Altmaiers Industriestrategie: Auf dem Weg zum KI-Airbus
Autor: Christoph Marischka
Am Dienstag, den 5. Februar 2019 hat Wirtschaftsminister Altmaier seinen Entwurf fĂŒr eine âNationale Industriestrategie 2030â der Ăffentlichkeit vorgestellt. Das Dokument mit 22 Seiten fĂ€llt zunĂ€chst v.a. durch Rechtschreibfehler und tw. unvollstĂ€ndige SĂ€tze auf. Inhaltlich bekennt es sich wiederholt zu Wettbewerb und Marktwirtschaft, denn dadurch âentsteht der gröĂte Mehrwert fĂŒr alleâ, so das Papier.
Doch der Entwurf bleibt nicht in dieser Ideologie verhaftet, sondern befasst sich v.a. mit der Gefahr, dass deutsche Unternehmen oder ganze Branchen in diesem Wettbewerb unterliegen könnten. Dann freilich mĂŒsse der Staat eingreifen, sonst verkomme Deutschland âvom ârule-makerâ zum ârule-takerââ und werde âzur verlĂ€ngerten Werkbank derjenigen LĂ€nder, die rechtzeitig gehandelt habenâ. Freilich soll es bei diesen Eingriffen nur um die âWiederherstellung von Vergleichbarkeit im Wettbewerbâ bzw. die âBeseitigung bestehender Ungleichheiten und Benachteiligungenâ gehen.
Wir fassen zusammen: Wenn Deutschland in einzelnen Branchen keine Spitzenposition einnimmt, mit der sich die Industrien im Wettbewerb behaupten können, dann soll der Staat unterstĂŒtzend eingreifen. Erst wenn deutsche Firmen stark genug sind, um sich international durchzusetzen, gelten wieder die Prinzipien des freien Marktes, die âbedeuten, dass der Erfolg einer einzelnen Volkswirtschaft nicht zu Lasten einer anderen Volkswirtschaft erfolgtâ und âalle gemeinsam wachsen und stĂ€rker werdenâ können.
Darin, wie dieses staatliche Eingreifen aussehen kann und welche Branchen hierfĂŒr in Frage kommen, besteht der Kern des Entwurfs, der ihm in der Presse schon den Vorwurf der Planwirtschaft einbrachte. Man mĂŒsse das geltende Beihilfe- und Wettbewerbsrecht ĂŒberprĂŒfen und ggf. reformieren, um zeitlich begrenzten Beihilfen âin Bereichen von Innovationen mit hoch innovativen Basiswirkungenâ zu ermöglichen. AuĂerdem mĂŒsse die Ăbernahme von deutschen durch auslĂ€ndische Unternehmen verhindert werden können, âwenn dies zur Abwehr von GefĂ€hrdungen der nationalen Sicherheit, einschlieĂlich des Bereichs der kritischen Infrastrukturen, erforderlich istâ.
Wenn zwar nicht unmittelbar die nationale Sicherheit, sondern nur die âTechnologie- und InnovationsfĂŒhrerschaftâ bedroht ist, solle der Staat die heimische Wirtschaft dabei âermutigen und unterstĂŒtzenâ solche Ăbernahmen durch eigene Angebote zu verhindern.
âNur in sehr wichtigen FĂ€llenâ solle der Staat âselbst als Erwerber von Unternehmensanteilen auftreten könnenâ. Dabei macht der Entwurf am Beispiel der âBatteriezellproduktionâ deutlich, dass die staatliche UnterstĂŒtzung auch die Bildung von Konsortien zum Ziel haben kann. Denn âGröĂe zĂ€hlt â Size matters!â, lehrt uns der Entwurf unmissverstĂ€ndlich: âWenn es in einem Land an Unternehmen fehlt, die die notwendige kritische GröĂe erreichen, um bedeutende Projekte zu realisieren und sich im internationalen Wettbewerb gegen groĂe Konkurrenten zu behaupten, fĂŒhrt dies faktisch zum Ausschluss von einem bedeutenden und wachsenden Teil des Weltmarktes.â
Und das geht â bei aller Liebe zum Wettbewerb â ja nun wirklich nicht. Deshalb gelte es, âdeutsche oder europĂ€ische Fusionen, die mit Blick auf den Weltmarkt sinnvoll und notwendig sindâ, politisch zu forcieren. Dies gelte insbesondere im Bereich der KĂŒnstlichen Intelligenz und der Digitalisierung, denn âweltweit erfolgreiche Internet-Unternehmen der Plattform-Ăkonomie entstehen derzeit noch fast ausschlieĂlich in den USA und in China. Nicht hingegen in Deutschland und den meisten LĂ€ndern der EU. Eine Ănderung dieses Zustands ist bislang nicht in Sicht. Hier besteht Handlungsbedarf.â
Und so besteht dann auch das fĂŒnfte und letzte Kriterium eines etwas groĂspurig angekĂŒndigten âneuen volkswirtschaftlichen VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeitsprinzipsâ in der Aussage, dass â[b]ei den ĂŒberragend wichtigen Fragen von Plattform-Ăkonomie, KĂŒnstlicher Intelligenz und Autonomem Fahren [âŠ] â wie seinerzeit im Falle von Airbus â eine unmittelbare staatliche Beteiligung zur Erreichung des Ziels erforderlich und gerechtfertigtâ erscheine. In Klammern wird diese Möglichkeit staatlich geförderter oder erzwungener Fusionen zu einem deutsch-europĂ€ischen Konzern, der mit âWettbewerbern aus den USA oder China auf Augenhöheâ konkurrieren kann, als âKI-Airbusâ bezeichnet. Denn Airbus gilt als âgroĂe neuere Erfolgsgeschichteâ staatlichen Eingreifens in die Wirtschaft.
Die Existenz des deutsch dominierten Konzerns geht auf die politisch forcierten Fusionen zunĂ€chst der deutschen Flugzeughersteller Bölkow, Dornier, Messerschmitt und Fokker und der Integration französischer und weiterer europĂ€ischer Luftfahrtunternehmen zurĂŒck, ein Prozess, der Jahrzehnte in Anspruch nahm, aber letztlich mit der UnterstĂŒtzung des Daimler Konzerns einen der gröĂten Flugzeugbauer und das siebtgröĂte RĂŒstungsunternehmen weltweit (ohne China) mit hervorbrachte. Nun wird offenbar darĂŒber nachgedacht, fĂŒr den Bereich KI/Digitalisierung einen vergleichbaren global Player unter deutscher FĂŒhrung aufzubauen.
Insofern ist der Leitlinienentwurf nicht nur ein Geschenk an die Industrie, sondern auch eine Warnung. Die existierenden Player sind zu Ăbernahmen und Fusionen aufgerufen und können dabei mit staatlicher UnterstĂŒtzung rechnen. Der Verweis auf Airbus macht aber auch klar: Wenn sie dabei keinen Erfolg haben und nicht bald ernste BemĂŒhungen erkennen lassen, wird die Regierung den Prozess vorantreiben.
Erstveröffentlichung am 8. Februar 2019 auf Informationsstelle Militarisierung e.V.
