Die Ministerin im Wahlkampf

Autor: Bernhard Klaus, Artikel publiziert am 15. September 2017 auf Information Militarisierung e.V.

Die „Sommerreise“ und die ungeklĂ€rten VorfĂ€lle bei der Bundeswehr

Anfang September erstattete ein Berliner Rechtsanwalt eine Strafanzeige gegen die Bundeskanzlerin Merkel wegen Untreue. Anlass war, dass die Bundeskanzlerin, die Verteidigungsministerin und der Innenminister fĂŒr die An- und Abreise zu Wahlkampfauftritten mehrfach – allein Merkel bereits 50 Mal in diesem Jahr – die Flugbereitschaft der Bundeswehr in Anspruch genommen haben. Zwar wurden fĂŒr diese Reisen durchschnittlich 1.500 Euro aus der Parteikasse bezahlt, dies entspricht jedoch nur einem Bruchteil der tatsĂ€chlichen Kosten und auch jener Kosten, die eine entsprechende Reise samt Sicherheitspersonal bei privaten Anbietern kosten wĂŒrde.[1]

Im Falle der Bundesverteidigungsministerin kommt hinzu, dass sie in AusĂŒbung ihres Amtes zahlreiche Termine wahrnahm, die durchaus auch den Charakter von Wahlkampfauftritten hatten. So besuchte sie die letzten Monate bundesweit Kasernen und sonstige Liegenschaften der Bundeswehr und kĂŒndigte dort Ausbaumaßnahmen an, was von der Lokalpresse fast ausnahmslos positiv bewertet wurde. Hintergrund sind die bereits jetzt massiv gestiegenen Verteidigungsausgaben und die sog. „Trendwende Personal“, die es der Ministerin erlauben, eine generelle AufrĂŒstung scheibchenweise als Wahlkampfgeschenke zu verkĂŒnden.

So sprach der Nordkurier bereits im Vorfeld des Besuchs der Ministerin am 6. August von einer „frohen Botschaft“: „Es sieht ganz danach aus, dass Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) an diesem Tag nach Torgelow kommt, um zu verkĂŒnden, was lĂ€ngst alle wissen: Der StandortĂŒbungsplatz der Bundeswehr JĂ€gerbrĂŒck wird hochgestuft zum TruppenĂŒbungsplatz
 Die Bundeswehr ist fĂŒr eine Kleinstadt wie Torgelow ein großer Wirtschaftsfaktor“.[2]

Am 9. August besuchte die Verteidigungsministerin die Offiziersschule des Heeres in Dresden und die Dresdner Neueste Nachrichten zitierten: „Die Trendwende wirke sich auch auf die Offizierschule des Heeres aus. ‚Allein die Tatsache, dass wir in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren hier ĂŒber 40 Millionen Euro investieren werden, zeigt doch, dass dieser Standort Zukunft hat’“.[3]

Am 14. August berichtete die Rheinpfalz: „Rund 77 Millionen Euro sollen in den nĂ€chsten Jahren in die Modernisierung und Erweiterung der SĂŒdpfalzkaserne in Germersheim investiert werden. 41 Millionen davon bis 2020. Das sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Montag am Rande eines Truppenbesuches in Germersheim. ‚Der Standort hat Zukunft‘, sagte von der Leyen
“.[4]

Den feierlichen ersten Spatenstich der Offiziersschule der Luftwaffe im bayrischen Roth hatte demgegenĂŒber Bayerns Innen- und Bauminister Joachim Herrmann genutzt und die Kosten von 140 Mio. als „wichtige StĂ€rkung der Region und ein klares Bekenntnis der Bundeswehr zu Bayern“ bezeichnet. „Die Ausgaben des Bundes fĂŒr die Baumaßnahmen in Bayern werden laut Herrmann in den kommenden fĂŒnf Jahren auf bis zu 250 Millionen Euro pro Jahr steigen“, so das Landesministerium in einer Pressemitteilung zu diesem Anlass.[5]

Auch die sog. „Sommerreise“ der Verteidigungsministerin wurde vom BMVg zumindest durch Pressearbeit mit einem eigenen „Dossier“ unterstĂŒtzt,[6] das zu jedem Anlass entsprechende Pressemitteilungen veröffentlicht, die manchmal fast wortgleich von der Lokalpresse ĂŒbernommen wurden. Ende August stand noch das Ausbildungszentrum Technik Landsysteme in der Aachener LĂŒtzow-Kaserne auf dem Reisplan. In einer entsprechenden Pressemitteilung hieß es auch hier: „Der Standort Aachen hat Zukunft: In den nĂ€chsten 10 Jahren sollen ĂŒber 100 Millionen Euro in den gesamten Standortbereich investiert werden.“[7]

