Der Tag, an dem Nordkorea stillstand

In der Demokratischen Volksrepublik Korea, das allgemein als Nordkorea bekannt ist, feierte die „Partei der Arbeit Koreas“ (PdAK) heute mit einer Militärparade ihren 65.GrĂĽndungstag. Bereits beim Kongress der Staatspartei in Pyongyang am 28.September, dem ersten ParteikongreĂź seit 1980 und der ersten Delegierten-Konferenz seit 1966, waren zwei Personen in das Zentrum der Macht gerĂĽckt: Kim Jong Un, Sohn des nordkoreanischen Staats- und Parteichefs Kim Jong Il, und Ri Yong Ho, Generalstabschef der nordkoreanischen Streitkräfte. Beide wurden zu stellvertretenden Leitern der Militärkommission gewählt, die als zentrales ausfĂĽhrendes Machtorgan derzeit die Geschicke des Staates dominiert. Vorsitzender der Kommission ist Staats- und Parteichef Kim Jong Il. Chang Sung Taek, Mann von Kims Schwester Kim Kyong Hui und damit Schwager des Staats- und Parteichefs, galt noch in 2008 als mächtiger ParteibĂĽrokrat und möglicher kommender Machthaber Nordkoreas. Doch in 2008 beendete SĂĽdkorea unter seinem neuen Präsidenten Lee Myung Bak abrupt die in 2000 vom damaligen Präsidenten Kim Dae Jung begonnene und von Präsident Roh Moo Hyun fortgesetzte „Sonnenscheinpolitik“. Nun veränderte auch Nordkorea seine Kurs: man gab die Chance auf eine Annäherung mit dem SĂĽden auf und erhob in 2009 die Politik des „Son Gun“, der Priorität des Militärs und der Landesverteidigung, zur Staatsdoktrin. In Folge dieser weiteren Stärkung des Militärs und seiner Belange rĂĽckte die Militärkommission (auch „Nationale Verteidigungskommission“) endgĂĽltig in das Zentrum der Macht innerhalb Nordkoreas. Kim Jong Ils Schwager Chang Sung Taek wurde nun zwar diesen Juni in die Militärkommission gewählt – doch 1.Stellvertreter Kims wurde Generalstabschef Ri Yong Hu, noch vor Kims Sohn Jong Un als 2.Stellvertreter. Der 27-Jährige war erst einen Tag vor der Delegierten-Konferenz der PdAK in den Rang eines „Daejang“ erhoben worden, ebenso seine Tante Kim Kyong Hui, die Frau Chang Sung Taeks.

