Mordfall von Ayotzinapa in Mexiko wird neu aufgerollt

Autoren: Philipp Gerber, Harald Neuber

PrĂ€sident LĂłpez Obrador ordnet Ermittlungen an. Verbrechen hatte 2014 fĂŒr Entsetzen gesorgt. Internationale Gremien kritisierten Manipulationen und Fehler

Auf seiner ersten Pressekonferenz hat Mexikos neuer PrĂ€sident AndrĂ©s Manuel LĂłpez Obrador per Dekret die Suche nach 43 vermissten Studenten angeordnet. Das Verschwinden der jungen MĂ€nner aus der Ortschaft Ayotzinapa im sĂŒdmexikanischen Bundesstaat Guerrero solle untersucht und aufgeklĂ€rt werden, sagte der linksgerichtete Politiker: „Die Wahrheit muss bekannt werden und die Verantwortlichen mĂŒssen unter Achtung der Autonomie der Justiz bestraft werden“, sagte LĂłpez Obrador.

Der neue PrĂ€sident betonte im Beisein von Angehörigen der verschwundenen Lehramtsstudenten, dass er den Fall zu einer PrioritĂ€t seiner Regierung mache. In diesem „traurigen und schmerzhaften Fall“ werde es keine Straffreiheit geben. Nur mit großer Beharrlichkeit könne nach dem mutmaßlichen Massenmord von Ayotzinapa Gerechtigkeit erreicht werden.

Der Fall hatte 2014 weltweit fĂŒr Entsetzen gesorgt und die Infiltrierung der SicherheitskrĂ€fte durch die Drogenmafia auf einen Schlag deutlich gemacht. Korrupte Polizisten sollen die Studenten einer lĂ€ndlichen UniversitĂ€t in Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero in der Nacht auf den 27. September 2014 verschleppt haben. In der Nacht wurden drei Studenten der Lehrerfachschule „RaĂșl Isidro Burgos“ in Ayotzinapa ermordet, die 43 gelten seither als verschwunden. Ein weiterer Student befindet sich seit vier Jahren im Koma, drei unbeteiligte Zivilisten kamen durch SchĂŒsse der Polizei ebenfalls ums Leben.

Die jungen MĂ€nner wurden offenbar der Verbrecherbande „Vereinigte Krieger“ (Guerreros Unidos) zur Exekution ĂŒbergeben. Hinter dem Verbrechen soll der BĂŒrgermeister von Iguala gestanden haben, der offenbar Verbindungen zur Drogenmafia unterhielt. Die mexikanische Bundesjustiz und die Regierung des nun abgetretenen PrĂ€sidenten Enrique Peña Nieto hatten die Ermittlungen mehrfach behindert.

Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) veröffentlichte vor wenigen Tagen einen vorlĂ€ufigen Schlussbericht zu ihrer Arbeit im Fall Ayotzinapa Darin betonte das Gremium, die Untersuchungen seien nach wie vor unvollstĂ€ndig und fehlerhaft. Auch die nationale staatliche Menschenrechtskommission (CNDH) prĂ€sentierte gleichentags in einer neunstĂŒndigen Marathonsitzung ihren ĂŒber 2.000 Seiten umfassenden Bericht.

Anhand dieser Dokumente wurde kurz vor Ende der Amtszeit von PrĂ€sident Peña Nieto der Ayotzinapa-Fall erneut Gegenstand öffentlicher Debatten. Die CIDH kommt in ihrem Bericht zum Schluss, dass die Untersuchungen der Strafbehörden trotz der insgesamt 618 BĂ€nde absichtlich in verschiedene Prozesse aufgeteilt worden seien und eine umfassende Analyse des Falls ausstehe. Große LĂŒcken in der strafrechtlichen Verfolgung sieht die CIDH bei der AufklĂ€rung der Rolle staatlicher Stellen und Bundesbehörden, insbesondere der Bundespolizei und der Armee. Im polizeilichen Überwachungszentrum der als Drogenumschlagsplatz bekannten Stadt Iguala waren in dieser Nacht auch zwei Soldaten einer Geheimdiensteinheit anwesend, die das Geschehen zeitnah an höhere Stellen weiterleiteten.

Gravierende VorwĂŒrfe macht die CIDH den Behörden bezĂŒglich der Art und Weise, wie BeweisstĂŒcke manipuliert oder gar vernichtet wurden. Das betrifft Videoaufnahmen der Tatnacht, aber auch Waffen: Zwei Jahre nach der Tat und inmitten der Untersuchungen habe die Armee 25 Gewehre, darunter neun G-36-Sturmgewehre der deutschen Waffenschmiede Heckler & Koch, vernichtet. Diese Gewehre waren die Dienstwaffen der Polizeieinheiten von Iguala und Huitzuco, mit ihnen wurde der Angriff auf die Studenten ausgefĂŒhrt. Die CIDH stellte fest, dass „die Zerstörung ballistischer Beweise im Falle von Personen, die sich in Untersuchungshaft befinden, eine gravierende Verletzung der Sicherstellung der Beweiskette bedeutet“.

Erstveröffentlichung auf Portal amerika21.de am 4.12.2018