Vor Korea-Gipfel: Das Imperium rudert, vor und zurück

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Vor dem innerkoreanischen Gipfel der beiden Staatschefs Moon Jae-in und Kim Jong-un heisst es nun in Washington bezüglich des ersten U.S.-Nordkorea-Gipfels, es brauche vorher "konkrete Handlungen", sonst werde dieser nicht stattfinden.

Na dann eben nicht. Es braucht die U.S.A. in Korea nicht, für gar nichts.

Nach der Einigung der beiden Koreas auf ein Gipfeltreffen ihrer obersten Staatsrepräsentanten (wir berichteten) überbrachten Südkoreas Emissäre U.S.-Präsidenten Donald Trump eine mündlich ausgesprochene Einladung von Nordkoreas offiziellem Machthaber Kim Jong-un auf ein Treffen. Trump nahm an. (wir berichteten)

Und obwohl Nordkorea über die Beendigung des eigenen Atomwaffenprogramms und die Denuklearisierung Koreas verhandeln will, selbst die demnächst wieder stattfindenen jährlichen Militärmanöver nicht als Hinderungsgrund ansieht und die U.S.-Regierung laut eigener Aussage selbst "null Zugeständnisse" gemacht haben, heisst es jetzt durch das Weiße Haus und dessen Sprecherin Sarah Sanders, man wolle zuerst "konkrete Handlungen" durch Pjöngjang sehen. Und zwar vor dem Treffen, sonst käme das nicht zustande.

Sanders gestern bei einer Befragung durch Journalisten ("press briefing") im Weißen Haus:

"Lassen Sie uns das klarstellen: die Vereinigten Staaten haben null Zugeständnisse gemacht. Aber Nordkorea hat ein paar Versprechen gegeben. Und, abermals, dieses Treffen wird nicht stattfinden ohne konkrete Handlungen die zu den Versprechen passen die durch Nordkorea abgegeben wurden."

Sanders benutzt während des Briefings die Parole "konkrete Handlungen" bzw Schritte insgesamt acht mal. Es folgt die konkrete Frage, wann diese Handlungen von nordkoreanischer Seite zu erfolgen haben.

"Frage: Vor dem Treffen?

Sanders: Ja. Yeah."

"MSNBC"-Reporterin Hallie Jackson, bereits gute Bekannte der nicht gerade mit Leuchtturm-Qualitäten gesegneten Sanders, fragt zweimal nach, ob es denn möglich sei dieses verdammte Treffen ganz loszuwerden und endlich wieder in Ruhe abschlachten und Krieg führen zu können, ohne von irgendeinem Frieden irgendwo belästigt zu werden.

Nun ja, ganz so fragte Hallie Jackson das natürlich nicht.

Frage Hallie Jackson: Danke Sarah. Nur noch zwei Fragen, Sarah, um zu klären was Du vom Podium gesagt hast. Gibt es eine Möglichkeit, dass diese Gespräche mit Nordkorea, mit Kim Jong-un, vielleicht nicht passieren?

Sarah Sanders: Schau, die müssen sich an ihre Versprechungen halten die sie gemacht haben und wir wollen konkrete und überprüfbare Handlungen an dieser Front.

Frage Hallie Jackson: Also ist es möglich dass sie nicht stattfinden?

Sarah Sanders: Ich meine, es sind eine Menge Dinge möglich."

Allgemein sieht es so aus, dass Donald Trump beim Treffen mit den südkoreanischen Emissären am 8. März etwas historisch Unerhörtes, geradezu Antiwestliches getan hat. Er traf eine Entscheidung. Und dann noch als Präsident.

Außenminister Rex Tillerson, der bisher aus unserer Sicht eine sehr positive Rolle in der Situation gespielt hatte, wurde bei einer Afrika-Tournee von der Entscheidung seines Vorgesetzten offensichtlich kalt erwischt. In der Weltstadt Djibouti bekundete der U.S.-Außenminister, der "historische Meilenstein des Friedens", wie der südkoreanische Präsident Moon Jae-in das kommende Treffen nannte, sei die eigene Entscheidung des Präsidenten gewesen.