Kurz darauf vermeldete der SWR: „Das Verteidigungsministerium will in den nĂ€chsten zehn Jahren mehr als 100 Millionen Euro am Bundeswehrstandort Idar-Oberstein im HunsrĂŒck investieren 
 Die Bundeswehr ist der grĂ¶ĂŸte Arbeitgeber in Idar-Oberstein – 2.300 zivile BeschĂ€ftigte und Soldaten arbeiten dort“.[8]

Der letzte Termin der Sommerreise fĂŒhrte sie am 13. September nach MĂŒllheim, wo sie die Deutsch-Französischen Brigade besuchte und unmittelbar eine „CDU-Veranstaltung“ im benachbarten Bad Krozingen anschloss, wie die Badische Zeitung berichtet. Demnach habe die Ministerin auch hier versprochen: „Seien Sie gewiss, der Standort ist sicher“. Außerdem habe sie angekĂŒndigt, „die Bundeswehr werde in MĂŒllheim in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren mehr als 50 Millionen Euro investieren“.[9]

Der Besuch in Hardheim im Norden WĂŒrttembergs am Folgetag gehörte hingegen nicht mehr zur „Sommerreise“, sondern wurde auch in der Presse als „Wahlkampftermin“ bezeichnet, der jedoch zumindest zeitlich in engem Zusammenhang mit der Reaktivierung der dortigen Carl-Schurz-Kaserne steht. Die eigentlich bereits aufgegebene Liegenschaft soll ab Oktober wieder von der Bundeswehr genutzt werden – soweit der Presse zu entnehmen ist, sehr zur Freude der Lokalpolitik.

Die Ministerin nutzte ihr Vorab-Interview in der Rhein-Neckar-Zeitung, um die Reaktivierung der Kaserne in den grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang mit der „Trendwende“ und ihrem persönlichen Wirken zu bringen: „Der neue Bedarf fĂŒr die Truppe geht zum Teil auf die von mir eingeleitete Trendwende Personal zurĂŒck
 Es gibt ja einen Grund dafĂŒr, warum wir in dieser Legislatur die starren Personal- und Obergrenzen fĂŒr die Bundeswehr angehoben haben“.[10]

Als Grund nennt sie die dabei im Interview die „verĂ€nderte Sicherheitslage“, wegen der die Bundeswehr „auch gehĂ€uft internationale Verpflichtungen erfĂŒllen“ mĂŒsse. Zu Beginn ihrer Amtszeit hatte sie das stĂ€rkere, auch militĂ€rische „Engagement“ Deutschlands noch als proaktive Strategie vorgestellt und u.a. mit Deutschlands Rolle als „bedeutende Volkswirtschaft und als ein Land von erheblicher GrĂ¶ĂŸe“ begrĂŒndet.

Rechtsextreme Netzwerke?

Unwidersprochen blieb auch die Aussage der Ministerin, wonach die VorfĂ€lle um Misshandlungen und den Tod eines OffiziersanwĂ€rters „offen und transparent“ aufgearbeitet wĂŒrden. Mit ihrer Aussage, „die Wogen haben sich mittlerweile geglĂ€ttet“ mag die Ministerin durchaus recht haben, doch von einer transparenten Aufarbeitung kann keine Rede sein. Vielmehr ist es erklĂ€rungsbedĂŒrftig und durchaus als politisches MeisterstĂŒck zu sehen, wie sich gerade im Wahlkampf Schweigen ĂŒber zahlreiche ungeklĂ€rte Skandale in der Bundeswehr breitet.

