B.N.D.-Mann gibt zu: „Suchprogramm“ bereits am 11. September 2001 im Einsatz
Im Zuge der Spionage-AffĂ€re und offenkundigen TotalĂŒberwachung auch der deutschen Bevölkerung geht der einst mĂ€chtige und gefĂŒrchtete Bundesnachrichtendienst in eine letzte Offensive.
Geheimdienste, mithin Spione, haben Eigenschaften, die sie vor der Bevölkerung versuchen so geheim zu halten wie sich selbst. Eine essentielle dieser Eigenschaften ist der unbedingte, quasi-religiöse Glaube an die eigene Ăberlegenheit gegenĂŒber der „Normalbevölkerung“. Dieser Glaube basiert, einzig und allein, auf den zur VerfĂŒgung stehenden Machtmitteln, deren Handhabung sich – das dĂŒrfte mittlerweile sogar die „Normalbevölkerung“ begriffen haben – faktisch jedweder parlamentarisch-demokratischen Kontrolle entzieht.
Gleichzeitig entsteht in diesem Tiefen Staat im Staate ein absurdes Paradoxon, ein „Doppeldenk“, wie es George Orwell nannte: geprĂ€gt vom eigenen berufsbedingten pathologischen LĂŒgen und der Konspiration, ensteht ein Menschenbild der NatĂŒrlichkeit des pathologischen LĂŒgens und der Konspiration. Oder anders ausgedrĂŒckt: die in einer Parallelwelt zusammengepferchten und dieser bedingungslos ausgelieferten Spione beginnen, in bestĂ€ndiger Angst voreinander lebend, von sich selbst auf die Menschheit zu schlieĂen, der sie sich dennoch gleichzeitig ĂŒberlegen fĂŒhlen. So entsteht – aus Sicht der Spione – eine Welt der Monster (normale Leute), die es durch ĂŒberlegene Ăberleger (z.B. „Nachrichtendienstler“, aber auch eine „Elite“, oder allgemein „feine LeutÂŽ“) zu kontrollieren und vor sich selbst zu beschĂŒtzen gilt. In dieses Menschenbild impliziert ist, natĂŒrlich, die unendliche Abscheu davor, sich von diesen Zombies da drauĂen in die eigenen Karten gucken zu lassen.
Nach 12 Jahren ungewinnbarem Krieg gegen den Schrecken (lat.: terror), in welchem sich die berufsbedingten Lieferanten von Schreckensbotschaften mehr und mehr Macht, Vollmacht und letztlich ErmĂ€chtigungen von den zunehmend gelĂ€hmten kriegsfĂŒhrenden Demokratien besorgten, ist die „Hegelsche“ Dynamik, die Dialektik von Angst vor der Angst, von Angst vor dem Schrecken (terror), von Schrecken durch Krieg, von Krieg durch Schrecken zum Stehen gekommen.
Es wird wieder gedacht. Und das laut. Und es wird gehört.
FĂŒr den zum Moloch aufgeblasenen Spionage-Apparat, international so eng verflochten wie die systemischen Banken des weltweiten Kapitalismus, ist dies die erste reale Gefahr, der er sich seit den Attentaten des 11. September 2001 ausgesetzt sieht. Noch bis vor kurzem galt, insbesondere in allen sich selbst als links, emanzipatorisch oder progressiv verstehenden Parteien und Organisationen, das Dogma des absoluten Glaubens an die Geheimdienste der kriegfĂŒhrenden Staaten. Jeder geĂ€uĂerte Zweifel an irgendeiner Darstellung der Spione und der mit ihnen verschmolzenen MilitĂ€rs und Polizeibehörden, wurde in klerikalem Fanatismus durch den psychologischen Kriegsbegriff „Verschwörungstheorie“ belegt. In faschistischer HeimtĂŒcke wurde versucht, Skeptiker und Dissidenten, welche die MutmaĂungen und Darstellungen des Spionage-Komplexes auch nur in Frage stellten und / oder ordentliche zivile Gerichtsverfahren nach Attentaten verlangten, als rechts, „strukturell“ rechts oder irgendwie menschenfeindlich zu stigmatisieren.
Auch diese Taktik zerfĂ€llt. Wer angesichts der EnthĂŒllungen ĂŒber die seit Jahrzehnten angeschwollene, von allen etablierten Parteien und Organisationen verschwiegene und / oder still tolerierte Macht der Geheimdienste immer noch von „Verschwörungstheorie“ redet, befindet sich in einer stetig kleiner werdenden Minderheit und sieht sich nun zunehmend selbst genau der politischen Isolation ausgesetzt, in die er alle klassischen (links)demokratischen KrĂ€fte fĂŒhren wollte.
In dieses Zeitgeschehen fĂ€llt nun ein bemerkenswert plumper Versuch der Freunde des Bundesnachrichtendienstes e.V. (Name des Vereins zum Schutze vor klugen Fragen geĂ€ndert), der sich seines Portals „Die Welt“ bedient. In dem als Gastartikel eines B.N.D.-„Insiders“ bezeichneten Propaganda-Werk gibt der Autor zu, dass bereits am Tage des 11. Septembers 2001 dem Bundesnachrichtendienst ein „Riesenberg“, ein „Heuhaufen“ von Daten der Bevölkerung zur VerfĂŒgung stand, der „minĂŒtlich anwuchs“ und in dem mittels eines „Suchprogramms“ gezielt Daten „herausgefiltert“ werden konnten. Allerdings, so der Agent:
„Der Hinweis kam nicht aus Suchprogrammen wie XKeyscore.“
Aber:
„Wir konnten analysieren, was in diesen Kommunikationswegen in der Zeit des Angriffs passierte. Wer wen kontaktierte, und warum.“
Kurz: Der Bundesnachrichtendienst, bzw ein sicherlich nicht ganz ohne Wissen von seinen Vorgesetzten in der Bundesregierung agierender Agent des B.N.D. (auch „Welt“-Redakteure können nicht ohne Wissen der Geheimdienste kontaktiert werden), gibt in einer von, nun ja, abstrusen und kruden Rechtfertigungsversuchen ĂŒbersĂ€ten Selbstdarstellung öffentlich zu, dass bereits am 11. September 2001 der Bundesnachrichtendienst ĂŒber Datenmengen verfĂŒgte, die offensichtlich nur ĂŒber flĂ€chendeckende Spionage gegen die Telekommunikationsverkehre der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger gewonnen werden konnten, und zwar schon vor dem 11. September 2001.
Ein Demokrat – oder ein Republikaner – der nicht Arges, sondern ĂŒberhaupt noch dabei denkt.
