THE VISITOR, Tagebuch: Shanghai

THE VISITOR - in Shanghai

Tagebucheintrag von THE VISITOR. Der Basis Filmverleih bringt den Nonfiction Film im Februar 2015 in die Kinos.

Shanghai. Finding Stories.

Ankunft
Als wir ankommen, am Flughafen, will ich umkehren. Sofort. Das GefĂŒhl verstĂ€rkt sich, wĂ€hrend wir in die Stadt fahren, gut organisiert mit Bussen. Ein grauer Himmel empfĂ€ngt uns. StĂ€hlern, unzugĂ€nglich, durchorganisiert und wohlbekannt wie schon der Flughafen. Was sollen wir hier? Ich sehne mich nach dem Anderen, dem Fremden. Das ist es nicht. So weit geflogen, um nicht weg zu sein.
Wir, also meine Kamerafrau Paola und ich, beziehen eine Wohnung im französischen Viertel. Sie ist luxuriös, wir haben jede ein Zimmer. Wir fahren Metro, laufen im Quartier. In der Metro kichern junge Paare und zwicken sich. An den HĂ€userwĂ€nden hĂ€ngen riesige Screens mit Shampoo Werbefilmen. Die Menschen rennen mit EinkaufstĂŒten an uns vorbei. Da mich, begleitend zu meiner viel poetischeren Arbeit als the visitor die Zukunftsvisionen der Stadtplaner interessieren, suchen wir irgendeinen Architekturprofessor von dem wir gehört haben, schlagen uns halbherzig zur UniversitĂ€t, in der er angeblich unterrichtet.
Ich zwinge mich zu einem Anfang, obwohl ich schon am Ende bin mit der Stadt. Die UniversitĂ€t, umringt von einem kĂŒnstlich angelegten Park inmitten staubiger Strassen hat zu, wir mĂŒssen den Professor nicht treffen. Wir nehmen Busse, wieder die Metro, wieder diese Paare, die sich kratzen und zwicken und kichern, alles gekĂŒnstelt, unertrĂ€glich, auch unser Viertel, das angeblich zu den Schönsten von Shanghai gehört, weil hier lauter HĂ€user mit französischem Einfluss stehen. Wir reden kaum, essen eine Schale Reis von einer Frau mit einem Karren in den nĂ€chtlichen Lichtern der Reklame.
Morgens nehmen wir die Metro und fahren soweit wie möglich raus. Ich möchte ein GefĂŒhl bekommen fĂŒr die Dimension der Stadt, fĂŒr ihre Landschaft. Ich habe eine schreiende Sehnsucht nach anderen Orten als Shoppingmalls und funktionale Metros. Wir nehmen die lĂ€ngste U-Bahn Strecke die wir finden können und fahren bis an ihr Ende. Vorbei an GebĂ€uden, HĂ€usergruppierungen, die sich jeweils zwischen zwei Haltestrecken exakt gleichen. Eine Station lang bleichrosa geschwungene HochhĂ€user, Typ billige Mittelklasse, nĂ€chste Station beige LandhĂ€user mit Garten und TĂŒmpel, gehobene Mittelklasse, dann Kolonnen weisser HochhauskĂ€sten mit winzigen Fenstern, Massenware. Klasse aus der Konserve. Am Ende der Station steigen wir aus in einer unfertigen Betonstadt, ich freue mich ĂŒber kleine LĂ€den und Menschen ohne EinkaufstĂŒten. Wir laufen herum, trinken irgendwo in einem schmutzigen Raum mit PlastikstĂŒhlen einen unglaublich bitteren Tee, nervös bewacht von einem Jungen, der vielleicht einfach nur zufĂ€llig vorbeikam, um uns aus einer Laune heraus Tee zu kochen, wir sind die einzigen Kunden. Wir gehen weiter auf eine Art Acker, hier wohnen Menschen in kleinen provisorischen HĂŒtten, alles ist Anfang hier. Übergang. Wir fangen an zu drehen, ich laufe herum und nĂ€here mit vorsichtig einigen Menschen. Es kommt zu keiner wirklichen Begegnung, die Menschen machen sich ein wenig ĂŒber mich lustig, das ist alles.

Gestapelte Menschen
Wir laufen durch Gassen, Strassen, Höfe, wir gehen in HĂ€user. Wir durchkreuzen Viertel, wir lungern vor EingĂ€ngen. Wir gehen, im Rauschen der Autos, an endlosen Straßen, unter BrĂŒckenbauten, in die Luft gehĂ€ngt wie urzeitliches Spinnengetier. Vorbei an Baustellen und zwischen den nĂ€chtlichen Leuchtfarben des neuen Shanghais, in die letzten Ruinen des alten Shanghais: kleine modernde HĂ€usergruppen mit engen StrĂ€sschen aus Lehm, wie gestauchte Dorfkulissen zwischen die HochhĂ€usern gepresst. Es gibt keine MĂŒllhaldenbewohner wie in Mumbai, die chinesische Regierung duldet keine Slums; Geldlose in Shanghai bewohnen nicht die AbfĂ€lle anderer Menschen sondern die Ruinen ihrer eigenen abgerissenen Bauten.
Es ist ein Bild. Wir gehen Treppen hinauf. Eine Dunkelheit. Ein enger Flur. Geruch. Fremdes Haus. Eindringlinge. Am Himmel des Hauses, ganz oben eine Frau, wĂ€scht ihren rattigen Hund mit ihren Höschen auf dem Flur. Sie schreit, uns sehend, entzĂŒckt und entsetzt. Der Hund bellt, kratzt, will uns nicht dahaben, verkörpert den Unwillen seiner Herrin, wir lĂ€cheln Verzeihung und verschwinden. Auf dem Gang nach unten sehen wir durch einen TĂŒrspalt. Da sind Menschen gestapelt im winzigen Raum. 12 halbnackte MĂ€nner mit schwitzenden BĂ€uchen in verrottenden Unterhosen, auf halb zusammengebrochene Betten voller Essenreste, Koffer, Kleider, FĂ€kalien. Wir waren in Indien, ich bin nicht geschockt von Armut, ich mag es auch nicht, wenn es andere sind. Immer denk ich an englische Gouvernanten, wenn jemand ĂŒber gesehene Armut spricht wie ĂŒber eine schmutzige Sensation. Armut hat nichts Sensationelles, sie ist weltalltĂ€glich. Aber hier bin ich schockiert. Es ist nicht die Armut, es ist die unfassbare, aber genauso alltĂ€gliche Verwahrlosung. Der Zusammenbruch jedes BemĂŒhens. Um einen Anschein, ein Sein. Es ist viel schlimmer als ein Hausen. Und es ist die gesĂ€uberte Stadt, die einen nicht richtig vorbereitet auf so eine Sicht. Shanghai, durch das wir gerade etwas verzweifelt krochen, klein, winzeklein unter den himmelpenetrierenden HĂ€usern, die ihre Menschen nicht mehr herzugeben scheinen, die sie umschliessen und auf ewig verschliessen, sie infizieren mit ihrer UnzugĂ€nglichkeit. Und dann finden wir glĂŒcklich eine Insel alter, morscher HĂ€user, viel zu mĂŒde fĂŒr irgendeine Verteidigung ihrer Bewohner. Und dann laufen wir in eins dieser HĂ€user und ich fliehe vor der ObszönitĂ€t des Gesehenen. Ich setze mich draussen auf einen Stein. Brauche eine Pause.

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