Fast schon in Vergessenheit geraten scheint etwa der Fall des offenbar rechtsextremen TerrorverdĂ€chtigen Franco Albrecht, der im April 2017 in der Infanterieschule Hammelburg wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Straftat, Betrugs und Verstoß gegen das Waffengesetz festgenommen wurde. Nach der Befragung und Verhaftung weiterer Bundeswehrangehöriger war zunĂ€chst ĂŒber ein rechtsextremes Netzwerk mit terroristischen Zielen spekuliert worden und offenbar halten die Ermittlungen hierzu an. Über die Ergebnisse dringt allerdings kaum etwas nach Außen. Zuletzt wurde öffentlich, dass die Durchsuchungen bei einem Polizist und einem Rechtsanwalt im Großraum Rostock, die Todeslisten gefĂŒhrt haben sollen, auf Informationen aus dem Umfeld des in Illkirch stationierten Soldaten beruhen wĂŒrden. Welt.de berichtete: „Im Zuge der Ermittlungen gegen Franco A. tauchte nach WELT-Informationen auch ein Bundeswehroffizier der Reserve auf. Bei einer Befragung durch das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz soll der Ex-Soldat, der im Verfahren als Zeuge gefĂŒhrt wird, schließlich Hinweise auf eine Gruppe von auslĂ€nderfeindlichen und bewaffneten Rechtsextremisten geliefert haben, die sich angeblich in Norddeutschland auf einen BĂŒrgerkrieg vorbereiten.“[11] Dass im Umfeld der Bundeswehr Waffen und Munition gesammelt werden, um bei Gelegenheit Todeslisten abzuarbeiten, hat jedoch keinen grĂ¶ĂŸeren Aufschrei – und bislang auch keine politischen Konsequenzen nach sich gezogen. Auch die Hinweise auf rechtsextreme Musik und HitlergrĂŒĂŸe bei einer Feier des Kommandos SpezialkrĂ€fte, die am 17. August von der ARD-Sendung Panorama veröffentlicht wurden, lösten kein grĂ¶ĂŸeres Echo aus und brachten die Ministerin auf ihrer Sommerreise in keinerlei ErklĂ€rungsnöte.[12]

Gelenkte Spekulationen im Fall Munster

DemgegenĂŒber wurde ĂŒber den Tod eines Rekruten nach einem „Eingewöhnungsmarsch“ ausfĂŒhrlich berichtet. Anhand der dabei zutage getretenen Informationspolitik lĂ€sst sich jedenfalls nachweisen, dass die Aufarbeitung alles andere als offen und transparent erfolgt und es fast so scheint, als wĂŒrden gezielt falsche Hinweise gegeben.

Der Vorfall wurde Ende Juli erst bekannt, nachdem ein OffiziersanwĂ€rter in der Klinik verstorben war. Zehn Tage zuvor war er bei einem Übungsmarsch auf dem TruppenĂŒbungsplatz Munster kollabiert. Aus der Pressemitteilung des Ausbildungszentrums Munster ging hervor, dass am selben Tag drei weitere Soldaten zusammengebrochen seien, ihr Zustand sei mittlerweile jedoch „stabil beziehungsweise auf dem Wege der Besserung“. Der verstorbene OffiziersanwĂ€rter sei „nach einer Marschleistung von drei Kilometern unvermutet“ zusammengebrochen, die restlichen VorfĂ€lle hĂ€tten sich â€žĂŒber den Tag verteilt ereignet“.[13]

Bereits diese erste öffentliche ErklĂ€rung legte nahe, dass diese HĂ€ufung von medizinischen NotfĂ€llen nicht an der Ausbildungsmaßnahme selbst gelegen haben dĂŒrfte: „Die gemessene Höchsttemperatur am 19. Juli betrug im Raum Munster 27,7 Grad Celsius, weshalb die Soldaten nur mit leichter persönlicher AusrĂŒstung unterwegs waren.“ Der MDR bezeichnete den Vorfall entsprechend als „mysteriös“.

Der Verlauf der Diskussionen um das Ereignis kann man auf dem gewöhnlich gut informierten Blog Augengeradeaus.net nachvollziehen. Bereits im dritten Kommentar zur ersten Meldung zum Tod des Soldaten heißt es: „Die beschriebenen UmstĂ€nde des Marsches (leichtes GepĂ€ck, keine Zeitbegrenzung, erst drei Kilometer marschiert, mit 27,7°C keine unertrĂ€gliche Hitze) wĂŒrden ja eher vermuten lassen, dass da bei der Ă€rztlichen Untersuchung im Assessmentcenter fĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte der Bundeswehr eine Vorerkrankung o.Ă€ ĂŒbersehen wurde“.[14] Die weitere Debatte dreht sich dann v.a. darum, dass die Einstellungskriterien fĂŒr neue Rekruten zu lax und die Möglichkeiten bzw. Verpflichtung zum Aufbau und Erhalt körperlicher Fitness nicht ausreichend gegeben seien.

