durch Strauss-Kahn eine Summe von etwa 100 Mio. Euro verloren hatten. Im Oktober 2015 verklagten zwei von ihnen den ehemaligen IWF-Chef wegen vorsÀtzlicher TÀuschung, FÀlschung, Betrug und Veruntreuung.
Strauss-Kahns VorgĂ€nger, der Spanier Rodrigo Rato, ĂŒbernahm im Dezember 2010 – drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem IWF – den Posten des Vorstandsvorsitzenden der viertgröĂten spanischen Bank Bankia, die aus einer Fusion spanischer Sparkassen entstand. Am 16. April 2015 wurde Rato von der Polizei in seinem Haus in Salamanca verhaftet und vor den Fernsehkameras des Landes in Handschellen abgefĂŒhrt. Ihm wird vorgeworfen, zusammen mit dem Rest der Bankia-FĂŒhrung beim Börsengang 2011 Bilanzen gefĂ€lscht und so Hunderttausende Kleinanleger um ihr Geld gebracht zu haben. Die spanische Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen GeldwĂ€sche, Verschleierung von Vermögenswerten, Steuerbetrug und Kreditkartenmissbrauchs gegen ihn.
Sowohl Christine Lagarde, als auch Dominique Strauss-Kahn und Rodrigo Rato waren als IWF-Chefs maĂgeblich fĂŒr die Durchsetzung der AusteritĂ€tspolitik zustĂ€ndig und haben zahllose Menschen in aller Welt zu einem Leben in Armut und Hunger verurteilt. Zwar ist trotz aller juristischen Ermittlungen gegen sie nicht damit zu rechnen, dass ihnen wegen ihrer Verfehlungen ein Ă€hnliches Schicksal droht. Doch die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der sie sich selbst materielle Vorteile verschafft, anderen Menschen geschadet und sich dabei ĂŒber Recht und Gesetz hinweggesetzt haben, sind der internationalen Ăffentlichkeit nicht entgangen. Sie haben den Graben zwischen dem IWF als mĂ€chtigster Finanzorganisation der Welt und den vielen Millionen zur BewĂ€ltigung ihres Alltags auf die eigene Arbeit angewiesenen Menschen weiter vertieft.
Ernst Wolff, 25. Januar 2016