Fast hatte man den Eindruck, Tillerson sei von der Entwicklung geradezu angewidert. Der U.S.-Außenminister betonte, man sei nur offen für "Gespräche", aber keine "Verhandlungen". Tillerson ging es wohl auch um Gesichtswahrung. Noch einen Tag vor Trumps Entscheidung hatte er verkündet, dies sei nicht die Zeit für Verhandlungen.

Nach dem Presse-Briefing seiner Sprecherin Sarah Sanders twitterte U.S.-Präsident Donald Trump nun gegen Abend:

"Der Deal mit Nordkorea ist sehr in der Bearbeitung und wird, wenn fertiggestellt, ein sehr guter für die Welt sein. Zeit und Ort werden noch festgelegt."

Das wiederum legt nahe, dass trotz der von Weiße Haus-Sprecherin Sanders geforderten "konkreten Handlungen" Nordkoreas, welche "konkreten Handlungen" das vor Verhandlungen auch immer sein mögen, eine Verhandlungslösung derzeit bereits ausgearbeitet wird, obwohl ja laut Außenminister Tillerson keine Verhandlungen geführt werden sollen.

Doch zu Arbeiten diesbezüglich hat wohl auch Tillerson, obwohl dieser laut seines Sprechers Steve Goldstein sich derzeit unwohl fühlt und deshalb ganz arg wichtige Termine in Kenia leider nicht wahrnehmen kann.

Die gute Nachricht: trotz der ausgelösten Verwirrung ob einer plötzlichen Wende von Trump, ist der internationale Medienkomplex in dieser Frage nicht als solcher erkennbar. Ungewöhnlicherweise wird durchaus diskutiert. Unter anderem "the Atlantic" und "Reuters" zeigten auf, welche Chance dieser Gipfel zweier "Chefs" von Staaten, die sich seit dem Jahre 1950 im Kriegszustand befinden, mit sich bringen könnte.

Die Sanktionen gegen Nordkorea, die Ende 2017 durch den Sicherheitsrat noch einmal verschärft wurden, bleiben in Kraft. Dass sie zustande kamen und offensichtlich gewirkt haben, ist nicht der Kriegslobby zu verdanken, sondern gegen diese durchgesetzt worden. Genau diejenigen, die alles versucht haben Sanktionen gegen Nordkoreas Regime zu verhindern, um der militärischen (End)Lösung endlich freie Bahn zu verschaffen, versuchen nun einen u.s.-nordkoreanischen Gipfel zu sabotieren.

Dabei wird die politische Situation in der Presse allgemein permanent personalisiert, als hätten sowohl Trump als auch Nordkoreas Berufsenkel Kim Jong-un alle Zügel gleichermaßen in der Hand. Das ist zumindest irreführend.

Wie wir im Artikel "Nordkoreas Potemkinsche Monarchie" vor Beginn der Olympischen Winterspiele umschrieben, gibt es Hinweise darauf, dass sowohl im November 2012, als auch im Oktober 2017 ein faktischer Machtwechsel in Pjöngjang stattgefunden hat und dass der Einfluss des Militärs und der internationalen Kriegslobby insgesamt gesunken ist. Dies macht den Richtungswechsel in Nordkoreas Regime plausibel, von den enormen Sanktionen, die offensichtlich gewirkt haben, einmal abgesehen.

Doch selbst wenn U.S.-Präsident Trump nun seine Zusage wieder zurückzieht, obwohl es aus Washington immer hieß, man verhandele nur, wenn Nordkorea über seine Atomwaffen verhandele, was es nun zugesagt hat: Zuerst kommt der innerkoreanische Gipfel. Und das Treffen von Moon Jae-in und Kim Jong-un kann keiner mehr wegschwätzen.

Also selbst wenn die U.S.-Regierung das Treffen von Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zugunsten der internationalen Kriegslobby wieder platzen lässt, wird der innerkoreanische Gipfel von Süd- und Nordkorea eigene Maßstäbe setzen. Die entsprechende Dynamik hat bereits eingesetzt. Die Verständigung der beiden Koreas ist ins Rollen gekommen und einen Friedensvertrag können Seoul und Pjöngjang auch alleine schließen. Und der wird unweigerlich das Ende der nordkoreanischen Nuklearwaffen beinhalten, Washington hin oder her.

Also entweder die Vereinigten Staaten von mindestens Amerika nehmen jetzt diese Chance war oder sie lassen es und bleiben bei dieser historischen Entwicklung vor der Tür.

Wen kümmert´s.