Zwei Wochen spĂ€ter nahmen die Spekulationen ĂŒber die Ursache eine leichte Wendung: Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hĂ€tte einer der kollabierten Soldaten „in einer internen Untersuchung“ ausgesagt, „er habe gemeinsam mit einigen Kameraden vor dem Marsch Aufputschmittel genommen“.[15] Das Bundesverteidigungsministerium konterte daraufhin, zu „Aufputschmitteln“ hĂ€tte es keine Erkenntnisse, ein Soldat habe lediglich ausgesagt, „dass er vor dem Marsch eine Dose eines Energy Drinks zu sich genommen habe.“[16] Trotzdem war die Meldung der FAZ Anlass dafĂŒr, dass sich kurzfristig in verschiedenen Medien eine eher allgemeine Diskussion um den Konsum von legalen und illegalen Drogen in der Bundeswehr entspann. Kaum nahm diese an Fahrt auf, ließ die Bundeswehr am 14. August einen neuen, zugleich sachlichen und und wenig aussagekrĂ€ftigen Bericht durchsickern, in dem es hieß: „EinschrĂ€nkungen der DienstfĂ€higkeit fĂŒr den OA-Lehrgang bzw. die Ausbildung bestanden bei keinem der vier betroffenen Soldaten. Bei allen vier Soldaten wurden Körperkerntemperaturen von >40° C gemessen, sodass von einem Hitzschlag (Hyperthermie-Syndrom) ausgegangen wird.

Dies ist die schwerste Form der generalisierten Gesundheitsstörungen bei thermischer Belastung, die auch bei einer optimalen klinischen Versorgung in 10-20% der FĂ€lle und unbehandelt fast immer zum Tode fĂŒhrt.“ Genau genommen ist hier keinerlei Information zu finden, die nicht bereits zwei Wochen vorher bekannt gewesen sein muss. Zur HĂ€ufung von Hitzeschlagerkrankungen könnte weiter „keine eindeutige Ursache“ genannt werden, so das Ministerium weiter.[17] In der Bundespressekonferenz wurde der Sprecher des Ministeriums noch deutlicher: “Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, was die Ursachen fĂŒr dieses tragische UnglĂŒck sein könnten. Es gibt keine GrĂŒnde, die das erklĂ€ren könnten.“ Die ebenfalls auf Augengeradeaus.Net veröffentlichte Abschrift der Pressekonferenz verdeutlicht viel mehr, wie sehr sich die Nachfragen und insbesondere auch die Dementis auf das Thema Aufputschmittel konzentrierten. Zwei Wochen spĂ€ter enthĂŒllte die Hannoversche Allgemeine vermutlich auf Informationen aus Polizeikreisen basierend, dass alle kollabierten Soldaten auf derselben Stube untergebracht waren und illegale „DiĂ€tpillen“ zu sich genommen hĂ€tten. Außerdem hĂ€tten FeldjĂ€ger bei der Durchsuchung der Spinde noch am Tag des Vorfalls ein Plastikbeutel mit weißem Pulver gefunden, das sich spĂ€ter als Kreatin herausgestellt hatte.[18]

Noch am 16. August hieß es von der Bundesverteidigungsministerin: „[Wir haben] eine Untersuchungsgruppe eingesetzt, die mit großer Genauigkeit und DetailschĂ€rfe alle verschiedenen möglichen Ursachen fĂŒr den Hitzschlag mehrerer Soldaten untersucht. Das geht sowohl in die Frage der klimatischen Rahmenbedingungen als auch der körperlichen Belastung als auch der Frage was haben sie getragen aber auch der Versorgung mit GetrĂ€nken bis hin zur körperlichen Fitness. Bisher zeigt sich keine heiße Spur.“ Es zeige sich vielmehr „ein ganz unterschiedliches Muster und BĂŒndel unterschiedlicher Ursachen“. Die Befragung der Soldat_innen und Soldaten solle „nur ergeben haben, dass ein Soldat in einer Pause eine Dose Energy-Drink zu sich genommen hat“. Aus RĂŒcksicht auf die Soldat_innen und Soldaten verböten sich außerdem „Spekulationen zu einem verfrĂŒhten Zeitpunkt.“ Einen Abschlussbericht kĂŒndigte die Ministerin fĂŒr Ende des Monats an.[19]