Nun gibt es seit einigen Wochen wieder ebenso unauffällige, wie bedeutsame Anzeichen fĂĽr eine RĂĽckkehr der Entspannung in die Region. Am 15.September veröffentlichte ex-US-Präsident Jimmy Carter in der New York Times einen Gastartikel mit dem Titel „Nordkorea will einen Deal abschlieĂźen“. Carter wörtlich (1):
„Während meiner kĂĽrzlichen Reisen nach Nordkorea und China habe ich deutliche, starke Signale bekommen, dass Pyongyang die Verhandlungen ĂĽber einen umfassenden Friedensvertrag mit den Vereinigten Staaten und SĂĽdkorea und eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel wieder aufnehmen will.“
Nur einen Tag später verkĂĽndete SĂĽdkorea, dass der Norden Vorschläge ĂĽber direkte Gespräche auf der militärischen Arbeitsebene vorgeschlagen habe (2). Ein bedeutsamer Schritt – schlieĂźlich befinden sich beide Teilstaaten seit dem Ausbruch des Koreakrieges vor 60 Jahren offiziell immer noch im Kriegszustand. Auch bedeutete die Meldung indirekt das Einverständnis der Washingtoner Regierung endlich selbst Gespräche mit Nordkorea zu fĂĽhren: Washington hat bis heute den direkten Oberbefehl ĂĽber die sĂĽdkoreanischen Streitkräfte. Dann verhandelten am 18.September beide koreanischen Staaten auf der Arbeitsebene ĂĽber eine Wiederaufnahme der Familientreffen aus Nord- und SĂĽdkorea, die, nach dem Abbruch der Sonnenscheinpolitik durch den SĂĽden, in 2009 ausgesetzt worden. Es wurde öffentlich, dass bereits die Woche zuvor Nordkorea die Gespräche vorgeschlagen hatte (3). Auch dies ist fĂĽr beide Staaten ein groĂźer Schritt: bis heute gibt es weder Telefon- noch Briefverkehr zwischen beiden Staaten. Viele Familien, die im Kriege vor 60 Jahren auseinander gerissen wurden, wissen bis heute noch nicht einmal, ob ihre Angehörigen ĂĽberhaupt noch am Leben sind. Dann wurde am 23.September bekannt, dass innerhalb des nordkoreanischen StaatsgefĂĽges ausgerechnet drei Beamte befördert worden waren, die zuvor an den Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten beteiligt waren. Vize-Aussenminister Kang Sok Ju, der schon 1994 an Gesprächen mit einer von Jimmy Carter gefĂĽhrten US-Delegation beteiligt gewesen war und am 4.August einem Treffen Kim Jong Ils mit Bill Clinton beiwohnte (4), wurde zum Vize-Premier Nordkoreas befördert. Auf seinen alten Posten rĂĽckte Kim Kye Kwan, wie Kang ehemals Experte in Aussenpolitik und Vertreter Nordkoreas bei den frĂĽheren „Sechs-Parteien-Gesprächen“ ĂĽber eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Und weiterer stellvertretender Aussenminister wurde der Namensvetter des Generalstabschefs Ri Yong Ho. (5)
Welcher Run sich im Falle einer zunehmenden – auch wirtschaftlichen – Ă–ffnung des Staates Nordkorea gegenĂĽber der Welt abspielen könnte, machte nicht zuletzt ein Artikel der „Financial Times Deutschland“ (6) vom 12.September deutlich: man warf schon mal ein Ă„uglein auf die Immobilien des einzigen steuerfreien Staates der Welt.
„Nordkorea gilt als isoliertester und unzugänglichster Staat der Welt. Trotzdem leben dort nicht nur Millionen uniformierter Koreaner, sondern auch Unternehmer aus dem Ausland. Volker Eloesser ist einer von ihnen: Er betreibt in Pjöngjang die IT-Firma Nosotek als Joint Venture mit dem nordkoreanischen Staat.. `Kommt der Aufschwung, steigen auch die GrundstĂĽckspreise. Das ist die Strategie der meisten ausländischen Unternehmen hier: Immobilienspekulation, auch wenn die fĂĽr Ausländer nur im Joint Venture erlaubt ist. Viele produzieren pro forma, ohne nennenswerte Gewinne. Und kaufen gleichzeitig Restaurants, Ladengebäude oder auch Schwimmbäder auf. Stellen Sie sich mal vor, jemand hätte 1985 in China ein Restaurant am Tiananmen-Platz gebaut. Oder am Alexanderplatz in Ostberlin! Solche Chancen gibt es nicht mehr oft auf der Welt.` „

In der Tat sprachen letzte Bulletins der StaatsfĂĽhrung anläßlich des 65.Jahrestags der „Partei der Arbeit Koreas“, die auf persönlichen Wunsch des „Ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung als einzige sozialistische Partei weltweit neben Hammer und Sichel auch den Pinsel der Intellektuellen als Symbol in Ihr Wappen aufnahm, von einer Weiterentwicklung der „sozialistischen Marktwirtschaft“. Falls Nordkorea nicht die chinesischen Fehler wiederholt und die eigene Infrastruktur, Immobilien und vor allem Grund und Boden weiter behält und lediglich vermietet, könnte sich durchaus so etwas wie ein mittleres Wirtschaftswunder in dem kleinen Staat entwickeln. Von anderen Wundern ganz zu schweigen. Bestaunen wir nun zum SchluĂź folgende Original-Bilder der heutigen Parade und lauschen wir den, nun, recht schwungvoll vorgetragenen Tonaufnahmen. So etwas hat man lange nicht gesehen, hierzulande. Seit Jahrzehnten nicht.
Ein deutscher Unternehmer, der wirtschaftliche Kontakte zu beiden Seiten pflegt, formulierte es vor kurzem so: wenn man Koreaner sowohl aus dem Süden, als auch aus dem Norden, bei einem Gespräch einmal so richtig durch den Raum treiben wolle, brauche man ihnen nur folgendes Beispiel zu nennen:
„Stellen Sie sich vor, es ist Wiedervereinigung. Und dann stellen Sie sich vor, dass in 20 Jahren eine Frau aus dem Norden das ganze Land regiert.“
Manchmal können eben auch abschreckende Beispiele dem Weltfrieden dienen.
Quellen:
(1) http://www.nytimes.com/2010/09/16/opinion/16carter.html
(2) http://www.nytimes.com/2010/09/17/world/asia/17korea.html
(3) http://www.asiantribune.com/news/2010/09/18/reunion-families’-north-and-south-korea-sign-thawing-inter-korean-relations
(4) http://news.xinhuanet.com/english2010/world/2010-09/23/c_13526008.htm
(5) http://english.yonhapnews.co.kr/northkorea/2010/09/23/21/0401000000AEN20100923001700315F.HTML
(6) http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/:deutsche-unternehmer-in-nordkorea-unser-mann-in-pjoengjang/50167762.html