Neue Erkenntnisse ĂŒber Ablauf

Bereits am Folgetag jedoch erhielten die Obleute des Verteidigungsausschuss ein Schreiben, das mit zahlreichen neuen Details aufwartete. Demnach musste ein Großteil der OffiziersanwĂ€rter vor dem eigentlichen Marsch nochmal drei Kilometer zur Kaserne und von hier zurĂŒck zum Ausgangspunkt des Eingewöhnungsmarsches zurĂŒcklegen und zwar teilweise im Laufschritt und unterbrochen durch LiegestĂŒtze. Der mittlerweile verstorbene Soldat sei schon auf dem Weg zur Kaserne, also bereits nach etwa 3km zusammengebrochen, zwei weitere mussten „kurz vor“ Ende des Orientierungsmarsches notfallmedizinisch behandelt werden und ein weiterer zeigte sich „unmittelbar vor Erreichen des Marschziels benommen sowie nicht mehr ansprechbar und brach anschließend zusammen“.

Eine weitere Teilnehmerin sei wĂ€hrend der MĂ€rsche mehrmals nicht ansprechbar gewesen und ein weiterer „nach dem Eingewöhnungsmarsch und Abgabe seiner Ausrüstung durch Stubenkameraden kurzfristig nicht ansprechbar auf einem Stuhl in der Unterkunft aufgefunden“ worden. Außerdem berichtet das Schreiben von fĂŒnf weiteren Personen mit unterschiedlichen Beschwerden, darunter eine Knieverletzung durch einen Sturz, Schmerzen in Unterschenkeln, Bauch und FĂŒĂŸen. Eine weitere Person musste den Marsch wegen Erschöpfung abbrechen.[20] Laut Angaben der Hannoverschen Allgemeinen befand sich zu diesem Zeitpunkt – fast einen Monat nach dem Marsch – noch ein Soldat auf der Intensivstation des UniversitĂ€tsklinikums Eppendorf in Behandlung und zwei weitere befanden sich nach stationĂ€rer Behandlung in Reha. Insgesamt haben also elf von 43 Teilnehmer_innen Beschwerdesymptome gezeigt, sechs mussten den Marsch abbrechen, vier stationĂ€r behandelt werden und einer starb.

Zwar heißt es in dem Brief an die Abgeordneten, dass diese bereits am 29. Juli mĂŒndlich ĂŒber einen zusĂ€tzlichen Marsch informiert worden wĂ€ren, in der Öffentlichkeit ist dies zumindest nie angekommen. Stattdessen wurde wieder und wieder die an diesem Tag gemessene Höchsttemperatur und das Gewicht der AusrĂŒstung zitiert und auf dieser Grundlage ĂŒber Ursachen spekuliert. Von Laufschritt und LiegestĂŒtzen als zusĂ€tzliche „erzieherische Maßnahme“ war offenbar auch gegenĂŒber den Abgeordneten noch nie die Rede gewesen, die stattdessen mit allgemeinen Statistiken zur LetalitĂ€t von HitzeschlĂ€gen abgespeist wurden.

Die Aussage der Ministerin, es gebe noch keine „heiße Spur“ und der Verweis auf ein „unterschiedliches Muster und BĂŒndel unterschiedlicher Ursachen“ denen „mit großer Genauigkeit und DetailschĂ€rfe“ nachgegangen werde, erscheint demgegenĂŒber zumindest als IrrefĂŒhrung. Denn dass sich die Erkenntnisse ĂŒber einen „Strafmarsch“ und Beschwerden bei ĂŒber einem Viertel der Teilnehmenden trotz „intensiver Befragung“ aller Beteiligten durch ein eigens aufgestelltes Untersuchungsteam erst nach vier Wochen bestĂ€tigt haben sollten, ist sehr schwer vorstellbar. Es ist also in jedem Fall von einem taktischen Preisgeben von „Details“ auszugehen und somit handelt es sich eben nicht um eine transparente AufklĂ€rung. Ende August wurde tatsĂ€chlich ein „vorlĂ€ufiger Abschlussbericht“ vorgelegt (aber nirgends dokumentiert), der angeblich „Fehler einrĂ€umt“ aber letztlich jeden Einzelfall als „ungĂŒnstige Verkettung von UmstĂ€nden und Faktoren“ bezeichnet.[21] Seit dem scheint das Thema abgehakt.

Zeigt der Maulkorb Wirkung?

ErklĂ€rungsbedĂŒrftig ist v.a., dass lange keine Informationen an die Öffentlichkeit kamen, bevor sie vom Verteidigungsministerium bekannt gemacht wurden – Ausnahme ist hier lediglich das GerĂŒcht von Aufputschmitteln, welches vom Ministerium erfolgreich dementiert bzw. auf den Konsum von Energydrinks reduziert wurde. Von der Strafmaßnahme, die offensichtlich 29 „StaatsbĂŒrger in Uniform“ unmittelbar betraf und vor den Augen 14 weiterer (plus die anwesenden Ausbilder_innen) vollzogen wurde und bei elf von ihnen zu klinischen Beschwerden bis hin zum Tod fĂŒhrten, drang einen Monat lang nichts an die Öffentlichkeit.

Das gilt auch und obwohl die Staatsanwaltschaft LĂŒneburg einige Tage nach dem Bekanntwerden des Todesfalls ebenfalls Ermittlungen aufgenommen hat. Bei einem Fall, der die interessierte Öffentlichkeit offenbar so betroffen macht und an dem so viele Menschen als Zeugen und Betroffene beteiligt waren, wĂ€re normalerweise durchaus zu erwarten, dass die eine oder andere Information an die Medien gelangt, ohne vorher vom Ministerium zurechtgeschnitten und mit irrefĂŒhrenden Details angereichert worden zu sein.

Fast scheint es, als wĂ€re der Anfang 2017 diskutierte und als „Maulkorb-Erlass“ bezeichnete Verhaltenskodex doch umgesetzt worden. Damals wollte die Verteidigungsministerin Soldat*innen und zivile Beamte darauf verpflichten, „informelle Kontakte“ zu Abgeordneten und Medienvertreter*innen zu vermeiden und mit diesen ĂŒber dienstliche Angelegenheiten zu kommunizieren, wenn dies ausdrĂŒcklich autorisiert ist. Der Kodex wurde dann nicht erlassen, weil es massive Kritik und Gegenwind gab. Soldat*innen waren jedoch bereits zuvor durch das Soldatengesetz zur Verschwiegenheit verpflichtet und das Ziel, diese zukĂŒnftig strikter auszulegen, kam womöglich auch ohne neuen Erlass zum Ausdruck. Bemerkenswert ist aber v.a. auch, dass ĂŒber die zivilen Ermittlungsbehörden nur sehr spĂ€rlich Informationen an die Öffentlichkeit geraten. Das gilt insbesondere im Fall des möglichen rechtsterroristischen Netzwerks um Franco Albrecht, in dem die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen ĂŒbernommen und in einen Mantel des Schweigens gehĂŒllt hat.

Der Absturz in Mali

Eine Ă€hnlich selektive und zeitlich verzögerte Preisgabe von Informationen zeigte sich beim Tod zweier weiterer Soldaten der Bundeswehr beim Absturz eines Hubschraubers in Mali. Die Bundeswehr bestĂ€tigte diesen erst, nachdem die UN lĂ€ngst darĂŒber informiert hatte. Die UN hatte ĂŒber ZusammenhĂ€nge mit Gefechten am Boden berichtet, wĂ€hrend die Bundeswehr die konkreten UmstĂ€nde des Flugs zweier Kampfhubschrauber gekonnt in den Kontext eines Routineeinsatzes stellte. Diese sollten bis zur KlĂ€rung der Ursachen eingestellt und stattdessen nur noch EinsĂ€tze geflogen werden, bei denen es „um Leib und Leben“ geht.

Diese ErklÀrung lenkte die Spekulationen klar in Richtung technischer Defekt, obwohl offiziell zunÀchst keine Ursache ausgeschlossen wurde. Dass es keinen Hinweis auf einen Beschuss gegeben hÀtte, erklÀrte das Verteidigungsministerium dennoch, noch bevor aus dem völlig ausgebrannten Wrack nach mehreren Tagen ein Flugschreiber geborgen werden konnte. Noch am Tag des Absturzes meldete Spiegel Online, dass nach den Beobachtungen des Piloten des zweiten Hubschraubers die Maschine plötzlich nach vorne abgekippt und zu Boden gegangen wÀre. Am folgenden Tag deutete die Welt an, dass die Besatzung des zweiten Hubschraubers auch von verlorenen RotorblÀttern berichtet hÀtte.[22]

Obwohl aus öffentlichen Quellen schnell ersichtlich war, dass am Tag des Absturzes heftige und entscheidende Gefechte zwischen verschiedenen Milizen im Norden Malis stattgefunden hatten, gingen die Medien hierauf kaum ein und bis heute gab es keine Informationen ĂŒber den Kontext des konkreten Hubschraubereinsatzes[23] – auch nicht etwa auf die mitgefĂŒhrte Bewaffnung – vonseiten des Ministeriums.

Die Spekulationen bezogen sich auf eine möglicherweise mangelhafte Ausbildung der Piloten – was vom Ministerium wiederum erfolgreich dementiert wurde – und wieder um das Klima und erstaunlich genaue Zahlen: Mit 36°C hĂ€tten vor Ort relativ kĂŒhle Temperaturen geherrscht, soll das Ministerium noch am Tag des Absturzes mitgeteilt und deshalb einen Zusammenhang mit der Temperatur ausgeschlossen haben.

Den Spekulationen um mangelnde Ausbildung und die zuvor erlassene Ausnahmegenehmigung, mit der die Höchsttemperatur zum Flug des Tiger von 43,26 auf 48,26°C erhöht wurde, begegnete das Verteidigungsministerium mit einem vorgezogenen Besuch in Mali und der gut vorbereiteten Berichterstattung ĂŒber die ÜberfĂŒhrung der toten Soldaten. Die vorgebrachte Anteilnahme war meist verbunden mit der AnkĂŒndigung genauer, aber möglicherweise langwierigen Ursachenforschung und der EinschĂ€tzung, dass sich Spekulationen mit RĂŒcksicht auf die Angehörigen verbieten sollten.

Knapp zwei Wochen spĂ€ter wurden wiederum die Obleute des Verteidigungsausschusses und ĂŒber die Bundespresskonferenz am 9. August auch die breitere Öffentlichkeit ĂŒber „erste Erkenntnisse“ informiert. Diese bestĂ€tigten im Wesentlichen das, was bei Spiegel und Welt.de bereits durchgesickert war: Dass der Tiger plötzlich quasi kopfĂŒber in den Sinkflug ĂŒberging und RotorblĂ€tter verlor. Außerdem wartete das Ministerium mit weiteren Zahlen auf: „Das Luftfahrzeug flog mit einer Geschwindigkeit von ca. 135 Knoten (ca. 250 km/h) in einer Höhe von ca. 1.800 Fuß (ca. 550 m) über Grund in nordostwärtige Richtung, als es plötzlich und für die Besatzung überraschend radikal die Nase senkte und in einen starken Sinkflug überging. Nach ca. 10 Sekunden schlug das Luftfahrzeug am Boden auf und fing unmittelbar Feuer. Das Luftfahrzeug wurde zerstört, der Aufprall war nicht zu überleben.“ Außerdem könne einer der beiden aufgefundenen Flugschreiber ausgelesen werden und diese Informationen wĂŒrden „mit in die Analyse ein[fließen], die dann in einigen Wochen oder Monaten vorliegen wird“.[24]

Seit dem wurden keine weiteren Informationen ĂŒber den Absturz bekannt. Bemerkenswert ist hier, dass ausgerechnet im robusten Einsatz in Mali das stattfindet, was im Fall Munster und auch bezogen auf das KSK bis heute nicht passiert ist: dass (augenscheinlich) Informationen durch die beteiligten Soldaten, in diesem Falle die Piloten des zweiten Hubschraubers, durchsickern und das am Tag des Vorfalls selbst. Ob es sich dabei aber tatsĂ€chlich um ein unerwĂŒnschtes Durchsickern und nicht eine bewusste IrrefĂŒhrung handelt, wird offenbar auch von Bundeswehrangehörigen selbst bezweifelt. Jedenfalls halten sich auch in diesen Kreisen hartnĂ€ckig GerĂŒchte, wonach es sich doch um einen Abschuss gehandelt haben könnte. Dass Informationen selektiv preisgegeben werden, ist zumindest am Fall Munster klar zu erkennen.

„Freundliches Desinteresse“

Die Kommunikationsstrategie der Ministerin ist jedenfalls bislang erfolgreich. WĂ€hrend zahlreiche ungeklĂ€rte Skandale vermeintlich „offen und transparent“, aber ergebnislos untersucht werden, lĂ€sst sich die Ministerin bei als Truppenbesuche organisierten Wahlkampfterminen feiern und verkauft den flĂ€chendeckenden Ausbau von Kasernen als Wahlkampfgeschenke.

Möglich ist das wahrscheinlich nur aufgrund des freundlichen Desinteresses, das wesentliche Medien an der Bundeswehr und eigenstĂ€ndiger Recherche offenbar haben – die Hannoversche Allgemeine und Panorama mĂŒssten hier wohl ausgenommen werden. Dasselbe ließe sich aber auch ĂŒber die Oppositionsparteien sagen, die dermaßen Angst haben, etwas negatives ĂŒber die Bundeswehr zu sagen, dass sie lieber in den Chor derjenigen einstimmen, die die Ministerin kritisierten, als sie der Bundeswehr kurz nach dem Fall Franco Albrecht kurzzeitig ein „FĂŒhrungsproblem“ attestierte. Seit dem herrscht ĂŒberwiegend Schweigen. FĂŒr den Stand der Demokratie in diesem Land ist dieses Desinteresse an bewaffneten rechtsextremen Netzwerken, der Praxis in den AuslandseinsĂ€tzen der Bundeswehr, dem Drogenkonsum und den Ausbildungsmethoden in der Truppe jedenfalls ein schlechtes Zeichen.

Anmerkungen

1] „Untreue-Anzeige gegen Merkel“, spiegel.de vom 9.9.2017.

2] „Kommt von der Leyen mit froher Botschaft fĂŒr JĂ€gerbrĂŒck?“, nordkurier.de vom 6.8.2017.

3] „Von der Leyen in Dresden: Bundeswehr wĂ€chst wieder“, dnn.de vom 9.8.2017.

4] „Von der Leyen: Bundeswehr investiert 77 Millionen Euro in Germersheim“, rheinpfalz.de vom 14.8.2017.

5] Bayerisches Staatsministerium des Inneren: Neue Offiziersschule der Luftwaffe in Roth, Pressemitteilung vom 29.6.2017.

6] https://www.bmvg.de/de/themen/dossiers/sommerreise-der-ministerin-2017.

7] „Alma Mater der Technik“, Pressemitteilung des BMVg vom 29.8.2017.

8] „Bundeswehr investiert in Idar-Oberstein“, swr.de vom 8.9.2017.

9] „Die Bundeswehr investiert in MĂŒllheim und in Donaueschingen“, badische-zeitung.de vom 13.9.2017.

10] „Es gab ĂŒberzeugende Argumente fĂŒr Hardheim“, rnz.de vom 13.9.2017.

11] „Bundeswehr-Reservist gab Hinweis auf TerrorverdĂ€chtige“, welt.de vom 31.8.2017.

12] Siehe hierzu Alexander Kleiß: Braune Nostalgie beim KSK – keine Überraschung!, IMI-Standpunkt 2017/026.

13] „Soldat nach Fußmarsch gestorben“, mdr.de vom 31.7.2017.

14] „OffiziersanwĂ€rter zehn Tage nach Zusammenbruch bei Marsch gestorben“, augengeradeaus.net vom 30.7.2017, Kommentar von „Stephan L.“ um 18:11.

15] „Kollabierte Soldaten nahmen Aufputschmittel“, faz.net vom 13.8.2017.

16] „Soldaten brachen mit Hitzschlag zusammen – Ursache unklar“, augengeradeaus.net vom 14.8.2017.

17] Ebd.

18] „Starb ein Bundeswehr-Soldat durch DiĂ€tmittel?“, haz.de vom 28.8.2017.

19] „Statement der Ministerin beim Besuch der Division Schnelle KrĂ€fte“, bmvg.de vom 16.8.2017, eigene abschrift des Audios.

20] „Tod eines OffizieranwĂ€rters: Erstes Obduktionsergebnis & neue Einzelheiten“, augengeradeaus.net vom 17.8.2017.

21] „Bericht des Ministeriums lĂ€sst Fragen offen“, deutschlandfunk.de vom 1.9.2017.

22] „Warum fiel der Tiger vom Himmel?“, welt.de vom 27.7.2017.

23] Siehe hierzu: Christoph Marischka: Mali: Wie bei einem „Routineeinsatz“ Soldaten „verunglĂŒcken“, IMI-Standpunkt 2017/023.

24] „Tiger-Absturz in Mali: Mehr Erkenntnisse, aber noch keine Klarheit ĂŒber Ursache (Nachtrag: BPK)“, augengeradeaus.net vom 8.8.2017.

http://www.imi-online.de/2017/09/15/die-ministerin-im-wahlkampf/